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Veröffentlicht am 05.03.2017

Unbeschreibliche Abgründe und die Freude an den kleinen Dingen

Der letzte Überlebende
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Ob Details und Tatsachen nun exakt historisch belegt sind (was sie tatsächlich sind) oder nicht – daran verschwendet man beim Lesen dieser Biografie keinen Gedanken. Zu unmittelbar geschrieben steht da ...

Ob Details und Tatsachen nun exakt historisch belegt sind (was sie tatsächlich sind) oder nicht – daran verschwendet man beim Lesen dieser Biografie keinen Gedanken. Zu unmittelbar geschrieben steht da alles, was Szlamek Pivnik vor allen in seinen Teenagerjahren erlebt hat und erleiden musste. Sein Ghostwriter trifft die richtigen Zwischentöne, hat viel Zeit mit dem heute über 90-Jährigen verbracht. Trotz der so guten medizinischen Versorgung in Europa ist es heutzutage besonders, so alt zu werden. Dass Pivnik es wurde ist eigentlich unfassbar.
Denn noch bevor er seine Ausbildung abschließen, eine Arbeit suchen, eine Familie gründen und in Ruhe alt werden konnte, wurden seine Heimatstadt besetzt und sein Weltbild zerstört. Niemand außer anderen Zeitzeugen kann auch nur annähernd ermessen, welche Abgründe menschlicher Grausamkeiten dieser polnische Jude in den für einen Menschen mitunter prägendsten Jahren seines Lebens sah und am eigenen Körper spürte.
Getrennt von seiner Familie, überlebte Pivnik jahrelange Prügel, psychische wie physische Folter und lernte, was er tun musste um buchstäblich seine Haut zu retten. Füße voller blutiger Blasen waren beim Anblick von einem Stück Brot schon vergessen. Dass ein paar Schritte neben einem ein anderer eine Kugel in den Kopf bekommt, alltäglich. Doch es war nicht nur das Gelernte und sein Gespür für gefährliche Situationen, die der Teenager sich zunutze machte. Auf unbestechliche Weise erzählt der heute in London lebende auch von den Momenten, als pures Glück ihm sein Leben rettete.
Pivnik verhehlt nicht, dass er immer noch Albträume hat. Sehr gut trifft es eine Bemerkung von Ghostwriter Mei Trow am Ende in einer Art Nachwort: „Wenn Sam sagt: ‚Ich fühlte mich benommen‘ oder ‚Die Angst kam zurück‘, dann können Außenstehende (…) nur ansatzweise verstehen was er meint.“ Das stimmt. Und dennoch ist es wichtig, dass wir solche wahren Geschichten in Ehren halten, zwischen den Generationen weitergeben und sie genauso wie andere historische Tatsachenberichte in die Geschichte Europas und der Welt aufnehmen.
In dieser Hinsicht war auch Pivnik nicht untätig. Abbildungen im Buch zeigen Ausschnitte aus den Reisen, die er mit eine Gruppe Studenten und einmal mit einem Fernsehteam unternahm. Er kehrte nach Polen zurück, nach Będzin, seinen Geburtsort zurück, in die Lager und an andere Gedenkstätten und Orte seines persönlichen Todesmarsches. Doch nicht nur beklemmende Momente sind in diesem Buch festgehalten. Nach der Besetzung Nazi-Deutschlands durch die Alliierten ist Platz für andere Emotionen. Es sind die kleinen Dinge, die bei den Befreiten große Freude hervorrufen: Kleidungsstücke, die nicht gestreift sind, am Morgen ohne Zählappell aufzuwachen oder sich sattessen zu können.

Veröffentlicht am 03.12.2016

Verwirrende Geschichte um menschliche Fehler und Eitelkeiten

Eisige Schwestern
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Einen Thriller mit einer gelungenen Grundidee präsentiert S.K.Tremayne mit diesem Buch. Hauptthema sind Zwillinge – zwei Mädchen, so identisch, dass nicht einmal die Eltern sie zuverlässig auseinanderhalten ...

Einen Thriller mit einer gelungenen Grundidee präsentiert S.K.Tremayne mit diesem Buch. Hauptthema sind Zwillinge – zwei Mädchen, so identisch, dass nicht einmal die Eltern sie zuverlässig auseinanderhalten können. Plötzlich ist eines der Mädchen alleine. Die Familie zerbricht fast am gemeinsamen Verlust und jeder der drei, Mutter, Vater, Schwester, flüchtet sich in seine eigene Welt. Daraus spinnt der Autor eine Welt voller Missverständnisse, schwieriger Gespräche, Vertrauensverlust und Unsicherheit, was das lebende Kind angeht. Auch ein Umzug hilft der Familie nicht, sondern durch die Einsamkeit auf einer schottischen Insel kommen grausige und verwirrende Geheimnisse teilweise ans Licht.
Hat man als Leser zu Beginn noch einen roten Faden vor sich und möchte man den Protagonisten vorschreiben, was am besten zu tun wäre, ist man sich im Verlauf des Buches auch nicht mehr so ganz sicher, wie die verfahrene Situation geklärt werden kann. Aus meiner Sicht hätte es zahlreiche Auswege gegeben, vieles hätte verhindert werden können, doch möglicherweise handeln die Charaktere, allen voran die Eltern, gar nicht immer so unrealistisch. Ob man nun mit dem Ende der Geschichte einverstanden ist oder vielleicht damit gerechnet hat, auf jeden Fall kann dieser unblutiger Thriller zum Nachdenken anregen: über Zwischenmenschliches, Persönlichkeiten, die Fähigkeit über den eigenen Schatten zu springen, den Mut, Schwieriges anzusprechen und vieles mehr. Wie hätte ich mich verhalten? Sind Menschen vielleicht doch so wie in diesem Buch? Machen wir uns mit unserem Zögern vieles noch viel schwieriger, als es sein müsste? Was kann ich selbst daraus über mich lernen und in der Zukunft anwenden? Durch diesen Mehrwert gewinnt das Buch in meinen Augen, wenn auch die Geschichte nicht alles herausreißen kann.

Veröffentlicht am 15.09.2016

Leben, die auseinanderbröseln

Engelsspiel
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Menschliche Eitelkeiten und Abgründe zeigt der Autor hier meisterhaft auf und lässt den Leser immer wieder mit einer Mischung aus Abscheu und unbändiger Neugierde die Seiten umblättern. Der Gesellschaft ...

Menschliche Eitelkeiten und Abgründe zeigt der Autor hier meisterhaft auf und lässt den Leser immer wieder mit einer Mischung aus Abscheu und unbändiger Neugierde die Seiten umblättern. Der Gesellschaft und vor allem dem Leser selbst wird hier immer wieder ein Spiegel vorgehalten, immer wieder taucht die Frage auf, wie man sich selbst verhalten hätte.
Janina, 17, würde alles tun, um ihre Ziele zu erreichen. Sie belügt Eltern, Freunde, Polizisten und nimmt auch in Kauf, dass anderen, wie hier Daniel Schönwind, ungerechtfertigt leiden müssen. Hauptsache, ihr selbst passiert nichts und sie kann ihr Leben leben, wie sie es für richtig hält. Daniel wird zwar zufällig in Janinas Lügennetz gefangen, kann aber zu Beginn auch nicht als „Saubermann“ dastehen. Er liebt zwar seine Tochter abgöttisch, lebt sich aber mit ihrer Mutter immer weiter auseinander und lässt eine Gelegenheit zu einem One-Night-Stand selten verstreichen.

Als ein Verbrechen passiert, tritt die Polizei auf den Plan. Die Verhörszenen und alltägliche Ermittlungsarbeit sind sehr natürlich gestaltet, nicht zuletzt deshalb, weil Klaus Schuker ehemaliger Polizeibeamter ist. Geduldig lässt er die Hauptfiguren in einen Strudel der Ereignisse hineintreiben, der den Leser mitreißt. Ein kleines Ereignis, ein paar Minuten lassen langsam das Leben mehrerer Menschen und leider auch das eine Kindes immer weiter auseinanderbröseln. Es gibt hier niemanden, der ganz ohne Schuld ist, niemand ist makellos und alle hängen irgendwie mit drinnen – ganz wie im wahren Leben.
Dass da die eine oder andere Frage offenbleibt oder mal etwas zu glatt läuft, kann man nachsehen.

Veröffentlicht am 21.08.2018

Ein Arzt, ein Pfarrer und ein Inspector…. ermitteln

Mord in Cornwall
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Dieser liebevoll gezeichnete Krimi erschien erstmals 1935 und spielt auch um diese Zeit. Es ist wunderbar, wiederentdeckte Geschichten heute zu lesen und sich am damaligen Schreib- und Erzählstil erfreuen ...

Dieser liebevoll gezeichnete Krimi erschien erstmals 1935 und spielt auch um diese Zeit. Es ist wunderbar, wiederentdeckte Geschichten heute zu lesen und sich am damaligen Schreib- und Erzählstil erfreuen zu können.

Wie auch “Geheimnis in Rot” gehört dieser Briten-Krimi zur neuen Auflage bei Klett-Cotta, mit wunderbar “altmodisch” gewählten Cover und Textileinband. Ein haptisches und emotionales Lesevergnügen bietet also der Roman, der in Boscawen, einem malerischen Fischerdorf, spielt.

Wie damals üblich, stellt hier nicht nur die Polizei in Gestalt von Inspector Bigswell eine Autorität dar, sondern auch der Pfarrer Dodd und dessen Freund, Pendrill, der Arzt des Dorfes. Die beiden lieben Kriminalromane und sind zuerst wie elektrisiert als sie erfahren, dass nun tatsächlich ein Mord verübt wurde.

Die beiden, vor allem Dodd, stehen dem Inspector, der nicht aus Boscawen stammt, mit Rat und Tat zur Seite, wenn es darum geht, Ortsbewohner einzuschätzen oder die geografischen Gegebenheiten zu verstehen.
Action sucht man hier eher vergeblich, doch das angenehme Erzähltempo lässt den Leser selbst mitermitteln. Es gibt keine plötzlichen oder unglaubwürdigen Wendungen, dafür feine Deduktion, klassische Ermittlungsarbeit und humorvolle Dialoge.

Veröffentlicht am 21.08.2018

Forscher Mallorca-Krimi zwischen Geschichte und Moderne

Die Blutfinca
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Die Hauptfigur in diesem atmosphärisch gelungenen Mallorca-Krimi ist Marc Renner, deutscher Ex-Kriminaler und nun Restaurantbesitzer auf der spanischen Insel. Renner ist sympathisch und extrem cholerisch ...

Die Hauptfigur in diesem atmosphärisch gelungenen Mallorca-Krimi ist Marc Renner, deutscher Ex-Kriminaler und nun Restaurantbesitzer auf der spanischen Insel. Renner ist sympathisch und extrem cholerisch zugleich. Innerhalb kurzer Zeit durchläuft er viele zum Teil gegensätzliche Emotionen.

Langweilig ist es mit Renner nie. Zwischen der modernen Zeit und alten Erzählungen gefangen stolpert er mitten in einen Kriminalfall. Im kleinen Ort Cala Pi geht ein Mörder um, Frauen verschwinden und ihre Leichen tauchen blutlos wieder auf.

Renner wird als Zeuge in die Sache hineingezogen und nach anfänglicher Skepsis ermittelt er zusammen mit den spanischen Kollegen. Luca Péron von der Policia Local und Renner verstehen sich auf Anhieb gut und auch der Comisario der Policia Nacional, Arturo Miller, taut im Lauf der Ermittlungen auf. Das ungleiche Gespann heftet sich an die Fersen des Mörders. Der aktuelle Fall entpuppt sich als komplexe, weit in die Vergangenheit reichende Verwicklung. Ein Krimi voll Blut, Aberglaube, Leidenschaft und tiefer Trauer.