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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.02.2026

Highlight 2026

Die Riesinnen
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Die anfängliche Stimmung hätte vermuten lassen können, dass wir uns sehr weit in der Vergangenheit befinden, aber es ist 'nur' das letzte Jahrhundert. Die Sechziger. Da beginnt dieser gut beobachtete Roman, ...

Die anfängliche Stimmung hätte vermuten lassen können, dass wir uns sehr weit in der Vergangenheit befinden, aber es ist 'nur' das letzte Jahrhundert. Die Sechziger. Da beginnt dieser gut beobachtete Roman, der in dem kleinen fiktiven Ort Wittenmoos im Schwarzwald spielt.

Es ist ein generationenumspannender Roman. Der die Leben dreier Frauen beschreibt. Erst Liese, dann ihre Tochter Cora und zuletzt deren Tochter Eva. Ich fand es faszinierend, wie geschickt Hannah Häffner jedes Mal den Übergang zur nächsten Protagonistin schafft. Schleichend und zart wechseln die Perspektiven und wie selbstverständlich bewegen wir uns in den Leben der kommenden Generationen.

Drei Frauen, jede steht für eine ganz eigene Stärke, selbst in ihrem Scheitern. Und selbst wenn die Ferne ruft, ist da immer diese Heimat, die so rauh daher kommt und mit ihren Wäldern doch so viel Verbindung schafft, dass sie wie ein Magnet alle drei Frauen immer wieder zu sich zieht.

Reale Ereignisse werden mit den Biografien der Frauen verwoben. Ich habe das ein oder andere Mal gegoogelt um zu erfahren, was erfunden und was tatsächlich passiert ist.

Jede der drei Frauen in mein Herz geschlossen, habe gejubelt über Befreiungsschläge, habe geweint bei verpassten Chancen. Das Jahr startete mit solch einer tollen Neuerscheinung starten. Das kann nur ein gutes Omen für das Literaturjahr 2026 bedeuten.

Taucht ein, wenn ihr Familiengeschichten mögt, die Kanten haben und bis in die kleinsten Nebenrollen gut gezeichnet sind. Ein wunderbares Buch, dass mich umarmt.

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Veröffentlicht am 19.02.2026

Interessante Geschichte, die sprachlich und inhaltlich im letzten Drittel leider schwächelt

Wo das Schweigen wohnt
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Was für eine Familiengeschichte.
Alma muss den Suizid ihrer Mutter Margret verarbeiten und bekommt zudem plötzlich einen Bruder vorgesetzt.

In Rückblenden wird das Leben vieler Protagonist*innen erzählt. ...

Was für eine Familiengeschichte.
Alma muss den Suizid ihrer Mutter Margret verarbeiten und bekommt zudem plötzlich einen Bruder vorgesetzt.

In Rückblenden wird das Leben vieler Protagonist*innen erzählt. Vielleicht ein wenig zu Vieler. Beginnend in den letzten Wirren des Zweiten Weltkriegs begleiten wir Margret auf ihrer Flucht aus Ostpreußen. Das Grauen, das auch nach Ende des Krieges nicht aufhört, ist kaum auszuhalten und doch musste ich immer weiterlesen. Margrets Abschnitt hat mich auch am meisten gefesselt.
Die Perspektiven ändern sich im Laufe des Buches. Alma kommt zu Wort, aber auch ihr Halbruder Bernd, ihre Tochter Bianca und weitere Personen. Und immer wieder kehren wir in die Gegenwart zurück, stoßen auf weitere Geheimnisse bzw. nähern uns ihrer Lüftung.

Mir waren es insgesamt zu viele Themen und zu viele Personen, dadurch fehlte es mir ab und an Tiefe und ich hätte mir mehr Geschichte zu wenigen Personen gewünscht.

So dramatisch der rote Faden im Laufe des Buches ist, so seicht verlor er sich am Ende. Das Happy End kam mir schnell und zu unglaubwürdig.
Es hatte für mich den Eindruck, als müssen das Buch in den letzten Seiten schnell zu Ende geschrieben werden.
Ein Mehrteiler hätte der Geschichte vielleicht gut getan.

Historisch ist das Buch sehr gut recherchiert. Ich habe oft pausiert, um mich mehr über Geschehnisse im Buch zu informieren. Das Buch liest sich insgesamt gut, lässt aber sprachlich im letzten Drittel nach.

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Veröffentlicht am 16.02.2026

Vielversprechendes Debüt

Die Namen
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Ein Buch wie dieses über mehrere Wochen in einer Leserunde zu lesen, grenzt schon an Tortur. Der Austausch dazu war natürlich genial, aber dieses Buch liest man Besten straight hintereinander weg. Beim ...

Ein Buch wie dieses über mehrere Wochen in einer Leserunde zu lesen, grenzt schon an Tortur. Der Austausch dazu war natürlich genial, aber dieses Buch liest man Besten straight hintereinander weg. Beim Lesen flog ich nur so durch die Seiten, so wahnsinnig gut, fand ich die Idee, drei verschiedene Stränge rund um die Namen des Sohnes zu erzählen.

Was macht ein Name mit uns? Hat er Einfluss auf unser Leben? Ich möchte nichts vorweg nehmen, nur schon einmal so viel, dass eine Triggerwarnung in diesem Buch wichtig. Es geht um häusliche Gewalt, um Femizid..Das ist beim Lesen oft hart und ich schwankte zwischen Fassungslosigkeit und Trauer auf der einen und dem Hoffen auf Happy ends auf der anderen.

Beginnend mit der Geburt wird in drei Strängen und in sieben-Jahres-Abständen die verschiedenen Schicksale der gleichen Personen erzählt..Das macht Florence Knapp so einzigartig, dass man vollkommen in die Geschichte eintaucht und es auch keine Schwierigkeiten darstellt, die Perspektive immer wieder zu wechseln.

Es ist bewegend, wie sich das Traumendes Erlebten in der Kindheit weit in das Erwachsenenalter mit hineinzieht.

Lediglich das Ende lässt mich ein klein wenig unzufrieden zurück. Aber darüber mag ich hinweg sehen. Beeinflusst nun der Name das Leben des Kindes? Vielleicht nicht unbedingt, die Entscheidung selbst aber in diesem Fall tut es.

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Veröffentlicht am 16.02.2026

Poetische Sprache, interessante Geschichte, trotzdem zäh

Was die Zeit nicht nimmt
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Der Klappentext hat mich extrem neugierig gemacht (siehe Slide 2) und das Buch passte zu meinem Vorhaben, in diesem Jahr mehr tschechische Autor*innen zu lesen, weil Tschechien das Gastland der diesjährigen ...

Der Klappentext hat mich extrem neugierig gemacht (siehe Slide 2) und das Buch passte zu meinem Vorhaben, in diesem Jahr mehr tschechische Autor*innen zu lesen, weil Tschechien das Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ist, auch wenn ich dieses Mal nicht vor Ort sein werde.

Man könnte meinen, dass Marek Torčík über sich selbst schreibt, denn der Protagonist trägt seinen Namen, wenn der Name so auch nie ausgesprochen wird. Die Mutter nennt ihn Marenda. Aber auch wenn ganz sicher vieles von ihm selbst in das Buch geflossen ist, gibt es allein schon eine zeitliche Abgrenzung, denn die Erzählung spielt noch bevor Torčík geboren wurde.

Die Perspektive war für mich nicht ganz einfach. Keine Ich-Perspektive, keine dritte Person, sondern meist mit Du. Das hatte auf der einen Seite etwas von einem Mix aus Bericht und Tagebuch und auf der anderen Seite schaffte es eine Distanz. Genau diese Distanz machte es mir schwer in dieses Buch hinein zu kommen. Die Sprache ist poetisch und Prosatisch, manchmal aber zäh.

Dabei gibt es auch fesselnde Sequenzen, denn rein inhaltlich gefiel mir das Buch wirklich gut. Ein Junge, der in einer tristen Stadt aufwächst ohne große Perspektiven mit sehr konservativen Meinungen. Ihm als queeren Jungen fehlen die Identitätspunkte, die sich dann ganz zart mit Marián zumindest teilweise finden lassen.

Ich fand auch diesen Gegensatz dieser Trostlosigkeit aber andererseits auch der langsam aufkommenden Umbruchstimmung im Jahr 1989 spannend gegenübergestellt.

Über allem thront der Opa, der mich in meiner Meinung über ihn sehr zwei gespalten zurück lässt. Dazwischen die Mutter, die ich wirklich gut gezeichnet fand, ich hatte sie immer direkt bildlich vor meinen Augen, auch nicht unbedingt immer eine Sympathieträgerin, aber absolut stimmig in dieser Geschichte.

Und doch bin ich beim Lesen immer wieder abgeschweift. Meine Gedanken trugen mich oft woanders hin. Ich bin überzeugt, dass 'Was die Zeit nicht nimmt' ein wichtiges Buch der queeren Literatur aber gleichzeitig auch ein Zeitzeugnis der verwirrenden, aufregenden aber auch hoffnungslosen Zeiten der späten Achtziger Jahre ist.

Aber es ist ein Buch, dass Konzentration braucht und sich nicht mal nebenher lesen lässt. Vielleicht hätte ich den Buch mehr Aufmerksamkeit und vor allem mehr Zeit widmen sollen.

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Veröffentlicht am 07.02.2026

Eine Liebe und ihre Nachwehen in Zeiten des Zypern-Konfliktes

Das Flüstern der Feigenbäume
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Elif Shafak ist dür mich eine Garantie für gut geschriebene und gut recherchierte Romane, daher habe ich mich auch auf dieses Buch sehr gefreut.

Diesmal 'entführt' sie uns nach Zypern. Damit hat sie mich ...

Elif Shafak ist dür mich eine Garantie für gut geschriebene und gut recherchierte Romane, daher habe ich mich auch auf dieses Buch sehr gefreut.

Diesmal 'entführt' sie uns nach Zypern. Damit hat sie mich gleich besonders in Beschlag genommen. Vor 21 Jahren habe ich dort einige Zeit als Reiseleiterin verbracht. Diese Zeit ist bis heute mit vielen besonderen Momenten in meinem Gedächtnis verankert. Wir waren damals im griechischen Teil Zyperns. Die geteilte Stadt Zyperns gehörte für unsere Reisegruppen zum Pflichtprogramm aber die Geschichte wurde nur sehr einseitig und sporadisch vermittelt.

Erst durch dieses Buch ist mir das Ausmaß des Konfliktes wirklich bewusst geworden und ich bedaure es zutiefst, dass ich nicht einmal in meinen privaten Freizeiten den türkischen Teil besucht habe. Das möchte ich irgendwann gern nachholen. Und wer weiß, vielleicht ist es auch Zypern irgendwann möglich aus einer Trennung wieder eine Einheit zu erzielen.

Nun zurück zum Buch. Es ist die Geschichte von Defne und Kostas, die eine Türkin, der anderen Grieche. Schon allein das macht ihre Verbindung eigentlich unmöglich. Sie finden dennoch zueinander. Wenn auch mit Hürden und am Ende auf eine Art, die mich mit Tränen zurückgelassen hat

Elif Shafak verbindet historische Fakten mit fiktiven Elementen, mit ein wenig Mystik und ganz viel Naturwissen. Die verschiedenen Zeit-Ebenen werden teilweise poetisch, teilweise bedrückend klar miteinander verwoben. Rund um Defne und Kostas bildet sich ein Wurzelwerk an Charakteren, die so vielfältig sind und die mich bis ins Tiefste angerührt haben. Da ist Ada, die 16jährige Tochter der beiden, die ihre eigenen biografischen Wunden zu heilen sucht. Da ist Meryem, Defnes Schwester, zwischen Tradition und Schwesternliebe. Da sind Yusuf und Yiorgos, die beiden so wunderbaren Wirte der 'Glücklichen Feige', die fast schon eine eigene Geschichte verdient haben. Und eben jene Feige kommt immer wieder selbst zu Wort. Sie schließt die erzählerischen Lücken und zeigt, wie wir alle, Menschen, Pflanzen, Tiere miteinander verbunden.

Die Schönheit Zyperns hat sich für mich schnell offenbart. Die Wunden blieben im verborgenen. Jetzt ergibt sich in meinem Kopf ein anderes Bild. Ich sehe jetzt den Schmerz der Insel, der Menschen, des ganzen Organismus, den Schmerz, den alle erdulden mussten. Und der dennoch den Reichtum der Insel nicht geschmälert hat und ein gewaltiges Erbe hinterlassen hat.
Dieses Buch ist eine Bereicherung.

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