Bücher von Politikern - besonders wenn es sich dabei um Spitzenkandidaten direkt vor einer Wahl handelt - sind immer schwierig zu bewerten, da meine Meinung zu ihnen als Person sowie ihrer politischen Position natürlich miteinfließt. Zwar steht meine Stimme für die Bundestagswahl schon fest (tatsächlich habe ich auch schon per Briefwahl gewählt), dennoch war es mir als politikinteressierte Person ein Bedürfnis, mich vorab mit den inhaltlich für mich aussichtsreichsten KandidatInnen zu beschäftigen und dazu gehört Robert Habeck definitiv. Genaue Erwartungen hatte ich an "Den Bach rauf" nicht, es war aber gleich in mehrerlei Hinsicht für mich hochinteressant...
"Den Bach rauf" ist trotz des Timing der Veröffentlichung kein klassisches Wahlkampf-Werk mit Schuldzuweisungen an politische Partner, konkreten Umsetzungsmöglichkeiten und Inszenierung als einzig mögliche Lösung. Stattdessen nutzt Habeck dieses Buch unter anderem als Plattform für eine kritische Bilanz der Ampel-Koalition. Dabei hebt er Erfolge hervor (von denen mir einige gar nicht bewusst waren, da die mediale Aufmerksamkeit anders gelagert war), geht aber ebenso ausführlich auf Fehler ein und beschreibt, was er rückblickend anders machen würde. Dabei überrascht sein reflektierter und selbstkritischer Ton: Statt Ausreden oder Schuldzuweisungen sucht er nach ehrlichen Antworten auf die Frage, warum bestimmte Entscheidungen getroffen wurden – und was man daraus lernen kann. Er nutzt dieses Medium zwar auch, um sich und seine Entscheidungen zu erklären, die erwarteten egoförderlichen Rechtfertigungen, die man an dieser Stelle oft liest, bleiben jedoch aus. So war das Buch mit seinen 144 Seiten überraschend ausgeglichen und informativ, womit ich ehrlich gesagt nicht gerechnet hatte.
"Führung ist nicht die Kunst, zu sagen, wo es lang geht, sondern bei anderen so viel Vertrauen herzustellen, dass sie den Weg mitgehen wollen."
Generell erhält man im Laufe des Buches ein besseres Gefühl für ihn als Person sowie seine politische Denkweise. Ich habe ihn schon immer als sympathische, kompromissbereite, kompetente und integre Person empfunden, hier verstärkt sich der Eindruck aber nochmal um ein Vielfaches. Zwar stimme ich ihm nicht in allen Punkten komplett zu, empfinde aber seine Herangehensweise als eine der wenigen praktikablen Optionen, um in dieser herausfordernden Zeit Politik zu gestalten. Habeck macht keinen Hehl daraus, dass er sich zur Wahl stellt – aber er tut es nicht mit markigen Parolen, sondern mit einem inhaltlichen Angebot an alle, die mitgestalten wollen.
"Ohne Zukunftsbegriff agieren wir blind, aber ein Zukunftsbegriff ohne Anschauung der Gegenwart ist leer."
Neben der kritischen Auseinandersetzung mit der Politik der Gegenwart und einer Vorstellung von sich als Person bietet der Autor hier noch eine dritte inhaltliche Ebene an: In ruhigem, sachlichem und trotzdem persönlich-nahbarem Ton, gibt er passend zu seinem Wahlkampf-Motto "Zuversicht" in ein Plädoyer für eine klimafreundliche, sozial gerechte und wirtschaftlich erfolgreiche Zukunft. Zwar gibt er hier keine detaillierten politischen Maßnahmen vor (dafür muss man dann doch ein Parteiprogramm zur Hand nehmen), zeichnet dafür aber eine Zukunftsvision für Deutschland vor, die Hoffnung macht und die Wichtigkeit gemeinsamer Kompromisse und gesellschaftlichen Zusammenhalts hervorhebt. Damit ist das Buch treu dem Untertitel folgend eine "Kurbestimmung", die gegen Resignation und für eine Politik, die Probleme klar benennt und gemeinsam an Lösungen arbeitet, argumentiert. Besonders in Zeiten zunehmender Spaltung, Nationalismus und Populismus, in denen rechts-konservative, rückwärtsgerichtete Denkmuster auf dem Vormarsch sind, hält Habeck dagegen und bietet eine optimistische, pragmatische und zukunftsgerichtete Perspektive an.
"Die Herausforderung ist groß wie lange nicht mehr. Doch wir können es packen, wie wir es in der Vergangenheit gepackt haben. Wir müssen es aber auch wollen. Den Rücken gerade machen, die Dinge beim Namen nennen und dann mutig den Bach rauf!"
Fazit
Ein lesenswertes Buch für politisch Interessierte – Unabhängig davon, ob man Robert Habecks Positionen generell teilt oder nicht ist "Den Bach rauf" in einer Zeit der politischen Polarisierung eine dringend benötigte, faire, reflektierte und hoffnungsvolle Analyse der aktuellen Lage.
Was ich generell noch sagen möchte: Bitte geht bei dieser wichtigen Wahl am 23.02.2025 wählen! Bitte informiert Euch vorab! Und vor allem: Bitte wählt eine demokratisch-ausgerichtete, zukunftsorientierte Partei!