Sittenbild der goldenen 20er
as Buch verspricht die Goldenen Zwanziger, wie sie schmutziger nicht sein könnten - und hält ebendies versprechen. "Die juten Sitten" spielt im Milieu und hält kein Blatt vor den Mund. Der Sprachgebrauch ...
as Buch verspricht die Goldenen Zwanziger, wie sie schmutziger nicht sein könnten - und hält ebendies versprechen. "Die juten Sitten" spielt im Milieu und hält kein Blatt vor den Mund. Der Sprachgebrauch ist super authentisch und hat mir richtig gut gefallen, ich könnte mir aber vorstellen, dass das nicht jedem Leser so gehen könnte. Für mich entfaltete sich dadurch genau der Flair, den ich erwartet hatte und man kann richtig in die Welt der Zwanziger abtauchen.
Erzählt wird die Geschichte grob aus Hedis Sicht und zwar in rückblickartigen Episoden, quasi dem Reporter im Gefängnis ihre Lebensgeschichte erzählend. Hierdurch entsteht ein spannendes Gefüge zwischen den rauen Zuständen der Zwanziger Jahre in Berlin un dem Glamour des alten Hollywoods. Ich muss zugeben, dass ich mir hier sogar noch etwas mehr Einblicke in Hedis Leben als Schauspielerin gewünscht hätte, das hätte für mich noch mehr Reiz entfaltet.
Hedi ist eine Protagonistin, die gefühlt schon alles im Leben gesehen hat, was ein Kind so nicht sehen sollte. Sie ist schnoddrig mit herrlicher Berliner Schnauze und auch ganz schön frech. In manchen Momenten stieß sie bei mir an die Sympathiegrenze - wobei die Autorin genau dies wohl beabsichtigt hat - nämlich dem Leser ein authentisches Produkt seiner Umwelt zu präsentieren.
Und diese Umwelt besteht wirklich aus einigen menschlichen Abgründen, aber auch aus den Sehnsüchten und Hoffnungen, die uns alle umtreiben. So kann man sich als Leser sicher auch in vielem wiederfinden. Die ältere Hedi konnte mich mit ihrem Charme ebenso einfangen wie den Reporter, von ihr hätte ich gerne noch mehr gehört.
Das Sittenbild wartet mit einigen Handlungen auf, die den Leser durchaus schockieren. Dabei sind sie nie zu überzogen, sondern man kauft der Autorin das genau so ab wie beschrieben. Vor allem das Ende ist richtig überraschend, das hatte ich so wirklich nie erwartet. Hier konnte das Buch auf den letzten Seiten nochmal ordentlich punkten und rundet so das gesamte Leseerlebnis prima ab.