Tiefgründig und überraschend
Mein zärtlicher SchattenIch bin mit einer ganz anderen Erwartung an dieses Buch herangegangen. Der Titel ließ mich zunächst an eine Liebesgeschichte denken, doch stattdessen bekam ich einen düsteren, stellenweise fast makabren ...
Ich bin mit einer ganz anderen Erwartung an dieses Buch herangegangen. Der Titel ließ mich zunächst an eine Liebesgeschichte denken, doch stattdessen bekam ich einen düsteren, stellenweise fast makabren Mix aus Fantasy und Thriller mit starker psychologischer Tiefe.
Im Mittelpunkt stehen Roos und Agnes. Zwei tragische Figuren, die von Kindheit an von allen Menschen, die sie lieben, ausgenutzt, misshandelt und im Stich gelassen werden. Beide sind überzeugt, in einem Verstorbenen bzw. einem Geist einen Freund gefunden zu haben. Dabei bleibt durchgehend offen, ob es sich um übernatürliche Ereignisse oder um Ausdruck einer psychischen Störung handelt. Gerade diese Ungewissheit hat mich fasziniert.
Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektiven von Roos, ergänzt durch Gesprächsprotokolle eines Psychiaters, der ihre Schuldfähigkeit in Bezug auf einen Mord beurteilen soll. Schon früh wird angedeutet, wohin die Handlung führt, doch die genaue Entwicklung bleibt lange im Unklaren und entfaltet ihre Wirkung eher subtil.
Der Einstieg fiel mir allerdings schwer. Die Handlung kommt nur langsam in Gang, und die Spannung ist anfangs eher gering. Stattdessen dominieren ausführliche, teils sehr grausame Schilderungen der Kindheit und der psychischen Abgründe der Figuren. Das hat zwar zur Tiefe beigetragen, ließ die Geschichte für mich aber zunächst etwas dahinplätschern, sodass ich mich stellenweise motivieren musste, weiterzulesen.
Im Verlauf konnte ich jedoch immer stärker in die Persönlichkeit von Roos eintauchen. Sie wirkt authentisch, widersprüchlich und nahbar, was mich letztlich doch an die Geschichte gebunden hat. Gegen Ende zieht die Spannung deutlich an, und der Schluss hat mich dann wirklich gepackt.
Besonders gelungen finde ich, dass auch am Ende keine eindeutige Antwort gegeben wird: Handelt es sich um eine geteilte Wahnvorstellung (Folie à deux) oder existieren tatsächlich Geister? Diese Offenheit wirkt nach und regt zum Weiterdenken an.
FAZIT: Trotz des zähen Einstiegs und der anfänglich geringen Spannung spreche ich eine Leseempfehlung aus, vor allem für Leser, die psychologisch dichte und düstere Geschichten schätzen.