Perfekt für die dunklen Jahreszeit
Wer die Toten störtWer die Toten stört hat sich für mich zu einem absoluten Jahreshighlight entwickelt. Der Roman verbindet historische Fakten, morbide Themen und eine leise, berührende Liebesgeschichte zu einem außergewöhnlichen ...
Wer die Toten stört hat sich für mich zu einem absoluten Jahreshighlight entwickelt. Der Roman verbindet historische Fakten, morbide Themen und eine leise, berührende Liebesgeschichte zu einem außergewöhnlichen Gesamtbild, das lange nachwirkt. Selten habe ich ein Buch gelesen, das gleichzeitig so düster, so klug und so feinfühlig erzählt ist.
Die Handlung führt ins Edinburgh des frühen 19. Jahrhunderts – eine Stadt, die hier nicht romantisiert, sondern rau, kalt und stellenweise erschreckend ehrlich dargestellt wird. Armut, soziale Ungleichheit und die dunklen Seiten der medizinischen Ausbildung prägen das Setting. Besonders die Auseinandersetzung mit Leichenraub und anatomischer Forschung verleiht der Geschichte eine makabre Faszination, die gleichermaßen verstört und neugierig macht.
Im Mittelpunkt steht James Willoughby, ein junger Mann mit großen Ambitionen und begrenzten Mitteln. Zu Beginn wirkt er beinahe unbeholfen und weltfremd, doch im Verlauf der Geschichte wird er gezwungen, seine Werte, seine Moral und letztlich auch sich selbst infrage zu stellen. Diese Entwicklung ist ruhig, glaubwürdig und sehr eindrucksvoll erzählt. James wächst nicht nur an seinen Entscheidungen, sondern auch an den Menschen, denen er begegnet.
Besonders hervorzuheben ist der Schreibstil: atmosphärisch, stellenweise poetisch, dabei aber überraschend humorvoll. Die Sprache orientiert sich an der Epoche, ohne schwerfällig zu wirken, und verleiht dem Roman eine ganz eigene Stimme. Gerade diese Mischung aus sprachlicher Eleganz, schwarzem Humor und schonungsloser Thematik macht das Buch so besonders.
Auch die Nebenfiguren tragen viel zur Wirkung der Geschichte bei. Sie sind nicht bloße Kulisse, sondern bringen unterschiedliche Perspektiven auf Wissenschaft, Moral und Überleben ein. Der geheimnisvolle Grabräuber Nye sticht dabei besonders hervor – charismatisch, vielschichtig und ein faszinierender Gegenpol zu James. Die sich langsam entwickelnde Beziehung zwischen den beiden bleibt dezent, glaubwürdig und fügt sich organisch in die Handlung ein, ohne sie zu dominieren.
Die Geschichte überrascht mehrfach mit Wendungen und bleibt durchgehend spannend, auch wenn sie sich Zeit nimmt, ihre Themen sorgfältig zu entfalten. An wenigen Stellen hätte ich mir gewünscht, noch tiefer in den medizinischen Alltag und die anatomischen Lehranstalten einzutauchen, und gegen Ende wirkt das Tempo etwas straffer als zuvor. Das schmälert den Gesamteindruck jedoch kaum.
Fazit:
Wer die Toten stört ist ein atmosphärisch dichter, hervorragend recherchierter historischer Roman mit True-Crime-Anklängen, tiefgehenden Figuren und einer ungewöhnlich warmen emotionalen Ebene. Düster, intelligent und mit feinem Humor erzählt – eine klare Empfehlung für alle, die historische Stoffe mit Tiefgang lieben, besonders in der dunkleren Jahreszeit