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Veröffentlicht am 13.09.2025

Ein fragmentarischer Roman voller Zärtlichkeit und Rohheit

Hundesohn
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Eine radikale, poetische Liebesgeschichte über Begehren, Verletzlichkeit und die Suche nach Zugehörigkeit: Mit Hundesohn legt Ozan Zakariya Keskinkılıç seinen ersten Roman vor. Der 1989 geborene Autor ...

Eine radikale, poetische Liebesgeschichte über Begehren, Verletzlichkeit und die Suche nach Zugehörigkeit: Mit Hundesohn legt Ozan Zakariya Keskinkılıç seinen ersten Roman vor. Der 1989 geborene Autor ist Politikwissenschaftler, Lyriker und Essayist, veröffentlichte bereits das Lyrikdebüt Prinzenbad (2022) und das Sachbuch Muslimaniac (2023). Seine Texte wurden mehrfach ausgezeichnet und in mehrere Sprachen übersetzt. Mit Hundesohn wagt er nun den Schritt in die literarische Prosa.

Worum geht’s genau?

Zeko lebt in Berlin. Er trifft Männer in Cafés, auf Grindr oder im Park, aber immer wieder reißen ihn die Gedanken zurück zu Hassan, dem Nachbarsjungen aus Adana, den sein Großvater Dede stets „Hundesohn“ nennt. Die Sommerferien, die er dort verbrachte, prägen ihn bis heute. Ebenso wie Dedes Rituale, Gesänge und Erinnerungen. Nach Dedes Tod holen Zeko Sehnsucht und Erinnerungen ein. In neun Tagen will er Hassan wiedersehen und zählt die Zeit herunter: beim Gebet, beim Essen mit seiner besten Freundin Pari, bei jeder Begegnung mit fremden Männern. Doch etwas ist zwischen Zeko und Hassan geschehen, etwas, das tiefer liegt und sich wie ein Schatten durch das Buch zieht.

Meine Meinung

"Hundesohn" hat mich von Beginn an mit seiner Sprache gepackt – fragmentarisch, fast wie ein innerer Monolog, kurze Kapitel, die sich lesen, als blättere man in einem wirren Tagebuch. Manchmal poetisch zart und dann aber wieder roh und schockierend direkt. Schon auf den ersten Seiten wird klar, wie radikal offen Keskinkılıç schreibt: „Gegen Filzläuse, du Wichser, hätte ich gerne gesagt. Ge­gen Pthirus pubis, sage ich stattdessen und bezahle 14,95 Euro…“ (S. 12). Diese Mischung aus Humor, Scham und Körperlichkeit zieht sich durch das ganze Buch.

Es geht um Gefühle, Zerrissenheit, Befriedigung, kurzfristig wie langfristig. Um Rohheit und Lust, um Zärtlichkeit, um Angst und um den Wunsch nach Nähe. Besonders gut gelungen fand ich die Darstellung des Protagonisten Zeko mit seiner Verletzlichkeit und seiner Verlorenheit. Immer wieder bricht die Angst vor Zurückweisung oder Gewalt durch, wie in der Szene: „Ich habe Angst vor Männern, weil ich mich in Arme begehre, die mich jederzeit vernichten können.“ (S. 193). Gleichzeitig gibt es Passagen, die voller Wärme sind, etwa in der Freundschaft mit Pari, die ihm Halt gibt und deren Gespräche zu den berührendsten Momenten gehören.

Die Sprache spielt dabei eine zentrale Rolle. Keskinkılıç verwebt Deutsch, Türkisch und Englisch und thematisiert Identität über Wörter selbst: „Zunge heißt auf Türkisch dil, es ist das gleiche Wort wie für Sprache“ (S. 23). Diese Stellen haben mir besonders zugesagt, weil sie die Vielschichtigkeit von Herkunft und Sprache greifbar machen und mich das Thema sehr interessiert. Für alle denen dieses Thema auch am herzen liegt - lest unbedingt "Sprache und Sein" von Kübra Gümüşay.

Gleichzeitig muss ich aber auch sagen, hatte ich auch Momente, in denen mich die fragmentarische Erzählweise schlichtweg überfordert hat. Manche Kapitel wirken wie Gedankenfetzen, die weniger Handlung als Stimmung transportieren. Das ist künstlerisch stark, war aber auch anstrengend zu lesen (für mich). Gleichzeitig zwischen Faszination und Abstoßung zu schwanken scheint jedoch Teil des Konzepts des Autors zu sein.

Fazit

"Hundesohn" will keine glatte Geschichte erzählen, sondern ein Kaleidoskop von Begehren, Selbstzweifel, Rassismus, Queerness und Identität entwerfen. Es ist ein Buch, das mich gleichermaßen gefesselt und abgestoßen hat. Empfehlenswert für Leser:innen, die sprachlich experimentelle, fragmentarische Romane mögen und bereit sind, sich auf radikale Offenheit einzulassen. Weniger geeignet für alle, die eine klare, stringent erzählte Handlung erwarten. Danke an Vorablesen & den Suhrkamp Verlag für das Rezensionsexemplar!

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Veröffentlicht am 13.09.2025

Ein Höllenritt, der mich kaltgelassen hat

Katabasis
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Eine Höllenfahrt voller Paradoxa, Dark-Academia-Anklängen und sehr speziellen Bildern: In "Katabasis" schickt Rebecca F. Kuang ihre Figuren Alice Law und Peter Murdoch in die Unterwelt, um die Seele ihres ...

Eine Höllenfahrt voller Paradoxa, Dark-Academia-Anklängen und sehr speziellen Bildern: In "Katabasis" schickt Rebecca F. Kuang ihre Figuren Alice Law und Peter Murdoch in die Unterwelt, um die Seele ihres Professors zu retten. Kuang, vielfach preisgekrönte Autorin, hat mit "Babel" (gaaanz große Liebe <3) einen internationalen Bestseller gelandet und auch mit "Yellowface" (auch sehr empfehlenswert!) für kontroverse Diskussionen gesorgt. Sie gilt als eine der spannendsten Stimmen im Bereich gesellschaftskritischer Fantasy. Mit "Katabasis" wagt sie sich an eine Mischung aus Höllenmythos, akademischer Kritik und phantastischem Abenteuer.

Worum geht’s genau?

Alice Law ist ehrgeizige Doktorandin in Cambridge. Ihr Ziel: die Beste in analytischer Magie zu werden – an der Seite ihres berüchtigten Professors Jacob Grimes. Als dieser bei einem Unfall stirbt, beschließt Alice, ihm in die Hölle zu folgen. Dort trifft sie auf ihren Erzrivalen Peter Murdoch, der dasselbe Ziel verfolgt. Gemeinsam steigen sie ab – begleitet von Zitaten und Anspielungen auf Orpheus, Dante oder T.S. Eliot. Doch die Unterwelt erweist sich als grotesker Ort voller Rätsel, Logikspiele, Absurditäten und grausamer Prüfungen. Während Alice und Peter tiefer hinabsteigen, verschwimmen die Grenzen zwischen Rivalität, Zuneigung und Wahnsinn.

Meine Meinung

Ich habe mich glaub selten so auf ein Buch gefreut, wie auf Katabasis. Nicht zuletzt, weil ich Babel absolut geliebt habe und Yellowface auch sehr stark fand. Doch leider war mir sehr schnell klar: Der Roman will sehr viel, wirkt dadurch überladen und hat mich nicht überzeugt. Schon der Einstieg ist sehr abrupt, ich musste sehr aufmerksam lesen, um überhaupt mitzukommen. Die Figuren sind mir trotz allem blass geblieben und dieses "Enemies to lovers" Ding mochte ich nicht. Die Liebesgeschichte wirkte auf mich leider platt und konstruiert.

Dazu kommt, dass Kuang sehr viele philosophische und mathematische Konzepte einbaut – Penrose-Treppen, Paradoxa, Logikspiele. Für Leser:innen mit einem Faible für solche Gedankenspiele mag das spannend sein, für mich war es schlicht ermüdend, weil es mir da einfach an (Vor-)Wissen fehlt und auch nichts erklärt wird. Zitate wie „Magie verspottet die Physik und bringt sie zum Weinen.“ (S. 24, E-Book) zeigen zwar Kuangs bildhafte Sprache, doch oft überreizt sie diese bis ins Groteske. Besonders drastisch empfand ich Szenen wie den makaberen Auftritt des Zerberus: „Eingeweide spritzten durch die Luft. Zerberus’ Kiefer mahlten, und blutige Stückchen sprenkelten über den Sand.“ (S. 387, E-Book). Auch Alices Begegnung mit einem Katzenkadaver, bei dem sie sich buchstäblich ins Blut stürzt (S. 416–417, E-Book), fand ich einfach nur weird.

Stärken hat das Buch, wenn Kuang ihre gesellschaftskritische Schärfe zeigt – etwa in der Darstellung des Machtmissbrauchs im universitären System. Besonders die Schilderung einer Professor:innenpaares in Yale (S. 446, E-Book), in der die Frau immer im Schatten des Mannes bleibt oder die Szene, in der Alice „nicht länger ein Verstand, ein wissbegieriges Wesen, sondern nur noch die simple Identität einer Frau“ ist (S. 291, E-Book) fand ich sehr eindrücklich und haben mich wütend gemacht. Leider gingen solche starken Momente aber oft unter in der Flut an Skurrilitäten.

Hinzu kamen kleinere Ärgernisse wie Rechtschreibfehler. Das Ende wiederum empfand ich als vorhersehbar und eher wie eine schwülstige Romance formuliert: „Peter Murdoch war ein Buch, dessen Ende noch nicht geschrieben war, und für den Rest ihres Lebens wollte sie mit dem Finger jede einzelne Seite nachfahren.“ (S. 488, E-Book). Poetisch, ja – aber nach all den grotesken Höllenbildern für mich nicht stimmig.

Fazit

Katabasis ist ambitioniert, komplex und mutig – doch für mich hat es sich überhoben. Figuren blieben blass, die Handlung wirkte überladen, die grotesken Beschreibungen haben mich eher abgestoßen als gefesselt. Wer Lust auf mathematisch-philosophische Exkurse und eine sehr bildhafte, oft extreme Sprache hat, könnte hier fündig werden. Für mich persönlich war es jedoch eine enttäuschende Lektüre, die ich außerhalb einer Leserunde wohl abgebrochen hätte. Danke an @lesejury und den @eichbornverlag für das Rezensionsexemplar.

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Veröffentlicht am 04.09.2025

Eine Freundschaft als Spiegel unserer Stereotype

Rezitativ
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Eine Freundschaft zwischen zwei Mädchen, die von Rassismus, Klassenzugehörigkeit und Vorurteilen überschattet wird: Toni Morrison erzählt in "Rezitativ" eine ebenso kurze wie intensive Geschichte, die ...

Eine Freundschaft zwischen zwei Mädchen, die von Rassismus, Klassenzugehörigkeit und Vorurteilen überschattet wird: Toni Morrison erzählt in "Rezitativ" eine ebenso kurze wie intensive Geschichte, die uns Leser:innen mit unseren eigenen Zuschreibungen konfrontiert. Morrison (1931–2019), Nobelpreisträgerin für Literatur, zählt zu den bedeutendsten Stimmen der afroamerikanischen Literatur. Als Lektorin, Autorin und Essayistin hat sie nicht nur das literarische Feld geprägt, sondern auch das Bewusstsein für schwarze Stimmen weltweit gestärkt.

Worum geht’s genau?

Twyla und Roberta lernen sich als Achtjährige in einem Kinderheim kennen. Sie sind beide Außenseiterinnen, geben einander Halt – und verlieren sich später wieder aus den Augen. Doch das Leben führt sie immer wieder zusammen: in einem Diner, in einem Supermarkt, bei Protesten. Was die beiden verbindet, ist eine gemeinsame Vergangenheit, doch ihre Lebenswege trennen sich. Von Anfang an wissen wir: Eine von ihnen ist schwarz, die andere weiß – doch welche welche ist, bleibt offen. Morrison lässt uns bewusst im Unklaren und macht daraus ein literarisches Experiment, das uns zwingt, über unsere eigenen Stereotype nachzudenken.

Meine Meinung

Wir haben das Buch im Buchclub gelesen – und ich kann nur sagen: Was für ein Ritt. Die Erzählung selbst umfasst knapp 40 Seiten, ergänzt durch ein ausführliches Nachwort von Zadie Smith. Ohne dieses Nachwort hätte ich vermutlich den Kern nicht vollständig erfasst, denn auch ich bin in Morrisons sorgfältig gelegte Falle getappt: Ganz selbstverständlich habe ich beim Lesen versucht, die beiden Mädchen einer Hautfarbe zuzuordnen. Erst später durch das Nachwort wurde mir klar, dass genau das der Punkt ist. Morrison schrieb Rezitativ 1983, doch die Aktualität ist frappierend. Sie zeigt, wie schnell wir in Stereotypen denken – anhand von Kleidung, Verhalten, Berufen oder Herkunft.

Der Text ist knapp, aber dicht. Jedes Wort sitzt, jedes Bild ist präzise gesetzt. Zadie Smith’ Nachwort erweitert den Blick noch einmal enorm: Sie beschreibt, wie Morrison das Experiment bewusst konzipiert hat und wie es uns zwingt, über Kategorien wie „schwarz“ und „weiß“ hinauszudenken – hin zu dem, was Menschen wirklich verbindet. „Eine Rätselgeschichte also ein Spiel. Nur dass Toni Morrison eben nicht spielt. Es war ihr sehr ernst damit, als sie Rezitativ als » Experiment» bezeichnete. Und das Versuchskaninchen bei diesem Experiment ist das Publikum.“ (S. 49). Diese Leerstelle zwingt uns, eigene Vorurteile zu reflektieren. Für mich hatte dieses Experiment mehr Wirkung als viele theoretische Abhandlungen über Rassismus.

Fazit

Rezitativ ist eine außergewöhnliche Erzählung, die uns unsere eigenen Vorurteile vor Augen führt, ohne belehrend zu sein. Kurz, präzise, klug und von zeitloser Relevanz – eine Lektüre, die in Schulen gelesen werden sollte. Empfehlenswert für alle, die sich mit Rassismus, Identität und literarischen Experimenten auseinandersetzen wollen, weniger für jene, die eine klassische, abgeschlossene Erzählung erwarten.

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Veröffentlicht am 04.09.2025

Ein Baby, zwei Mütter und ein Macho

Das Baby ist meins
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Ein Baby, zwei Mütter und ein unfreiwilliger Schlichter im Lockdown: "Das Baby ist meins" ist Oyinkan Braithwaites zweiter Roman nach ihrem gefeierten Debüt "Meine Schwester, die Serienmörderin". Die Autorin, ...

Ein Baby, zwei Mütter und ein unfreiwilliger Schlichter im Lockdown: "Das Baby ist meins" ist Oyinkan Braithwaites zweiter Roman nach ihrem gefeierten Debüt "Meine Schwester, die Serienmörderin". Die Autorin, geboren in Nigeria und heute in Großbritannien lebend, ist nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Drehbuchautorin. Ihre Bücher wurden in über 30 Sprachen übersetzt, vielfach ausgezeichnet und verfilmt. Mit ihrem neuen Werk wagt sie sich an ein skurriles Kammerspiel, das zugleich als bissige Satire auf patriarchale Strukturen gelesen werden kann.

Worum geht’s genau?

Bambi, ein notorischer "Frauenheld", wird während des Corona-Lockdowns in Lagos zu seiner Tante geschickt – und stolpert dort mitten in ein absurdes Drama. Seine Tante und die Geliebte seines verstorbenen Onkels leben gemeinsam im Haus, und beide behaupten, die Mutter eines Babys zu sein. Jede verteidigt ihren Anspruch mit Zähnen und Klauen, während Bambi versucht herauszufinden, wem er glauben soll – und dabei selbst tief in ein Netz aus Lügen, verletzten Egos und patriarchalen Denkmustern gerät.

Meine Meinung

Der Einstieg hat mir richtig gut gefallen: Die Grundidee ist stark und die Corona-Situation in Nigeria bietet einen spannenden, authentischen Hintergrund. Besonders gelungen fand ich, wie Braithwaite das Lockdown-Setting nutzt, um die Figuren auf engem Raum aufeinanderprallen zu lassen. Der Konflikt wirkt zunächst absurd, aber durch die leidenschaftlichen Auseinandersetzungen der beiden Frauen gewinnt er schnell an Dringlichkeit. Ich habe mich dabei ertappt, wie ich selbst ständig überlegte, welche der beiden wohl die Wahrheit sagt.

Überzeugend war auch der ironische Blick auf das fast amüsante Machogehabe (Seximus!) des Protagonisten Bambi: „Ein Mann ist nicht dafür geschaffen, sich an eine einzige Frau zu binden. Das verstieß gegen die Naturgesetze“ (S. 9). Oder wenn er abfällig über weibliche Körper urteilt: „Ihre Brüste waren wie Äpfel, und ein Mann war erst zufrieden, wenn er sich an Dingern in Wassermelonengröße festhalten konnte“ (S. 112).

Die Szenen, in denen Braithwaite patriarchale Strukturen offenlegt, waren für mich ein Highlight des Buches. Bspw. die Beschreibung, wie Bambis Tante ihren verstorbenen Mann trotz Affären und mangelnder Unterstützung noch verteidigt: „Onkel Folu hat dich geliebt. Was auch immer er mit Esohe gemacht haben mag, es war nichts Ernstes“ (S. 26). Diese Mischung aus Loyalität, Abhängigkeit und gesellschaftlichem Druck, dem Frauen ausgesetzt sind hat mich schon sehr wütend gemacht. fand ich erschütternd. Das Buch ist auch ein gutes Beispiel dafür, wie Tradition, Gewalt und Fürsorge in einem widersprüchlichen Spannungsfeld stehen können.

Insgesamt habe ich das Buch gerne gelesen, weil es sehr kurz, pointiert und unterhaltsam ist. Doch nach der starken Ausgangslage baut die Geschichte für mich ab. Die Figuren bleiben zu sehr Zerrbilder aus Bambis Perspektive, und das Ende wirkte unglaubwürdig und überhastet – fast so, als wäre der Autorin die Luft ausgegangen. Der Spannungsbogen zerfällt, und die Lösung erscheint mir weder konsequent noch überzeugend.

Fazit

Das Baby ist meins ist ein skurriles, kurzweiliges Kammerspiel, das mit patriarchalen Mustern spielt und einen faszinierenden Einblick in die nigerianische Gesellschaft gibt. Wer Lust auf eine ungewöhnliche, zugespitzte Geschichte mit satirischem Unterton hat, wird hier fündig.

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Veröffentlicht am 03.09.2025

Eine Hommage an Bücher und zweite Chancen

Das erstaunliche Leben des A.J. Fikry
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Eine Buchhandlung, ein mürrischer Buchhändler, ein Waisenkind und viele kleine literarische Begegnungen: Gabrielle Zevin erzählt in "Das erstaunliche Leben des A.J. Fikry" eine Geschichte über Bücher, ...

Eine Buchhandlung, ein mürrischer Buchhändler, ein Waisenkind und viele kleine literarische Begegnungen: Gabrielle Zevin erzählt in "Das erstaunliche Leben des A.J. Fikry" eine Geschichte über Bücher, Verluste und zweite Chancen. Zevin, 1977 in New York geboren, hat in Harvard studiert, als Drehbuchautorin gearbeitet und mit Romanen wie "Morgen, morgen und wieder morgen" oder "Die Widerspenstigkeit des Glücks" internationale Bestseller geschrieben. Ihre Werke wurden vielfach übersetzt, verfilmt und gefeiert – und doch zeigt dieser Roman aus dem Jahr 2014 eine ganz andere, fast zartere Seite von ihr.

Worum geht’s genau?

A.J. Fikry lebt zurückgezogen auf Alice Island und betreibt die einzige Buchhandlung des Ortes. Seit dem Tod seiner Frau hat er sich vom Leben entfremdet, die Geschäfte laufen schlecht und selbst sein wertvollster Besitz – eine rare Poe-Erstausgabe – wird gestohlen. Doch dann passiert etwas völlig Unerwartetes: In seinem Laden wird ein kleines Mädchen zurückgelassen. Maya bringt nicht nur A.J.s geordnetes Leben durcheinander, sondern eröffnet ihm auch neue Perspektiven auf Liebe, Freundschaft und Gemeinschaft.

Meine Meinung

Als ich das Cover zum ersten Mal sah, dachte ich sofort: „Moment, das kenn ich doch!“ – und dann fiel mir auf, dass Gabrielle Zevin dieselbe Autorin ist wie von "Morgen, morgen und wieder morgen". Aber wichtig zu wissen für alle LEser:innen: A.J. Fikry ist fast zehn Jahre früher erschienen, und das merkt man auch. Der Ton ist ganz anders – humorvoller, verspielter und auch inhaltlich gaaanz was anderes.

Schon früh hatte ich das Gefühl, ein Buch für Buchliebhaber:innen in den Händen zu halten. Literaturverweise, Buchgespräche und ironische Kommentare zum Verlagswesen machen den Roman zu einer kleinen Schatzkiste. Besonders gefallen hat mir der Humor, der immer wieder aufblitzt, etwa bei Amelias Date-Erinnerung (S. 12) oder A.J.s bissigen Kommentaren (S. 21). Gleichzeitig schwingen ernste Themen mit: Verlust, Einsamkeit, Krankheit. Und es gibt wieder einige Zitatperlen: „Es ist die heimliche Angst, dass wir nicht liebenswert sind, die uns isoliert…“ (S. 108). Diese Mischung aus Leichtigkeit und Tiefe macht den besonderen Reiz aus.

Maya war für mich anfangs etwas überzeichnet – fast wie ein kleines Wunderkind –, und ich war überrascht, wie schnell A.J. sich entschließt, sie zu behalten. Doch gerade sie bringt eine besondere Wärme in die Geschichte. Schön fand ich auch die Briefe, die A.J. schreibt und die wie eine Klammer um den Roman liegen. Meine Vermutung, dass es auf etwas sehr Trauriges hinausläuft, hat sich bestätigt, aber der Roman verliert dabei nie seine Hoffnung.

Zevins Schreibstil ist leicht, fast unaufgeregt, aber immer wieder gespickt mit Sätzen, die man sich sofort markieren möchte: „Wir lesen, um zu wissen, dass wir nicht allein sind. Wir lesen, weil wir allein sind. Wir lesen und sind nicht allein.“ (S. 170) oder „Wir sind in der Zeit, die wir hier verbringen, nur Liebe. Die Menschen, die wir geliebt haben. Das macht uns froh. Und ich glaube, es ist das, was weiterlebt.“ (S. 171). Das Buch ist also nicht "nur" ein Roman, sondern auch Zevins persönliches Manifest für das Lesen selbst.

Nebenfiguren wie Lambiase, der Polizist mit Buchclub-Leidenschaft, oder die herrlich skurrilen Kund:innen machen das Ganze noch bunter. Einzig mit den Zeitsprüngen habe ich mich manchmal etwas schwergetan – sie waren für mich nicht immer fließend, auch wenn Mayas Alter immer wieder Orientierung geben sollte.

Fazit

"Das erstaunliche Leben des A.J. Fikry" ist kein Roman voller Action oder Dramatik, sondern ein stilles, berührendes Buch über Gemeinschaft, Verlust und zweite Chancen. Empfehlenswert für alle, die sich von Büchern gerne trösten lassen und die leisen Töne lieben, weniger für jene, die eine stringente, temporeiche Handlung erwarten. Danke an @lesejury und den @eichbornverlag für das Rezensionsexemplar.

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