Cover-Bild Die rechtschaffenen Mörder
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21,00
inkl. MwSt
  • Verlag: S. FISCHER
  • Genre: Romane & Erzählungen / Sonstige Romane & Erzählungen
  • Seitenzahl: 320
  • Ersterscheinung: 04.03.2020
  • ISBN: 9783103900019
Ingo Schulze

Die rechtschaffenen Mörder

Roman
Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020

Wie wird ein aufrechter Büchermensch zum Reaktionär – oder zum Revoluzzer? Eine aufwühlende Geschichte über uns alle.
Norbert Paulini ist ein hoch geachteter Dresdner Antiquar, bei ihm finden Bücherliebhaber Schätze und Gleichgesinnte. Über vierzig Jahre lang durchlebt er Höhen und Tiefen. Auch als sich die Zeiten ändern, die Kunden ausbleiben und das Internet ihm Konkurrenz macht, versucht er, seine Position zu behaupten. Doch plötzlich steht ein aufbrausender, unversöhnlicher Mensch vor uns, der beschuldigt wird, an fremdenfeindlichen Ausschreitungen beteiligt zu sein. Die Geschichte nimmt eine virtuose Volte: Ist Paulini eine tragische Figur oder ein Mörder?
Auf fulminante Weise erzählt Ingo Schulze von unserem Land in diesen Tagen und zieht uns den Boden der Gewissheiten unter den Füßen weg.

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Lesejury-Facts

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.05.2020

Leider lässt der Autor zu viele Fragen offen

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Als "Die rechtschaffenen Mörder" in der monatlichen Druckfrisch-Folge von Denis Scheck am 26.04. vorgestellt wurde, hatte es mein Interesse geweckt. Die Vorstellung, dass ein Antiquar, ein belesener und ...

Als "Die rechtschaffenen Mörder" in der monatlichen Druckfrisch-Folge von Denis Scheck am 26.04. vorgestellt wurde, hatte es mein Interesse geweckt. Die Vorstellung, dass ein Antiquar, ein belesener und dementsprechend intellektueller Mann plötzlich anfängt Bücher zu verschmähen, nur noch Bücher von deutschen Autoren zu lesen, weil er den Übersetzungen aus anderen Sprachen misstraut und zum Schluss gar ein Nazi ist, diese Entwicklung, ja Spagat hat mich brennend interessiert. Mich interessieren Hintergründe, Beweggründe, das Warum. Ich finde mich nicht mit dem Gegebenen ab, mit dem "Das ist halt so", ich will wissen, wie es dazu kam, was einen Menschen zu seinen Handlungen antreibt. Leider hat mich Ingo Schulze mit seiner Geschichte aber genau dessen beraubt.

Die Geschichte ist in drei Abschnitte geteilt, wobei nur der erste Abschnitt und der Anfang des zweiten wirklich Sinn ergeben, dann wird die Story unzusammenhängend und verworren.

Da haben wir also einen Norbert Paulini, der, seit er das erste Buch seines Lebens las, Leser werden will. Zum Leidwesen aller Leser ist das aber kein Beruf, es sei denn, man ist ein Lektor. Aber auch zu diesem Berufsbild gehört ein wenig mehr, als das bloße Lesen, für das Paulini Leben will. Also wird er über einige Umwege Antiquar und verkauft seinen Kunden, wie er selbst sagt, nur Qualität. Zu DDR-Zeiten sammeln sich deshalb in seinem Antiquariat auch nur das "Who is who" Der Dresdener Intellektuellen und die, die es noch werden wollen. Mit der Politik will er nichts am Hut haben, seine Gattin (Paulini hat kein Glück mit seinen Damen) umso mehr. Dann kommt die Wende und wie bei so vielen ostdeutschen Existenzen, säuft Paulinis Unternehmen einfach ab. Die Intelligenzia bleibt plötzlich aus und lange Zeit versteht Paulinis nicht warum, bis ihm ein lang vermisster Kunde mit der Wahrheit konfrontiert. Ab da geht es mit Paulini bergab, er wird von diversen Schicksalsschlägen gebeutelt, aber das Schlüsselerlebnis, weshalb Paulini letzten Endes zum Ausländerfeind wird, das bleibt dem Leser verwehrt. Das ist dann auch der Grund, weshalb ich spätestens ab dem dritten Teil des Buches mit einem riesigen Fragezeichen über den Kopf da sitze und mich über die teilweise verstörenden Handlungssprünge wundere. Das lässt sich fast so lesen, als ob Paulini mit seinem Umzug ins Elbsteingebirge, nach "Dunkeldeutschland" quasi plötzlich ein Nazi wäre und dessen Sohn auch. Kein zufriedenstellender Plot aus meiner Sicht.

Die Geschichte fing gut an und ließ ab der Mitte leider stark nach, eben weil Fragen offen bleiben, die nicht hätten offen bleiben sollen. Da stellt sich mir die Frage, was der Autor von mir als Leser möchte. Das fühlt sich bald so an, als ob mir jemand dumm tut und jegliche Kommunikation verweigert, weshalb ich dann nicht reflektieren kann, wo denn nun der Fehler lag, wie es zu diesem plötzlichen Bruch kam. Das ist überaus bedauerlich und ich mag es nicht leiden. Die Geschichte hatte Potential und ich mochte den schrulligen Antiquar Paulini, bis der Autor ihn auf unerklärliche Weise abdrehen ließ.

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Veröffentlicht am 14.04.2020

Wenn Bücher dein Leben bestimmen...

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In der Literatursendung "Buchzeit" wurde dieser Roman besprochen und man war sich nicht ganz sicher über die Qualität des Werkes, weshalb direkt meine Neugier geweckt war.

In der Geschichte geht es um ...

In der Literatursendung "Buchzeit" wurde dieser Roman besprochen und man war sich nicht ganz sicher über die Qualität des Werkes, weshalb direkt meine Neugier geweckt war.

In der Geschichte geht es um Norbert Paulini, der bereits als Kind auf Büchern schlief und seiner verstorbenen Mutter nacheifert und Antiquar wird. Aus nah und fern strömen sie zu ihm, um Bücher zu erwerben. Doch dann kommt die Wende und es geht bergab. Wirklich? Was wird ihm die neue Zeit bringen? Und vor allem: kann er der ewige Leser bleiben?

Der Roman besticht durch eine unglaublich angenehme Sprache, die mich direkt für das Buch eingenommen hat. Es fällt mir schwer dies genau zu beschreiben. Letztendlich spürt man die Liebe zu Büchern und Literatur in jeder Zeile.

Das Ungewöhnliche hier ist wohl, dass uns die Handlung über eine Figur des Buches nahe gebracht wird, die jedoch nur eine kleine Rolle im Geschehen einnimmt und eher beobachtet als selbst agiert. So als würde ein Stasimitarbeiter über die Jahre unseren Antiquar beobachten und dessen Leben durchleuchten.

Auch wenn viele Paulini als einen Antihelden wahrnehmen, so empfand ich ihn als liebenswerten Büchernarren, der mir nicht unähnlich ist. Für ihn stehen Geschichten, allen voran die Klassiker, an erster Stelle und das Lesen bestimmt seinen Alltag. Verwundern tut einen dies nicht, schließlich ist er quasi im Büchermeer aufgewachsen. Ich habe ihn als einen durchschnittlichen Menschen wahrgenommen, der in seiner Leidenschaft zu Büchern erst so richtig aufgeht.

Der Titel des Romans erschließt sich erst auf den letzten vierzig Seiten und während der Lektüre fragt man sich natürlich dauernd, wo denn da ein Mörder auftauchen soll. Eine Auflösung gibt es nicht, da muss sich jeder Leser seine eigenen Gedanken machen.

Aus dem Lesefluss gebracht hat mich, als wir von Paulini zum Erzähler Schultze umschwenken. Die Einteilung in Kapitel ist plötzlich verschwunden und die eigentliche Geschichte wird mitten im Satz unterbrochen. Auch dies erschließt sich erst im Verlauf der weiteren Handlung.

Fazit: Ein kontroverser Roman, aus dem die Liebe zur Literatur spricht und der mich auf weiter Strecke unfassbar gut unterhalten hat. Ungewöhnlich, anspruchsvoll und mal was anderes. Also langt zu und steckt eure Nasen in dieses Buch!

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Veröffentlicht am 05.03.2020

Verdeutlicht die Schwierigkeiten bei der Meinungsbildung

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Schon ein Blick auf den Umschlag des Romans „Die rechtschaffenen Mörder“ von Ingo Schulze ließ mich wissen, dass er über Bücher, viele Bücher handelt. Vor allem dreht sich die Geschichte aber um den Besitzer ...

Schon ein Blick auf den Umschlag des Romans „Die rechtschaffenen Mörder“ von Ingo Schulze ließ mich wissen, dass er über Bücher, viele Bücher handelt. Vor allem dreht sich die Geschichte aber um den Besitzer dieser Bücher, den Dresdner Antiquar Norbert Paulini. Im ersten Satz des Romans liest sich denn „…lebte einst“, was sich für mich ein wenig märchenhaft anhörte, sich schließlich jedoch in das Gesamtbild des Buchs einfügte, denn der Roman besteht aus drei Teilen. Im ersten wird das Leben des Buchhändlers durch einen zunächst unbekannten Ich-Erzähler geschildert.

Erst im zweiten Teil lernte ich den fiktiven Schriftsteller Schultze kennen, der die Geschichte über Paulini zu Papier gebracht hat. Nicht nur sein Name ist dem des Autors ähnlich, es finden sich auch weitere Parallelen zu dessen Leben. Ich erfuhr, welche Gründe ihn bewegt haben, über den Antiquar zu schreiben. Er verarbeitet dabei seine persönlichen Begegnungen, die Fakten aus Gesprächen mit Bekannten und Freunden Paulinis, bindet Gerüchte ein und ergänzt alles durch seine Fantasie. Im letzten Teil des Romans kommt schließlich die Lektorin von Schultze zu Wort, die mir nochmal einen neuen Blickwinkel auf Paulini, Schultze und deren gemeinsame Freundin Lisa sowie das unvollendete Manuskript gab.

Norbert Paulini lebt in Dresden und kommt aus einfachen Verhältnissen. Seine Mutter besaß eine Buchhandlung, verstarb aber wenige Tage nach seiner Geburt im Jahr 1953. Doch ihre unverkauften Bücher hortete der Vater an jeder freien Stelle in der Etagenwohnung einer Villa im Stadtteil Blasewitz, in der die Familie lebt. Dadurch wurde bei Paulini die Liebe zu den Büchern geweckt und seine Berufung. Sein Leben ist eng verknüpft mit der wechselhaften Geschichte Ostdeutschlands. Besonders einschneidend für ihn und sein Geschäft ist die Öffnung der Grenzen und das Oderhochwasser. Er resigniert nicht, akzeptiert die gegebenen Umstände und passt sich an. Doch im Laufe der Jahre ändern sich in kleinen Schritten seine Einstellungen, auch weil er seinen eigenen Erwartungen als Vater gerecht werden möchte. Und eines Tages steht er im Blickfeld von polizeilichen Ermittlungen.

Ingo Schulzes Roman ist angefüllt mit Leidenschaft für Bücher, nicht nur durch seinen Protagonisten, sondern auch über Buchschätze. Hier fällt mancher große Autorenname und Titel, die auf diese Weise Paulini nicht nur seinen Kunden, sondern auch mir als Leser empfiehlt. Paulini ist ein geradliniger Mensch, er hat bestimmte Ansichten von seiner Zukunft, zu dem der Wunsch gehört, vom Lesen zu leben genauso wie seine Erwartung an eine Ehefrau. An Aussagen zur politischen Lage hat er kein Interesse, stattdessen steckt er seine ganze Energie in die Vermittlung von Büchern an seine Kunden. Dabei sollen es vor allem die Klassiker sein, die jeder kennen sollte. Nur widerwillig beachtet er Neuerscheinungen.

Das Adjektiv rechtschaffen, wie es im Titel genutzt wird, trifft auf Paulini in besonderer Weise zu. Im Zeitablauf erfordern jedoch familiäre und gesellschaftliche Ereignisse unangenehme Entscheidungen von ihm, die er meistert. Für mich als Leser war es nachvollziehbar, dass er sich immer mehr als Opfer der Umstände betrachtet und seine Gelassenheit nur noch nach außen sichtbar ist, während es in seinem Innern brodelt, doch das ist nur Spekulation.

Die Veränderung der Erzählperspektive verdeutlicht, dass die Erzählung über eine Person durch Dritte gespickt ist mit vielen Einflüssen und dadurch ein reales Bild nicht möglich ist. Es kann als Außenstehender nur ein Versuch sein, dass Verhalten eines Menschen zu erklären, durch seine Äußerungen und seine Handlungen. Doch unsere Gesellschaft neigt zur Vorverurteilung und Schubladendenken.

Meisterhaft zeigt Ingo Schulze in seinem Roman „Die rechtschaffenen Mörder“ dem Leser, wie schwierig es ist, sich eine umfassende, ehrliche und faire Meinung zu bilden. Durch unterschiedliche Erzählperspektiven führt er dem Leser vor, wie subjektiv, manchmal borniert der Eindruck von uns in der Öffentlichkeit entsteht. Einige Fragen bleiben offen und warten darauf, vom Denken des Lesers gefüllt zu werden. Gerne vergebe ich hierzu eine Leseempfehlung.

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