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Veröffentlicht am 14.05.2022

Ein Student ermittelt

FROST
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Mit “Dunkel”, “Insel” und “Nebel” kannte ich vor diesem schon drei Krimis von Ragnar Jónasson. Diese drei bilden eine Trilogie um Kommissarin Hulda Hermannsdóttir. Mir gefielen die Bände und ich war überrascht, ...

Mit “Dunkel”, “Insel” und “Nebel” kannte ich vor diesem schon drei Krimis von Ragnar Jónasson. Diese drei bilden eine Trilogie um Kommissarin Hulda Hermannsdóttir. Mir gefielen die Bände und ich war überrascht, den Namen Hulda im Zusammenhang mit “Frost” noch einmal zu lesen, da die Trilogie abgeschlossen war. So hatte ich das verstanden.

Also war ich neugierig, ob “Frost” so eine Art Hulda-4 werden könnte. Die Geschichte ist an sich in Ordnung und teilweise auch spannend, aber für mich ist sie deutlich schwächer als die Hulda-Bücher. Hulda selbst kommt vor aber nur sehr wenig.

2012 steht sie kurz vor ihrer Pensionierung und trifft auch nie auf den Protagonisten in “Frost”. Dieser ist Helgi, ein Kriminologiestudent der kurz vor seinem Abschluss steht und dessen schriftliche Arbeit sich um einen - seiner Meinung nach - ungelösten Fall von 1983 dreht.

Damals gab es in einem nicht mehr betriebenen Sanatorium eine Leiche. Nur wenige Personen hatten Zugang zum Gebäude, doch die Polizei fand nichts heraus. Damals ermittelte Hulda als Kollegin des Ermittlungsleiters. Sie wäre also die perfekte Ansprechpartnerin für Helgi.

Doch dieses Zusammentreffen fehlt leider. Helgi spricht mit den noch lebenden Beteiligten und ermittelt auf eigene Faust. Der für eine Hauptperson doch recht unspektakuläre Charakter soll durch einen bestimmten Kniff spannender gemacht werden, doch auch das gelingt nicht sehr gut.

Die 300 Seiten hat man dennoch schnell durch. Dem Vergleich mit den anderen Krimis kann dieser nicht standhalten und auch ohne die “Hulda-Trilogie” wirkt diese Geschichte seltsam vereinfacht und nicht recht glaubwürdig. Island als Schauplatz kommt leider auch nicht zur Geltung.

Veröffentlicht am 25.04.2022

Stockholms Kriminelle schlafen nie

Mörderische Witwen
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Es ist schade, dass es viele innenpolitische Probleme in Schweden gibt, aber sie bieten immer wieder gute Ansatzpunkte für Thriller. Pascal Engman ist da als ehemaliger Journalist prädestiniert dafür, ...

Es ist schade, dass es viele innenpolitische Probleme in Schweden gibt, aber sie bieten immer wieder gute Ansatzpunkte für Thriller. Pascal Engman ist da als ehemaliger Journalist prädestiniert dafür, den Finger in genau diese Wunden zu legen.

Er verknüpft alle Arten radikaler und religiöser Kriminalität zu einem (hoffentlich) fiktiven Plot, der zwar auch ohne die sehr kurzen Kapitel sehr fesselnd ist, die vielen knappen Abschnitte lassen einen das Buch noch schwerer aus der Hand legen.

Manche Details kann man als aufmerksamer Leser auch zwischendurch vorhersehen, wenn die Charaktere noch im Dunkeln tappen. Das Puzzle, wie das eine mit dem anderen zusammenhängt, ergibt sich nach und nach vor dem inneren Auge.

Die gut 500 Seiten lesen sich daher sehr flott und auch wenn die Thematik um einen bevorstehenden Terroranschlag ernst ist, wird man als (Schweden-)Thriller-Fan gut unterhalten. Zwischendurch gibt es auch noch Zeit, die Charaktere kennenzulernen.

Eine kleine Warnung an alle, die das nicht mögen: Es gibt am Ende einen Cliffhanger zu einer Hauptperson. Meist ist das ja als gutes Zeichen für eine Fortsetzung zu werten und mir persönlich macht es auch nichts aus.

Eine echte Kritik aber muss ich anbringen. Der Text auf der Rückseite. Es steht dort weniger als beim Klappentext, aber die wenigen Sätze führen viel zu weit und enthüllen wesentliche Punkte.

“Mörderische Witwen” ist zwar der dritte Teil mit Vanessa Frank von der Mordkommission, aber die Geschichten funktionieren auch unabhängig. Wer Vanessa noch besser kennen will, sollte aber mit “Feuerland” beginnen. Band 2 heißt “Rattenkönig”.

Veröffentlicht am 12.04.2022

Hörgenuss von Wien bis Budapest

Der letzte Tod
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Gänsehaut entwickelt sich hier gerade zu Beginn sehr häufig. Nicht nur, weil der Hörer Kriminalinspektor August Emmerich und seinen Kollegen Ferdinand Winter an einen Tatort begleiten darf, sondern weil ...

Gänsehaut entwickelt sich hier gerade zu Beginn sehr häufig. Nicht nur, weil der Hörer Kriminalinspektor August Emmerich und seinen Kollegen Ferdinand Winter an einen Tatort begleiten darf, sondern weil Cornelius Obonya die Geschichte so fesselnd und abwechslungsreich liest.

Gerade dann, wenn unvermittelt durch direkte Rede ein neuer Charakter seinen Auftritt hat, hört man das und findet im Hörbuch dadurch sofort heraus, dass hier nun jemand ganz anderes spricht als man das auf Papier erkennen könnte.

In “Der letzte Tod” sind wir wieder zurück in Wien, diesmal im Jahr 1922. Die Nachwehen des Krieges sind noch spürbar, für die einen körperlich, für andere seelisch und wieder für andere finanziell. Und für manche alles zusammen. Mitten in diese Misere hinein gibt es eine spezielle Leiche für Emmerich und Winter.

Starb der Mann wirklich in dem Tresor, in dem seine Leiche gefunden wird? Aber nicht nur der Fall ist wie gewohnt spannend, Wien und andere Orte, wie sie vor 100 Jahren waren, werden dank der Autorin vor dem inneren Auge lebendig.

Obonya und die Krimis von Alex Beer sind nun schon seit Beginn der Reihe vor einigen Jahren so miteinander verwoben, dass ich - würde ich die Bücher lesen - sicher alles mit Obonyas Stimme und seinen verschiedenen Stimmlagen und Akzenten in mir hören würde.

Er kann einfach jede Figur, vom adeligen Wiener bis zum ungarischen Polizist, mit wenigen Worten zum Leben erwecken. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass er Emmerich “ist” - würden die Bücher verfilmt, gibt es meiner Meinung nach nur eine logische Wahl für die Hauptrolle.

“Der letzte Tod” ist Teil 5 der Reihe um Kriminalinspektor August Emmerich.

Veröffentlicht am 10.04.2022

Mit Matou durch die Jahrhunderte

Matou
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Was für ein Epos! Als physische Ausgabe wird dieser Roman nicht so dick und ich bin sicher, hätte ich einfach “nur” das Buch gelesen wäre mir die Geschichte auch nicht so umfangreich vorgekommen. Aber ...

Was für ein Epos! Als physische Ausgabe wird dieser Roman nicht so dick und ich bin sicher, hätte ich einfach “nur” das Buch gelesen wäre mir die Geschichte auch nicht so umfangreich vorgekommen. Aber als Hörbuch - ungekürzt - nimmt sich “Matou” seine Zeit und das zu recht.

Die 40,5 Stunden hört man nicht einfach so nebenbei. Michael Köhlmeier spickt die sieben Leben des Katers Matou mit viel Geschichte und einem teils sati(e)rischem und teils entwaffnend ehrlichem Seitenblick auf uns Menschen, aus Sicht eines Tieres.

Natürlich richtet sich das Buch dadurch stark an Katzenliebhaber und viele feine Details sind auch eher nur für jene zu erkennen, die selbst sehr viele Jahre mit Katzen zusammengelebt haben oder zusammenleben. Aber auch andere Leser und Hörer können Matou durch seine Jahrzehnte folgen und erleben bekannte Persönlichkeiten aus einer anderen Perspektive.

Köhlmeier verknüpft Tatsachen und Teile der Biografie dieser Personen wie E.T.A. Hoffmann oder Andy Warhol mit dem fiktiven Part des Katers Matou. Dieser ist nicht einfach nur ein Kater und ein guter Beobachter, sondern kann auch schreiben, lesen und sprechen.

Apropos sprechen: Köhlmeier liest das Hörbuch selbst und wer ihn schon einmal sprechen und erzählen gehört hat, wird diese Ausgabe lieben, auch wenn man nicht so schnell durchkommt wie beim gedruckten Buch.

Köhlmeier hat eine ganz besondere Erzählstimme und er findet, ohne dass es besonders angestrengt wirkt, immer den richtigen Ton. Er spielt nicht mit verschiedenen Stimmen oder mit Tempo, seine Art zu sprechen zieht einen dennoch immer in seinen Bann.

Ein Hörgenuss für alle Katzenversteher und für solche, die es vielleicht danach werden möchten.

Veröffentlicht am 19.03.2022

Wie lange hält dein Akku noch?

BLACKOUT - Morgen ist es zu spät
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Schon länger hatte ich geplant, auch einmal “ein älteres Buch” von Marc Elsberg zu lesen, nachdem ich ihn vor der Pandemie bei einem kleineren Buchevent erleben durfte. Letztlich kam dann aber das neue ...

Schon länger hatte ich geplant, auch einmal “ein älteres Buch” von Marc Elsberg zu lesen, nachdem ich ihn vor der Pandemie bei einem kleineren Buchevent erleben durfte. Letztlich kam dann aber das neue “Der Fall des Präsidenten” dazwischen.

Das konnte mich nicht zu 100 Prozent überzeugen, aber das Interesse an Elsbergs anderen Titeln blieb und als ich von der neuen Auflage von “Blackout” erfuhr, musste ich da einfach anfragen.

Dieser Thriller ist kein Büchlein, das sich einfach so wegliest, vielmehr muss man es in kleineren Dosen verdauen. Das Thema ist so mit unserem Alltag verwoben und hochsensibel, dass man zwar keine Panik aber doch eine frische Sichtweise auf all das bekommt, das scheinbar so selbstverständlich ist.

Konnte ich die Detailrecherche schon bei “Der Fall des Präsidenten” würdigen, so ist sie hier meiner Meinung nach sogar noch besser gelungen. Natürlich musste manches zugunsten der Geschichte verändert werden aber die Handlung um Piero Manzano und den Zusammenbruch des europäischen Stromnetzes und damit quasi unserer Zivilisation, ist so “echt” dass sie jeden sofort packt.

Durch das Thema gibt es quasi keinen Leser, der keine Berührungspunkte mit der Handlung und oder den Charakteren hat, denn heutzutage umgibt uns die elektrische Energie in so vielen Formen, sichtbar und unsichtbar.

Manzano, ein italienischer IT-Fachmann und Teilzeit-Hacker, wird wie Millionen andere Europäer von einer Sekunde auf die andere mit fast vollkommener Dunkelheit konfrontiert. Der Strom fällt überall aus, wo es keine Aggregate oder noch ein paar wenige geladene Akkus gibt. An einem Winterabend noch dazu.

Dies setzt eine verhängnisvolle Kettenreaktion in Gang und schließlich sind auch fast alle Kraftwerke Europas außer Betrieb. Was das aber im Detail für jeden Einzelnen bedeutet und was dann alles wirklich nicht mehr möglich ist, beschreibt Marc Elsberg sehr sehr anschaulich auf den fast 800 Seiten.

Während die Figuren im Buch sich täglich neuen Probleme stellen und durch den Alltag kämpfen, der nichts mehr damit gemein hat, was sie Jahrzehnte gewohnt waren, setzt beim Leser automatisch ein Gedankengang ein: “Was würde ich tun?” “Wohin könnte ich gehen?” “Hätte ich genug…. bei mir?”

Hoffen wir, dass “Blackout” auch in zehn Jahren neu aufgelegt wird und wir dann immer noch sagen können: “Wir sind besser vorbereitet als damals und noch ist so etwas auch nicht Realität geworden”.

Nur Teil der Premium-Ausgabe: Die aktuellen Informationen und Beiträge vom Autor (Kurzgeschichte 10 Jahre danach) und anderen Wegbegleitern am Ende des Buches sind sehr interessant. Dazu gibt es Notfallrezepte und hilfreiche Links. Wer die neuere Ausgabe nicht hat, kann aber anhand der Namen (sicher online zu finden) auch andere Artikel oder Interviews mit den Personen suchen und ähnliche Informationen und Tipps bekommen.

Und wer nun Interesse an der Handlung hat, aber nicht weiß ob so ein dickes Buch das richtige ist, der kann den Thriller dieses Jahr im Frühling als Mini-Serie auf Sat 1 sehen.