Eine Sozialstudie der irischen Arbeiterklasse der 1960er aus Sicht eines Kindes
Paddy Clarke ist 10 Jahre alt, hat viele Freunde und wächst doch in Umständen auf, die man keinem Kind wünscht, und die gleichzeitig viel zu alltäglich sind, nicht nur im Irland der 1960er, in denen der ...
Paddy Clarke ist 10 Jahre alt, hat viele Freunde und wächst doch in Umständen auf, die man keinem Kind wünscht, und die gleichzeitig viel zu alltäglich sind, nicht nur im Irland der 1960er, in denen der Roman angesiedelt ist. Aus Perspektive von Paddy nehmen wir an seinem Alltag teil, in der Familie, Schule, im Freundeskreis. An all diesen Orten begegnet Paddy ähnlichen Verhaltensmustern: Hierarchie, Gewalt, das Recht des Stärkeren. Paddy ist aufmerksam und klug, trotzdem agiert er oft grob, hierarchieversessen, gemein und gewalttätig, auch seinem jüngeren Bruder gegenüber. In seinem Herkunftsmilieu ist jedoch nichts davon auffällig, sondern gelebte Normalität. Immer wieder gibt es im Roman Anzeichen, dass Paddy intuitiv spürt was falsch und richtig ist, und doch ist er in den Strukturen und der Kultur seines Herkunftsmilieus gefangen, er leidet darunter und reproduziert es trotzdem, vielleicht gerade deshalb.
Eine zentrale Rolle nimmt die Beziehung zwischen den Eltern ein, der Vater klassischer Arbeiter, die Mutter kümmert sich um den Haushalt und die vier kleinen Kinder. Die Lieblosigkeit die Paddys Alltag prägt, kennzeichnet auch die Beziehung seiner Eltern. Auch wenn immer wieder durchscheint, wie beide versuchen gute Eltern zu sein, wird Paddys Lebensrealität und die seiner Geschwister im Laufe des Romans immer prekärer in dem Maße wie auch Gewalt und Streit zwischen den Eheleuten eskalieren.
Paddys Heimatsiedlung, Barrytown ein Vorort von Dublin, verändert sich im Laufe des Romans. War der Ort zunächst nur von Natur als natürlicher Grenze umgeben, mit vielen Freiheiten, die dies auch für die Kinder ermöglichte, führt das Besiedlungsprogramm zu einer spürbaren Verengung und Einschränkung der Freiräume auch für Paddy und seine Freunde. Die Siedlung wird urbanisiert, Bauernhöfe weichen neuen Sozialbauten. Diese Veränderung der Umgebung findet im Roman ihre Entsprechung in Paddys unmittelbarem Leben, auch dort, in seinen familialen und freundschaftlichen Beziehungen verändern sich seine Bezugspunkte und fordern ihn sich neu zu orientieren, und viel zu früh erwachsen zu werden.
Mit Paddy Clarke Ha Ha Ha gelingt Roddy Doyle eine Form von Sozialstudie der irischen Arbeiterschicht der 1960er aus der Sicht eines Kindes: von der Arbeit erschöpfte Männer, die ihren Frust an Frauen und Kindern auslassen, Frauen, die sich um den Haushalt kümmern und versuchen es allen recht zu machen und Kinder, die eine gewisse Verrohung im Umgang aus dem Elternhaus kennen und auch in ihrem eigenen Sozialverhalten reproduzieren. Unglaublich eindringlich wird dabei die innere Zerrissenheit und Hilflosigkeit Paddys geschildert. Dies ist nicht immer leicht zu lesen, oft bedrückend und gerade deshalb ein wichtiges Buch!