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Veröffentlicht am 26.04.2026

Zwischen Idylle, Hingabe und großen Hürden

Gekommen, um zu bleiben
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Vorweg: Ich kannte Madeleine Becker bisher weder durch ihre Bücher noch durch Social Media. Aber da ich immer wieder auch bewusst etwas abseits meiner Krimis/Thriller lese und hier Österreich auch eine ...

Vorweg: Ich kannte Madeleine Becker bisher weder durch ihre Bücher noch durch Social Media. Aber da ich immer wieder auch bewusst etwas abseits meiner Krimis/Thriller lese und hier Österreich auch eine große Rolle spielt, war ich neugierig. 

Mir gefiel, dass sie einerseits ihre Situation (kaufte mit ihrem Lebensgefährten Lukas  einen alten kleinen Bauernhof in der Steiermark und bewirtschaftet diesen mit ihm und den gut 30 Tieren) erklärt, wie es dazu kam, dass sie nun so lebt (leben kann) wie sie das tut und gleichzeitig nicht zu sehr romantisiert. 

Zu sagen, ab morgen steige ich aus allem aus und bin Selberversorger auf einem Hof, mag ja aus der Umwelt- und der Entschleunigungsperspektive interessant sein, dennoch ist es so, dass die Art Landwirtschaft, die sich viele vorstellen und die Art, die auch wirklich ein ausreichendes Einkommen bringt, komplett verschieden sind. Madeleine und Lukas betreiben Landwirtschaft, aber leben müssen sie von ihren jeweiligen Jobs als Rettungssanitäter bzw. Autorin. 

“Gekommen, um zu bleiben” zeigt die schönen, aber auch die vielen harten Seiten des vermeintlich so idealen “Aussteigerlebens”. Wirklich auszusteigen ist natürlich nicht möglich, die beiden stecken jede Minute ihrer Freizeit in die Renovierung der Gebäude auf dem Hof und die Betreuung der Tiere bzw. Pflege von Beeten, Wiesen und Bäumen. 

Es gibt Lichtblicke, aber auch Schattenseiten und viel Trauriges vom Leben auf dem Hof. Vieles kann man sich als “Stadtmensch” gar nicht vorstellen. Plötzlich schätzt man Dinge, die selbstverständlich sind, wieder umso mehr. Öffentliche Wasserversorgung gibt es auf dem Hof zum Beispiel nicht. 

Zwischen den Erlebnissen auf dem Hof und der harten, aufreibenden Arbeit gibt es auch Einblicke in zwei damit zusammenhängende Bereiche. Einerseits bekommt man auch ein bisschen mit, was so ein Alltag mit einer Beziehung anstellt; andererseits wirft die Autorin auch einen Blick auf die “Branche” an sich. 

Da sie vor diesem kleinen Hof auf dem fast-Erbhof ihres Lebensgefährten gelebt und gearbeitet hat, kennt sie auch diesen Zugang zur Landwirtschaft. Druck, Automatisation, Profit - was alles zur konventionellen Landwirtschaft gehört. Sie versteht also beide Seiten - die “produzierende” und die “ökologische”. Ich dividiere das einmal so pauschal auseinander, auch wenn das eine nicht immer das andere ausschließen muss. 

Wie auch Madeleine Becker im Buch bedaure ich, dass sich da die Fronten anscheinend so verhärtet haben und die einen als Tierquäler, die anderen als Öko-Fuzzis gesehen und verurteilt werden. Und so wird aus einem eigentlich harmlosen, gewissermaßen öffentlichen Tagebuch auch ein Denkanstoß für den Leser selbst. Was kann ich dazu beitragen, unsere Bauern, unsere Lebensmittelproduktion, zu unterstützen, aber den Druck auf die Umwelt, der durch das “zu viel” immer größer wird, nicht noch zu befeuern?

Veröffentlicht am 08.04.2026

Ihr nehmt euch alles. Und dann wundert ihr euch, dass nix mehr da ist.

EDEN - Wenn das Sterben beginnt
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Als ich in “Eden” zum ersten Mal den Namen Piero Manzano las, kam er mir vage bekannt vor. “Eden” schließt gewissermaßen an “Blackout” an, wir treffen unseren italienischen IT-Helden von damals nun wieder. ...

Als ich in “Eden” zum ersten Mal den Namen Piero Manzano las, kam er mir vage bekannt vor. “Eden” schließt gewissermaßen an “Blackout” an, wir treffen unseren italienischen IT-Helden von damals nun wieder. Natürlich ist “Eden” aber keine Fortsetzung im engeren Sinn, alle Bücher von Marc Elsberg sind unabhängig voneinander lesbar. 

Was seine Bücher allerdings gemeinsam haben - und was auch für “Eden” gilt - sind die unglaublich akribische Recherche, der große thematische Umfang und die Art der Erzählung, die jedes Mal einen Nerv trifft. 

Basierend auf wissenschaftlichen Fakten und Analysen spinnt Elsberg ein sehr glaubhaftes Szenario: Läuft alles ungebremst weiter wie bisher, erodiert unser globales System möglicherweise an mehreren Stellen - und das zeitlich eng beisammen. Wird auf diese Zusammenhänge keine Rücksicht genommen, müssen wir vielleicht gar nicht auf das Ende der nicht erneuerbaren Energiequellen warten, bis es so richtig ungemütlich wird. 

Mit dem Kniff, den zuerst eher oberflächlichen Sunnyboy-Influencer Linus Strand zu einer der Hauptfiguren zu machen, könnte hier auch wirklich die jüngere Generation eingebunden werden. Auch wenn es viele Seiten (760) zu lesen gibt, hoffe ich, dass sich auch die Digital Natives hier durchbeißen und ihre Gedanken dazu machen. 

Social Media spielt in “Eden” eine nicht zu unterschätzende Rolle und auch wenn gezeigt wird, wie diese Industrie aus falschen Motiven missbraucht werden kann (und sicher wird), so dient sie hier gleichzeitig auch als Werkzeug der “Guten”. Aus belanglosen Marketing-Videos werden fundierte, tiefergehende Clips, die tatsächlich viel bewegen können. 

Abgesehen von der Botschaft und dem Appell, wie wir mit unseren Ressourcen und der Umwelt umgehen sollten (und wie besser nicht), zeigt das Buch auch, wie man eine Onlinepräsenz und die Erstellung digitaler Inhalte dafür nutzen könnte, wichtige Inhalte auch an jene zu bekommen, die sich kaum oder nicht mehr über konventionelle Medien informieren. Dabei ist nicht nur der Verbreitungskanal wichtig, sondern vor allem der Inhalt. Überlassen wir radikalen Sichtweisen und egoistischen Motiven nicht das Internet. Fördern wir unsere “Linus Strands”.

Veröffentlicht am 01.03.2026

Die Miss Marple der Antiquitäten

Mord an Backbord
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Dieser britische Krimi ist Band 2 der Reihe um die Antiquitätenhändlerin Freya Lockwood. Es gibt ein paar Anspielungen auf den ersten Teil, die aber nicht negativ hervorstechen. Man kann die Teile also ...

Dieser britische Krimi ist Band 2 der Reihe um die Antiquitätenhändlerin Freya Lockwood. Es gibt ein paar Anspielungen auf den ersten Teil, die aber nicht negativ hervorstechen. Man kann die Teile also gut unabhängig voneinander lesen. 

Freya führt gemeinsam mit ihrer Tante einen kleinen Laden, den sie von ihrem väterlichen Freund Arthur Crockleford übernommen hat. Dieser war der beste Freund ihrer Tante und gleichzeitig Fahnder nach gestohlenen Kunstgegenständen. Dabei hatte ihm auch Freya schon öfter geholfen. 

Nun stoßen die beiden Frauen in Arthurs Vermächtnis unter anderem auf bestimmte Hinweise zu gestohlenen Kunstwerken. Die ihnen angeborene unbändige Neugier treibt sie aus dem Dorf Little Meddington hinaus in die Welt. Sie heften sich den Verbrechern und der Kunst auf die Spur und kombinieren sich in “Mord an Backbord” durch eine mörderische Verschwörung rund um eine reiche und mächtige Gruppe skrupelloser besitzwütiger Kunstsammler. 

Die Ausgangslage ist spannend, die Geschichte durchdacht und gleichermaßen gespickt mit historischem Wissen und skurrilen Charakteren. Freya und ihre Tante Carole sind natürlich Amateure, sie gehen nicht immer ganz logisch vor und begeben sich auch schon einmal in Gefahr. Aber mit Witz und Unverfrorenheit können sie sich meist ganz gut behaupten. 

Zwischendurch kommen ganz schön viele Personen zusammen - für alle, die öfter (längere) Pausen einplanen müssen und die gut 380 Seiten nicht im Eiltempo durchlesen können, empfiehlt es sich vielleicht, ein kleines eigenes Personenverzeichnis anzulegen.

Veröffentlicht am 22.02.2026

Fiktion, eingebettet in die nähere Vergangenheit

Reykjavík
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Da ich von Ragnar Jónasson schon einige Bücher und Reihen gelesen habe, habe ich diesen Islandthriller gefunden. Als reinen, klassischen “Thriller” habe ich die knapp 350 Seiten nicht empfunden - die spannende ...

Da ich von Ragnar Jónasson schon einige Bücher und Reihen gelesen habe, habe ich diesen Islandthriller gefunden. Als reinen, klassischen “Thriller” habe ich die knapp 350 Seiten nicht empfunden - die spannende Geschichte unterhält aber dennoch wie gewohnt sehr gut. 

Für dieses Buch hat Jónasson sich mit Katrín Jakobsdóttir zusammengetan, die beiden erklären ihre Gedanken und die Entstehung des Buches im Nachwort. Zusätzlich gibt es im Buch ein paar Erklärungen zur Aussprache der isländischen Namen und Bezeichnungen. Es ist allerdings sehr schwer, im Kopf dauerhaft dabeizubleiben. Aber auch mit “falschen” Namen bleibt die Handlung interessant und gut strukturiert. 

Der Journalist Valur macht sich daran, einen “Cold Case” für eine Wochenzeitung wieder aufzubereiten. Ein Teenager verschwand vor 30 Jahren spurlos von einer kleinen Insel in der Nähe von Reykjavík. Aus der Recherche für seine Artikel ergeben sich nach und nach ein paar neuere Informationen. Durch den Erfolg der Texte gerät er ins öffentliche Interesse. Dann bekommt er auch noch einen mysteriösen Anruf mit Hinweisen. 

Was an diesem Krimi ein bisschen anders, besonderer, ist als bei vergleichbaren Geschichten, in denen Journalisten ermitteln, ist, dass nicht nur der “Cold Case” länger zurückliegt, sondern auch die Ereignisse der neuen Ermittlungen in der Vergangenheit platziert sind. Die Autoren haben sich dazu entschlossen, sie im Island des Jahres 1986 spielen zu lassen. 

Das ergibt einige Wendungen und Hindernisse, die uns heutzutage fast anachronistisch erscheinen - Telefon gab es nur zuhause und man musste sich darauf verlassen, dass alle Beteiligten sich Treffpunkte und Uhrzeiten genau notierten. Radio und Fernsehen waren wichtige Informationsquellen und es gab nur wenige Programme. 

Im Hintergrund der fiktiven Handlung strahlt auch die tatsächliche Geschichte immer wieder durch. Die Hauptstadt feierte ihr 200-jähriges Bestehen und das mögliche Ende des Kalten Krieges erfasst Island auf ganz eigene Weise.

Veröffentlicht am 09.01.2026

(K)eine glatte Sache

Schneegestöber im kleinen Katzencafé
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Ich greife nicht allzu viel vor, wenn ich sage, dass das Ende dieser Cozy-Winterromanze zwar wie erwartet endet, der Weg dahin ist aber natürlich nicht so glatt (nur die Straßen sind es). In einer kleinen ...

Ich greife nicht allzu viel vor, wenn ich sage, dass das Ende dieser Cozy-Winterromanze zwar wie erwartet endet, der Weg dahin ist aber natürlich nicht so glatt (nur die Straßen sind es). In einer kleinen englischen Stadt betreibt Sylvie ein Katzencafé mit allem, was dazugehört. 

Bei ihr im Gebäude in den Stockwerken darüber wohnt auch ihre Nichte Emmie, die gerade eine schwere Zeit durchmacht und vorübergehend im Café arbeitet. Ihr Traum ist es, mit ihrer Kunst erfolgreich zu sein. 

Neben weiteren Café-Mitarbeiterinnen lernen wir auch noch Jared kennen. Ihm geht es noch schlechter als Emmie. Dazu werde ich an dieser Stelle nicht zu viel verraten, aber ein Hinweis sei gesagt: Dieses Buch ist zwar einerseits aufgrund der vielen Details rund um Katzen natürlich stark auf Katzenfans ausgerichtet und für diese grundsätzlich auch empfehlenswert. 

Aber es gibt nicht nur “heile Welt” - wer also kürzlich traurige Erlebnisse mit einer Katze hatte oder sehr stark auf schwierige Katzenschicksale reagiert, sollte hier vorsichtig an die Sache herangehen und Taschentücher griffbereit haben. Mich berührten manche Katzenszenen teilweise mehr als die zwischen den menschlichen Protagonisten. 

Ansonsten gibt es fast 350 Seiten liebevolle, humorvolle und tief winterliche Episoden aus dem Leben rund um das Café, seine Betreiber und ihr Privatleben. Mir persönlich haben viele kleine Sichtweisen auf die verschiedenen Katzen sehr gut gefallen, denn für Katzenliebhaber ist das allermeiste davon im Alltag wirklich so und keine Erfindung der Autorin. Natürlich lebt auch Rachel Rowlands mit Katzen zusammen, ansonsten könnten viele Beobachtungen gar nicht so gut beschrieben werden. 

Toll sind auch die Ideen, welche Speisen mit Katzen-Bezug im Café angeboten werden. Hier wäre es schön, auch das eine oder andere Rezept bzw. Dekorationsanleitung im Buch zu haben.