Nicht sein bester Thriller
Kill for MeKennt ihr das Buch oder die Verfilmung zu „Der Fremde im Zug“?
Steve Cavanagh zählt dank seiner cleveren Justizthriller um Eddie Flynn zu jenen wenigen Autoren, von denen ich jedes Buch lesen muss. So ...
Kennt ihr das Buch oder die Verfilmung zu „Der Fremde im Zug“?
Steve Cavanagh zählt dank seiner cleveren Justizthriller um Eddie Flynn zu jenen wenigen Autoren, von denen ich jedes Buch lesen muss. So war ich unheimlich auf „Kill for Me“ gespannt, konnte mich Cavanagh mit seinen temporeichen und ausgeklügelten Plots, dem trockenen Humor und der Tiefe, die seinen Storys zugrunde liegt, bisher stets überzeugen.
Aber auch jetzt?
Stell dir vor, du verlierst alles, was du liebst, bleibst alleine zurück, traumatisiert und in Schmerz gefangen. Gerechtigkeit? Gibt es nicht. Denn wie so oft versagt das System. Jenes, das die Menschen doch eigentlich schützen, ihnen helfen, sie sehen soll.
Als Amanda Wendy kennenlernte, hatte sie bereits Pläne geschmiedet, um den Mörder ihrer Tochter auszuschalten, war so kurz davor, den Grund für den Tod ihres Mannes zu eliminieren. Mit dem Gefühl, auf sich alleine gestellt zu sein, dem Wunsch, ihre Liebsten unter allen Umständen rächen zu müssen, andere Eltern vor diesem Schrecken zu schützen, ist Amanda verletzlich, verzweifelt und ein leichtes Ziel …
Ruth hat den Angriff eines Serienkillers knapp überlebt – während ihre körperlichen Wunden zu Narben werden, bekommen die seelischen nie die Chance, zu verheilen. Nicht, solange der Täter frei herumirrt. Ruth isoliert sich, wird von Panikattacken und Alpträumen geplagt. Selbst Scott kann ihr Leid nicht lindern, kann ihr ihre Unsicherheiten und Ängste nicht nehmen …
Eine weitere, wenn auch selten zu Wort kommende Perspektive ist Andrew Farrow, der mit seiner Partnerin Karen Hernandez in beiden Fällen ermittelt. Wir treffen hier auf einen engagierten Detective, auf Mitgefühl und die Bereitschaft, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um Monster zu fassen. Doch auch er weiß, dass die Mühlen der Justiz nicht die schnellsten sind und wenig für die Opfer übrig haben.
Steve Cavanagh lässt uns an dem Alltag, der Geschichte, den Gedanken verschiedener Persönlichkeiten teilhaben und spinnt so ein weitreichendes Netz aus – oftmals unspektakulär erscheinenden – Ereignissen und Vermutungen. Nur langsam entsteht ein greifbares und dynamisches Geschehen um die einzelnen Figuren, ihre Konflikte, Probleme und Motivationen. Aber Verständnis, das gab's von Anfang an: Ich konnte Amandas Ziel, ihren Wunsch, ihre Bereitschaft, Vergeltung zu erzwingen, verstehen. Ihren Schmerz fühlen. Selbstjustiz ist keine Lösung? Ist rechtswidrig? Erzähl das einem Menschen, dem das Liebste auf brutalste Weise genommen wurde.
Aufgrund der recht kurzen Kapitel und der damit einhergehenden Perspektivwechsel sind eine durchgängige Entwicklung und ein flottes Vorankommen gegeben. Von Seite zu Seite kommen wir diversen, sich zuspitzenden Situationen und Abgründen, unsichtbaren Verbindungen näher. Wie schon bekannt, konzipierte der Autor weder einen eindimensionalen Plot noch farblose Charaktere. Die im Fokus stehenden Frauen wurden mit Hintergrund und nachvollziehbaren Zügen gezeichnet, mit ambivalenten Empfindungen, Trauer, Trauma und Hass. Es war aufregend, ihre Wege zu verfolgen, herauszufinden, was sie tun würden und werden. Und gleichzeitig schwang eine beklemmende Nuance mit, eine Sicherheit, die trügerisch schien. Obgleich hier die psychologische Spannung dominiert, wartet die eine oder andere blutige Angelegenheit auf uns, überraschende Wendungen und logisch abgestimmte Wahrheiten samt einiger unvorhergesehener Twists. Tatsächlich sind es die letzten 25 %, bevor „Kill for Me“ zu einem runden Abschluss kommt, in denen der Autor mit Tempo und Zeitdruck kräftig punktet.
Trotz der positiven Aspekte gab es für mich auch Enttäuschendes: Dieses Mal kam mir Cavanaghs Stil sehr, sehr einfach vor. Unelegant, regelrecht plump. Zusätzlich finden sich zahlreiche Längen mit irrelevanten Informationen – bspw. Anekdoten aus den verschiedenen Leben oder bis ins Kleinste festgehaltene Beschreibungen von Tätigkeiten und Umgebungen. Was wahrscheinlich der Atmosphäre und dem Einfinden zugutekommen soll, brachte lediglich die Handlung ins Stocken und bremste dabei die Spannung aus. Dabei basiert das Geschehen auf einer intelligenten, merklich durchdachten Idee, auf Themen und Situationen, die zum Nachdenken anregen. Steve Cavanagh animiert die LeserInnen konstant dazu, Zusammenhänge zu suchen, mitzurätseln und aufmerksam zu bleiben, bevor er sie vollkommen aus der Bahn wirft.
Nicht der beste, aber ein lesenswerter Thriller.