Spannende Idee, schwache Umsetzung
Sophie L.Leider konnte mich dieser „Thriller“ gar nicht abholen. Von Thrill war aber wirklich nicht das Geringste zu spüren, es war eher ein mittelmäßig spannender Familien-/Historischer Roman. Die Idee klang total ...
Leider konnte mich dieser „Thriller“ gar nicht abholen. Von Thrill war aber wirklich nicht das Geringste zu spüren, es war eher ein mittelmäßig spannender Familien-/Historischer Roman. Die Idee klang total spannend, aber die Umsetzung hat wirklich sehr, sehr viel Potenzial verschenkt. Auch mit dem Schreibstil bin ich nicht warm geworden, dieser las sich häufig irgendwie hölzern.
Olivia ist Gedächtnisexpertin – wie immer wieder betont wird, sie hat sogar einen Doktortitel – und arbeitet als Psychotherapeutin in irgendeinem Londoner Vorort. Eines Tages gesteht ihre Großmutter, die in Paris lebt, mitten in der Lobby eines bekannten Hotels, dass sie 1945, als sie nach dem Krieg drei Tage im Hotel verbringen musste, dort eine andere Frau umgebracht und deren Namen angenommen hat. Als einzige Verwandte eilt Olivia natürlich sofort von England aus nach Paris. Da ihre Großmutter Anzeichen von Gedächtnisverlust zeigt, ist das ja ihr Fachgebiet!
Nur leider ist von Olivias angeblicher Expertise das gesamte Buch hindurch wirklich gar nichts zu merken. Sie stolpert sehr naiv durch die Geschichte, ist ständig verwirrt und zeigt nicht einen Funken ihres angeblichen Fachwissens. Das fand ich mit der Zeit wirklich nervig, denn warum wird ihre Profession ständig so betont, wenn sie davon nichts nutzt, um den Vorfall zu klären?
Olivia als Charakter konnte ich auch gar nicht greifen. Es wurden einige Elemente hinzugefügt, die ihr wohl irgendwie Tiefe geben sollten, die aber weder logisch noch gut ausgearbeitet waren. Sie lebt bspw. von ihrem Exmann, dem Vater ihres Sohnes, getrennt und verliert über diesen kein gutes Wort. Vor allem wird er immer wieder als unzuverlässig und wenig involviert beschrieben. Dann kann sie ihm aber plötzlich (PER SMS!) das Kind für unbestimmte Zeit anvertrauen, ohne danach je mit ihm zu sprechen oder sich zu erkundigen, ob alles in Ordnung ist. Auch beim Kind fragt man sich, ob der Autor je einen Sechsjährigen gesehen hat. An einer Stelle versteht das Kind Facetime nicht (unwahrscheinlich für Gen Alpha), an einer anderen zockt es aber selbstständig XBOX.
Es waren einfach sehr viele kleine Ungereimtheiten, die mich beim Lesen immer wieder haben stocken lassen. Dazu kommen noch zahlreiche Stellen im Buch, wo man nicht weiß, ob das Lektorat einfach schlampig gearbeitet hat (überflüssige viel zu detaillierte Backstory mit Olivias Ex und Kind, super viele Wiederholungen, die am Ende keine Bedeutung haben …).
Die verschiedenen Zeitebenen hätten spannend sein können, leider wurde auch hier insgesamt viel zu oberflächlich erzählt. Statt auf die Gefühle der Figuren einzugehen, die 1945 zum Großteil als Überlebende aus KZs in das Hotel kamen, wurde unnötig oft ihre gestreifte Kleidung, die geschorenen Schädel oder die Tatsache, dass sie ungewaschen riechen, wiederholt.
Es wurden auch einige spannende Fragen aufgemacht und durch die kurzen Kapitel ist das Buch schnell zu lesen – hätte man aber alle halben Leerseiten und Wiederholungen weggelassen, wäre es auch nur halb so dick geworden.
Dafür, dass das Buch viele Längen hatte, ging am Ende dann plötzlich alles ganz schnell und trotz einer (mehr oder weniger glaubwürdigen) Auflösung bleiben zahlreiche Fragen offen. Der Täter war auch sehr früh klar, eine Überraschung, einen spannenden Plot Twist oder wenigstens ein interessantes Motiv gab es nicht. (Er war halt böse und wollte Macht, dafür manipulierte er jahrzehntelang fröhlich die Erinnerungen seiner Patient:innen.)