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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.09.2025

Enttäuschte Erwartungen

Adlergestell
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Drei Mädchen im Grundschulalter erleben den gerade begonnen Wandel in Ostdeutschland. Die Mauer ist vor kurzem gefallen, Ost- und Westdeutschland sind wieder vereint und alles ist plötzlich ganz anders.

Namensgebend ...

Drei Mädchen im Grundschulalter erleben den gerade begonnen Wandel in Ostdeutschland. Die Mauer ist vor kurzem gefallen, Ost- und Westdeutschland sind wieder vereint und alles ist plötzlich ganz anders.

Namensgebend für das Buch ist die längste Straße in Berlin "Adlergestell". Hier erleben die drei Freundinnen mit Stauen, großen Erwartungen und aus Kindersicht den rasanten Wandel der sich in Ostdeutschland in den 90er Jahren vollzog. Doch oft stellen sich diese Erwartungen als unrealistisch heraus. So unterschiedlich die Drei auch zu sein scheinen, eines haben sie gemeinsam, sie wünschen sich eine Flucht aus ihrem Zuhause in eine andere Welt. Denn in ihrem Zuhause erleben sie u.a. Gewalt, Vernachlässigung, Rassismus, plötzlich geschieden Eltern und Arbeitslosigkeit. Die Freundinnen verbringen ihre Nachmittage u. a. mit dem Klauen von Mercedessternen, Telefonstreiche, und Stelen von allerlei Dingen. Erzählt werden die Erlebnisse als Rückblick aus der Gegenwart. In kurzen Einschüben zwischen den einzelnen Kapiteln liest man die sehr treffende Interpretationen westlicher Werbung, des Comichelden Captain Planet oder des PC-Gams Lemminge, deren medialen Charaktere Ostdeutschland eroberten.

Mir ist diese Zeit ebenfalls aus Kindertagen bekannt, jedoch aus westdeutscher Sicht. Umso interessanter fand ich es den Erlebnissen und Erfahrungen der drei Mädchen aus ostdeutscher Sicht zu folgen. Die Autorin verstehet es mit ihrem Schreibstil die Dinge in aller Kürze und einer unglaublichen Sprachgewandtheit auf den Punkt zu bringen. Teilweise muten die Sätze richtig poetisch an.

Das Cover spielgelt in seiner einfachen und kindlichen Darstellung den Inhalt bestens wieder. Das Gespenst auf dem Titelbild kann man sowohl bildlich, als Umriss den die Kinder auf der Straße sehen, als auch im übertragenen Sinn, als den Wandel der in jedem Haus in Ostdeutschland durch das Leben der Bewohner spuckt, verstehen.

Mir hat der Roman sehr gut gefallen. Sprachlich überaus gelungen, beschreibt er das Lebensgefühl einer jungen Generation die mit dem Wandel den sie und ihre Familie erleben oft überfordert zu sein scheinen.

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Veröffentlicht am 04.08.2025

Tragik und Zynismus

Botanik des Wahnsinns
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Sämtliche Familienmitglieder in diesem Roman haben psychische Erkrankungen. Und so scheint es dem Ich-Erzähler des Romans nur selbstverständlich, dass auch ihn dieses Schicksal zuteil wird. Unaufhaltsam ...

Sämtliche Familienmitglieder in diesem Roman haben psychische Erkrankungen. Und so scheint es dem Ich-Erzähler des Romans nur selbstverständlich, dass auch ihn dieses Schicksal zuteil wird. Unaufhaltsam beobachtet er sich selbst um erste Anzeichen hierauf zu erkennen. Schließlich kommt er tatsächlich in eine Psychiatrie, jedoch als Psychologe.

„Botanik des Wahnsinns“ erzählt die Geschichte einer Familie in der die verschiedenen Psychosen der einzelnen Mitglieder zum Alltag geworden sind. Persönliche Erlebnisse in der Psychiatrie als Arzt, Erzählungen über die Vergangenheit der Familie und medizinische Hintergrundinformationen sowie die historische Entwicklung der Behandlung von psychischen Erkrankungen wechseln sich ab. Eine eindeutige Aussage hierüber wird zwar nie erwähnt, aber ich gehe davon aus, dass das Buch starke biographische Züge enthält. Viele Parallelen zwischen dem Autor und dem Ich-Erzähler sind erkennbar. Die Beschreibungen wirken außerdem äußerst authentisch.

Ein starker Zynismus ist in fast jedem Satz zu finden, „Es ist ein Erfolg wenn die schwierigsten Patienten wiederkommen, anstatt sich umzubringen“ S. 93, ist so ein Beispiel hierfür. Derartige Aussagen findet man zuhauf in dem Text. Dem Autor gelingt es, durch diese Erzählweise, ein überaus ernstes und tragisches Thema mit Humor und Distanz zu vermitteln. Immer wieder wird auch die Frage über „Normal“ und „Unnormal“, „gesund“ und „verrückt“ aufgeworfen. So wurden z. B. mit der Aberkennung homosexueller Neigungen als Krankheit viele Menschen mit einem Mal als gesund und normal eingestuft.

Immer wieder wird im Roman die Welt der Psychosen mit der Botanik verglichen, deshalb auch der poetisch klingende Titel „Botanik des Wahnsinns“. Dieser Vergleich beruht auf einer historischen Tatsache. Bereits Carl von Linné, der sowohl Botaniker als auch Mediziner war, entwickelte in seinem Werk „Genera Moborium“ eine Ordnung in die er die verschiedenen psychischen Erkrankungen, ganz wie die verschiedenen Pflanzenordnungen, einteilte, S. 76-77.

Mir hat das Buch sowohl der Inhalt auch der Erzählstil des Buches sehr gut gefallen. Auch das Cover ist wunderschön. Die floralen Fantasiegestalten verdeutlichen den Thematik des Romans perfekt.

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Veröffentlicht am 04.08.2025

Die versteckten Gefühle einer traditionellen Dorfgemeinschaft

Das Geschenk des Meeres
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In dem abgelegenen schottischen Dorf Skerry, in dem ein traditionelles Leben herrscht, ereignen sich um 1900 merkwürdige Dinge. Nachdem vor Jahren ein Jung im Meer verschwunden ist, taucht plötzlich ein ...

In dem abgelegenen schottischen Dorf Skerry, in dem ein traditionelles Leben herrscht, ereignen sich um 1900 merkwürdige Dinge. Nachdem vor Jahren ein Jung im Meer verschwunden ist, taucht plötzlich ein zum Verwechseln ähnlicher Junge wieder auf, der an den Strand gespült wurde. Und wie es der Zufall so will nimmt ihn Dorothy, die verwaiste Mutter, auf.

Was zunächst mystisch anmutet, entpuppt sich während der Handlung immer mehr zu einem gesellschaftlichen Roman, der den Menschen tief in die Seele und in ihre Gefühlswelt blickt. Thematisiert wird dabei vor allem das Leid Dorothys, nach dem Verschwinden ihres Sohnes. Aber auch der Tratsch, Neid und Missgunst der Dorfbewohner spielen eine große Rolle, ebenso eine zarte Liebesgeschichte, die keine Chance zum Wachsen erhält. Der Junge bringt mit seinem Erscheinen im Dorf somit die gesamte Dorfgemeinschaft in Aufruhr. Der Schauplatz der Handlung ist sowohl von der Umgebung als auch vom Verhalten der Menschen rau und scheint durch und durch lebensfeindlich.

Erzählt wird die Handlung in Kapiteln entweder die Gegenwart oder die Vergangenheit der Protagonisten beschreiben. Unterteilt ist jedes Kapitel in kurze Abschnitte die jeweils einer einzelnen Person gewidmet sind. Diese Gestaltung des Textes gibt dem Roman eine klare Strukturierung.

Das Buch war ganz anders als ich zunächst erwartet hatte. Aus einem scheinbar spannenden und abenteuerversprechenden Ereignis (dem Auftauchen des Kindes) entwickelte sich eine ruhige und unaufgeregte, jedoch gefühlsbetonte und tief in die Psyche blickende Handlung, die sich aber durchaus lohnt gelesen zu werden.

Das Cover des Buches mit dem harmonischen Blautönen und dem einsamen Haus am stürmischen Meer vermittelt den Inhalt des Buches wunderbar und hat mir sehr gut gefallen. Als Beigabe gab es zum Buch noch zwei Postkarten mit dem Bild des Covers.

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Veröffentlicht am 04.08.2025

Fantastische und kuriose Reise in eine fremde Stadt

Immerland – Die Stadt der Ewigkeit
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Mika verbringt seine Sommerferien bei seiner Oma, es scheint eine eher triste Zeit für ihn anzustehen. Doch dann erkrankt seine Großmutter ganz unerwartet und Mika will sie während einer Gewitternacht ...

Mika verbringt seine Sommerferien bei seiner Oma, es scheint eine eher triste Zeit für ihn anzustehen. Doch dann erkrankt seine Großmutter ganz unerwartet und Mika will sie während einer Gewitternacht in ein Krankenhaus bringen. Doch plötzlich finden sie sich wie durch Zauberhand vor den Toren einer fremden Stadt wieder.

Hier ist alles ganz anders. Sprechende Affen aller Art leben wie selbstverständlich unter den Menschen und auch die Menschen selbst haben sonderbare Charaktere. Während die Oma sich im Krankenhaus erholt, findet Mika Freunde in der Stadt, zusammen erfinden sie u. a. eine fantastische Maschine und nehmen an einem Wettbewerb teil.

Die Geschichte um Mika und die sonderbare Stadt hat mich an eine Reihe bekannter Werke erinnert. Die Handlung ist fast so fantastisch wie „Alice im Wunderland“. Man weiß oft nicht welcher Sinn und Plan hinter dem ganzen Geschehen steckt, dass erinnerte mich immer wieder an die Werke von Kafka. Auf der Seite 126 heißt es dann auch: „Der Anblick des glänzenden Geräts war irre. Es erinnerte Mika an einen Menschen, der Morgens als Käfer aufgewacht war.“ Bei den Bildern musste ich an die Zeichnungen aus „Es war einmal der Mensch“ denken.

Mir hat das Konzept des Buchs gut gefallen. Es handelt sich um eine durch und durch fantastische Geschichte und das obwohl sie komplett ohne Magie auskommt. Insgesamt wirkte der Roman für mich etwas aus der Zeit gefallen, würde ich es nicht wissen, hätte ich ihr Entstehungsdatum in den 1980er Jahren verortet, was dem Werk insgesamt jedoch keinen Abbruch tut. Ich freue mich bereits auf den Nachfolgeroman dieser Reihe.

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Veröffentlicht am 04.08.2025

Sprachlosigkeit als Stilmittel

Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
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Angelehnt an ihre eigene Familiengeschichte erzählt die Autorin über mehrere Generationen die Geschehnisse um eine norddeutsche Bauernfamilie. Die einzelnen Familienmitglieder haben viele große und kleine ...

Angelehnt an ihre eigene Familiengeschichte erzählt die Autorin über mehrere Generationen die Geschehnisse um eine norddeutsche Bauernfamilie. Die einzelnen Familienmitglieder haben viele große und kleine Schicksalsschläge zu erleiden. Das Leben ist rau und die Menschen gefühlskalt.

Die bedrückende, kalte und wortkarge Atmosphäre setzt die Autorin sprachlich und stilistisch großartig um. Die Kapitel sind äußerst kurz, inhaltlich wird alles nur knapp angesprochen. Die Sprachlosigkeit der Familienmitglieder spiegelt sich so in der Knappheit der sprachlichen Umsetzung im Roman wieder. Teilweise sind auch einzelne Seiten ganz oder fast ganz leer. Immer wieder werden auf einer Seite nur Stichpunkte genannt. Den freien Raum kann der Leser mit seinen eigenen Gedanken füllen. Teilweise wird die gleiche Situation auch aus zwei unterschiedlichen Perspektiven unterschiedlicher Personen beschrieben, diese Beschreibungen weichen dann erheblich voneinander ab, da die Sichtweisen der einzelnen Familienmitglieder weit auseinanderliegen.

Der Titel des Roman ist so individuell wie der Roman selbst. Was es mit dem Schafetöten auf sich hat, bleibt aber kein langes Geheimnis, den bereits auf der ersten Seite wird darauf eingegangen. Es handelt sich hier eher um eine Aussage an der sich der Inhalt des Romans abarbeitet. Auch die Zitronen auf dem Cover kommen mehrfach im Roman zur Sprache.

Insgesamt hat mir der kurze Roman von Anna Maschik sehr gut gefallen. Das Buch ist mit seiner großen Schrift und den meist nicht vollgeschriebenen Seiten schnell gelesen und doch wird darin so viel erzählt wie andere in einem dicken Welzer abhandeln. Vor allem das Nichterzählte steht dabei im Zentrum. Dieser Erzählstil gleicht einer wahren Kunst.

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