Roman - Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2025 - »Einer der schönsten Romane des Jahres.« Stefan Kister, Stuttgarter Zeitung
Ausgewählt als einer der »100 besten Romane des Jahres.« DIE ZEIT
Wie bleiben wir menschlich, wenn das Leben immer härter wird? Der neue Roman der Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin. Eine Kleinstadt in der norddeutschen Provinz. Sechs Menschen, die ein neues Kapitel in ihrem Leben aufschlagen. Ein Tag, der alles verändert.
Nebel liegt über den Feldern und dem Kanal. Es ist, als ob der Winter nicht zu Ende gehen will in der kleinen Stadt Lasseren im Emsland. Hier auf dem platten Land ist jahrein, jahraus nicht viel los. Wer Arbeit sucht, kommt an Möllring nicht vorbei, dem riesigen Geflügelschlachthof am Stadtrand. Für eine Handvoll Menschen beginnt dieser Montagmorgen mit großen Erwartungen. Sonia, alleinerziehende Mutter, hofft auf einen Job weit weg vom Hühnchen-Zerlege-Fließband. Für die junge Ingenieurin Anna steht mit dem Testlauf eines neuen Automatisierungsverfahrens bei Möllring so gut wie alles auf dem Spiel. Merkhausen wiederum, verlassener Ehemann mit einem Faible für Polinnen und zuständig für die Prozessoptimierung im Schlachtbetrieb, fiebert einem Date am Abend entgegen. Und dann ist da noch der geflüchtete Afghane Nassim, der sich in eine Affäre mit der zwanzig Jahre älteren Justyna verstrickt und fest daran glaubt, dass seine Gedichte die deutschen Beamten erweichen werden. Um diese zu übersetzen, ist Roshi, deutsch-iranische Autorin, extra aus Köln angereist. Als ein rücksichtsloser Fahrradfahrer dem sehbehinderten Mann mitten im Ort den Blindenstock kaputt fährt, bringt Nassim es mithilfe des örtlichen Radiosenders nicht nur zu lokaler Berühmtheit. Er bringt auch die Menschen dazu, der eigenen Wahrheit ins Auge zu sehen.
Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Nava Ebrahimi taucht ein in das Leben einer kleinen Stadt im Emsland und verknüpft die Geschichten von sechs Menschen zu einem mitreißenden Gesellschaftsroman über die Frage: Wie bleiben wir menschlich, wenn das Leben immer härter wird?
Das wirklich Gelungene an diesem Roman ist, dass die Geschichte an nur einem Montag spielt, dem Leser aber eine solche Menge an Details aus den Lebensgeschichten der sechs Protagonisten präsentiert wird, ...
Das wirklich Gelungene an diesem Roman ist, dass die Geschichte an nur einem Montag spielt, dem Leser aber eine solche Menge an Details aus den Lebensgeschichten der sechs Protagonisten präsentiert wird, dass er meint, über einen viel längeren Zeitraum zu lesen. Die Romanfiguren sind sämtlich über eine im Emsland befindliche Geflügelschlachterei verwoben. Viele von ihnen haben einen Migrationshintergrund, alle ihre persönlichen Probleme: Der sehbehinderte afghanische Flüchtling Nasrim, der unbedingt in Deutschland bleiben will; seine polnische Hausmitbewohnerin und Geliebte Justyna mit Geldnöten; der von ihr in einer Dating-App kontaktierte Mitarbeiter der Fabrik Peter mit einem Faible für polnische Frauen; die allein erziehende und in der Fabrik am Band stehende Sonia; die iranische Autorin Roshi, die für Nasrin Gedichte übersetzen soll. Hinter jeder Person steht ein ureigenes berührendes Schicksal. Darüber hinaus greift der Roman Aktuelles auf wie z.B. den Widerstand von Tierschützern, und vermittelt fundierte geschichtliche Kenntnisse, etwa über Polen und seine Berührungspunkte gerade zum Emsland. So erst habe ich erfahren, dass es dort nach dem Zweiten Weltkrieg für mehrere Jahre eine von den Briten begründete polnische Enklave gab. Alle Romanfiguren kommen abwechselnd zu Wort, was die Geschichte belebt.
Ein lesenswerter Roman.
Sie ist gerade aus dem Zug gestiegen und steht im Nirgendwo an einem Bahnsteig. Sprühregen bedeckt ihr Gesicht. Für Köln-Ehrenfeld ist sie richtig gekleidet, aber nicht für Lasseren im Emsland. ...
Roshi
Sie ist gerade aus dem Zug gestiegen und steht im Nirgendwo an einem Bahnsteig. Sprühregen bedeckt ihr Gesicht. Für Köln-Ehrenfeld ist sie richtig gekleidet, aber nicht für Lasseren im Emsland. Laut Handy ist es eine Stunde zwölf bis zu ihrer Pension. Sie läuft über die Fußgängerbrücke zur Bushaltestelle, den Rollkoffer hinter sich herziehend. Der 16 Uhr 5 Bus ist gerade weg. Sie will keine Stunde warten. Also läuft sie die Landstraße entlang. Der Wollmantel hat sich mit Wasser vollgesogen und hängt ihr schwer auf den Schultern. Ein Auto nach dem anderen überholt sie. Sie hofft, dass sie sich nicht erkältet, denn mit schwerem Kopf kann sie Nassim nicht helfen.
Sonia
Wie jede Nacht träumt sie von Hühnern. Als sie mit trockener Kehle in Rückenlage aufwacht, ist es noch stockdunkel. Sie hört Polizeisirenen, quietschende Autoreifen und Schüsse und weiß, dass Leonie am PC sitzt, obwohl sie ihr das an Schultagen verboten hat. Sie versuchte zu atmen, wie die Ärztin es ihr geraten hat, aber die Brust blockiert sie. Sie versucht sich auf das kommende Bewerbungsgespräch zu konzentrieren, will vom Möllringschen Fließband in die Lohnbuchhaltung wechseln. Es ist fast unmöglich für Sonia in Lasseren überhaupt Arbeit zu finden. Sie hat zwei abgebrochene Berufsausbildungen, zwei Kinder, einen Ex-Mann, auf den sie sich nicht verlassen kann. Drei Monate wollte sie maximal in der Geflügelfabrik am Band stehen, aber dann boten sie ihr in dem firmeneigenen Kindergarten einen Platz für Luca an. Nach der Trennung von Christian blieb ihr gar keine andere Wahl. Christians Oma Ruth schickt ihr jeden Monat dreihundert Euro für die Kinder. Sie würde die Kinder gerne öfter zu Ruth bringen, auch über Nacht. Dann könnte sie sich einmal wieder richtig volllaufen lassen, im Morgengrauen nach Hause wanken, sich etwas aus dem Kühlschrank in den Mund stopfen und angezogen aufs Bett fallen, aber Ruth vergisst die Namen von Leonie und Luca und spricht nur noch von Polen.
Fazit: Die Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Nava Ebrahimi hat sich mit den gesellschaftlichen Fallstricken auseinandergesetzt. Sie verhandelt die mangelnde Empathie für die Mitmenschen, deren Leben nicht in geordneten Bahnen verläuft. Da ist der fast blinde Nassim, der gerade den beschwerlichen Weg aus seiner Heimat Afghanistan hierher genommen hat. Er möchte die deutschen Einwanderungsbehörden mit seinen Gedichten davon überzeugen, dass er einen gesellschaftlichen Wert hat. Dabei soll ihm die deutsch-iranische Autorin Roshi helfen. Die Polin Justyna ist zwanzig Jahre älter als Nassim und fühlt sich körperlich von dem feinfühligen Mann angezogen. Sonia arbeitet Vollzeit am Fließband und ist mit Alltag und pubertierender Tochter heillos überfordert. Die junge Ingenieurin Anna soll die Geflügelfleischproduktion optimieren und trifft auf alte weiße Männer in den Führungsetagen. Einer davon, Peter Merkhausen, der einen Faible für polnische Frauen hat. Die Autorin hat ein herrlich alltägliches Montagsszenario geschaffen und alle ahnungslosen Beteiligten miteinander verbunden. Sie zeigt anhand diverser Vorfälle die großen und kleineren Probleme ihrer Darsteller, die statt Mitgefühl zu erzeugen von ihren Mitmenschen gemobbt werden. Die gesellschaftliche Verrohung, jeder ist sich selbst der Nächste, ist gut eingefangen. Ganz nebenbei hat sie ein wichtiges Stück polnischer Geschichte im Emsland aufgearbeitet. Trotz der verschiedenen Themen ist die Autorin ihren Figuren und deren Weg treu geblieben. Und das hat mir gut gefallen.
In einem kleinen Ort im Emsland werden in der Geflügelfabrik Möllring täglich 650.000 Hühner geschlachtet. Hier begleitet Nava Ebrahimi sechs ganz unterschiedliche ...
UND FEDERN ÜBERALL
Nava Ebrahimi
ET: 29.8.25
In einem kleinen Ort im Emsland werden in der Geflügelfabrik Möllring täglich 650.000 Hühner geschlachtet. Hier begleitet Nava Ebrahimi sechs ganz unterschiedliche Menschen durch einen einzigen Tag – Menschen, deren Leben auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben und die doch auf vielfältige Weise miteinander verknüpft sind.
Da ist zum Beispiel Sonja, die längst von Hühnern träumt. Eigentlich wollte sie nie in der Fabrik arbeiten – es sollte nur eine Übergangslösung sein, bis sich etwas Besseres findet. Doch dann durfte ihr kleiner Sohn in den betriebseigenen Kindergarten, und der war außergewöhnlich gut. Wie hätte sie ihn da wieder herausnehmen können? Nun steht sie Tag für Tag am Fließband, verdient wenig und sieht auch in ihrer Zukunft vor allem: Huhn. Ihre ältere Tochter wiederum begegnet ihr mit Schweigen – ein stiller Protest gegen all den Frust, den sie aus der Schule mitbringt. Heute Nachmittag will Sonja sich für einen Job in der Verwaltung bewerben und ihr Leben ändern ...
Sonja ist nur eine von sechs Stimmen, die Ebrahimi in diesem Roman zu Wort kommen lässt. Sie erzählt von Migration, vom Alltag Alleinerziehender, von Selbstbestimmung und von den leisen wie lauten Kämpfen des Lebens. Jede Figur bekommt ihren eigenen Raum, ihre eigene Sprache – das hat mir besonders gut gefallen.
Allerdings gab es für mich auch einige Längen, vor allem in der Geschichte von Peters Großmutter, die mich irgendwann etwas verloren hat. Trotzdem: Und Federn überall ist ein eindringliches Buch über Menschen, die noch auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt sind – und darüber, wie schwer dieses Suchen sein kann.
Fazit:
Ein kluges, fein beobachtetes Buch über das Leben am Rand und die Sehnsucht nach einem „Mehr“. Sehr Empfehlenswert!
3,5 /5