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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.11.2021

Alles, was da krabbelt und fliegt

Mein Insektenhotel - Biene, Schmetterling und Käfer
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Mit dem vorliegenden Buch haben sowohl Autorin als auch Verlag ein echtes Kleinod für Kinder vorgelegt. Es ist ein stabiles Pappbuch, das auch den Kleinsten mit ihren Knubbelfingern erlaubt, es anzutatschen ...

Mit dem vorliegenden Buch haben sowohl Autorin als auch Verlag ein echtes Kleinod für Kinder vorgelegt. Es ist ein stabiles Pappbuch, das auch den Kleinsten mit ihren Knubbelfingern erlaubt, es anzutatschen und auch mal fallen zu lassen. In ihm wird beschrieben, welche herkömmlichen Insekten in unserem Garten kreuchen und fleuchen.

Dabei gibt es viele Klappen zum Öffnen und Erleben, zum Anschauen und schlussendlich auch zum Lernen. Die Texte dazu sind kurz, verständlich und kindgerecht gehalten.

Richtig gut gefallen haben mir auch die Zeichnungen. Die waren einerseits schön und für Kinder ansprechend gestaltet, aber trotzdem nicht kitschig, sondern eher authentisch. Da hat eine Spinne nun mal keinen süßen Knuddelkörper mit Walt-Disney-Kulleraugen, sondern wird so dargestellt, wie sie ist. Gleiches gilt auch für die Bienen, Wespen, Ameisen, Schmetterlinge und was sonst noch vorgestellt wird.

Auch die Aufmachung wie ein Haus/Hotel ist passend zum Thema gewählt und ich finde, in der heutigen Zeit kann man gar nicht früh genug damit anfangen, die Kinder für die Nützlichkeit der Insekten zu sensibilisieren. Schönes Buch, schön aufbereitet.

Veröffentlicht am 22.11.2021

Die Samin und der Gand

RAVNA – Tod in der Arktis
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Norwegen, Polarkreis: Wenige Tage, bevor die unendlich erscheinende Polarnacht beginnt, wird in Vardø eine Leiche gefunden. Ausgerechnet am ersten Tag von Ravnas Praktikum bei der Polizei. Die junge, achtzehnjährige ...

Norwegen, Polarkreis: Wenige Tage, bevor die unendlich erscheinende Polarnacht beginnt, wird in Vardø eine Leiche gefunden. Ausgerechnet am ersten Tag von Ravnas Praktikum bei der Polizei. Die junge, achtzehnjährige Samin ohne Berufserfahrung erkennt das Mordopfer. Es handelt sich um Olle Trygg, den reichsten Samen der Gegend. Er war ein widerlicher, verabscheuungswürdiger Mann ohne Freunde, aber mit vielen Feinden. Doch Ravna erkennt noch am Tatort, dass der Mörder Same sein muss oder jemand mit viel Wissen über die samische Lebensweise. Mit ihrem Hintergrund und ihrem jugendlichen Elan wird sie bald unersetzbar für Rune Thor, den brillanten, aber kaputten Ermittler aus Kirkenes ...

Ich gebe zu, ich habe noch nie ein Buch der Autorin gelesen, das mir jemals gefallen hätte, aber hier hatte sie mich quasi von Seite 1. Sie schafft eine ruhige, unaufgeregte Atmosphäre der Polarnacht und bringt viel Wissen über die Samen und deren Lebensweise mit ein. Ravna ist eine junge Frau, die mir mit ihrer Sturheit, ihrer Überzeugung und ihrem Engagement gut gefallen hat, selbiges gilt auch für Thor, auch wenn man es bei dem nicht ganz so dick hätte auftragen müssen. Die Auflösung des Falles fand ich ein bisschen schade, aber dennoch relativ überzeugend und das Ganze hat mir Spaß gemacht zu lesen, sodass ich wirklich hoffe, die Reihe wird fortgesetzt.

Veröffentlicht am 19.11.2021

Ein dunkler Fleck

Das Geheimnis
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1975. In einer Kommune am Chiemsee lebt Helga, eine Künstlerin Anfang der 50. Sie hat vor Jahren ihre neunjährige Tochter Ulla verlassen und zeichnet seitdem düstere Bilder. Eines Tages ist sie tot - erschossen. ...

1975. In einer Kommune am Chiemsee lebt Helga, eine Künstlerin Anfang der 50. Sie hat vor Jahren ihre neunjährige Tochter Ulla verlassen und zeichnet seitdem düstere Bilder. Eines Tages ist sie tot - erschossen. Doch warum hat sie Selbstmord begangen?

2020. Ulla ist eine ältere Frau, die sich vor wenigen Jahren von ihrem Mann getrennt hat. Ihrer Mutter Helga konnte sie nie vergeben, sie im Stich gelassen zu haben. Doch dann führt sie das Schicksal in die ehemalige Kommune und plötzlich erfährt sie Dinge über ihre Mutter, die sie nie gewusst hatte. Dinge, die bis in die Kriegszeit zurückreichen und ein ganzes Leben überschatteten.

Ich kannte von Ella Sandberg noch keine Bücher, allerdings die Krimis derselben Autorin unter ihrem Klarnamen. Ich war also gespannt, wie sie diese Familiengeschichte vor uns ausbreiten würde. Leider muss ich anmerken, dass gerade die Abschnitte, die in der Jetztzeit spielen, eher zäh und langatmig daherkamen und mich auch Ullas Probleme nur wenig zu fesseln vermochten. Hauptsächlich deshalb, weil ich diese Dinge weder als Probleme empfinde unter den Umständen, in denen sie lebte. Bei den Rückblicken zu Helga hingegen war ich wirklich mittendrin. Besonders gut empfand ich dabei den Kunstkniff, eben nicht chronologisch vorzugehen, sodass man in der Hinsicht immer unter Spannung gehalten wurde. Fast schon genervt war ich dann jedes Mal, wenn ich zu Ulla und ihrem Erzählstrang zurückkehren musste.

Im Großen und Ganzen empfand ich zwar die Prämisse des Romans als interessant, die Umsetzung jedoch nur bedingt gelungen. Vielleicht bleibe ich besser bei den Krimis der Autorin.

Veröffentlicht am 11.11.2021

Die Poesie des Todes

Stadt der Mörder
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Paris, 1924: Während die einen in ihren Köpfen noch immer die Schrecken des Krieges durchleben, versuchen die anderen, das Leben als ständige Feier zu betrachten. In diese brodelnde Metropole verschlägt ...

Paris, 1924: Während die einen in ihren Köpfen noch immer die Schrecken des Krieges durchleben, versuchen die anderen, das Leben als ständige Feier zu betrachten. In diese brodelnde Metropole verschlägt es Lysanne, eine junge Frau vom Land, die auf der Suche nach ihrer Schwester ist. Zur selben Zeit muss Lieutenant Vioric den grausamen Mord an einem adligen Jugendlichen aufklären. Beide führt ihr Weg zu den Surrealisten, eine Gruppe junger, rebellischer Dichter und Denker, die sich den althergebrachten Konventionen verweigern und dafür als Aufrührer angesehen werden. Doch ausgerechnet aus dieser Gruppe erhält Vioric den ersten vernünftigen Anhaltspunkt seiner Ermittlungen und auch Lysanne muss ihre Naivität verlieren, um nicht nur die Nächte, sondern auch das ganze mörderische Paris zu überleben ...

Von der ersten Seite an versteht es die Autorin, mit geradezu poetischer Schönheit die Hässlichkeit und Zerstörung, die ein Krieg gebiert, vorzuführen. Paris, die schöne, dreckige Stadt der Nacht, erwacht vor unseren Augen und deutet auf all die intriganten und versteckten boshaften Dinge, die so menschlich sind wie der Krieg. Ganz nebenbei erhält man einen Einblick in die Goldenen Zwanziger, die Surrealisten, die Art, wie bei der Polizei gearbeitet wird. Und man trifft auf zerstörte Seelen, die einfach nicht mehr zu retten sind, genauso wie Seelen, die hätten gerettet werden können, aber sehendes Auges dem Untergang preisgegeben wurden.

Ich habe jedenfalls das Eintauchen in diese Zeit und diese Umgebung sehr genossen und würde es gern sehen, dass diese Reihe fortgesetzt wird.

Veröffentlicht am 06.11.2021

Hail Mary

Game Changer – Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, alles falsch zu machen
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Der siebzehnjährige Ash ist ein durchschnittlicher Junge. Weiß, hetero, anständig, Mitglied einer Footballmannschaft. Er lebt in geordneten Verhältnissen und hält sich für aufgeklärt und tolerant. Doch ...

Der siebzehnjährige Ash ist ein durchschnittlicher Junge. Weiß, hetero, anständig, Mitglied einer Footballmannschaft. Er lebt in geordneten Verhältnissen und hält sich für aufgeklärt und tolerant. Doch dann kommt der Tag, als er plötzlich zum Mittelpunkt der Welt wird - ohne eigenes Zutun und ohne die Chance, diese Funktion abzulehnen. Und plötzlich befindet er sich in einer Realität, in der die Rassentrennung wieder existiert: Und er ist verantwortlich dafür. Ein paar gedankenlose Gedanken, einmal nicht gedacht und schon ist es passiert. Schnell erkennt Ash, dass alles, was er tut, Auswirkungen hat und natürlich versucht er, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Doch je mehr er sich bemüht, desto schlimmer werden die Realitäten, die er erschafft und er erkennt, dass es keinen Sinn hat, andere Realitäten zu suchen. Was er finden muss, ist nichts weniger als die Menschlichkeit in sich selbst und in uns.

Was für ein Buch, was für ein Ritt! Shusterman schneidet auch wirklich jedes relevante Thema unserer Zeit in diesem Buch an: Rassismus, Homophobie, Klimawandel, Corona, Diskriminierung von Frauen. Und auch wenn einige Rezensenten ihm vorwerfen, er würde dabei nicht in die Tiefe gehen, so finde ich, dass ihm das sehr gut gelingt, besonders, wenn man bedenkt, dass es sich hier um ein Jugendbuch handelt. Er versucht sich auch nicht an völliger Einfachheit: Wer sich für das Thema interessiert, soll bitte seinen A... hochkriegen und sich selbst damit beschäftigen. Mich haben seine Anregungen extrem zum Nachdenken gebracht, gerade auch über meine Werte, was Moral betrifft. Wie weit darf man gehen, um besser zu sein? Um es besser zu machen? Heißt es nicht, der Weg in die Hölle sei mit guten Absichten gepflastert?

Das Einzige, was mich manchmal ein bisschen gestört hat, war, dass Ash, gerade zu Anfang, viel zu reflektiert schien in einer völlig unglaublichen Situation. Und eventuell ein paar philosophische Glückskekssprüche hätten weniger sein können. Andererseits erreicht man Leute erfahrungsgemäß weniger durch Subtilität, sondern eher durch die Holzhammermethode. Wenn es nach mir ginge, müsste dieses Buch auf der ganzen Welt als Schullektüre geführt werden, denn es bietet jede Menge Gesprächsbedarf und Diskussionsstoff. 4,5/5 Punkten.