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Veröffentlicht am 14.07.2025

Nachdenklich

Gesellschaftsspiel
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Gerade als Isabel und Annikas Mutter, Dagmars Schwester, stirbt, will ein Tech Milliardär in ihrer Stadt sein neues Projekt "the Syndicate" starten. Ein Ausnahmezustand auf verschiedenen Ebenen.
Mir gefällt ...

Gerade als Isabel und Annikas Mutter, Dagmars Schwester, stirbt, will ein Tech Milliardär in ihrer Stadt sein neues Projekt "the Syndicate" starten. Ein Ausnahmezustand auf verschiedenen Ebenen.
Mir gefällt das Zusammenspiel von Leise und Laut. Und von Persönlich und Gesellschaftlich. Ich mag, dass diese Dinge fließend und verwoben miteinander ausgelotet werden. "Gesellschaftsspiel" bietet keine Antworten, weder bleibt die Hoffnung noch der Pessimismus nachhaltig und zukunftsverlässlich. Ich darf mit meinen Gefühlen einfach in das Meer der Gefühle im Buch eintauchen. Die Autorin schafft es Rechtes Gedankengut erst zu nehmen ohne es zu ernst zu nehmen oder mir das Gefühl zu geben, dass ihre Haltung nicht eine menschenfreundliche ist.
Der Umgang mit Technik und insbesondere dem Internet ist für mich eines der zentralen Themen. Die Beobachtungen dazu empfinde ich als ehrlich und verständnisvoll freundlich.
Durch die drei Protagonistinnen ergänzen sich die Persönlichkeiten und Perspektiven. Mir war Dagmar sehr nahe (gleich zu Beginn kommt eine Aussage zu neurodivergenz), mit der Zeit wechselte das immer wieder mal und Annika oder Isabel boten mir identifikationspotential. Annika hat eine Essstörung, was Lesende als triggerpotential berücksichtigen sollten. Die Charaktere wirkten auf mich echt, nicht gekünstelt und doch sind sie so gestaltet, dass sie sich in ihren Funktionen für die Erzählung ergänzen. Sie selbst, aber vor allem ihre Beziehung untereinander verändert sich, und vielleicht darf das als Parallel zu der Veränderung, die "Syndicate" bewirken soll, gelesen werden.
Die Erzählung selber ist eher zart und vorsichtig, obwohl ziemlich polemische Stimmen abgebildet werden. Der klare sprachliche Stil liest sich gut, die Autorin traut ihren Leser*innen zu sprachlich schön angelegten Erzählstränge und verschiedenen Textarten selbst in Verbindung zu setzen. Stilistisch könnte ich sicherlich Analysen wie im Deutschunterricht schreiben, ihre Wirkung erfüllen sie auch so.

Für mich ein kleines Highlight in der Sparte Gesellschaftsroman dieses Jahr.

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Veröffentlicht am 27.06.2025

Magie, Mythen und die Liebe

Faebound
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Auch wenn "Faebound" nicht das uneingeschränkte Highlight geworden ist, mit dem ich gerechnet hatte, so war es am Ende doch eine schöne Geschichte.

Was mir sehr gut gefallen hat, ist die mythische Erzählung ...

Auch wenn "Faebound" nicht das uneingeschränkte Highlight geworden ist, mit dem ich gerechnet hatte, so war es am Ende doch eine schöne Geschichte.

Was mir sehr gut gefallen hat, ist die mythische Erzählung zu den drei Gottheiten, die am Anfang des Buches steht und immer wieder aufgegriffen wird. Sie ist es auch, die hauptsächlich meine Neugier auf die weiteren Bände der Reihe weckt, denn in "Faebound" haben unsere Protagonist*innen gerade angefangen ihre Bedeutung und die Geschichte und das Schicksal ihrer Welt und Völker zu erkunden. Weil mir dieses Thema am meisten zugesagt hat, war Lettle meine Lieblings-prota. Sie ist Wahrsagerin und folgt ihrer Schwester ins Exil, als diese bei ihrem ersten Einsatz als Kommandantin der Armee einen Fehler macht.

Bis etwa zur Mitte des Buches ändert sich die Erzählung immer wieder, von der Schilderung von Yeeran und ihrer Liebhaberin, über das Schlachtfeld, die Jagd im Wald zu Beginn des Exil und dann die Begegnung mit den Fae. Mich hat das gestört, mir fehlte die Zeit in einem Setting und Erzählabschnitt anzukommen, bevor es weiter geht. Nach der Ankunft bei den Fae wurde es besser und ich begann die Charaktere zu verstehen und eine tiefere Bindung aufzubauen. Die Geschichte mit ihren Wirrungen und Wendungen fing an mir immer besser zu gefallen. Es lauern Liebe, politische Intrigen und Geheimnisse.
Besonders gefallen hat mir die immer wieder poetisch berührte Sprache und die lebendigen, fast haptischen Beschreibungen. Das Worldbuilding ist queernormativ, so dass nicht nur queere Beziehungen selbstverständlich auftauchen, auch Gender ist eine offene Kategorie und neopronomen finden sich immer wieder im Text. Mit Yeeran liegt der Fokus auf eine sapphischen Liebesgeschichte. Mich hat auch die Einbindung von chronischem Schmerz über Lettles Behinderung berührt.

Der starke Beginn hat meine Neugier geweckt und auch wenn es dann für mich emotional ein bisschen gehangen hat, wurde das Buch mit der Zeit ein befriedigendes Erlebnis. Ich könnte mir vorstellen, die Reihe weiter zu lesen.

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Veröffentlicht am 07.06.2025

Wichtiges Werk zum Thema!

Eugenische Phantasmen
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"eugenische phantasmen" besteht zur Hälfte aus Fußnoten bzw Anmerkungen. Ohne diese bleibt ein fokussierter Haupttext mit viel Präzision. Themen die schwierig sind trennscharf zu fassen werden trotzdem ...

"eugenische phantasmen" besteht zur Hälfte aus Fußnoten bzw Anmerkungen. Ohne diese bleibt ein fokussierter Haupttext mit viel Präzision. Themen die schwierig sind trennscharf zu fassen werden trotzdem differenziert behandelt, insbesondere die betroffenen Personengruppen und deren Konstruktion. Der Fokus auf Menschen mit Lernbehinderung hat mich überzeugt. Domänen die oft getrennt voneinander verhandelt werden sehr klar und gewinnbringend in ihren Funktionen zusammen gedacht, insbesondere Medizin, Pädagogik, Psychiatrie und Theologie. Statt eines rückblickend-abwertenden Stil steht das beschreibende nachvollziehen von Standpunkten und Entwicklungen im Vordergrund, aber basierend auf einer Haltung die Menschen- und Lebensfeindlichkeit ablehnt. Die kritische Betrachtung der Rolle der Kirchen fand ich wichtig und einen Aspekt der sonst oft weniger oder zumindest weniger kritisch behandelt wird.

Ich fand das Buch inhaltlich bereichernd, gut recherchiert und gut lesbar. Ich finde, es ist ein must-read zum Thema Eugenik und Ideen wie der von "lebensunwertem Leben".

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Veröffentlicht am 30.05.2025

Willkommenskultur?

Apfelblüten und Jasmin
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Es ist ein eindringliches Jugendbuch. Aus der Ich-Perspektive hören wir von Talitha, die alleine in Deutschland angekommen ist.
"Meine Vergangenheit ist Traum und Alptraum zugleich. Wünsche habe ich genügend ...

Es ist ein eindringliches Jugendbuch. Aus der Ich-Perspektive hören wir von Talitha, die alleine in Deutschland angekommen ist.
"Meine Vergangenheit ist Traum und Alptraum zugleich. Wünsche habe ich genügend für die Zukunft. Aber vor der Gegenwart fürchte ich mich."
Von den Erlebnissen auf der Flucht und im Bürgerkrieg erfahren wir eher Überschriften, der Fokus der Erzählung liegt auf ihren Auswirkungen. Auch von dem Leben davor erfahren wir und sehen, wie es Talithas Hoffnungen und Werte geprägt hat. Wir sehen Talithas Mut und ihr Ringen zwischen dem, was sie für richtig hält und dem, was überleben zu verlangen scheint. Wir lernen Menschen auf Talithas Weg kennen, Menschen die sie verstehen, für sie da sind und Menschen, die sie ablehnen, ihr das Leben schwer machen. Die Autorin bemüht sich hier um ein Gleichgewicht, aber mein Eindruck ist, dass das Buch sich an uns richtet, die wir in Deutschland oder Österreich leben und nie fliehen mussten. Immer wieder werden die großen Auswirkungen von (Gewalt-)Taten einzelner thematisiert und die Unsicherheit angesichts der ständig neuen Entwicklungen und Gesetze.

Ich fand Talithas Geschichte berührend und die Erzählung eine gute Auseinandersetzung mit den Konflikten rund um geflüchtete Menschen um 2015

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Veröffentlicht am 28.05.2025

Wiedermal der Hammer!

To Tempt a God
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Mit "to tempt a god" beweist Anna Benning sich einmal mehr als go-to-Autorin für Jugendbuch Fantasy/Romantasy.

Schon die ersten Kapitel enthalten die Quintessenz davon, was das Buch so gut macht. Wir ...

Mit "to tempt a god" beweist Anna Benning sich einmal mehr als go-to-Autorin für Jugendbuch Fantasy/Romantasy.

Schon die ersten Kapitel enthalten die Quintessenz davon, was das Buch so gut macht. Wir lernen die Schönheit dieser Welt kennen, indem wir mit Aurora auf die Dächer klettern und Götterlicht fangen. Die Schönheit gleich gefolgt von der Grausamkeit dieser Welt in der Götter herrschen. Aurora, die so begeisterungsfähig, so fürsorglich und liebevoll und so voller Kampfgeist und Schlagfertigkeit als Hauptprotagonistin die Geschichte trägt. Und natürlich, eine Widerstandsbewegung mit komplizierter Geschichte und ein Gott, der irgendwie nicht ganz so einfach zu hassen ist...

Anna Bennings Schreibstil macht das Lesen leicht, alles greift ineinander und fließt, sodass ich immer enttäuscht war, wenn ich das Buch kurz oder länger beiseite legen musste. Die Sogwirkung beim Lesen kommt für mich aus der Lebendigkeit der Erzählung statt aus einem schnellen und harten Spannungsaufbau. Nach der Hälfte war mein Gedanke noch, dass die Geschichte gut, aber nicht besonders war, im letzten Drittel kommt dann aber eins zum anderen und der geneigte Leser nicht mehr dazu noch offene Wünsche zu haben.

Die Dynamik zwischen Aurora und Colden macht Spaß. Es gibt so viele Aspekte, die immer wieder anklingen, wer die beiden sind und was ihre Rollen ihnen vorschreiben, wer sie sein wollen und wer sie sein können. Das Spiel mit den Erwartungen gefiel mir gut. Auch, wenn die Beziehung der Beiden relativ im Vordergrund steht gibt es genügend andere Plotpoints die Raum einnehmen und zu interessanten, amüsanten und aufregenden Situationen führen. Unter Göttern und Menschen finden sich Nebencharaktere mit fragwürdigen Motiven, tragischen Schicksalen und funkelnden Persönlichkeiten, Langeweile kommt da nicht auf.

Als erster Band hat "to tempt a god" ein solides Fundament gebaut und die Charaktere in Stellung gebracht. Aurora, Colden und die Menschen, die ihnen wichtig sind, sind mir schon jetzt ans Herz gewachsen und ich möchte wissen, wie ihre Geschichte weiter geht. Ein paar grundlegende Fragen und in-Frage-Stellungen sind auch aufgetaucht, die uns sicherlich die Trilogie über beschäftigen werden. Ich freue mich schon zu lesen, wohin das alles führt.

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