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Veröffentlicht am 04.04.2026

Fünf Tage, wenig Tempo

Noch fünf Tage
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„Noch fünf Tage“ hat eine klare Ausgangslage, ene Sterneköchin wird nach einem Giftanschlag ins Krankenhaus eingeliefert und weiß, dass sie nur noch wenige Tage zu leben hat. Während sie körperlich abbaut, ...

„Noch fünf Tage“ hat eine klare Ausgangslage, ene Sterneköchin wird nach einem Giftanschlag ins Krankenhaus eingeliefert und weiß, dass sie nur noch wenige Tage zu leben hat. Während sie körperlich abbaut, versucht sie herauszufinden, wer das Gift ins Essen gemischt hat. Parallel muss sie regeln, was mit ihrer Tochter passiert.
Das Buch ist sehr eng getaktet, oft mit genauen Zeitangaben. Das funktioniert gut, weil man ständig merkt, dass die Zeit knapp wird. Die Kapitel sind kurz, dadurch liest es sich schnell weg. Man kommt ohne große Hürden durch die Geschichte.
Inhaltlich ist es aber weniger ein klassischer Thriller als eher eine ruhige, stellenweise fast sachliche Auseinandersetzung mit der Situation. Viel passiert im Gespräch oder in Gedanken. Es gibt keine durchgehende Spannung im Sinne von „man kann nicht aufhören zu lesen“, sondern eher ein konstantes Mitlaufen.
Die Einblicke in das Umfeld der reichen Familie und in den Alltag der Protagonistin sind interessant, werden aber teilweise zu detailliert. Vor allem die vielen Beschreibungen von Luxus und Essen wirken irgendwann überflüssig. Auch die Figuren bleiben etwas schwer greifbar, emotional kommt nicht alles an.
Positiv ist, dass die Auflösung nicht direkt absehbar ist. Man wird bis zum Ende nicht eindeutig in eine Richtung geführt.

Insgesamt ein solides Buch, das sich gut lesen lässt, aber nicht wirklich heraussticht. Eher ruhig erzählt, mit einer guten Idee, die nicht ganz ausgeschöpft wird.

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Veröffentlicht am 15.03.2026

Intrigen im Schatten der Fugger

Im Auftrag der Fugger - Teufelsreigen
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Historische Romane über reale Persönlichkeiten haben es nicht leicht. Entweder wirken sie schnell wie trockene Geschichtsstunden oder sie verbiegen die Fakten so stark, dass vom historischen Kern kaum ...

Historische Romane über reale Persönlichkeiten haben es nicht leicht. Entweder wirken sie schnell wie trockene Geschichtsstunden oder sie verbiegen die Fakten so stark, dass vom historischen Kern kaum noch etwas übrig bleibt. „Im Auftrag der Fugger – Teufelsreigen“ versucht einen Mittelweg und schafft es über weite Strecken tatsächlich, die Welt um Jakob Fugger lebendig werden zu lassen.
Im Zentrum steht erneut der mächtige Augsburger Kaufmann, dessen Handelsnetz sich über große Teile Europas spannt. Doch plötzlich geraten seine Geschäfte ins Wanken. Transporte werden überfallen, Boten verschwinden, Gerüchte über finanzielle Probleme machen die Runde. Hinter den Kulissen scheint jemand gezielt daran zu arbeiten, Fugger zu ruinieren. Um der Sache auf den Grund zu gehen, schickt er wieder seine beiden ungewöhnlichen Vertrauten los: Afra und Herwart.
Wer den ersten Band gelesen hat, trifft hier auf vertraute Figuren, deren Geschichte weitergeführt wird. Das hat mir tatsächlich gut gefallen, weil man ihre Dynamik bereits kennt und nun sieht, wie sie sich weiter durch Fuggers gefährliche Aufträge schlagen. Gleichzeitig funktioniert der Roman aber auch ohne Vorwissen, da die wichtigsten Zusammenhänge schnell wieder verständlich werden.
Diesmal rückt außerdem das weit verzweigte Fugger-Netzwerk stärker in den Fokus. Kontore, Handelsrouten und politische Kontakte spielen eine größere Rolle als im ersten Band. Dadurch bekommt man einen besseren Eindruck davon, wie groß der Einfluss dieses Kaufmannshauses tatsächlich war und wie empfindlich selbst ein solches Machtgefüge werden kann, wenn an mehreren Stellen gleichzeitig Druck entsteht.
Was den Roman stark macht, ist die Atmosphäre. Die Welt der Kaufleute und politischen Allianzen wirkt detailreich und glaubwürdig. Man merkt, dass der Autor sich intensiv mit der Zeit beschäftigt hat. Besonders hilfreich sind auch das Figurenverzeichnis sowie ein Glossar und ein Nachwort, das erklärt, welche Elemente historisch belegt sind und wo die Fiktion beginnt.
Für Spannung sorgt vor allem das Ermittlerduo. Afra ist eine eigenwillige Figur, die sich nicht so recht in die Erwartungen ihrer Zeit einfügt, während Herwart eher der bodenständige Gegenpart ist. Zusammen geraten sie allerdings ziemlich oft in brenzlige Situationen. Der Roman setzt stark auf Action, Verfolgungen und überraschende Wendungen. Das sorgt zwar für Tempo, wirkt auf Dauer aber etwas repetitiv und lässt manche Entwicklungen etwas konstruiert erscheinen. Mir waren es einfach irgendwann zu viele Zufälle, was mich schon irgendwann gestört hat.
Trotz dieser Schwächen bleibt der Roman unterhaltsam. Wer Freude an historischen Stoffen hat, sich für die Welt der Fugger interessiert und eine Geschichte mit viel Bewegung und Intrigen sucht, findet hier eine solide Lektüre. Etwas Straffung hätte dem Buch vermutlich gutgetan, aber das historische Umfeld und die lebendige Darstellung der Epoche machen vieles wieder wett. 3 von 5 Sternen.

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Veröffentlicht am 09.03.2026

Ein stiller Besuch in der eigenen Vergangenheit

Melken
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Manchmal sind es Orte, die einen nicht loslassen. In "Melken" kehrt Ellen nach einer Trennung an den Hof zurück, auf dem sie als Kind aufgewachsen ist. Eigentlich gehört er längst anderen Menschen ...

Manchmal sind es Orte, die einen nicht loslassen. In "Melken" kehrt Ellen nach einer Trennung an den Hof zurück, auf dem sie als Kind aufgewachsen ist. Eigentlich gehört er längst anderen Menschen und vieles ist verändert. Trotzdem bleibt sie dort, läuft durch die Räume, schläft in ihrem alten Zimmer und lässt die Vergangenheit Stück für Stück wieder auftauchen.
Der Roman erzählt weniger eine klassische Geschichte als eine innere Bewegung. Erinnerungen an das Leben auf dem Hof mischen sich mit der Gegenwart. Kühe, Stallarbeit, Gerüche, Landschaft. Alles wirkt sehr körperlich und unmittelbar beschrieben. Man merkt schnell, dass hier keine romantische Landidylle gemeint ist, sondern ein Alltag, der genauso hart wie prägend war.
Der Schreibstil ist auffällig reduziert. Viele Gedanken bleiben nur angedeutet und manches erschließt sich erst zwischen den Zeilen. Das macht das Buch interessant, aber auch nicht immer ganz leicht zu lesen. Gerade die Übergänge zwischen Erinnerungen und Gegenwart haben mich gelegentlich kurz aus dem Rhythmus gebracht.
Trotzdem entsteht eine starke Stimmung. Es geht viel um Herkunft und um die Frage, wie sehr ein Ort einen Menschen formt, selbst wenn man ihn längst verlassen hat. Gleichzeitig zeigt der Roman auch, wie fremd ein vertrauter Platz werden kann, wenn Zeit vergangen ist und sich das eigene Leben verändert hat.
Mich hat das Buch nicht in jeder Passage komplett abgeholt. Einige Stellen wirkten etwas sprunghaft und ich brauchte manchmal einen Moment, um wieder hineinzufinden. Gleichzeitig hat die Geschichte etwas Eigenes, das im Kopf bleibt.
Für mich ein ungewöhnliches Debüt, das eher von Atmosphäre und Gedanken lebt als von Handlung. Nicht ganz leicht zugänglich, aber definitiv interessant zu lesen.

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Veröffentlicht am 22.01.2026

Zwischen Pflicht und Durchhalten

Das Erbe der Drachenkrone
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Eleanor de Montfort ist keine Figur, die man bewundert, weil sie außergewöhnlich handelt, sondern weil sie durchhält. Genau das hat mich an "Das Erbe der Drachenkrone" überzeugt. Den Vorgänger "Die Tochter ...

Eleanor de Montfort ist keine Figur, die man bewundert, weil sie außergewöhnlich handelt, sondern weil sie durchhält. Genau das hat mich an "Das Erbe der Drachenkrone" überzeugt. Den Vorgänger "Die Tochter der Drachenkrone" hatte ich bereits sehr gern gelesen, und der zweite Band hat meine Erwartungen mehr als erfüllt. Erzählt wird nicht von großen Heldentaten, sondern von politischen Zwängen, verlorener Sicherheit und dem langsamen Entstehen innerer Stärke in einer Welt, die für Frauen kaum Handlungsspielraum lässt.

Eleanor wächst früh in eine Rolle hinein, die andere für sie vorgesehen haben. Verlobung, Exil und jahrelanges Warten machen sie zu einer Figur zwischen Hoffnung und Resignation. Besonders diese Phasen haben mich überzeugt, weil sie nicht als bloße Übergänge dienen, sondern einen inneren Zustand beschreiben. Als Eleanor sich schließlich auf den Weg nach Wales macht, findet sie auch den Weg zu sich selbst.

Der historische und politische Rahmen ist dicht und klar gezeichnet. Der englische König erscheint nicht als abstrakte Machtfigur, sondern als berechnender, widersprüchlicher Herrscher. Der walisische Freiheitskampf wird ohne Verklärung dargestellt. Gewalt und Grausamkeit sind präsent, werden jedoch nicht ausgespielt, sondern bleiben Teil des historischen Hintergrunds. Dadurch gewinnt der Roman an Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit.

Besonders überzeugt hat mich, wie präzise historische Fakten und fiktionale Elemente miteinander funktionieren. Die Recherche ist jederzeit spürbar, ohne den Erzählfluss oder die Geschichte zu bremsen. Der Roman bleibt ruhig, konzentriert und konsequent aus Eleanors Perspektive erzählt. Gerade diese Zurückhaltung verleiht der Geschichte Gewicht und macht sie für mich zu einer überzeugenden und stimmigen Fortsetzung des bereits starken ersten Bandes.

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Veröffentlicht am 12.01.2026

Ein Roman, der bleibt

Mein ganzes Leben, Öl auf Leinwand, ohne Titel
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Ich habe mich sehr auf diesen Roman gefreut, da ich die beiden vorherigen Bücher der Autorin sehr geliebt habe, und auch dieses Buch hat mich vollkommen überzeugt. Wie schon zuvor erzählt die Geschichte ...

Ich habe mich sehr auf diesen Roman gefreut, da ich die beiden vorherigen Bücher der Autorin sehr geliebt habe, und auch dieses Buch hat mich vollkommen überzeugt. Wie schon zuvor erzählt die Geschichte auf zwei Zeitebenen von Frauen, deren Leben von Umbrüchen, Verlusten und der Suche nach Zugehörigkeit geprägt sind.
In der Nachkriegszeit begleitet man Marlen, die als junges Mädchen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs plötzlich auf sich allein gestellt ist. Sie findet Schutz bei einer Frau, zu der sich im Laufe der Jahre ein kompliziertes, enges und zunehmend belastendes Verhältnis entwickelt. Diese Geschichte ist still, eindringlich und von einer unterschwelligen Spannung getragen. Vieles wird nicht ausgesprochen, wirkt aber umso stärker nach. Marlens Weg ist geprägt von Anpassung, Durchhaltewillen und einer leisen Stärke, die mich sehr berührt hat.
In der Gegenwart folgt man Hannah, Mitte dreißig, deren Leben nach außen eigentlich geordnet scheint. Doch als sich Freundschaften verändern, ihre beste Freundin einen ganz anderen Lebensentwurf wählt und familiäre Fragen plötzlich Raum einnehmen, gerät sie ins Wanken. Besonders eindrucksvoll fand ich, wie ehrlich dieses Gefühl beschrieben wird, stehen zu bleiben, während alle anderen scheinbar mühelos vorankommen. Hannahs Zweifel, ihre Unsicherheit und ihr Ringen um Selbstverständnis wirken sehr nah und authentisch.
Beide Erzählstränge greifen ruhig ineinander und spiegeln sich thematisch, ohne sich aufzudrängen. Die Figuren, auch die Nebenfiguren, sind fein gezeichnet und entwickeln Tiefe. Der Schreibstil ist warm, bildhaft und sehr flüssig zu lesen. Schwere Themen werden behutsam erzählt und lassen Raum für eigene Gedanken.

Als ich das Buch beendet hatte, war ich traurig, mich von diesen Figuren verabschieden zu müssen. Für mich ist dieser Roman eine klare Fünf-Sterne-Lektüre und eine große Empfehlung, besonders für alle, die die vorherigen Bände bereits ins Herz geschlossen haben.

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