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Veröffentlicht am 16.06.2025

„Todesruf“ – ein müder Fall für Julia Durant

Todesruf
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Mit „Todesruf“, dem 22. Fall rund um Kommissarin Julia Durant, setzen Andreas Franz und Daniel Holbe ihre bekannte Frankfurt-Krimireihe fort – diesmal mit einem brutalen Mord an einer jungen Prostituierten ...

Mit „Todesruf“, dem 22. Fall rund um Kommissarin Julia Durant, setzen Andreas Franz und Daniel Holbe ihre bekannte Frankfurt-Krimireihe fort – diesmal mit einem brutalen Mord an einer jungen Prostituierten zur Weihnachtszeit. Andreas Franz war einer der erfolgreichsten deutschen Krimiautoren und bekannt für seine spannungsgeladenen Thriller mit authentischen Einblicken in Polizeiarbeit. Nach seinem Tod 2011 führte Daniel Holbe die Reihe weiter – als Fan, der zum Mitautor wurde.

Worum geht’s genau?
Frankfurt, Heiligabend: Eine junge Frau verschwindet auf dem Weg zur Arbeit – sie wird später tot aufgefunden. Der Fall trifft Kommissarin Julia Durant emotional, nicht nur wegen der Brutalität, sondern auch, weil sie mitten in den Vorbereitungen für ihre Hochzeit steckt. Bald meldet sich ihr Kollege Peter Brandt mit einem ähnlichen Fall in Offenbach: Wieder wurde eine Prostituierte ermordet. Beide Frauen arbeiteten nicht unabhängig, sondern waren Teil eines kriminellen Netzwerks. Die Ermittlungen führen Julia und ihr Team in ein undurchsichtiges Geflecht aus Zuhälterei, Machtkämpfen und rivalisierenden Clans – und schon bald geraten sie selbst ins Visier.

Meine Meinung
Ich bin mit der Durant-Reihe nicht neu – aber "Todesruf" war vermutlich mein letzter Fall mit ihr. Das Buch ist für mich ein Paradebeispiel dafür, warum man Serien nicht endlos weiterführen sollte. Die Spannung, die ich an den früheren Fällen so geschätzt habe, war hier leider kaum spürbar. Über weite Strecken war der Plot langatmig, der Erzählfluss stockte, und ich fand es zunehmend schwierig, mich wirklich ins Geschehen hineinzuziehen. Besonders enttäuschend: Der Täter tauchte völlig aus dem Nichts auf – das nimmt mir als Leserin die Möglichkeit, mitzufiebern und mitzurätseln.

Auch bei der Ermittlungsarbeit bin ich mehrfach über Unstimmigkeiten gestolpert. Manche Entscheidungen wirkten konstruiert oder wenig glaubhaft – was das Leseerlebnis zusätzlich trübte. Immer wieder wird betont, dass Julia Durant technikfern ist. Ein, zwei Hinweise wären ausreichend gewesen, doch die ständige Wiederholung wirkte ermüdend. Ebenso schade: Julias Charakter hat über die Jahre viel von ihrer früheren Tiefe und Faszination verloren. Früher war sie scharfsinnig, tough, eine starke Ermittlerin mit Ecken und Kanten. In Todesruf plätschert sie eher passiv durch den Fall.

Ich habe das Hörbuch gehört – Julia Fischer liest ruhig und solide, keine Frage. Aber auch sie konnte mich nicht fesseln. Die Stimme fehlte mir an Varianz und Ausdruck, was das ohnehin schleppende Tempo noch verstärkte.

Fazit
Für mich bleibt "Todesruf "leider ein enttäuschender Band in einer Reihe, die mal großartig war. Wenig Spannung, ein beliebig wirkender Täter und eine blass gewordene Protagonistin machen das Buch zu einem müden Krimiabend. Deshalb gibt’s von mir nur 2 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 16.06.2025

Umdrehen, um zu verstehen – ein literarisches Gedankenexperiment

Blondes Herz
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Was wäre, wenn die Geschichte des transatlantischen Sklavenhandels umgekehrt geschrieben wäre? In ihrem Roman "Blondes Herz" entwirft Bernardine Evaristo ein provokantes Gedankenexperiment, das die bekannten ...

Was wäre, wenn die Geschichte des transatlantischen Sklavenhandels umgekehrt geschrieben wäre? In ihrem Roman "Blondes Herz" entwirft Bernardine Evaristo ein provokantes Gedankenexperiment, das die bekannten kolonialen Machtverhältnisse auf den Kopf stellt. Evaristo, geboren in London als Tochter eines Nigerianers und einer Engländerin, ist eine bedeutende Stimme der britischen Gegenwartsliteratur. Ihre Bücher thematisieren oft Identität, Rassismus und Geschlechterrollen. Mit „Mädchen, Frau etc.“ gewann sie als erste Schwarze Frau den Booker Prize – ein Meilenstein für die Literaturwelt. "Blondes Herz", bereits 2008 erschienen und 2025 erstmals auf Deutsch veröffentlicht, ist ihr drittes Werk, das ich gelesen habe.

Worum geht’s genau?

"Blondes Herz" erzählt die Geschichte von Doris, einem weißen Mädchen aus England, das von ambossanischen Sklavenjägern verschleppt und auf dem afrikanischen Kontinent als Sklavin verkauft wird. In dieser alternativen Weltordnung ist Europa kolonialisiert und Aphrika die Weltmacht. Doris muss auf einem Sklavenschiff in die sogenannte „Neue Welt“ reisen, überlebt die grausame Überfahrt knapp und wird zur Zwangsarbeiterin eines ambossanischen Herrschers. Auf den Zuckerrohrplantagen lernt sie die unerschrockene Ye Mémé kennen und findet allmählich zu innerer Stärke. Trotz Brutalität, Entmenschlichung und sexualisierter Gewalt behält sie einen ungebrochenen Freiheitswillen. Die Flucht scheint ihre einzige Hoffnung – doch der Weg dorthin ist steinig und gefährlich.

Meine Meinung

"Blondes Herz" war mein drittes Buch von Bernardine Evaristo – nach den großartigen Erfahrungen mit „Mädchen, Frau etc.“ und „Zuleika“ war meine Erwartung entsprechend hoch. Das Konzept des Romans hat mich zunächst sehr begeistert: eine Umkehr der kolonialen Geschichte, in der Afrikaner:innen Europa kolonisieren und Weiße versklaven. Der Perspektivwechsel ist kraftvoll und legt die Doppelmoral historischer Narrative offen – ohne zu beschönigen. Evaristo zeigt klar die Grausamkeit eines Systems, das Menschen zu Eigentum degradiert – ganz gleich, welche Hautfarbe sie haben. Besonders eindrücklich war die Schilderung der Überfahrt auf dem Sklavenschiff, die an reale historische Berichte erinnert. So heißt es an einer Stelle im Buch:

„Vierhundert Versklavte waren verladen worden. Zweihundertsiebenundzwanzig kamen lebend an.“ (S. 110).
Solche Zahlen lassen erschaudern.

Auch die Welt, die sie entwirft – mit Namen wie „Londolo“ oder „Großambossanien“ – ist durchdacht und detailreich. Der fiktive Kolonialismus basiert auf einer Pseudo-Wissenschaft, die mit „systematischen Vermessungen menschlicher Schädel“ rassistische Theorien rechtfertigt – eine kluge, kritische Anspielung auf realhistorische Argumentationen der europäischen Aufklärung.

Und doch – so beeindruckend das Setting und die Idee sind – hat mich "Blondes Herz" emotional nicht erreicht. Ich konnte Doris’ Schicksal nachvollziehen, aber nicht mitfühlen. Sie blieb mir fremd, zu distanziert. Der Stil, nüchtern und sachlich, ließ für mich kaum Raum für emotionale Tiefe. Die poetische Sprache, die ich bei „Zuleika“ so geliebt habe, blitzte hier nur vereinzelt auf. Besonders im letzten Drittel wurde das vermehrt vorkommende „Denglish“ störend. Der Code-Switch zwischen Deutsch und englischen Ausdrücken wirkte bemüht und anstrengend zu lesen. Diese sprachliche Mixtur, obwohl sie vielleicht Authentizität vermitteln soll, hat mich in meinem Lesefluss ganz schön gestört. Ein Beispiel dazu gleich...

Thematisch gibt es starke Szenen – etwa wenn Ye Mémé über sexualisierte Gewalt spricht:

„Aber Truth is, wir können's nicht [unsere little Girls beschützen] … Alle Hearts auf diesen Islands hier sind broken, Miss Omo. Komplett broken.“ (S. 212).
Solche Stellen gehen unter die Haut. Trotzdem fehlte mir über das ganze Buch hinweg ein emotionaler Sog. Ich wurde nie ganz in die Geschichte hineingezogen. Vielleicht liegt es auch an der episodischen Struktur oder daran, dass Evaristo hier noch nicht ganz die erzählerische Souveränität erreicht hatte, die sie für mich in ihren späteren Romanen zeigt.

Fazit

Ein wichtiges, mutiges Buch mit einer beeindruckenden Idee – aber für mich blieb es auf Distanz. Trotz starker Themen und kritischer Tiefe fehlt es mir persönlich bei "Blondes Herz" an emotionaler Verbindung und stilistischer Stringenz. Es regt zum Nachdenken an, aber es berührt nicht. Deshalb vergebe ich 3 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 13.06.2025

Zwischen festgefahrenen Rollen und heimlicher Wunschwirklichkeit

Das verbotene Notizbuch
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Ein leiser Aufschrei aus einem Frauenleben – eindringlich, ehrlich, ergreifend.


In "Das verbotene Notizbuch" von Alba de Céspedes geht es um eine Frau, die durch das Schreiben beginnt, sich selbst zu ...

Ein leiser Aufschrei aus einem Frauenleben – eindringlich, ehrlich, ergreifend.


In "Das verbotene Notizbuch" von Alba de Céspedes geht es um eine Frau, die durch das Schreiben beginnt, sich selbst zu hinterfragen – mit weitreichenden Konsequenzen. De Céspedes, 1911 in Rom geboren, war nicht nur eine herausragende Schriftstellerin, sondern auch politische Aktivistin im Widerstand und eine der bedeutendsten weiblichen Stimmen des 20. Jahrhunderts. Ihre Werke erleben aktuell zu Recht eine Renaissance – ihre Themen sind heute aktueller denn je.

Worum geht’s genau?
Valeria lebt im Rom der Nachkriegsjahre ein Leben, wie es viele Frauen zu jener Zeit führten: pflichtbewusst, aufopfernd und angepasst. Sie ist Ehefrau, Mutter, Büroangestellte – doch nicht mehr sie selbst. Ihr Mann nennt sie „Mama“, ihre eigenen Bedürfnisse scheinen in der täglichen Routine verschüttet. Eines Tages kauft sie ein schwarzes Notizbuch – heimlich – und beginnt, darin zu schreiben. Was harmlos beginnt, wird zum inneren Befreiungsschlag. Ihre Gedankenwelt offenbart eine tiefe Erschöpfung, verdrängte Sehnsüchte und aufgestaute Wut. Sie beginnt zu lügen, zu träumen, sich selbst zu suchen – und zu verlieren. Ihre Beziehung zu Mann und Kindern verändert sich, ihre Rolle im Leben wird fragwürdig. Und bald steht sie an einem Punkt, an dem die Wahrheit gefährlicher scheint als die größte Lüge.

Meine Meinung
"Das verbotene Notizbuch" war mein erstes Buch von Alba de Céspedes – aber garantiert nicht mein letztes. Schon nach wenigen Seiten hat es mich gepackt & ich war gefangen in der Stimme Valerias, die so leise und gleichzeitig so eindringlich erzählt. Die Sprache ist klar, voller psychologischer Tiefe und emotionaler Wucht. Dass dieses Buch kein neues ist, sondern aus den 1950er Jahren stammt, ist unglaublich – es liest sich absolut zeitlos. Der Konflikt zwischen persönlichem Wollen und gesellschaftlichem Müssen, zwischen Tochter, Mutter, Ehefrau und der eigenen Identität trifft mitten ins Heute.

Besonders beeindruckt hat mich, wie präzise de Céspedes die Erschöpfung und das Unsichtbarwerden von Frauen beschreibt:

„Mir ging auf, dass es in der ganzen Wohnung kein Schubfach und keinen Winkel mehr gab, der noch mir gehörte“ (S. 10).
Diese kleine Beobachtung steht symbolisch für Valerias Leben – und das vieler Frauen.

Ihre Rolle als Mutter und Ehefrau ist geprägt von Selbstaufgabe. Als ihr Mann sie nur noch „Mama“ nennt, fühlt sie sich zutiefst gedemütigt.

„Wenn er mich >>Mama< nennt, reagiere ich mit der gleichen zärtlichen Strenge wie damals bei Riccardo, als er noch klein war. Doch jetzt wird mir klar, dass das falsch gewesen ist: Er war der einzige Mensch, für den ich Valeria war. Meine Eltern nennen mich seit jeher Bebe, und bei ihnen ist es schwer, eine andere zu sein als das kleine Mädchen, dem sie diesen Spitznamen gaben; denn auch wenn beide von mir all das erwarten, was man von erwachsenen Menschen erwartet, will ihnen offenbar nicht in den Kopf, dass ich tatsächlich erwachsen bin. Ja, Michele war der Einzige, für den ich Valeria war. Für manche Freundinnen bin ich noch die Pisani, die Schulkameradin, für andere bin ich die Frau von Michele, die Mutter von Riccardo und Mirella. Doch für ihn war ich, seit wir uns kennenlernten, nur Valeria. (S. 14)
Ein bittersüßer Ausdruck, der zeigt, wie wenig Raum für Individualität geblieben ist.

Auch das Verhältnis zu ihren Kindern ist konfliktreich. Valeria sehnt sich nach Anerkennung und Gleichgewicht – doch sie bekommt keine Pause. Ihre Erschöpfung wird ignoriert, ihre Mühen selbstverständlich hingenommen:

„Man muss schon sehr hohes Fieber haben, um in dieser Familie als ernstlich krank zu gelten“ (S. 28).
In vielen Momenten fühlte ich mich Valeria tief verbunden – dann wieder distanziert. Sie ist keine Heldin, keine Heilige, sondern zutiefst ambivalent. Sie lügt, sie betrügt, sie sehnt sich nach Freiheit – und hat gleichzeitig Angst davor. Das macht sie so menschlich, so real.

Beeindruckt hat mich, wie subtil de Céspedes die gesellschaftlichen Schranken sichtbar macht – gerade in der Gegenüberstellung von Valeria und ihrer Tochter Mirella. Mirella ist jung, wild, entschlossen, ihren eigenen Weg zu gehen. Valeria, die einst dachte, sie würde es besser machen als ihre Mutter, muss erkennen: Es gelingt ihr nicht. In diesen Szenen wird das Buch für mich auch zum feministischen Generationenroman, der zeigt, wie sich Lebensrealitäten verändern – und wie hartnäckig sich patriarchale Muster halten.

Ein weiterer starker Moment ist Valerias Erkenntnis über das Theater des Alltags:

„Wie schwer es ist, in den Menschen, die uns umgeben, etwas anderes zu sehen als die Rollen, die sie uns gegenüber zu spielen gezwungen sind“ (S. 111).
Genau darum geht es in diesem Roman: um Rollen, um Masken, um das leise Zerbrechen daran.

Gegen Ende hat mich das Buch ein wenig verloren. Valeria wird in ihrem Verhalten schwerer greifbar, teils selbstgerecht. Doch vielleicht ist auch das konsequent – denn Selbstfindung ist kein gerader Weg.

Trotz aller Düsternis und Melancholie liegt in diesem Buch ein stiller Trost: dass es erlaubt ist, sich selbst zu hinterfragen. Dass Sehnsucht nicht Schwäche, sondern Lebendigkeit ist. Und dass Schreiben eine Form des Überlebens sein kann.

Fazit
Ein zutiefst bewegendes, kluges und mutiges Buch über weibliche Identität, familiäre Rollenbilder und das stille Verlangen nach einem selbstbestimmten Leben. Nur der leicht schwächere Schluss verhindert die volle Punktzahl. Von mir gibt es dennoch 4,5 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 09.06.2025

Verpasste Chance: Viel Potenzial, wenig Substanz

Der Trip – Du hast dich frei gefühlt. Bis er dich fand.
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In "Der Trip" erzählt Arno Strobel die Geschichte einer Frau, die ihren verschwundenen Bruder sucht – und dabei selbst in einen gefährlichen Abgrund gerät. Der Bestsellerautor ist bekannt für seine psychologischen ...

In "Der Trip" erzählt Arno Strobel die Geschichte einer Frau, die ihren verschwundenen Bruder sucht – und dabei selbst in einen gefährlichen Abgrund gerät. Der Bestsellerautor ist bekannt für seine psychologischen Thriller, die oft mit alltäglichen Ängsten spielen und in Extremsituationen führen. Auch Der Trip verspricht Spannung, düstere Atmosphäre und Nervenkitzel. Leider hält der Roman dieses Versprechen nur teilweise.

Inhalt

Evelyn Jancke ist forensische Psychologin und wird seit zwei Jahren von der Frage gequält, was mit ihrem Bruder Fabian geschehen ist. Der hatte sich auf einen Wohnmobil-Trip begeben und ist spurlos verschwunden. Ohne Hinweise, ohne Abschied. Als die Polizei sie um Unterstützung in einer Mordserie auf norddeutschen Campingplätzen bittet, scheint ein Zusammenhang plötzlich greifbar: Ein Phantombild, das bei den Ermittlungen auftaucht, ähnelt Fabian – und Evelyn beginnt zu ahnen, dass sein Verschwinden Teil eines größeren, gefährlicheren Puzzles ist. Die Suche nach der Wahrheit bringt sie an ihre Grenzen – beruflich wie persönlich.

Meine Meinung

Ich bin gerade ziemlich im Arno-Strobel-Flow – nach "Fake" und "Stalker" war "Der Trip" mein drittes Buch in kurzer Zeit. Leider muss ich sagen: Es war auch das schwächste.

Der Einstieg ist atmosphärisch und vielversprechend. Die Idee, eine Mordserie auf Campingplätzen mit einem persönlichen Schicksal zu verknüpfen, ist spannend und bietet viel Potenzial. Sascha Rotermund liest das Ganze wie immer hervorragend und trägt viel zur Stimmung bei.

Aber leider bricht der Spannungsbogen bald ein. Viele Entwicklungen wirken zu konstruiert, fast beliebig – als würden sie mehr der Dramatik als der inneren Logik folgen. Besonders gestört hat mich die Figur Evelyn: Für eine forensische Psychologin handelt sie stellenweise erstaunlich irrational, und ihre Entscheidungen sind oft schwer nachvollziehbar. Dazu dann noch der nervtötende Polizist, der meiner Meinung nach schon wirklich große Probleme zu haben scheint. Dahingehend war ich richtig enttäuschend wie mit dem Thema Stalking umgegangen wurde. Was zunächst als bedrohliches Element eingeführt wird, wirkt am Ende fast romantisiert – eine Entwicklung, die ich nicht nur unrealistisch, sondern auch problematisch finde.

Was zusätzlich unbefriedigend war: Einer der beiden Hauptstränge wird am Ende nicht wirklich aufgelöst. Das wirkt nicht wie ein bewusster Cliffhanger, sondern eher wie ein erzählerisches Versäumnis. Insgesamt fehlte mir das Gefühl eines runden, in sich geschlossenen Thrillers.

Fazit

"Der Trip" beginnt stark, verliert aber zunehmend an Tiefe und Glaubwürdigkeit. Eine konstruierte Handlung, eine unnahbare Hauptfigur und ein fragwürdiger Umgang mit sensiblen Themen sorgen dafür, dass mich das Buch am Ende enttäuscht zurückgelassen hat. 2,5 von 5 Sternen – okay für zwischendurch, aber keines der stärkeren Werke von Strobel.

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Veröffentlicht am 09.06.2025

Literarische Schwerelosigkeit in 16 Sonnenaufgängen

Umlaufbahnen
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Samantha Harvey ist bekannt für ihre feinfühligen, sprachlich dichten Romane, die existenzielle Fragen aufgreifen. Sie war unter anderem für den Man Booker Prize, den Guardian First Book Award und den ...

Samantha Harvey ist bekannt für ihre feinfühligen, sprachlich dichten Romane, die existenzielle Fragen aufgreifen. Sie war unter anderem für den Man Booker Prize, den Guardian First Book Award und den Orange Prize nominiert. Umlaufbahnen, ihr vierter Roman, wurde 2024 mit dem Booker Prize sowie dem Hawthornden Prize ausgezeichnet und für den Preis der Leipziger Buchmesse 2025 (Übersetzung) nominiert.

Worum geht’s genau?
Sechs Astronaut-/Kosmonaut:innen aus verschiedenen Nationen kreisen in einer Raumstation um die Erde – sechzehnmal in 24 Stunden. Doch dieser Roman erzählt nicht etwa von einer dramatischen Mission, technischer Brillanz oder kosmischem Abenteuer. Er begleitet diese Menschen für einen einzigen Tag und schaut dabei ganz genau hin: auf Routinen im All, auf Erinnerungen an das Leben auf der Erde, auf familiäre Sorgen, Zweifel, Verluste und das fragile Gleichgewicht zwischen Nähe und Einsamkeit.

Es ist ein stilles Buch, das sich viel Zeit nimmt. Statt großer Handlung erleben wir Gedankenströme, Alltagsfragmente, politische Spannungen (die sogar bis in die Toilettenregelung reichen), Reflexionen über Tod, Liebe, Identität – und über das Menschsein selbst.

Meine Meinung
Ich gebe zu: Der Einstieg war für mich nicht einfach. Es passiert – vordergründig – wenig. Wer eine klassische Handlung oder einen Spannungsbogen erwartet, wird hier nicht fündig. Aber wer sich auf Harveys Sprache und Atmosphäre einlässt, wird mit einem fast schwerelosen Lesegefühl belohnt.

Ein kontemplatives Buch, poetisch, manchmal fast hypnotisch. Besonders eindrucksvoll fand ich die Passagen, in denen die Figuren in Erinnerungen versinken – etwa Chies Gedanken an ihre Mutter und das japanische Ritual des Knochensuchens nach der Einäscherung. Oder die Szenen, in denen Fotos von Familien betrachtet werden und plötzlich etwas sichtbar wird, das zuvor übersehen wurde – die Schönheit des Alltäglichen, das uns oft erst in der Ferne auffällt. Sehr spannend war für mich auch das Thema Raumfahrt und Gesundheit, über das ich mir noch nie Gedanken gemacht habe.

Die Atmosphäre in der Raumstation ist kühl, zweckmäßig, fast abweisend – ein Ort zwischen den Welten, der weder ganz fremd noch ganz vertraut wirkt. Es gibt humorvolle, fast absurde Details (wie den „nationalen Toilettenstreit“) und gleichzeitig existenzielle Nachdenklichkeit über das Menschsein im Angesicht der Leere.

Was mir gefallen hat ist die sprachliche Präzision, die ruhige, fast schwebende Atmosphäre – das Buch fühlt sich an, als wäre man selbst im Orbit, die Themenvielfalt (wenngleich kein Thema in der Tiefe behandelt wird): Feminismus, Kapitalismuskritik, Trauerarbeit, Mutterschaft, Zugehörigkeit.

Was mir weniger gefallen hat war, dass die Figuren für meinen Geschmack zu schemenhaft, fast zu distanziert blieben. Ich habe sie beobachtet, aber selten mit ihnen gefühlt. Vielleicht ist das aber auch so gewollt. Zudem fehlte es mir manchmal an emotionaler Erdung – gerade durch die episodische Struktur.

Fazit
"Umlaufbahnen" ist wahrscheinlich kein Roman, den man einfach „verschlingt“. Es ist ein Buch, das man langsam lesen muss, vielleicht sogar mehrfach – ein literarischer Orbit, der seine Bahnen zieht, ohne dass sich vordergründig viel bewegt. Und gerade darin liegt seine Kraft: in der Stille, im Schwebezustand, im konzentrierten Blick auf das scheinbar Nebensächliche. Für Leser:innen, die sich gerne auf sprachlich anspruchsvolle, kontemplative Romane einlassen – ohne Plotdruck, aber mit viel Stoff zum Nachdenken – ist dies eine klare Empfehlung. Für alle anderen könnte es zu abstrakt, zu langsam oder zu distanziert wirken. Ich bin froh, es gelesen zu haben – auch wenn ich das Buch mehr bewundert als wirklich als Highlight empfunden habe, das mich emotional gepackt hat. Deshalb 3 von 5 Sternen.