Platzhalter für Profilbild

Dr_M

Lesejury Profi
offline

Dr_M ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Dr_M über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.11.2025

Wir können nicht in die Köpfe anderer Menschen schauen. Und das ist auch gut so.

Jenseits der Dinge
0


So wie es mir schwerfällt dieses Buch zu rezensieren, so muss es dem Schöpfer des Pressetextes gegangen sein. Er brauchte einen etwas reißerischen Aufmacher, den das Buch einfach nicht hergibt. Und so ...


So wie es mir schwerfällt dieses Buch zu rezensieren, so muss es dem Schöpfer des Pressetextes gegangen sein. Er brauchte einen etwas reißerischen Aufmacher, den das Buch einfach nicht hergibt. Und so kam er auf das Schauen in die Köpfe anderer Menschen. Das können wir natürlich nicht. Was die Psychologen in dieser Geschichte machen, ist etwas viel Einfacheres. Sie legen buddhistische Mönche in eine MRT-Röhre und quälen sie dann über Kopfhörer mit irgendwelchen wild zusammengestellten Geräuschen, die im Gehirn Reaktionen hervorrufen sollen. Auf ihren Bildschirmen leuchten dann Farben auf, die zeigen, wo im Gehirn solche Reaktionen stattfinden. Das ist im Grunde lächerlich, denn buddhistische Mönche müssen nichts beweisen, die Psychologie als Wissenschaft aber wohl doch.

Alles, was man von dieser Wissenschaft hört, sind Tatsachenbeschreibungen, die man auch durch gute Beobachtung erkennen kann oder schon kennt. Sie werden nur in schöne Formulierungen gepresst und mit einer Statistik untermauert, die bei genauerer Betrachtung nichts wert ist, weil entweder die Anzahl der Probanden zu gering oder ihre Auswahl nicht typisch für die Bevölkerung ist. Es sind meist aus Kostengründen nur wenige eigene Studenten.

In dieser Geschichte soll nun bewiesen werden, dass buddhistische Mönche ganz anders reagieren als der Durchschnittsmensch, der keine Zeit hat, um täglich stundenlang zu meditieren. Das hat man tatsächlich schon mit Zen-Buddhisten oder tibetischen Mönchen veranstaltet, um zu beweisen, was man sowieso schon weiß. Wäre die buddhistische Meditation nicht wirksam, wäre sie nicht über Jahrhunderte durch eine solche Praxis weitergegeben worden, sondern einfach verschwunden. Mönche haben aber ein Interesse an der Weitergabe ihrer Techniken, obwohl sie niemanden bekehren wollen, und die westliche Wissenschaft braucht irgendeine Sensation. Also trifft man sich.

Das ist der Ausgangspunkt in dieser Geschichte, in der es um buddhistische Mönche aus Südkorea geht. Sie kommen in die Schweiz in ein Team von Psychologen, das eine Studie durchführen möchte, in der das oben Beschriebene Thema ist. Die Autorin erzählt nun aus verschiedenen Sichtwinkeln, was dabei passiert, wobei es nicht nur um die Meditation und ihre Folgen geht, sondern mehr um die Zustände im Team der Psychologen.

So wie nur wenige Ärzte gesund leben, so braucht mancher Psychologe einen Psychiater, denn er kann seine Wissenschaft nicht einmal auf sich selbst anwenden. Wer das noch nicht wusste, bekommt es hier vorgeführt.

Und schließlich wird auch gezeigt, dass selbst eine diszipliniert durchgeführte ständige Meditation nicht alles reparieren kann, was dem Gehirn einmal angetan wurde. Es kommt in der Röhre ausgerechnet beim ältesten und erfahrensten Mönch zu einem Trigger durch die Geräuschkulisse, der nicht ohne Folgen bleibt.

Ein solches Buch zu schreiben, erscheint mir mutig, denn es erzählt eine Geschichte, die nur wenige Menschen tangiert. Wer sich jedoch für Meditation interessiert oder wer sich dem modernen westlichen Achtsamkeits-Hype verbunden fühlt, wird in diesem Buch sicher einige Hinweise finden, denn es berichtet auch über gewisse Methoden in diesem Zusammenhang. Gleichzeitig aber zeigt es auch, dass sie in Situationen, in denen man sie braucht, oft nicht funktionieren. Oder jedenfalls nicht so wie erhofft. Denn um sie wirklich zu beherrschen, braucht es viel Disziplin und Zeit, die der moderne Mensch nicht besitzt. Er ist eben kein Mönch mit einem strukturierten Tag und viel Zeit für Meditation.

Was nicht heißen soll, dass all diese Techniken gar nichts bringen. Aber man braucht außer Zeit eben auch viel Geduld und Gleichmut, wenn man sie erlernen möchte. Eigenschaften also, die man sich gerade ersehnt. Gott hat eben viel Humor. Und: Wenn man mit Meditation ein Ziel verbindet, wird man scheitern.

Ob nun gewollt oder nicht erzählt die Autorin auch über die gelegentliche Hohlheit des Wissenschaftsbetriebes. In diesem Fall wollen Leute eine Studie über die Wirksamkeit buddhistischer Meditation machen, haben aber keine Ahnung davon, was diese Meditation eigentlich ist. Darüber hinaus interessieren sie sich nicht für die Geschichte ihrer Probanden, obwohl sie wissen müssten, dass ihr Verfahren auch zu Triggern führen kann. Wie soll man das nennen? Unprofessionell, unethisch oder respektlos?

Ein interessantes Buch, wenn man etwas im Thema steckt.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.11.2025

Wenn das Publikum zu raunen beginnt …

Verformung
0

Dann hat der Autor dieses Romans offenbar sein Ziel erreicht. Jedenfalls kommt es mir so vor, als ob er vorhatte seine Leser zu manipulieren. Und die fallen darauf geradezu beispielhaft herein. In einer ...

Dann hat der Autor dieses Romans offenbar sein Ziel erreicht. Jedenfalls kommt es mir so vor, als ob er vorhatte seine Leser zu manipulieren. Und die fallen darauf geradezu beispielhaft herein. In einer Leserunde konnte man das gut verfolgen.

Die Geschichte ist einfach gestrickt und spielt im Spreewald, wo es nach Ansicht des Autors viele Kanäle gibt und wo irgendwie falsch gewählt wird. Die „Kanäle“ sind Seitenarme der Spree und heißen Fließe, weil sie natürlichen Ursprungs sind. Wenn man ein Spreewald-Stipendium gewonnen hat, sollte man das vielleicht wissen.

Marc hat sich eine Auszeit von seinem stressigen Beruf genommen und einen Messer-Schmiedekurs im Spreewald belegt. Der Schmied hat sein Grundstück mit einem hohen Zaun blickdicht geschützt, der selbst oder vielleicht gerade im Spreewald wohl so nicht genehmigt werden würde. Auf dem Grundstück gibt es einen Bunker und einen Störsender gegen Funkwellen. Und natürlich hat der Schmied Niels auch die Empfehlungen der Bundesregierung befolgt und sich Vorräte angelegt. Ein klassischer „Verschwörungstheoretiker“ halt. Zu den Stichworten, die der Autor noch in den literarischen Raum wirft, gehört auch das Kaufen großer Mengen Düngemittel. Es kann sich also nur um einen ziemlichen Bösewicht handeln. Oder?

Ob das tatsächlich so ist, weiß man erst, wenn man das Buch bis zum Ende durchgehalten hat. Es lebt allein von dieser langatmig aufgebauten Spannung. Zwischendrin kommt auch noch eine farbige Journalistin ins Spiel, die sämtliche Klischees bedient und den Verdacht gegen Niels noch bestärkt. Alles ziemlich geschickt gemacht, aber auch durchschaubar. Aber seltsamerweise glauben dennoch hinreichend viele Leser an den bösen Buben. Unter ihnen sind bestimmt auch Liebhaber von Kriminalromanen. Dann sollten sie eigentlich wissen, dass das scheinbar Offensichtliche niemals stimmt. Es gehört zu den Grundprinzipien solcher Bücher, den Leser gerade so an der Nase herumzuführen.

Große Literatur ist dieser Roman nicht. Seine Sprache wirkt hölzern, und die Geschichte selbst ist voller Widersprüche. Außerdem liegt die Handlung sehr nahe an der Tagespolitik. Die Figuren besitzen keine literarische Tiefe. Eine Ausnahme ist Marc. Bei den anderen hätte Versuche, ihnen Leben und Charakter einzuhauchen, das Konzept des Autors durcheinandergebracht, also die Unbestimmtheit vorzeitig aufgelöst. So lässt er den Leser mit seinen Vermutungen allein, eben wie in einem Krimi. Nur gibt es hier keine Leiche, sondern nur eine substanzlose Ahnung, die mehr oder weniger geschickt ins Spiel gebracht und am Leben gehalten wird.

Zwar kennt sich der Autor im Spreewald nicht besonders aus, dafür aber in irgendwelchen seltsamen „alternativen“ Heilmethoden, die schließlich auch noch in die Handlung einfließen, die These von der Verrücktheit mancher Person in diesem Buch stützen sollen, aber auch wenigstens eine Vermutung entschärfen.

Wenn es etwas an diesem Buch gibt, das mich überzeugt hat, dann ist es die Hauptfigur Marc. Erstens zeigt sich an ihr, dass schöpferisches Arbeiten mit den Händen den Geist beruhigt und zur Erdung und geistigen Heilung beiträgt. Zweitens aber – und das ist wohl das Wichtigste – zeigt Marc, dass man seinem Bauchgefühl standhaft trauen sollte anstatt sich von anderen manipulieren zu lassen. Und drittens gelingt es dem Autor zu zeigen, wie wahre Freundschaften entstehen: Manche Menschen finden zueinander, weil sie ohne großes Gerede eine Verbindung spüren, der sie fest vertrauen können.

Insofern besitzt das für manche überraschende Ende auch etwas wirklich Heilsames.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.10.2025

Brillante Fotos?

Salzburg
0

Wenn ein Salzburger Verlag einen Text-Bildband über Salzburg herausgibt, dann sollte man auch etwas Besonderes erwarten können. Leider trifft das hier nur bedingt zu. Auf der Buchrückseite ist von "brillanten ...

Wenn ein Salzburger Verlag einen Text-Bildband über Salzburg herausgibt, dann sollte man auch etwas Besonderes erwarten können. Leider trifft das hier nur bedingt zu. Auf der Buchrückseite ist von "brillanten Aufnahmen des Fotografen Christian Wöckinger" die Rede. Und leider waren es genau diese Fotografien, die mich irritiert haben. Erst dachte ich, dass sie ein Laie mit seinem Handy aufgenommen hat.

Oft sind die Bilder seltsam abgeschnitten und der Vordergrund fehlt (S. 97 unten). Dann verwirrt die Linienführung (127 oben). Oder der Horizont ist schief (207 oben). Dann nutzt der Fotograf recht oft lange Belichtungszeiten um Menschen unscharf zu machen, was schon eine etwas befremdliche Methode ist. Warum man auf diese Weise allerdings ein Flugzeug im Anflug unscharf machen muss, bleibt sein Geheimnis (55 oben). Ich könnte noch zahlreiche andere Beispiele anbringen. Vielleicht sollte der Fotograf auch einmal über die Wahl seiner Objektive nachdenken.

Um es kurz zu machen: Die Idee zu diesem Buch ist nicht schlecht. Fotografisch ist es keine Erleuchtung. Sehr schade.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
Veröffentlicht am 28.10.2025

Von klar bis verwunderlich

Eingewanderte Wörter
0

Bei den meisten der in diesem Büchlein vorgestellten Wörter scheint ihre fremde Herkunft klar zu sein. Da bei uns beispielsweise keine Mangos wachsen, sollte man vermuten, dass ihr Name auch aus der Fremde ...

Bei den meisten der in diesem Büchlein vorgestellten Wörter scheint ihre fremde Herkunft klar zu sein. Da bei uns beispielsweise keine Mangos wachsen, sollte man vermuten, dass ihr Name auch aus der Fremde stammt.

Schwierig wird es hingegen bei Lippe oder Kirche, denn auch diese beiden Wörter stammen ursprünglich nicht aus dem hiesigen Sprachgebrauch. Gewisse Vermischungen oder Kontakte zu fremden Kulturen hat es immer gegeben, sodass ein solcher Einfluss schließlich nicht verwunderlich ist. Sprache ist im Fluss, jedenfalls solange sie von vielen Menschen gesprochen wird.

Im Buch wird die eigentliche Herkunft vieler der aufgelisteten Wörter sehr gut erklärt. Und bei manchen von ihnen wundert man sich dann doch.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
Veröffentlicht am 28.10.2025

"Ich wurde zermürbt. Man zweifelt. Viele geben dann auf."

Der italienische Patient
0

Monatelang traf sich der Autor vor Gericht mit den Anwälten seines ehemaligen Arbeitgebers. Seine nach eigener Einschätzung ungerechtfertigte Entlassung traf ihn bereits hart. Das Verfahren jedoch raubte ...

Monatelang traf sich der Autor vor Gericht mit den Anwälten seines ehemaligen Arbeitgebers. Seine nach eigener Einschätzung ungerechtfertigte Entlassung traf ihn bereits hart. Das Verfahren jedoch raubte ihm zusätzliche Kräfte. So jedenfalls liest sich das Geschehen in seinem Buch, dessen Titel ich übrigens nicht verstanden habe.

Nachdem das Verfahren vor dem Arbeitsgericht mit einem Vergleich endete, war der Autor frei für einen Neuanfang. Doch den suchte er nicht. Stattdessen kam er auf eine Idee, die wohl nicht jeder an seiner Stelle gehabt hätte: Er wollte sich einen ungefähr 50 Jahre alten Fiat 500 in Kalabrien kaufen und dann mit dem Ding nach Stuttgart fahren. Ohne Kenntnisse der Landessprache, der Gepflogenheiten und der simplen Technik des Autos. Und deshalb mit der Aussicht auf zahlreiche Werkstattbesuche.

Nebenbei kam er natürlich noch bei einigen der vielen italienischen Sehenswürdigkeiten vorbei. Dieser Teil seiner Reise spielt aber in seinem Buch keine Rolle. Vielmehr strotzt der ganze Text nur so von Selbstbespiegelungen. Klar wird das bereits auf den ersten paar Seiten, auf denen man den beruflichen Werdegang des Autors in groben Zügen kennenlernt. Bis man dann zu seiner Entlassung kommt, hat man schon einigen Text hinter sich, der nicht wirklich interessant ist.

Eigentlich interessiert man sich doch als Leser für die Reise, wobei auch der Anlass eingeschlossen sein kann. Aber die Ausführlichkeit, mit der dann die eigenen Befindlichkeiten ausgebreitet werden, verblüfft schon etwas. Um ehrlich zu sein: Ich lese solche Reisebeschreibungen vor allem, um die Psychologie der Reisenden zu verstehen. Warum macht man so etwas? In diesem Fall geht es nicht um die Reise, sondern um einen temporär radikalen Bruch, um eine Beschäftigung mit ganz anderen Sachen als Marketing, dem Berufsfeld des Autors. Das vermeintliche Abenteuer sollte ihn von seinem gar schrecklichen Leidensdruck erlösen. Und das hat offenbar geklappt. Also war die ganze Idee für ihn eine Erlösung.

Für mich hingegen kam die Erlösung erst am Ende des Buches. Die ganze Zeit dreht sich alles um ihn und seinen Fiat, dessen Fahrverhalten, die Reparaturen und das Beschaffen von Ersatzteilen. Vermutlich war das Aufschreiben dieses Textes Teil seiner persönlichen Therapie. Dass man daran für relativ viel Geld als Leser teilnehmen kann ohne einen wirklichen Mehrwert daraus zu ziehen, wird nicht jedem gefallen. Das Buch ist also ein reichlich spezieller Reisebericht, in dem das bereiste Land kaum eine Rolle spielt.

Am Ende gibt es noch einen Nervenkitzel, der in der Frage mündet, ob der Autor in einem 17 km langen Tunnel durch die Alpen mit seinem schrottreifen Auto nicht doch noch liegenbleibt. Man weiß nicht, ob man den Mut für diese Tunnelfahrt bewundern soll oder sich besser seinen Teil denkt und schweigt.

Nicht unabsichtlich habe ich die drei Sätze aus dem Buch als Überschrift gewählt. Mich fasziniert das moderne Jammern einer gepamperten Generation, die offenbar nicht mehr weiß, was wirklicher Stress ist. Es gibt genug Gegenden in dieser Welt, die den Blickwinkel des Autors sicher nachhaltig verändert hätten. Vielleicht hätte er dorthin fahren sollen. Das wäre mit Sicherheit lehrreicher gewesen als sein eher komisches und harmloses Abenteuer.

Dieses Buch spricht zunächst an und enttäuscht dann. Jedenfalls erging es mir so.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung