Die Beständigkeit der Liebe: Lebenskluges Buch über das Altwerden
Seit ich Natascha Wodins berührendes Buch „Sie kam aus Mariupol“ gelesen hatte, bin ich ein großer Fan dieser Autorin und habe mich daher sehr über diese Neuveröffentlichung gefreut.
In „Die späten Tage“ ...
Seit ich Natascha Wodins berührendes Buch „Sie kam aus Mariupol“ gelesen hatte, bin ich ein großer Fan dieser Autorin und habe mich daher sehr über diese Neuveröffentlichung gefreut.
In „Die späten Tage“ schrebit sie sehr ehrlich, poetisch und unbeschönigt über das Älterwerden und das unausweichliche Sterben.
„Ich glaube, dass niemand weiß, wie man alt wird. Niemand hat uns das gesagt, niemand hat uns darauf vorbereitet. Alle werden vom Alter überrumpelt und sind ratlos, auf einem fremden, unergründlichen Gelände, von dem man nicht weiß, ob es Wirklichkeit ist oder ein Traum. Man weiß nur, dass man aus diesem Alptraum nie mehr erwachen wird.“
Aber es geht auch um ihre späte Liebe zu einem Mann namens Friedrich, über ihre nicht immer einfache Beziehung und um widersprüchliche Gefühle.
„Ich weiß nicht, wie es möglich ist, dass Friedrich sich einst in dieses Haus verlaufen hat. Und ich weiß auch nicht, wie es möglich ist, dass ich mich hierher verlaufen habe. Weil ich nicht wusste, wohin ich sonst gehen sollte? Weil Friedrich meine einzige Möglichkeit war? Im Grunde ist es nichts Neues für mich, was ich jetzt erlebe. Es war immer schon so bei mir. Ich war immer in der Fremde, ich konnte nie bleiben und nie gehen so sehr ich es auch wollte.“
Natascha Wodin blickt auf ihr bisheriges Leben zurück; die Texte sind eine gelungene Mischung aus Erinnerungen, Rückblicken sowie aktuellen Beobachtungen.
Und auch, wenn ich noch längst nicht im Alter der Autorin (sie ist gerade 80 geworden) bin, haben mich viele ihrer Worte zum Nachdenken gebracht.
„Die gegenständliche Welt ist nicht für alte Menschen gemacht, der Alltag in dieser Welt wird zu einer ständigen Überforderung, zum Dauerstress, zu einer Leistung, die man nicht mehr erbringen kann. Und damit verbunden ist die Scham darüber, dass man es nicht mehr kann, dass man es immer weniger kann, weil man immer schwächer, hilfloser und konfuser wird. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich alte Menschen in meinen jungen Jahren wahrgenommen habe. Ich fühlte etwas zwischen Grauen, Mitleid, Verständnislosigkeit und Aversion bei ihrem Anblick, und ich hielt es für ausgeschlossen, dass ich irgendwann genauso werden würde wie sie. Jetzt fühlen und denken junge Menschen genau dasselbe von mir, wenn sie mich sehen.“
Niemand denkt gerne über den eigenen Tod nach, wie auch die Autorin klug erkannt hat:
„Bisher sind alle Menschen, die geboren wurden, gestorben. Zum jetzigen Zeitpunkt sollen über acht Milliarden Menschen auf der Erde leben. Sie werden ebenfalls alle sterben. Ich auch? Manchmal denke ich immer noch, nein, das wird mir nicht passieren, irgendwie werde ich davonkommen, das ist mir doch bis jetzt immer gelungen. Warum können wir alle nicht glauben, dass wir sterben müssen? Weil der Gedanke unerträglich ist oder weil uns ein natürlicher Instinkt sagt, dass es den Tod nicht gibt?“
Natascha Wodins Worte haben mich oft tief berührt:
„Ich kann kein neues Leben mehr anfangen, dazu ist es zu spät, ich kann nur noch bleiben, wo ich bin und mich in der Beständigkeit der Liebe üben.“
Das Buch mag keine „leichte Kost“ sein, aber ich habe jede Seite genossen. So klug und vielschichtig - und hoffentlich noch nicht das letzte Werk dieser großartigen Schriftstellerin!
Vielen Dank an den argon Hörbuch-Verlag und an NetGalley für das Rezensionsexemplar!
Martina Gedeck liest wirklich grandios; fast könnte man vergessen, dass sie nicht über ihr eigenes Leben spricht. - Nur leider sind Hörbücher einfach nichts für mich; ich brauche das geschriebene Wort von meinen Augen.
Daher habe ich mir gleich darauf das Buch noch selbst gekauft. So gefiel mir „Die späten Tage“ noch viel besser und ich vergebe 5 Sterne und eine unbedingte Leseempfehlung für dieses kluge Buch!