Spionin der Oberfläche
Die SpioninVorab: Ich kenne mich absolut nicht mit Mata Hari aus. Zwar weiß ich ungefähr, wer sie war und aus welchem Grund sie hingerichtet wurde, aber ich bin ohne großes Hintergrundwissen an diese Lektüre herangegangen ...
Vorab: Ich kenne mich absolut nicht mit Mata Hari aus. Zwar weiß ich ungefähr, wer sie war und aus welchem Grund sie hingerichtet wurde, aber ich bin ohne großes Hintergrundwissen an diese Lektüre herangegangen – und habe nach dem Umblättern der letzten Seite leider auch nicht viel mehr dazugelernt.
Ob das die falsche Erwartungshaltung war? Die, etwas erfahren zu wollen? Ich weiß es nicht, wahrscheinlich. Aber als ich ungefähr bei der Hälfte des Buches realisierte, dass ich mich mehr auf die poetische Sprache und Aufmachung konzentrieren sollte als auf den tatsächlichen Inhalt, half mir das trotzdem nicht.
Paulo Coelho kannte ich bis jetzt noch nicht. Auf den letzten 10 (!) des Buches konnte ich mir jedoch dank ausführlicher Informationen zu seinen anderen Werken allerdings einen Eindruck verschaffen und gehe nun davon aus, dass „poetische Sprache“ ein grundlegendes Merkmal seines literarischen Schaffens ist. In „Die Spionin“ fand ich sie in der Leseprobe gut; im weiteren Verlauf erschien sie oft aus dem Zusammenhang gerissen. Charaktere hielten mal eben seitenlange Ansprachen über das Leben und Leiden, zwar sehr anmutig ausformuliert, aber dadurch ging auch einiges an Überzeugungskraft verloren. Immerhin laufen einem nicht oft Menschen über den Weg, die solche Monologe in Wirklichkeit halten würden. Mein kritisches Urteil diesbezüglich wird aber ein wenig dadurch abgeschwächt, dass die vorliegende Geschichte in Briefform verfasst wurde. Damit hatte nicht nur der „reale Autor“, sondern auch (die fiktive) Mata Hari freie Gestaltungsmöglichkeiten und entschied sich wohl dazu, das Geschriebene möglichst zusammengefasst und literarisch ansprechend zu halten.
Besonders schade fand ich, dass „Die Spionin“ nur die Spitze des Eisberges darstellt. Natürlich kann man nicht alle Hintergrundinformationen darin verarbeiten und natürlich ist das keine wissenschaftliche Abhandlung und natürlich wäre auch etwas Vorwissen über den damals herrschenden Krieg, seine Ursachen und Folgen praktisch (womit ich übrigens vor dem Lesen nicht gerechnet hätte). Trotzdem missfiel mir die Art, wie im Roman gesprungen wurde. Mal war Mata Hari in den Niederlanden, mal in Frankreich, dann reiste sie zurück, dann wieder dorthin… Schnell verlor ich den Überblick, nicht nur über ihre Reiserouten, sondern auch über ihre Gründe dafür. Am Rande kamen regelmäßig neue Liebeleien und Affären hinzu. Warum? Weiß man nicht so genau. Aus Eigennutz? Aus Liebe? Mata Hari war und bleibt für mich ein undurchdringlicher Nebel. Leider, muss ich sagen, denn ich hatte mir ursprünglich erhofft, mehr über sie und das, was sie im Leben antrieb, zu erfahren.
Mein bleibender Eindruck ist neutral. Bei einem Preis von stolzen 19,90€ hätte ich mir mehr Tiefe, Materialien, Quellen, Fotos gewünscht; mehr Zusammenhänge, Erläuterungen und Einblicke. Aber ich bereue es nicht, „Die Spionin“ gelesen zu haben. Womöglich eröffnen sich dem Leser einige Aspekte erst beim erneuten Lesen, Blättern und Nachdenken und sicherlich ist das Leseerlebnis auch von der eigenen Stimmung abhängig. Denn Poesie – und die findet man in „Die Spionin“ zuhauf; mal unterschwellig, mal explizit – ist nicht zuletzt das, was der Leser daraus macht.