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Veröffentlicht am 09.09.2025

Mahnmal für eine tote Schwester

Lilianas unvergänglicher Sommer
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Dreißig Jahre nach dem Tod der zwanzigjährigen Liliana drängt es die ältere Schwester, sich mit diesem brutalen, doch vorhersehbaren Mord auseinanderzusetzen. Klarsichtig und schonungslos ersteht das Porträt ...

Dreißig Jahre nach dem Tod der zwanzigjährigen Liliana drängt es die ältere Schwester, sich mit diesem brutalen, doch vorhersehbaren Mord auseinanderzusetzen. Klarsichtig und schonungslos ersteht das Porträt der zutiefst frauenfeindlichen Gesellschaft Mexikos, in der Lilianas Tod beileibe kein Einzelfall ist, aber von der renommierten Autorin Cristina Rivera Garza klarsichtig, subtil, sensibel aufgearbeitet wird.

Ganz unterschiedliche Aspekte werden dabei berücksichtigt: der soziologischen Perspektive wird Rechnung getragen, indem die bahnbrechende Studie einer US-amerikanischen Krankenschwester herangezogen wird, die aus ihrer praktischen Arbeit heraus ihre Beobachtungen systematisiert als einen praktischen Leitfaden zum Umgang mit drohenden Femiziden veröffentlichte.

Politisch ist Garzias Darstellung ihres vergeblichen Versuchs, innerhalb der desinteressierten Justiz und Verwaltung der Unterlagen und Akten habhaft zu werden.

Doch menschlich ergreifend sind die Protokolle der Nachforschungen bei den Freunden und Studienkollegen, die ein lebenspralles Bild einer um Unabhängigkeit ringenden jungen Frau in der patriarchalischen Gesellschaft Mexikos zeichnen. Der Partner und Ex-Partner, Freund und Ex-Freund wird als latent drohender Schatten durchaus wahrgenommen, nicht aber die in letzter Konsequenz tödliche Gefahr, die von ihm ausgeht. Wahrhaft erschütternd schließt die Wiedergabe der tiefen Verstörung der untröstlichen Eltern dieses literarische Mahnmal für die getötete Schwester ab.

Eingeschränkt wird das positive Urteil über dieses überzeugende Werk durch die Übersetzerin, die es für notwendig hält, ihre persönliche Agenda durch ihr unsägliches deutsches Gendern umzusetzen.

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Veröffentlicht am 24.07.2025

Geschundenes Land, geschundene Menschen

Wohin du auch gehst
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Dieser Roman konfrontiert den Leser mit der Darstellung von Verlusten auf allen Ebenen: Heimat, Selbstbestimmung, Identität.

Noch immer ist Afrika auf unserer Lektürelandkarte weitgehend eine terra incognita. ...

Dieser Roman konfrontiert den Leser mit der Darstellung von Verlusten auf allen Ebenen: Heimat, Selbstbestimmung, Identität.

Noch immer ist Afrika auf unserer Lektürelandkarte weitgehend eine terra incognita. Fassungslos und mit Entsetzen registriert man die Details der jüngeren kongolesischen Geschichte, nimmt tiefen Anteil am Schicksal der Protagonisten, die von diesem Strudel fortgerissen werden. Zunächst gebettet in einen Zustand von Wohlstand und gesellschaftlicher Saturiertheit, wendet sich das Blatt des persönlichen Schicksals für alle Figuren.

Immer neue Schicksalsschläge werfen die Frauen dieses Romans in Not und Verzweiflung. Politische Umstürze führen zum Verlust der Heimat, aber selbst im Exil greift die Repression durch aufrechterhaltene Traditionen. Die Wohlanständigkeit im Katholizismus im Kongo wird ersetzt durch den Psychoterror einer Freikirche in England. Sexuelle Selbstbestimmung, ja die Menschenwürde insgesamt bleiben auf der Strecke.

Durch die Bank werden die Frauen in diesem Milieu zu Opfern. Dass durchweg alle Männer in diesem Roman negativ gezeichnet sind, schmälert bedauerlicherweise die Qualität dieses außergewöhnlichen Romans. Aber das Panorama eines geschundenen Landes und seiner geschundenen Menschen bleibt lange im Gedächtnis.

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Veröffentlicht am 21.07.2025

Die Blinde und die Lahme

Der Schlaf der Anderen
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Die Anlage dieses Romans erscheint zunächst recht vielversprechend: der zunächst präsentierte Schauplatz verspricht eine Art Kammerspiel. Die eine Protagonistin versorgt in einem Schlaflabor eine an massiver ...

Die Anlage dieses Romans erscheint zunächst recht vielversprechend: der zunächst präsentierte Schauplatz verspricht eine Art Kammerspiel. Die eine Protagonistin versorgt in einem Schlaflabor eine an massiver Schlaflosigleit leidende Patientin. Alles scheint auf eine auf diametralen Gegensätzen angelehnte Konstruktion angelegt. Die Nachtwache lebt allein, es ist zunächst von keinerlei sozialen Beziehungen die Rede, seit Jahren macht sie aufgrund ihrer Berufstätigkeit die Nacht zum Tage, sie wirkt vorläufig kompetent und zupackend. Das Gegenbild liefert die Patientin: eingebunden in ein enges Netz von familiären und beruflichen Beziehungen droht sie zu ersticken. Spontan entwickelt sich eine über das berufsbedingte Maß hinausgehende Nähe. Die Ereignisse, die diese Annäherung hervorrufen, erscheinen allerdings reichlich hypertroph, unwahrscheinlich und überspannt.

Denn nach dem Ende dieser Nacht, die natürlich kein brauchbares Schlafprotokoll liefert, wendet sich der Blickwinkel, und die Lebenshypothek der Nachtwache wird sichtbar. Nun ist sie es, die unter der plötzlich sichtbar werdenden Last niedergedrückt wird und nur in der Aufgabe ihrer Tätigkeit eine Lösung sieht.

Leider ist es sehr unbefriedigend, dass dieser anfangs so strenge Aufbau des Romans aufgebrochen wird zugunsten einer überbordenden Abfolge von zunehmend skurrilen bis wirren Episoden.

Schlaflosigkeit als Symptom einer Gesellschaft, die ihre Mitglieder Überforderung und Orientierungslosigkeit aussetzt, wäre ein ausreichender Fokus, um ein erhellendes und befriedigendes Leseerlebnis zu bieten. Die beiden Hauptfiguren, in ihrer jeweiligen Verkürzung als Blinde und Lahme zu interpretieren, verkörpern in ihrer Anlage ein erschütterndes Bild weiblichen Leidens, das jedoch um einer positiven Botschaft Willen, zugunsten einer hoffnungsvollen Perspektive, zu einem geradezu süßlich-kitschigen Romanende verwässert wird.

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Veröffentlicht am 06.07.2025

Reichlich überspannt

Furye
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Reichlich überspannt das Ganze. Wäre da nicht der rüde Sprachgestus und das Übermaß an explizit dargestelltem Sex in mancherlei Spielarten, man könnte meinen, es mit einem viktorianischen Schauerroman ...

Reichlich überspannt das Ganze. Wäre da nicht der rüde Sprachgestus und das Übermaß an explizit dargestelltem Sex in mancherlei Spielarten, man könnte meinen, es mit einem viktorianischen Schauerroman zu tun haben. Einigen wir uns vielleicht auf Bonjour tristesse 2.0.

Was man der Autorin zugute halten mag, ist der ungemein ausgefeilte Plot, der in immer neuen Pirouetten die beiden dicht verwobenen Zeitebenen mit immer neuen Twists ausstattet. So haben wir es also mit dem Dreigestirn der Freundinnen Alec, Meg und Tess zu tun, deren modernistische Namen bereits an die Furien der griechischen Mythologie angelehnt sind. In abgezirkelter Weise sind diese in ihr jeweiliges Setting eingebettet: familiärer Hintergrund, soziologisch definiertes Milieu, unterschiedliche Profile hinsichtlich Aussehen, Verhalten, Temperament.

So entfaltet sich auf beiden Zeitebenen eine übermäßig düstere Leidenschaft zwischen der Erzählerin Alec und Romain, so einer Art Halbgott, ein Adonis, aber leider hochdepressiv und entsprechen destruktiv. Im Gefolge dieser dramatischen Beziehung wird der Leser mit diversen Formen von Kollateralschaden konfrontiert. Die Apotheose der Heldin erfolgt höchst überraschend, und nach 349 Seiten gemischt aus zeitweise praller Action und mittigen Längen, kommt dieser Höllenritt aus pubertärem Ennui und Lebenshunger an ein in philosophischer Gelassenheit getränktes Ende.

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Veröffentlicht am 10.06.2025

Vita navigatio

Sputnik
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Die Autofiktion mit dem Moment der Zeugung zu beginnen, ist ja nicht unoriginell, zuletzt begegneten wir diesem Kunstgriff bei Tristam Shandy. Doch zu diesen Höhen der Erzählkunst vermag Christian Berkel ...

Die Autofiktion mit dem Moment der Zeugung zu beginnen, ist ja nicht unoriginell, zuletzt begegneten wir diesem Kunstgriff bei Tristam Shandy. Doch zu diesen Höhen der Erzählkunst vermag Christian Berkel sich nicht aufzuschwingen.

Was der Leser präsentiert bekommt, ist die in der Rückschau verklärte Nostalgie der Swinging Sixties, zuzüglich die politische Zuspitzung der Studentenrevolution und das Abdriften in den Terrorismus, die sattsam bekannten Ingredienzen von sex and drugs and Rock n Roll, ergänzt durch die zugegebenermaßen verstörenden biographischen Details der Elterngeneration. Es ist aber mehr als abstoßend, wenn der mittlerweile selbst gealterte Erzähler immer noch mit dem alten Hochmut, der typischen Selbstgerechtigkeit auf diese irregeleitete Generation herabblickt. Entlarvend die Episoden des letzten Drittels, in dem die verblasene Intellektualität der zeitgenössischen Theaterboheme ausgiebig zu Wort kommt.

Wenn es im Gefolge eines zweifelhaften psychologisch motivierten Probenprocedere beim Protagonisten zu einem Rebirthing-Erlebnis kommt, erfolgt damit eine unübersehbare Verknüpfung mit der Eingangspassage. Etwas prätentiös, wenn auch gut gemacht.

Insgesamt eine wenig befriedigende Lektüre, gedanklich eher unergiebig, emotional arm.

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