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Veröffentlicht am 24.11.2025

Mehr Jugend in Italien als Femizidaufarbeitung

Verehrung
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Zu diesem Buch gibt es sogar eine Netflix-Serie, was große Erwartungen weckt. "Verehrung" von Alice Urciuolo beschäftigt sich mit einer Gruppe von Jugendlichen, die gemeinsam hat, dass sie Elena kannten ...

Zu diesem Buch gibt es sogar eine Netflix-Serie, was große Erwartungen weckt. "Verehrung" von Alice Urciuolo beschäftigt sich mit einer Gruppe von Jugendlichen, die gemeinsam hat, dass sie Elena kannten - Elena, eine junge Frau, die von ihrem Freund getötet wurde. Um diesen Femizid geht es in dem Buch aber eher nur als Hintergrundhandlung: viel stärker stehen die Geschichten der verschiedenen Jugendlichen selbst im Vordergrund. Dabei geht es um Themen wie Unsicherheit mit dem eigenen Körper, Angst davor, hässlich zu sein, oberflächliche Schönheitsideale, erwachende Sexualität und ein bisschen Queerness.

Mich persönlich hat das Buch nicht sehr gepackt, ich habe die Charaktere überwiegend als flach und oberflächlich empfunden und sie haben mich emotional nicht sehr berührt, waren mir überwiegend eher unsympathisch. Auch die Auswirkung des Femizides auf sie habe ich nicht sehr stark gespürt. Das Leseerlebnis war für mich eher langweilig, die Gruppe Jugendlicher eine, zu der ich keine Verbindung gespürt habe.

Ich hätte mir gewünscht, tatsächlich stärker die Auswirkungen des Femizides auf die Jugendlichen zu spüren. So bleibt ein eher nichtssagendes Leseerlebnis zurück. Vielleicht etwas für Leserinnen und Leser, die eine leichte Unterhaltung schätzen. Für die Sensibilisierung zum Thema Femizide gibt es weit bessere Bücher, z.B. "Da wo ich dich sehen kann" von Jasmin Schreiber.

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Veröffentlicht am 24.11.2025

Mehr persönliche Lebensgeschichte als Porträt der Generation Z

Vereint in Zerrissenheit
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Nora Zabel, 1996 im ehemaligen Ostdeutschland geboren, ist CDU-Mitglied, hat sich für diese Partei bei Wahlkämpfen engagiert und arbeitet in diesem Umfeld. Als Mitglied einer Partei, das halb so alt ist ...

Nora Zabel, 1996 im ehemaligen Ostdeutschland geboren, ist CDU-Mitglied, hat sich für diese Partei bei Wahlkämpfen engagiert und arbeitet in diesem Umfeld. Als Mitglied einer Partei, das halb so alt ist wie das durchschnittliche Parteimitglied, und als nach der Wende in den neuen Bundesländern Deutschlands aufgewachsene und sozialisierte junge Frau möchte sie in diesem Buch neue Perspektiven auf junge Menschen in den ostdeutschen Bundesländern aufzeigen.

Das gelingt an einigen Stellen sehr gut. Anschaulich erklärt die Autorin, wie der lange Schatten der DDR bis heute nachwirkt und auch im wiedervereinigten Deutschland geborene junge Menschen bis heute andere Sozialisationserfahrungen machen, aber auch andere Zuschreibungen erhalten, als jene in den "alten" Bundesländern, und wie sehr bis heute Wirtschaft, Politik, aber vor allem die Narrative über Ostdeutschland von der westdeutschen Sicht geprägt sind.

So, wie das Buch mit Titel und Kurzbeschreibung vermarktet wird, hätte ich mir aber deutlich mehr Einblicke in die junge ostdeutsche Generation Z erhofft, und nicht hauptsächlich nur die Meinung und Erfahrung der Autorin selbst, ihren politischen Werdegang, ein paar Gespräche mit politischen Vertretern deutlich älterer Generationen (ein Telefonat und ein Frühstück mit Angela Merkel sowie Gespräche mit Ilko Sascha-Kowalczuk, Armin Nassehi und einem älteren ostdeutschen Ehepaar, Bekannten ihrer Familie).

Erwartet hätte ich mir ein lebendiges Buch, in dem viele Stimmen speziell junger Menschen aus den ostdeutschen Bundesländern zu Wort kommen und ich ein Gefühl und Verständnis für die zerrissene Generation Z in dieser Region bekomme. Das bietet dieses Buch aber nicht. Stattdessen habe ich viel über die Autorin und ihren politischen Werdegang, ihre eigenen Gedanken zu diversen ostdeutschlandspezifischen Themen, einige Statistiken zu Ostdeutschland und Erkenntnisse aus oben erwähnten Gesprächen bekommen. Durchaus interessant zu lesen, aber nicht das, was ich mir erwartet hätte. Um wirklich ein Gefühl für die jungen Menschen Ostdeutschlands zu bekommen, muss ich wohl ein anderes Buch lesen.

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Veröffentlicht am 24.11.2025

Es ist erst vorbei, wenn es ganz vorbei ist

Die letzten Tage
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Es ist April 1945. Die letzten Tage des zweiten Weltkrieges sind angebrochen, und auch im Osten von Österreich weiß das im Grunde jeder. Die sowjetische Armee hat schon weite Teile des östlichen Flachlandes ...

Es ist April 1945. Die letzten Tage des zweiten Weltkrieges sind angebrochen, und auch im Osten von Österreich weiß das im Grunde jeder. Die sowjetische Armee hat schon weite Teile des östlichen Flachlandes eingenommen, doch nun bewegt sie sich überraschenderweise seit Wochen nicht weiter. Klar ist fast allen, der Krieg wird demnächst enden. Selbst die größten Fanatiker zweifeln daran, dass die versprochene Wunderwaffe im letzten Moment noch zum Einsatz kommen würde. Wer pragmatisch ist, will diese letzte Zeit nur noch überleben. Nicht unnötig im Volkssturm sein Leben opfern oder auf eine andere Art den letzten Kriegstagen zum Opfer fallen.

Doch auch in dieser Zeit gibt es jene, die unbarmherzig morden, bis zum letztmöglichen Moment, aus persönlicher Rache, aus Ideologie, aus Unterwürfigkeit, weil sie es können, warum auch immer. Die ihre Feinde am liebsten öffentlichkeitswirksam und als Verräter gebrandmarkt hängen und die Leichen zur Abschreckung tagelang baumeln lassen. Wer ins Visier der HJ und der sonstigen verbleibenden Nazis gekommen ist, egal wie minder das eigene angebliche Vergehen, der muss um sein Leben fürchten. Selbst Polizisten, Kranke oder Verwundete sind nicht sicher vor dem Vorwurf, sich dem Volkssturm nicht angeschlossen zu haben oder die Wehrmacht zu zersetzen. Jegliche Akte der Menschlichkeit etwa gegenüber früheren Kriegsgefangenen oder Menschen aus anderen Ländern machen einen der Kollaboration verdächtig. Und manchmal braucht es auch gar nichts außer Pech, um gefangen genommen und gehängt zu werden. Nicht einmal halbe Kinder sind davor sicher.

Die Gerichtsakten der Täter aus dem Jahr 1947, als sie wegen Kriegsverbrechen schließlich selbst zum Tode verurteilt wurden, sind erhalten geblieben. Und darin wird nachlesbar, wie sie sich rauszureden versuchen, nichts zugeben wollen, die Schuld auf andere oder die Umstände schieben oder nichts gewusst und nichts mitbekommen haben wollen, sich an nichts erinnern wollen, solange es nicht schwarz auf weiß bewiesen werden kann.

Es ist einigen mutigen Menschen zu verdanken, dass diese Gerichtsakten und damit auch die Geschichten all der unschuldigen Opfer der Mörder der letzten Tage erhalten geblieben sind. Lange gab es auch in der Gemeinde Reichenau an der Rax, am Rande der Alpen - da, wo die Sowjetarmee erst etwas später hingekommen ist - wie an so vielen anderen Orten wenig Interesse an Dokumentation und Aufarbeitung. Doch einer hat mutig die Informationen aus den Gerichtsakten geordnet und gesammelt, ein anderer sie kopiert und archiviert, und am Ende wurde der Schriftsteller Martin Prinz gebeten, daraus etwas zu machen.

Das Ergebnis finden wir hier. Als "Roman" würde ich diese Ansammlung an Gerichtsprotokollen, ab und zu unterbrochen durch kurze literarische Einschübe in der Du-Form, die sich an die Ermordeten richten, nur unter einer sehr weiten Auffassung dieses Begriffes bezeichnen. Es sind Gerichtsakten und die lesen sich wie solche - durchaus nüchtern und trocken, doch gerade durch das Bewahren der ursprünglichen Sprache wird so viel von der Feigheit der Täter unmittelbar spürbar. "Eine Sprache, die immer wieder in jenem Konjunktiv landet, der die Wirklichkeit jeder Tat zur bloßen Annahme aushöhlt", wie der Autor seine Vorgangsweise im Nachwort begründet.

Das Buch war für mich aufgrund dieser sperrigen Sprache, und auch, weil es zwar durchaus chronologisch die Ereignisse der letzten Kriegstage wiedergibt, aber nicht in der üblichen bekannten Form den Spannungsbogen einer durchgängigen Erzählung aufweist, sondern viele Einzelschicksale kurz porträtiert, sehr herausfordernd zu lesen. Es hat sich aber auf jeden Fall gelohnt, diese Anstrengung auf mich zu nehmen, da ich dadurch auf authentische Weise einen Eindruck von den Denk-, Sprech- und Handlungsweisen der Täter, aber auch von der Atmosphäre der letzten Kriegstage im Osten von Österreich bekommen habe - und weil dadurch der Schicksale der Opfer gedacht wird. Leseempfehlung für alle, die bereit sind, sich mit diesem düsteren Thema zu befassen und sich dafür auf ein sperriges Buch einzulassen, das im Gedächtnis bleiben wird.

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Veröffentlicht am 22.11.2025

Sehr interessante Anthologie verschiedener Perspektiven gebildeter und gesellschaftspolitisch engagierter Menschen

Polarisierung - Dialog - Perspektivwechsel
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In der Anthologie "Polarisierung - Dialog - Perspektivwechsel", herausgegeben von Ralf. M. Ruthardt, kommen verschiedene Menschen zu Wort, denen es insgesamt ein Anliegen ist, das Thema der zunehmenden ...

In der Anthologie "Polarisierung - Dialog - Perspektivwechsel", herausgegeben von Ralf. M. Ruthardt, kommen verschiedene Menschen zu Wort, denen es insgesamt ein Anliegen ist, das Thema der zunehmenden Polarisierung in unserer Gesellschaft kritisch zu betrachten, neue Perspektiven zu eröffnen und sich insgesamt für eine Verständigung zwischen Menschen gerade auch aus unterschiedlichen Teilen der Gesellschaft einzusetzen. Es kommen Menschen aus verschiedenen Berufen zu Wort: beispielsweise eine Schulleiterin, eine Krankenschwester, eine Ärztin, einige Wissenschaftler, Unternehmer usw. Gemeinsam ist den Beiträgen, dass sie alle bemüht sind, sich für Perspektivwechsel und Verständigung einzusetzen. Dabei geht es zum Beispiel um folgende Fragen:

- Wie denkt eine, die selbst lange Zeit in Afrika verbracht hat, mit vielen Menschen dort diskutiert und viel erlebt hat, über Entwicklungshilfe, und wie unterscheidet sich diese Position von der üblicherweise von den medial auftretenden NGOs propagierten?

- Wie können wir uns in die Perspektive eines jungen Mannes ohne Erbe und Privilegien hineinversetzen und seine Situation nachvollziehen, ohne ihn leichtfertig als dummen Wähler rechter Parteien zu diffamieren?

- Wie kann eine Schulleiterin, der eine offene, tolerante und diskriminierungsfreie Schule wichtig ist, sich glaubhaft dafür einsetzen, ohne vorhandene radikalisierte Positionen einzelner Schülerinnen und Schüler durch harte Strafen noch zu verstärken?

- Welche Erfahrungen hat eine Landärztin mit Zwei-Klassen-Medizin gemacht und wie denkt sie nun darüber? Wie kann uns das helfen, die bestehende Frustration vieler Menschen mit dem Gesundheitssystem besser zu verstehen?

- Wie kann eine Beschäftigung mit der Geschichte des Zusammenbruchs der Sowjetunion und des wirtschaftlichen Einbruchs in Russland in der Zeit danach uns helfen, die jetzige Dynamik und Komplexität der Hintergründe des Ukrainekrieges besser zu verstehen?

- Was kann uns dabei unterstützen, uns als Individuen zu begreifen und uns für die Position anderer Menschen mit anderen Erfahrungen und Perspektiven zu interessieren, jenseits von vereinfachenden Schubladen?

Mit diesen und vielen weiteren Fragen beschäftigt sich diese interessante Anthologie. Dabei sind manche Beiträge akademischer, manche alltagsnäher verfasst. Insgesamt handelt es sich aber sprachlich und inhaltlich zweifellos um ein Buch mit vielen Beiträgen gebildeter und reflektierter Menschen, das für eine ebenso gebildete und reflektierte Leserschaft verfasst wurde, und diese hoffentlich zum Nachdenken, Diskutieren und Miteinander-ins-Gespräch-kommen anregen kann.

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Veröffentlicht am 21.11.2025

Kann der alte Familienfluch gebrochen werden?

Der Fluch der Falodun Frauen
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Auf den Frauen der nigerianischen Yoruba-Familie Falodun scheint seit langem ein Fluch zu lasten: seit eine Urahnin im Kampf um einen Mann von dessen erster Frau verwünscht wurde, gibt es kein andauerndes ...

Auf den Frauen der nigerianischen Yoruba-Familie Falodun scheint seit langem ein Fluch zu lasten: seit eine Urahnin im Kampf um einen Mann von dessen erster Frau verwünscht wurde, gibt es kein andauerndes Liebesglück mehr für die Frauen aus dieser Familie: die Männer verlassen sie früh, kommen um oder die Frauen finden erst gar keinen passenden Partner: "Für dich wird es niemals gut ausgehen. Kein Mann soll dein Haus je sein Heim nennen. Wenn einer es versucht, wird er keinen Frieden finden. Mögen deine Töchter verflucht sein. Sie werden den Männern nachstellen, aber die Männer werden ihnen wie Wasser durch die Finger rinnen. Deine Enkelinnen werden unglücklich lieben. Deine Urenkelinnen werden sich vergeblich um Anerkennung bemühen. Deine Töchter, die Töchter deiner Töchter und alle Frauen nach ihnen werden der Männer wegen leiden." (S. 37)

Das ist nun schon viele Generationen her, doch die Geschichten über das mangelnde Liebesglück der bisherigen weiblichen Ahninnen werden in der Familie weitererzählt. Nun sind moderne Zeiten angebrochen, auch in Nigeria, und insbesondere in dieser sonst eigentlich sehr aufgeklärten und wohlhabenden Oberschichtfamilie, die in einem großen Haus lebt und bei der es normal ist, dass auch Frauen eine qualitativ hochwertige und lange Ausbildung genießen und dann in anspruchsvollen Berufen arbeiten.

Der Roman wird aus drei verschiedenen Perspektiven erzählt, die zu unterschiedlichen Zeiten spielen: Ebun ist im Jahr 2000 eine junge Frau, lebt noch im großen, alten Falodun-Familienhaus, gemeinsam mit ihrer Mutter Kemi, ihrer Tante Bunmi, ihrer Cousine Monife und ihrem Cousin, und ist schwanger. Über den Vater des Babys spricht sie nicht, sie wird eine ledige Single-Mutter werden, unterstützt von ihrer Verwandtschaft. Doch noch während Ebuns Schwangerschaft geht ihre Cousine Monife eines Nachts in tiefer Verzweiflung nach einer unglücklichen Liebe ins Meer, um sich das Leben zu nehmen. Als Ebun schließlich ihre Tochter zur Welt bringt, sind alle komplett erstaunt: das neugeborene Baby sieht exakt so aus wie die verstorbene Monife, die Cousine ihrer Mutter.

Die Mutter der Verstorbenen möchte das Kind ihrer Nichte deshalb am liebsten "Motitunde" ("Ich bin wieder da") nennen, doch Ebun setzt sich durch, will ihre Tochter davor bewahren, nur im Schatten einer Verstorbenen leben zu müssen und nennt sie "Eniiyi": "Sie hätte alles gegeben, um Mo wiederzusehen. Sie hatte Mo geliebt. Sie konnte noch immer nicht glauben, dass sie fortan ohne sie durchs Leben gehen musste. Aber ihr Kind würde nicht das Gefäß sein, das ihre Cousine nutzen konnte, um in dieses Leben zurückzukehren. Man bekam nur ein einziges Leben, und Mo hatte entschieden, was sie mit ihrem machen wollte." (S. 42)

Auch später wird die kleine Eniiyi ihrer verstorbenen Verwandten exakt ähneln, sich bewegen wie sie, sprechen wie sie, eine ähnliche Persönlichkeit zeigen,... sodass nicht nur die Frauen aus der Familie, sondern auch viele andere Menschen, die Monife gekannt haben, völlig erstaunt sind und einige meinen, sie sei die zurückgekehrte Monife. Eine schwere psychische Last, mit der das Mädchen aufwächst - nur ihre Mutter Ebun versucht, sie zu bestärken, sie selbst zu sein.

Auch Monife lernen wir aus ihrer eigenen Perspektive kennen, in den Jahren 1994 bis zu ihrem tragischen Tod im Jahr 2000. Eine sehr selbstbestimmte junge Frau, die sich ihr Leben gestaltet, nicht auf den Mund gefallen und mutig ist. Von dem alten Familienfluch hat sie gehört und doch hat sie erst einmal mit "juju", dem afrikanischen Glauben an Hexerei und Flüche, nichts am Hut und fordert sogar selbstbewusst von einer Mamalawo, einer Art Hellseherin, bei der ihre Mutter viel Geld gelassen hat, dieses zurück... und doch werden sich am Ende die Geschehnisse rund um eine tragische Liebesgeschichte mit einem jungen Igbo-Mann aus einem sehr reichen Elternhaus so zuspitzen, dass sie keinen Ausweg mehr sieht, als ins Meer zu gehen (das ist übrigens die allererste Szene des Buches, also kein Spoiler).

Eine besonders interessante Perspektive war für mich die der heranwachsenden Eniiyi, die wir sowohl als kleines Mädchen zwischen 2006 und 2012 als auch als junge Frau 2024 bis 2025 kennen lernen. Schwer lasten die tragische Familiengeschichte und die Erzählung des Fluches auf ihr, doch mutig versucht sie, sich davon zu befreien, erkennt schon als Jugendliche, dass es ihr nicht gut tut, so viel Zeit mit ihren Verwandten zu verbringen und wünscht sich, ins Internat gehen zu dürfen, was ihr auch gewährt wird. Als junge Erwachsene studiert sie und will nach ihrem Masterabschluss als genetische Beraterin arbeiten, hat also einen naturwissenschaftlichen Hintergrund. Das macht den Roman ganz besonders spannend, denn hier handelt es sich eigentlich um eine aufgeklärte und naturwissenschaftlich denkende junge Frau in der heutigen Zeit, die sich eben nicht von einem alten Familienaberglauben definieren lassen will, aber dennoch ständig von ihrer Umwelt damit konfrontiert wird, dass sie sie so sehr an die verstorbene Monife erinnert.

Ich habe mich schon lange nicht mehr so gut unterhalten gefühlt wie mit diesem Buch. Es ist sehr interessant und abwechslungsreich erzählt, alle Szenen sind relevant und es ist keine einzige Sekunde auch nur das kleinste Fünkchen Langeweile beim Lesen aufgekommen. Gleichzeitig habe ich wie nebenbei einiges über das Leben von Oberschichtfrauen im modernen Lagos/Nigeria gelernt und insbesondere das Spannungsfeld zwischen den Resten des Glaubens an alte Hexerei-Traditionen und andererseits einem modernen, aufgeklärten Leben, insbesondere bei den jüngeren Frauengenerationen, sehr interessant gefunden.

Um die Geschichte plausibel zu finden, muss man übrigens nicht unbedingt an Hexerei glauben - die meisten Geschehnisse wären auch problemlos durch die Weitergabe dysfunktionaler familiärer Muster in Bezug auf die Partnerwahl und durch die Macht selbsterfüllender Prophezeiungen (Beziehungen scheitern natürlich eher, wenn man von vornherein davon ausgeht, dass sie zum Scheitern verurteilt sein müssen) erklären.

Ich kann das Buch allen, die eine gute Unterhaltung wünschen, die gerne Familiengeschichten lesen und sich für das Nigeria der heutigen Zeit interessieren, wärmstens empfehlen.

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