Dieses Buch klang von der Beschreibung her so spannend: eine Parabel auf das "Unsichtbar-Werden" von Frauen irgendwann in den Wechseljahren, von dem mir schon so oft berichtet worden ist. Wie unangenehm ...
Dieses Buch klang von der Beschreibung her so spannend: eine Parabel auf das "Unsichtbar-Werden" von Frauen irgendwann in den Wechseljahren, von dem mir schon so oft berichtet worden ist. Wie unangenehm es sei, auf einmal speziell von Männern, aber auch sonst in der Welt, kaum mehr wahrgenommen zu werden, weniger berufliche Chancen zu haben, übergangen zu werden.
Jane Tara treibt diesen Gedanken auf die Spitze: ihre Romanheldin Tilda, Anfang 50, Mutter zweier erwachsen werdender Mädchen, wird tatsächlich unsichtbar: beginnend mit einem Ohr oder einem Finger sind immer mehr Körperteile nicht mehr optisch wahrnehmbar, auch wenn sie sie immer noch spüren und verwenden kann. Sie sucht Rat bei ihrer Gynäkologin, mit der sie gleichzeitig auch eine freundschaftliche Verbindung hat und diese berichtet, dass es tatsächlich schon einige Betroffene gäbe, aber zu dem Thema, wie bei vielen speziell Frauen betreffenden Gesundheitsthemen, wenig geforscht werde, weil wenig Mittel dafür zur Verfügung ständen.
Diese Kurzbeschreibung der ersten Kapitel zeigt schon: hier geht es in vielerlei Hinsicht um starke Gesellschaftskritik und was das angeht, hat mir das Buch auch sehr gut gefallen und vermittelt es wichtig Botschaften und macht diese sichtbar.
Geschrieben ist es auf eine leicht-locker-humorvolle Art, die sich angenehm liest. Dennoch bin ich emotional mit Tilda und auch den anderen Figuren im Roman nicht so richtig warm geworden, sie hatten für mich nicht die charakterliche Tiefe, die ich an Romanfiguren sehr schätze. Auch hat das Buch bei mir keinen Lesesog ausgelöst, sodass ich immer gespannt gewesen wäre, weiterzulesen.
Insgesamt vergebe ich also mittelmäßige drei Sterne für ein Buch mit einer tollen Idee und einer Umsetzung mit Stärken und Schwächen.
„Das Tränenhaus“ wurde von Gabriele Reuter, die auch schon für ihr in den letzten Jahren neu aufgelegtes Werk „Aus guter Familie“ bekannt ist und zu ihrer Zeit eine sehr erfolgreiche Schriftstellerin war, ...
„Das Tränenhaus“ wurde von Gabriele Reuter, die auch schon für ihr in den letzten Jahren neu aufgelegtes Werk „Aus guter Familie“ bekannt ist und zu ihrer Zeit eine sehr erfolgreiche Schriftstellerin war, im Jahr 1908 veröffentlicht. Das somit bald 120 Jahre alte Werk liest sich bis heute sehr unterhaltsam und interessant, gibt einen spannenden Einblick in historische Herausforderungen ungeplant schwangerer Frauen und regt zum Nachdenken über Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung und Klasse an.
Die Hebamme Frau Uffenbacher, „die Uffenbacherin“, betreibt in der schwäbischen Provinz, abgelegen am Land, das „Tränenhaus“, ein Haus für ungewollt schwangere Frauen. In dieses können sie einziehen, bevor die ledige Schwangerschaft und die damit zu dieser Zeit verbundene Schande für alle öffentlich sichtbar wird, später ihr Kind gebären, es zu Pflegeeltern geben und später in ihr bisheriges Leben zurückkehren und so tun, als sei nichts gewesen.
Die meisten Mädchen und Frauen, die in diesem Haus landen, sind jung, unsicher und oft auch wenig gebildet, wurden von ihrem Liebhaber im Stich gelassen oder gar von einem Fremden vergewaltigt, ihre Familien schämen sich für sie oder wissen nichts davon. Nun ist ihr Selbstwert am Boden, sie haben die urteilende Sichtweise der Gesellschaft auf sie internalisiert und das Gefühl, sich verstecken zu müssen. Niedergeschlagen ordnen sie sich der hausführenden Hebamme und den dort geltenden Regeln komplett unter.
Nicht so Cornelie. Sie ist älter als die meisten anderen Bewohnerinnen, schon in ihren 30ern, intelligent, gebildet und selbstbewusst, hat als Schriftstellerin ihr eigenes Einkommen und ist zwar manchmal voll des Zornes auf den Kindesvater, und auch ihre Mutter soll nicht unbedingt zu früh von ihrer Schwangerschaft erfahren, aber insgesamt ist sie innerlich doch weit davon entfernt, sich zu schämen.
Sie freut sich auf ihr Kind und hofft, es werde ein Mädchen werden (wie ungewöhnlich für die damalige Zeit!) und sie will es behalten und selbst aufziehen. Zuerst einmal fühlt sie sich fremd im Haus der Uffenbacherin und auch den anderen Mädchen und Frauen, die so viel weniger gebildet und reflektiert wirken als sie selbst, kaum verbunden:
„Gewiss – das machte Cornelie zur Hauptbedingung, sie durfte in keinerlei Beziehung zu diesen anderen Damen gebracht werden, sie musste ganz einsam für sich leben können.“ (S. 25)
„Auch eine Welt – auch eine Welt – dachte Cornelie, als sie wachend auf ihrem Bette lag. Und sie hatte geglaubt, etwas vom Leben zu wissen – hatte sich vermessen, Urteile zu fällen, Rätsel zu lösen, Vergleiche zu ziehen. In die Einsamkeit hatte sie zu flüchten gemeint und war, wie in alten Märchen, gleichsam in Schlaf und Traum in ein anderes Leben hinabgesunken…“ (S. 28)
Warum sie sich irgendwelchen für sie unsinnigen Regeln unterordnen sollte, etwa, tagsüber nicht in der schönen Landschaft spazieren zu gehen, damit sie keiner sehe, das kann sie nicht verstehen. Und auch sonst bietet sie der Hebamme und auch den geltenden Sitten ihrer Zeit in vielen Bereichen die Stirn, steht mutig und selbstbewusst für sich und ihr Kind ein und ist damit auch den anderen Mädchen und Frauen ein Vorbild, denen sie sich Schritt für Schritt immer mehr annähert, Gemeinsamkeiten erkennt und sich mit ihnen solidarisiert.
Ich habe diesen wieder aufgelegten Klassiker sehr gerne gelesen. Das Buch ist unterhaltsam und humorvoll geschrieben und insbesondere Cornelie, aber auch einige andere porträtierte Mädchen und Frauen, waren mir sehr sympathisch. Es war interessant, einen so genauen Einblick in die schwierige Lage selbst finanziell einigermaßen gut gestellter ungeplant schwangerer Frauen in dieser Zeit zu bekommen.
Um die Sprechweise und soziale Klasse einiger aus ländlichen Regionen stammenden Bewohnerinnen sowie der Hebamme authentisch darzustellen, sind deren Äußerungen in einem Dialekt wiedergegeben, z.B. „I weiß auch nimmer recht, wie’s kumme is“ (S. 92) oder „Dem Annerle war meistens nit recht extra zumut.“ (S. 129). Ich als aus Österreich stammende Leserin hatte hier keinerlei Verständnisprobleme.
Gleichzeitig war vieles in diesem Buch erfrischend modern: Cornelie mit ihren Ansichten, an denen die anderen sich ein Beispiel nehmen. Aber auch die zunehmende Unterstützung, Verbundenheit und Solidarisierung unter den Frauen war ein schönes Beispiel, auch für die heutige Zeit.
Besonders spannend fand ich, dass auch das in der heutigen Zeit so aktuelle, aber damals ungewöhnliche Thema der Vereinbarkeit eines anspruchsvollen Berufs mit den körperlichen und psychischen Veränderungen, die mit Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett einhergehen, am Beispiel von Cornelie und ihrer schriftstellerischen Tätigkeit, mit der sie sich und ihr Kind auch finanziell versorgen kann, schon in diesem Buch Raum bekommt. Hier spürt man auch, dass mit Gabriele Reuter eine Frau schreibt, die weiß, wovon sie spricht: auch sie hat im Alter von 38 Jahren ledig eine Tochter bekommen und diese als Alleinerzieherin groß gezogen.
Bemerkenswert auch, wie viel Kraft Cornelie letztendlich aus der transformativen Erfahrung des Mutter-Werdens auch für ihre schriftstellerisch-schöpferische Tätigkeit ziehen kann und mit welchem Selbstbewusstsein sie als Mutter und Autorin in die Welt geht:
„Ihr Denken war reicher, ihre Erfahrungen tiefer, ihr Empfinden voller und reiner geworden in diesen Monaten der Erwartung, sie empfand es mit dem tiefen Glück, mit dem jeder starke Mensch sich wachsen fühlt. Nun legte das Bewusstsein der gewonnenen Kraft ihr eine Verpflichtung auf, der sie sich nicht mehr zu entziehen dachte. Nicht in die Einsamkeit galt es zu fliehen. Nein – dort, gerade dort, wo man sie früher gekannt, wo sie früher gelebt und gewirkt hatte, dort wollte sie mit ihrem Kinde weiterleben, arbeiten und wirken. Zeugnis musste sie ablegen für sich und für die anderen, denen sie sich durch unzerreißbare Bande verbunden fühlte. Zwingen musste sie die Menschen zur Achtung vor dem selbsterwählten Lebenslos, zu einer Anerkennung, die auch ihren verfolgten Schwestern zugutekommen sollte.“ (S. 171)
Insgesamt kann ich das Buch einer breiten Leserschaft wärmstens empfehlen: natürlich allen Frauen, insbesondere jenen, die sich für die Themen Schwangerschaft und Mutterschaft interessieren oder selbst davon betroffen sind.
Aber auch für Männer könnte diese spezifisch weibliche Thematik sehr interessant und vielleicht auch in manchen Bereichen augenöffnend sein, auch noch für die heutige Zeit, in der sich die Bedingungen ungeplant Schwangerer zwar in vielen Bereichen sehr verbessert haben und in unserer Weltengegend damit keine solche Schande mehr verbunden ist, aber dennoch nach wie vor Frauen die Hauptlast ungewollter Schwangerschaft tragen und viele Alleinerziehende (mehrheitlich Frauen) mit ihren Kindern unter der Armutsgrenze leben.
Danke, Gabriele Reuter, für dieses überzeugende Plädoyer für weibliche Kraft und Solidarität und für dieses Aufzeigen der unglaublichen Stärke, die eine selbstbestimmte Frau auch angesichts herausfordernder Umstände in sich tragen kann und sich von niemandem nehmen lassen muss. Danke an den Reclam Verlag dafür, dieses tolle Werk neu aufgelegt zu haben! Von dieser großartigen Autorin möchte und werde ich sicher noch mehr lesen.
Dr. Emil Sabanovic arbeitet als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit Schwerpunkt psychosomatische und psychosoziale Medizin in der Schweiz. Mit diesem fachlichen Hintergrund hat er mit dem "Baum ...
Dr. Emil Sabanovic arbeitet als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit Schwerpunkt psychosomatische und psychosoziale Medizin in der Schweiz. Mit diesem fachlichen Hintergrund hat er mit dem "Baum der Symptome" ein lehrreiches, unterhaltsam zu lesendes und sehr gut verständliches, ganzheitliches Werk verfasst, in dem er die Komplexität der Hintergründe psychiatrischer und psychosomatischer Symptome mit der Metapher des Baumes anschaulich erklärt. Das Buch richtet sich an einschlägig vorgebildete Personen aus dem medizinischen, pflegerischen und psychotherapeutischen Bereich. Für diese ist es sprachlich sehr gut anschlussfähig und verständlich.
Ich selbst bin als Klinische Psychologin in Österreich beratend, therapeutisch und in der Lehre tätig und habe das Buch vor diesem Hintergrund gelesen. Besonders gut gefallen hat mir die ganzheitliche Perspektive, die biologische, psychologische und soziale Faktoren mit einbezieht und auch eine Offenheit gegenüber verschiedenen Therapieschulen und -ansätzen zeigt. Zuerst geht es um biologische Grundlagen und die Auswirkungen eines daueraktivierten Nervensystems, das nicht mehr gelernt hat, zur Ruhe zu kommen, und welche Auswirkungen das auf Psyche und Körper der Betroffenen haben kann. Darauf aufbauend stellt der Autor verschiedene interessante körperbezogene Ansätze zur Diagnostik (etwa zur objektiven Messung einer stärkeren Sensibilisierung im Bereich der Schmerzwahrnehmung) und Therapie in diesem Bereich dar. In weiteren Kapiteln geht es um die Kombination von Verhaltenstherapie mit Medikation, Schematherapie, die Stuhltechnik und vieles mehr. Sehr interessant sind auch die vielen Fallbeispiele, die das Gelesene anschaulich, interessant und praktisch anwendbar machen. Am Ende jedes Kapitels finden sich außerdem Anregungen, das Gelernte in Bezug auf die eigene Praxis zu reflektieren.
Insgesamt ist es ein außergewöhnlich zugänglich und gut geschriebenes, sehr interessantes Buch, das auch für in diesem Bereich tätige Menschen noch einige neue Impulse beinhaltet und das ich nicht nur Ärztinnen und Ärzten, sondern auch Therapeutinnen und Therapeuten, Pflegepersonal und anderen im Gesundheits- und Sozialbereich tätigen Menschen, die sich für ganzheitliche Behandlungsmethoden im psychiatrischen und psychosomatischen Bereich interessieren, sehr empfehlen kann.
Meike Winnemuth hat schon mehrere persönliche Bücher verfasst, zum Beispiel "Das große Los", in dem sie ihre Reisen beschrieb, nachdem sie bei Günther Jauch eine halbe Million Euro gewonnen hatte. Wer ...
Meike Winnemuth hat schon mehrere persönliche Bücher verfasst, zum Beispiel "Das große Los", in dem sie ihre Reisen beschrieb, nachdem sie bei Günther Jauch eine halbe Million Euro gewonnen hatte. Wer ihre bisherigen, im persönlichen Stil verfassten Bücher mag, und das Lesen liebt, der wird wahrscheinlich auch dieses Buch mögen.
Es handelt sich um ein äußerst hochwertig und schon in der Umschlaggestaltung wunderschön und ansprechend gestaltetes Buch mit dicken Seiten, das sich bestens als Geschenk für Menschen eignet, die Bücher lieben und immer auf der Suche nach neuer Inspiration sind.
Die Autorin nimmt uns mit auf ihre Lesereise zwischen Mai und Oktober eines Jahres. Dabei stellt sie uns nicht nur viele interessante Bücher vor, die sie selbst gelesen hat, sondern es geht auch um unseren Umgang mit Büchern, um verschiedene Leseorte, Arten, Bücher zu sortieren, Lesen in verschiedenen Phasen unseres Lebens, um Buchclubs und Buchbesprechungen, den Besuch einer Thomas-Mann-Tagung und vieles mehr.
Kurzweilig und unterhaltsam werden wir angeregt, über so unterschiedliche Bücher wie Senecas "Von der Kürze des Lebens", Jane Austens "Stolz und Vorurteil" oder auch Rebecca Yarros' "Fourth Wing" nachzudenken. Am Ende jedes Kapitels/Lesemonats findet sich eine Liste der von der Autorin in diesem Monat gelesenen Bücher.
Auch viel beschäftigte Menschen werden mit diesem Buch ihre Freude haben: die kurzweilig geschriebenen, übersichtlichen Kapitel machen es leicht, immer wieder mal zwischendurch einen Blick hineinzuwerfen, ohne zu viel Lesezeit am Stück zu brauchen. So eignet es sich auch bestens als Büchlein, das man eingesteckt hat, um immer wieder mal eine kurze Wartezeit zu überbrücken. Ganz am Ende findet sich dann noch eine Liste weiterer Bücher über das Lesen, für alle, die diesen Themenbereich vertiefen möchten.
Julia Dibbern ist eine Autorin der leisen Töne. Wie auch schon in ihrem letzten Buch "Unter Wasser ist es still" braucht es auch in ihrem aktuellen Werk "Zugvögel wie wir" nicht sehr viel Dramatik, um ...
Julia Dibbern ist eine Autorin der leisen Töne. Wie auch schon in ihrem letzten Buch "Unter Wasser ist es still" braucht es auch in ihrem aktuellen Werk "Zugvögel wie wir" nicht sehr viel Dramatik, um das Buch zu tragen. Stattdessen lebt es von viel Atmosphäre und kleinen, ruhigen Momenten, Begegnungen zwischen Menschen und in der Natur.
Im Zentrum des Buches steht Eva, eine Frau in den mittleren Jahren. Ihre Ehe ist vorbei, ihren Job ist sie los und die erwachsene Tochter hat sich seit langem von ihr entfremdet. Sehnsuchtsvoll und ein bisschen neidisch blickt Eva auf das zumindest nach außen hin so glücklich und erfüllt scheinende Leben ihrer Kindheitsfreundin Luise und wünscht sich so sehr, mit ihrem eigenen Leben glücklich sein zu können: "Eines Tages werde ich nicht mehr vergleichen. Ich werde mir nicht ein Leben wie Luises Leben wünschen, keinen Mann wie Peter und keine Familie, in der alle miteinander sprechen, singen und musizieren. Ich werde einfach mit meinem freundlichen kleinen Leben zufrieden sein." (S. 12)
Um diese Suche nach einer ruhigen Zufriedenheit mit ihrem "freundlichen kleinen Leben" geht es in dem Buch. Eva besucht Luise in Schweden, dabei bemerkt sie einen jungen Kranich, der verletzt ist, und holt Hilfe. Als das junge Kranichmädchen wieder gesund ist, mit einem Sender versehen zurück in die Freiheit entlassen wird und gemeinsam mit seinen Eltern von Schweden aus Richtung Süden bis nach Frankreich fliegt, beschließt Eva aus einer Laune heraus, dem Weg des Vogels auf einem geliehenen alten Fahrrad zu folgen.
Das ist ungewöhnlich für sie, die sonst gewohnt war, keine außergewöhnlichen Risiken einzugehen und die noch nie in der Natur übernachtet hatte. Sie wird sich auf dieser Reise einige neue Fähigkeiten aneignen müssen, Ängste und Einschränkungen überwinden und dabei viel Zeit haben, über ihr Leben nachzudenken. Dabei kommt es auch zu einigen netten Begegnungen mit anderen Menschen, einige davon recht jung, im Alter ihrer Tochter.
Das Buch ist überwiegend aus der Sicht von Eva geschrieben. Eingestreut sind ab und zu kleine Kapitel aus der Sicht von Sophie, Evas Tochter. Sophie hat eine nahe Beziehung zu ihrer Oma, Evas Mutter, doch fühlt sich von ihrer eigenen Mutter seit langem unverstanden und ungesehen. Im Laufe des Buches erfährt man etwas mehr über den Auslöser der Entfremdung der beiden.
Damit komme ich auch schon zu den Stärken und Schwächen dieses Buches. Ich habe sehr gerne von Evas Reise mit dem Fahrrad auf den Spuren des Kranichmädchens gelesen. Diese Teile sind sehr atmosphärisch geschrieben, man begleitet Eva innerlich durch die Natur und auf ihrer Reise. Diese Stellen zu lesen hat etwas Entschleunigendes, Beruhigendes und Entspannendes.
Was hingegen die psychologische Tiefe und insbesondere die Mutter-Tochter-Beziehung angeht, hätte ich mir von diesem Buch mehr erwartet. Eva erlebt zwar, auf körperlicher Ebene über sich hinauszugehen und sie hat viel Zeit zum Nachdenken, doch eine echte Persönlichkeitsentwicklung oder Reflexion eigener Anteile der Entfremdung der Tochter habe ich bei ihr kaum wahrgenommen.
Zwar hat sie Sehnsucht nach der Tochter, vermisst diese und überlegt immer wieder, wie sie die richtigen Worte finden könnte, um diese zu erreichen, doch insgesamt bleibt sie in meiner Wahrnehmung eine sehr selbstzentrierte, um sich kreisende und wenig empathische Persönlichkeit.
Das ist nicht unbedingt dem Buch anzulasten, denn solche Menschen gibt es und tatsächlich ist es gerade beim Phänomen der von ihren erwachsenen Kindern verlassenen Eltern oft so, dass es sich hierbei um wenig reflektierte Eltern handelt, die nicht in der Lage sind, eigene Anteile an der Situation einzugestehen. Insofern ist Eva in dieser Hinsicht sehr authentisch dargestellt, als Leserin hätte ich ein bisschen mehr Einsicht und Persönlichkeitsentwicklung ihrerseits dennoch schön gefunden.
Insgesamt ist es ein ruhiges und naturnahes Buch, das ich insbesondere jenen, die gerne Beschreibungen von Abenteuern in der Natur lesen und keine besonderen Erwartungen an Figurenentwicklung stellen, durchaus empfehlen kann.