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Veröffentlicht am 05.06.2025

Tiefgründig, emotional und durch und durch wunderbar

Rebel of the Light
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Ich saß wochenlang an dieser Rezension und bin noch immer nicht zufrieden – aber so viel:
Die Autorin weiß mit Worten umzugehen, mit ihnen lebendige Bilder zu zeichnen; weiß, wie eine ausdrucksstarke ...



Ich saß wochenlang an dieser Rezension und bin noch immer nicht zufrieden – aber so viel:
Die Autorin weiß mit Worten umzugehen, mit ihnen lebendige Bilder zu zeichnen; weiß, wie eine ausdrucksstarke Geschichte auf Papier zu bringen ist, eine, die mit sachten Tönen bewegt.

„Rebel of the Light“ verbindet Romantik und Humor mit der harschen Realität und Alltagskämpfen. Erzählt von Selbstfindung- und zweifeln, von Loslassen und Ängsten, von tiefen Narben und der Frage »Was wäre, wenn …« – wenn man endlich liebt, wagt, lebt … sich einmal selbst an erster Stelle sieht.

Karla Eklund gibt in ihrem neuen Roman – leider wahre – Einblicke in zwei Berufsfelder, die für die Funktion der Gesellschaft unerlässlich sind, zeigt den Druck, die Vorurteile. Auch spielt die Autorin mit dem allgemein akzeptierten Bild des Mannes – denn August Konz ist der Korrekte, der Sensible. Der, der auch mal weint, errötet und um Worte tanzt. Als Joe in sein Leben, in seine sterile Katalogwohnung tritt, bringt sie Chaos. Das bestmögliche Chaos. Außen und innen. Wirbelt Gefühle auf, fängt Gedanken ein. Doch das Leben hat schon zu oft gezeigt, wie unbeständig es ist und wie fragil Sicherheit, wie leicht ein Herz zu brechen.

Für ihre Clique war Joe einst die Unerschrockene, die Laute und Wilde. Und für Kai schon immer die eine. Selbstverständlich. Ein Hafen, der ihn auffängt, wenn sein Schiff untergeht. Doch Johanna Ziegler hat sich verändert, will mehr als in Jugendjahren schwelgen, Bier benebelt mittendrin sein und Parolen grölen. Mit August fühlt sie sich endlich richtig, angekommen, dabei ist sie Feuer, wo er Wasser ist. Aber kann er gegen harte Resignation, wellenartige Traurigkeit und fälschlich gezischte „Nicht gut genug“’s ankommen? Gegen ein kindliches Versprechen, dessen Verantwortung noch immer schwelt?

Als die Welten der punkigen Krankenpflegerin und jene des überkorrekten Wachtmeisters kollidieren, leidenschaftliche Überzeugungen und strikte Prinzipien aufeinander treffen, verändert sich für die ungleichen Mittzwanziger alles – doch der Alltagswahnsinn, Risiken und verankerte Verhaltensweisen, Glaubenssätze und Gewohnheiten lassen sich nicht so einfach abschütteln – egal, wie beharrlich die Schmetterlinge fliegen …

Mit Sanftheit, Feingefühl und Poesie führt uns die Autorin in und durch eine emotionale Geschichte, in der weder überbordender Kitsch noch dramatische Übertreibungen, dafür eine Menge Wahrheiten und People-Pleaser zu finden sind, solche, die sich selbst vergessen haben, von Erwartungen und der Monotonie verschluckt, von Sorgen erdrückt werden. Wir lernen Johanna und August kennen, bekommen Einblicke in Vergangenes, in Pflicht und falsche Schuld. Es war bewegend, unter Joes Schichten zu dringen, ihre Zweifel zu fassen. Mehrfach überkam mich der Drang, diese starke Person in den Arm zu nehmen, sie den Klauen einer toxischen Freundschaft zu entreißen und mitten hinein in August Arme zu schubsen.
Aufregung und kribbelige Vorfreude begleiten die sich intensivierende Verbindung, das oft überraschende, unbeholfene Kennenlernen. Weder der Gesetzeshüter noch das Punk-Girl waren glatt und fehlerfrei, ganz im Gegenteil. Karla zeichnete sie mit Ecken und Kurven, gab ihnen – zu – gute Herzen, verlorene Träume und leise bröckelnde Mauern. Dies sorgte dafür, dass es leicht war, zu verstehen, sich selbst in Angst und Gedanken wiederzufinden. Die verschiedenen Nebenfiguren, diverse Konflikte und Probleme waren perfekt dosiert und das Dresdner Setting mit etlichen Details inszeniert.

Eklund reißt gesellschaftliche und politische Missstände an, erzählt von Trauma, Gewalt und Veränderungen, von Wachstum, und kreist dabei eine intensive Slow-Burn-Liebe ein, eine, die nah geht. Obgleich Wehmut und Melancholie, Fluchtdrang und Lebensangst allgegenwärtig sind, eine sich anbahnende Bedrohung zwischen den Zeilen schwelt, eine unberechenbare Konstante, Herzschmerz und Traurigkeit, hält „Rebel of the Light“ auch Witz, spritzige Dialoge und Wohlfühlaugenblicke bereit. Verströmt Wärme. Momente, die aufatmen und seufzen, gar lächeln lassen.
Ein Roman, der nachklingt und sich festsetzt.

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Veröffentlicht am 05.06.2025

Kurzweilige Romance

Drunk Text
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„𝐃𝐫𝐮𝐧𝐤 𝐓𝐞𝐱𝐭: 𝐈𝐧 𝐭𝐡𝐞 𝐌𝐢𝐝𝐝𝐥𝐞 𝐨𝐟 𝐭𝐡𝐞 𝐍𝐢𝐠𝐡𝐭“

Nach einer harten Trennung, die ihr ihre Liebe zur Fotografie genommen und Tegan zu einem ausschweifenden Lebensstil verführt hat, ist sie gezwungen, Sydney zu ...

„𝐃𝐫𝐮𝐧𝐤 𝐓𝐞𝐱𝐭: 𝐈𝐧 𝐭𝐡𝐞 𝐌𝐢𝐝𝐝𝐥𝐞 𝐨𝐟 𝐭𝐡𝐞 𝐍𝐢𝐠𝐡𝐭“

Nach einer harten Trennung, die ihr ihre Liebe zur Fotografie genommen und Tegan zu einem ausschweifenden Lebensstil verführt hat, ist sie gezwungen, Sydney zu verlassen und zurück in ihre Heimat – zu ihrem spießigen, sie stets kritisierenden Bruder – zu ziehen. Doch bevor sie sich auf den Weg nach Neuseeland macht, wirft ihr das Schicksal einen attraktiven Mann vor die Füße – perfekt für eine bedeutungslose, heiße Nacht. Nur, dass es so weit nicht kommt und Tegan es auch Tage später nicht schafft, den Fremden zu vergessen oder seine Nummer zu löschen.
Bis der Casanova plötzlich wieder vor ihr steht. Als Partner ihres Bruders.

Seien wir ehrlich: Der Titel „Drunk Text: In the Middle of the Night“ hat mich unwiderruflich zu Katharina Gerschs neuer Romance geführt. Denn wer fühlt, wer kennt es nicht?
Hinzu kommen eine schräge Ausgangslage und eine Protagonistin, mit der es sich zu identifizieren leicht fällt.
Jedoch braucht die Story etwas, bevor sie in Fahrt kommt, und auch dann bleiben Ereignisse, „Drunk Textes" und der erwartete Humor im Hintergrund. Eher ist das Buch eine nachdenklich stimmende Geschichte über Selbstfindung, den Mut, zu lieben, und das Erwachsenwerden, über Familie und FreundInnen.
Tegans Ankunft und die ersten Wochen in Russell gestalten sich schwieriger als erahnt – nicht nur fühlt sich die Fotografin von ihrem Bruder verurteilt, auch ihr Kindheitsfreund bringt sie in eine Lage, die alles verkompliziert und keine Fehltritte erlaubt. Dass zuhause die Turteltauben warten und sie sowohl ihr Geheimnis als auch ihr inneres Chaos vor Sebastian verbergen muss, trägt nicht gerade zu einem entspannten Umgang mit ihrem perfekten Bruder bei. … Aber sein Glück muss an erster Stelle stehen, egal, wie sehr es sie schmerzt.

Stilistisch führt uns die Autorin in einem lockeren, eher leichten Stil durch die Handlung, in der vor allem Tegans sarkastisch-trockene Gedanken und so manch Reaktion für eigenartig-einzigartige Situationen verantwortlich sind. Ihre unterschwellige Rebellion und den aufwühlenden Zwiespalt nachzuvollziehen, ist einfach. Tegan ist das, was man eine echte Freundin nennt, selbstbewusst, schlagfertig und nicht so kalt, wie sie gerne wäre.
Im Verlauf gewinnt sie neben einigen Erkenntnissen auch Ruth – mein heimlicher Star der Geschichte. Dass auch die Beziehung zu ihrem Bruder von ihrer langsamen Veränderung profitiert, sich Russell trotz des sich anbahnenden Dramas gar nicht mehr so verkehrt anfühlt und auch ihre große Leidenschaft wieder erwacht, gibt dem Verlauf eine Menge Wohlfühlaugenblicke.
Wäre da nur nicht Dash – unverschämt heiß und scheinbar nicht gewillt, den Flirtmodus abzustellen –, dessen bloße Erwähnung für Herzbeschleunigermomente, Wehmut und kleine Stiche der Eifersucht sorgt.
Da einzig aus der Sicht der jungen Frau erzählt wird, liegt der Fokus auf ihr und ihren Veränderungen. Viele Ereignisse waren vorhersehbar, öfter fehlte mir die erwachsene, direkte Kommunikation, Ernst und ein bisschen Schwung. Dafür kamen das Beach-Setting und die drei Nebenfiguren – vor allem Sebastian entpuppt sich also gar nicht so fehlerfrei wie angenommen – sowie Liza gut zur Geltung. Angesprochen werden zudem das Thema Coming-out und das Projekt einer Hundeauffangstation – denn Tiere sind nicht „kurz mal Spaß haben", weder ein Gegenstand mit Umtauschgarantie noch ein befristetes Statement.
Insgesamt also eine nette, spritzige Story mit Unterhaltungswert, Gefühl und Aussagen, die zum Nachdenken bringen und Mut schenken.

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Veröffentlicht am 02.06.2025

Kann sich sehen lassen

The Beasts We Bury (Band 1)
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Mancella Cliff ist die Thronerbin des Glaslandes – und gilt, seit sie im Alter von acht Jahren mit Magie gezeichnet wurde, als genauso grausam wie ihr Vater. Der amtierende Primus hat es sich zur Aufgabe ...

Mancella Cliff ist die Thronerbin des Glaslandes – und gilt, seit sie im Alter von acht Jahren mit Magie gezeichnet wurde, als genauso grausam wie ihr Vater. Der amtierende Primus hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kriege zu provozieren, seine Untertanen auszubeuten und selbst im eigenen Schloss seine ihm gewährte Macht auf blutige, herzlose Art zu demonstrieren. Nur ein lebensmüder Dieb aus dem Randgebiet könnte so waghalsig sein, sich in das Anwesen der Cliffs zu schleusen, um die Herrschenden zu bestehlen … Tja, und Silver ist genau dieser Typ – niemals hätte er damit gerechnet, dass gerade die gefürchtete Schlächterin dafür sorgen könnte, seinen Auftrag, seine Hoffnung auf eine Zukunft und seinen Hass in den Hintergrund zu schieben …

„The Beasts we Bury“ beinhaltet frische und originelle, von mir bisher nie gelesene Ansätze in Sachen Worldbuilding und Magiesystem, die unweigerlich faszinieren und konstant eine gewisse Spannung schaffen. Leider fand ich die Ausarbeitung insgesamt als dürftig und löchrig – statt kreisender Monologe und der sich ausbreitenden romantischen Komponente hätte ich mir hier mehr gewünscht – mehr Informationen und Details.
Erzählt wird aus wechselnder Perspektive von Mancella und Silver, sodass wir die beiden Jugendlichen, die viel zu früh erwachsen werden, Gräuel und Tod erblicken mussten, ausreichend kennenlernen, in ihre Situation eintauchen und ihre Entwicklung verfolgen können.
Kommen er Dieb und seine KumpanInnen Vie und Rooftop gerade so über die Runden, die Angst, entdeckt zu werden, im Nacken, froh über jeden Auftrag, mag er noch so zwielichtig sein, lebt Mancella in Prunk, mit einer glorreichen Perspektive vor Augen – Blut an den Händen und zahlreiche Tiere in ihrem Leib, einsam, dazu erzogen, hart und unerbittlich zu sein. Während Silver nicht erwartet hätte, was er in Mancella findet, sie ihn zum Zweifeln bringt, zu Schuldgefühlen, gibt der Dieb der Magischen Hoffnung – auf Gemeinschaft und Veränderung. Dabei ahnt sie nicht, in welches Netz aus Lügen sie tritt, in welchen Manipulationen sie gefangen ist. ...

D. L. Taylor zeichnete ihre Hauptakteure so, dass es leicht fällt, sie zu verstehen, wenn auch die entstehende Vertrauensbasis und die wiederholte Leichtgläubigkeit in Anbetracht der Umstände zu leicht und naiv wirkten. Actionreich, blutig, grausam waren die Kampfszenen und das Schicksal, welches die Cliff-Schwestern ereilte – ich fühlte und fieberte mit. War von den einen oder anderen, sich im Verlauf offenbarenden Hintergründen und Geheimnissen, Mancellas Magie geschockt. „The Beasts we Bury“ hält neben Tyrannei, Machtgier, Dunkelheit und diverser Magie einige Twists bereit, Momente, die schmerzen, und Figuren, die für Misstrauen und Abscheu sorgen. Ob es die seichte Romanze gebraucht hätte? Nun, zumindest bietet sie Silver eine Entwicklungsmöglichkeit.
Diese Geschichte beinhaltet harte, aufwühlende Themen, Melancholie und eine gewisse Schwere – konträr ist der Stil, mit dem die Story erzählt wird. Einerseits mit sehr einfachen, für die Zielgruppe passenden Worten, andererseits gingen dadurch mMn auch Spannung und Ernst verloren. In den letzten Kapiteln überschlagen sich die Ereignisse, Lücken füllen sich, und dann … dann endet die Story rund und stimmig.

Meiner Ansicht nach braucht es den Epilog, der wirkt, als wollte man aus einer abgeschlossenen Handlung unbedingt noch mehr herausholen, nicht. Immerhin wissen wir doch, dass künstlich in die Länge gezogene (Buch-)Serien nur selten Anklang finden …
Daher: Wenn auch in Sachen Magiesystem und Worldbuilding eher an der Oberfläche gekratzt wurde, ist „The Beasts we Bury“ für mich ein guter Dark-Fantasy-Standalone, der sich zwar sprachlich an Jugendliche richtet, jedoch inhaltlich durchaus auch ältere LeserInnen fesselt.

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Veröffentlicht am 26.05.2025

Dranbleiben lohnt sich.

The Deer and the Dragon
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Wohoho... Auf „The Deer and the Dragon“ war ich total neugierig – immerhin verspricht der Klappentext eine spannende, mystische Story. Nun, wer das erste ¼ übersteht, wird auf eine unterhaltende Geschichte, ...

Wohoho... Auf „The Deer and the Dragon“ war ich total neugierig – immerhin verspricht der Klappentext eine spannende, mystische Story. Nun, wer das erste ¼ übersteht, wird auf eine unterhaltende Geschichte, skurrile Freundschaften, rührende Wahrheiten und jede Menge widernatürliche Hürden stoßen.

Doch zuvor? Lange bleibt unklar, um was es geht oder wohin die Autorin möchte. Der Aufbau wirkt genauso wirr wie die seitenlangen, nichts zum Geschehen beitragenden Ausschweifungen, die nicht nur vom Eigentlichen ablenken, sondern auch rege für Irritation und Langeweile sorgen. Ja, die ersten 25 % glichen einem Gebilde aus Fragmenten, die die Protagonistin in kein sonderlich sympathisches Licht rückten.



Marlwo Thorson ist 26 Jahre, studierte Literatur und fasste, bevor sie zu einer erfolgreichen Autorin wurde, Fuß in der Escort- und Sexarbeitsbranche. Dass die heute im Luxus lebende, introvertierte Mittzwanzigerin in ihrer Kindheit Opfer von Mobbing und familiärer Gewalt, Manipulation und Fanatismus wurde, in Armut und Isolation, mit Angst in den Knochen, aufwuchs, selbst jetzt noch unter den traumatischen Erfahrungen und Flashbacks leidet, würde niemand, der diesem wandlungsfähigen Menschen gegenübertritt, auch nur erahnen. Ein Überbleibsel dieser Zeit findet sich in ihrem selbstzerstörerischen Lebensstil – und in der Halluzination, die sie seit Jahrzehnten begleitet. Die ihr damals Trost, Verständnis schenkte und heute die Nächte mit pulsierender Aufregung, mit Leidenschaft füllt. Die ihr half, wo sie konnte, sie liebte, bedingungslos und frei jeglicher Urteile …

Plötzlich nimmt das Leben der Autorin von mythisch angehauchten Romanen jedoch eine Wendung nach der anderen, und was als „überbordende Fantasie“ diagnostiziert, als Ketzerei bestraft, mit Medikamenten behandelt wurde, diese Psychose, die Marlwo ebenso lange schon fasziniert wie sie sie ängstigt, entpuppt sich als real. Als echt. Genau wie die Wesen, über die sie schreibt. Jene, zu denen sie im Kindesalter stundenlang betete – all das, was ihr Leben geprägt hat, was die junge Frau zu fürchten lernte, ist wahr.

Und nun ist es ein fataler Satz, ein im Wutrausch gesprochener Befehl, der ihre einstige Konstante verbannte, so weit, dass selbst der Herr der Hölle den Dämonen nicht finden kann – wie sollte es dann einer einfachen Sterblichen gelingen?



Sobald Fauna, eine nordische Nymphe im Boho-Style, der überforderten, sich dem Wahnsinn nähernden Schriftstellerin in ihrer Wohnung auflauert und ihr nicht mehr von der Seite weicht, gewinnt die Story signifikant an Spannung, Ereignissen, Informationen und Humor. Die sich zwischen den Frauen entwickelnde Dynamik ist pure Unterhaltung – Fauna liebt Süßes, ist so harsch wie liebreizend und stößt ihre neue Freundin immer wieder auf deren begrenztes Denken. Bis Marlow Logik, alles, was ihr eingetrichtert wurde, und die Selbstzweifel loslässt, muss einiges geschehen – und sie es mit eigenen Augen sehen …

Je mehr Sagengestalten ihr begegnen, je mehr sie das tatsächliche Ausmaß des Möglichen, die Facetten des Universums und Seins begreift; je deutlicher Marlow ihr eigener Zyklus und Calibans Liebe, die Bedeutung von „verherrenden Gefallen" und „Krieg der Welten" bewusst wird, umso bereitwilliger schlägt sie sich mit ihren neuen FreundInnen durch Pantheons und Zeiten, stellt sich Göttlichkeiten in den Weg und riskiert alles. Um ihren Schatten zurückzubekommen.

Mit Azrames hat das unterschiedliche Frauenpower-Duo einen wahren Assassinen im Rücken – das Verhältnis zwischen dem Krieger und der Nymphe prickelt, nimmt Kontur an, offenbart eine weitere unerwartet romantische Tragik. Denn auch die Vergangenheit von Marlow und ihrer ‚Halluzination‘ weist Herzschmerzpotenzial auf.

Insgesamt waren die Figuren sehr anschaulich, teils kreativ, soweit möglich authentisch, wenn auch nicht durchgängig vertrauenswürdig, gezeichnet. Viele Entwicklungen verströmen eine gewisse Skurrilität und Witz, jedoch kommen auch Spannung und Worldbuilding nicht zu kurz. Informationen über Gegebenheiten, Hierarchien und die einzelnen (oft unbekannteren) „Mythen" sind so im Verlauf verstreut, dass sich nach und nach ein ausreichendes Bild ergibt.



Piper CJs Ton wirkte einerseits flapsig-modern, andererseits lebendig, wenn der Stil selbst öfter nach „Hauptsache verschachtelt" und „weg vom Eigentlichen" schreit. Ein wenig mehr Fokus hätte der Handlung definitiv die fehlende Griffigkeit und den nötigen Ernst verliehen. Nichtsdestotrotz war es ein spaßiger Ritt, herauszufinden, zu was Marlow fähig ist, wo sich Caliban aufhält und was Silas, der Engel der „oberen Seite“, von der Hellsichtigen – außer einer Bindung – will. Ganz toll fand ich die Abwechslung, die der Roman bereithält; die raschen Stimmungs-, Szenen- und Settingwechsel sorgen dafür, dass die ~560 nur so dahinflogen und ich nach zwei Nachmittagen leider schon am Ende war.

Übrigens: Wenn die Darstellung der Hölle Tatsachen entspricht, dann ist das mein Platz für die Ewigkeit.

Dass Piper in ihrem Roman nicht an „Wesen" aus Folklore, Mythologien und Glaubensrichtungen spart, diese miteinander verbindet und originell einbettet, Traumata durch und Kritik an Religion thematisiert, diese gar unterschwellig hinterfragt, und Escort-/Sexarbeit entstigmatisiert, macht „The Deer and the Dragon" durchaus zu einer einfallsreichen, fesselnden Story. Zusätzlich finden wir intensive Augenblicke und tiefe Gefühle, Mut, Freundschaften, casual Queerness sowie alles verändernde Geheimnisse und Schicksale – dafür überraschend wenige explizite Szenen/Spice.



Es gibt zahlreiche Fragen, deren Antwort gesucht (erbettelt) werden muss, viele Probleme und Konflikte, uralte Fehden, Pakte, Intrigen und Regeln, die niemals gebrochen werden sollten. Die Protagonistin vollzieht eine deutliche Entwicklung, wird offener – trotz Verzweiflung, Schuld und Sehnsucht. Letztlich schlich sich diese Frau, in deren Adern nordisches Blut schlummert, genauso in mein Herz wie Fauna und Azrames.

In den letzten Kapiteln bahnen sich Aufatmen und Hoffnung an, doch nur einen Wimpernschlag lang, bis alles erneut in sich zusammenfällt …

Anm: Das Vorwort hat mich ungemein berührt und sollte nicht ausgespart werden.



Lasst euch einfach drauf ein. Ich für meinen Teil kann „The Fox and the Falcon“ jetzt kaum erwarten.

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Veröffentlicht am 24.05.2025

Mystisch. Mitreißend. Woods.

Die Geschichtensammlerin
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Nachdem mich „Der verschwundene Buchladen“ nachhaltig begeisterte, konnte ich „Die Geschichtensammlerin“ kaum erwarten. Evie Woods führt uns in das abgelegene Dorf Thornwood, Westirland – um das sich seit ...

Nachdem mich „Der verschwundene Buchladen“ nachhaltig begeisterte, konnte ich „Die Geschichtensammlerin“ kaum erwarten. Evie Woods führt uns in das abgelegene Dorf Thornwood, Westirland – um das sich seit Jahrhunderten Mythen ranken, die auch heute noch festverwurzelt sind …

1910/1911
Anna Butler kann ihre Begeisterung, dem Amerikaner Harold Griffin-Kraus bei seiner Arbeit unter die Arme greifen zu dürfen, nur schwer verbergen. Der Fremde sammelt verschiedene Folklore und Mythen, möchte die hiesigen Geschichten erfahren und mit Ortsansässigen sprechen. Anna, die den abschätzigen DorfbewohnerInnen bekannt und des Gälischen mächtig ist, begleitet ihn und erfährt auf diese Weise selbst so einiges mehr. Gerade die Legende um das Thornwood House, welches 1882 erbaut wurde und in dem sich schreckliche Ereignisse zugetragen haben sollen, zieht das Interesse von Harold an. Um dem Gemäuer Platz zu machen, musste damals ein uralter Weißdornbaum weichen, etwas, das mit großem Unglück und dem Zorn des „Guten Volkes“ verbunden ist. Anna, die ihre Zeit mit dem charmanten, gebildeten Fremden in einem Tagebuch festhält, wird diese Wochen niemals vergessen...

2010/2011
Nach der Trennung von ihrem Mann will Sarah Harper in ein Flugzeug nach Boston steigen, doch landet die von Schmerz gezeichnete Frau – benebelt von zu viel Whiskey und einer skurrilen Schlagzeile – an einem regnerischen Morgen in Irland. Überrascht von ihrem plötzlichen Aufenthaltsort und nicht in der besten mentalen Verfassung, mietet Sarah das Butler's House – ein süßes Cottage in einem urigen Dorf. Als sie des Nachts dem gewohnheitsmäßigen Drang, eine Runde laufen zu gehen, nicht widerstehen kann, stößt sie nicht nur auf einen Esel, sondern auch auf ein altes Tagebuch … Worte, die sie aus Trauer und Lethargie reißen, ihr einen Weg weisen.

Mit „Die Geschichtensammlerin“ hat Evie Woods erneut bewiesen, dass sie eine dichte, mystische und nachhallende Handlung konzipieren kann, von der es sich nur schwer lösen lässt.
Sarah, die seit „der Sache“ regelmäßig mit Verzweiflung, Scham und Schuld ringt, sich im Alkohol verliert, wird von den Einheimischen Thornwoods herzlich aufgenommen und findet durch diese und die Chance, sich mit sich selbst und ihrem Verlust auseinanderzusetzen, langsam zurück ins Leben und den Mut, Unaussprechliches endlich in Worte zu fassen. Getrieben von den Erlebnissen der jugendlichen Bäuerin, die ebenfalls einst das Butler's House ihr Heim nannte, sucht die Künstlerin nach mehr als dem, was auf Zeilen gebannt wurde. Woods durchbricht die Gegenwart rege mit den Erzählungen von Anna – greift die damaligen Gegebenheiten und Konventionen, die Neugierde und Euphorie des Mädchens authentisch auf, spickt die Vergangenheit jedoch auch mit etwas Dunklem. Einem Hauch von Magie, einer Bedrohung, die auch ein Jahrhundert später unübersehbar in der Luft schwebt.

Sowohl Anna und Harald als auch Sarah und Oran, der ebenfalls eine tiefere Verbindung zu dem alten Cottage und den Legenden des Dorfes hat, wurden greifbar und echt, mit ihrem eigenen Schmerz und der Art, diesem zu ent- oder über ihn hinwegzukommen, gezeichnet. Auch finden sich einige Nebencharaktere, die die Story bereichern. Es war aufregend, die Figuren und ihre Leben kennenzulernen, im Damals und Heute durch das Örtchen zu streifen und sich stets zu fragen, was real ist – und sein könnte. Viele Momente und Wahrheiten gehen nah, öfter überrascht Woods, treibt das Tempo kontinuierlich hoch, um uns atemlos zurückzulassen – dabei ist „Die Geschichtensammlerin“ kein actionreicher Roman, jedoch reich an Ereignissen, die mitfiebern lassen, Emotionen, die wehtun, und Geheimnissen, deren Ergründung das Interesse nicht abflauen lassen. Umspielte das Geschehen eine einnehmende, oft schwere Atmosphäre, Wehmut gepaart mit melancholischen Zügen, lichtet sich im Verlauf die Tristesse, schafft Platz für Neues – und die mahnende Erinnerung, Fehler nicht zu wiederholen …

Im Herbst wartet bereits der nächste Roman der Autorin und ich freu’ mich auf eine Reise nach Paris!

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