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Veröffentlicht am 28.10.2025

Aufwühlendes Highlight

Autobiografie meines Körpers
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Mit ihrem vierten Roman hat die belgische Schriftstellerin ihr vermutlich persönlichstes und autofiktionalstes Werk vorgelegt. Ich kenne und liebe alle ihre Romane und halte Spit für eine großartige Autorin ...

Mit ihrem vierten Roman hat die belgische Schriftstellerin ihr vermutlich persönlichstes und autofiktionalstes Werk vorgelegt. Ich kenne und liebe alle ihre Romane und halte Spit für eine großartige Autorin und Analystin der menschlichen Abgründe. Außerdem fesselt mich ihre spannende Dramaturgie dermaßen, dass ich ihre Bücher kaum aus der Hand legen kann, bei gleichzeitiger Angst, die nächste Seite zu lesen. „Und es schmilzt“ war eines meiner großen Lesehighlights der letzten Jahre.

In „Autobiografie meines Körper“ verändert sich das Leben der Erzählerin Lize schlagartig, als ihre Mutter sie mit einer „Mitteilung“ überrascht: Bei ihr besteht der Verdacht auf Speiseröhrenkrebs.
Leider bestätigt sich die Diagnose schnell und es ist klar, dass die Mutter daran sterben wird. Bald.
In den Monaten, die auf die Diagnose folgen, geht die Erzählerin in ihren Gedanken zurück in ihre Kindheit, die von außen nach einer ganz gewöhnlichen Kindheit in den 90ern in einem kleinen belgischen Dorf aussah.
Doch von innen sieht es in der Familie ganz anders aus. Lize und ihre drei Geschwister leiden unter der Alkoholkrankheit ihrer Mutter.

„Jahrelang war Alkohol das Erste, woran ich morgens dachte, sogar damals, als ich noch nie einen Tropfen getrunken hatte. Würde es wieder ein Tag werden, an dem es aus dem Ruder laufen würde?“


Die Ehe der beiden Elternteile ist schlecht, über Gefühle und Bedürfnisse der Kinder wird wenig bis gar nicht gesprochen.
Lize selbst erkrankt als Kind an Diabetes Typ 1. Auch hier wird über die psychischen Auswirkungen und Veränderungen durch diese einschneidende Krankheit wenig gesprochen, von Lize wird erwartet, dass sie die Krankheit managt.

Als ihre Mutter so schwer an Krebs erkrankt, weiß Lize, dass die Möglichkeiten ihrer Mutter noch einmal näher zu kommen, schwinden. Sie hat den Wunsch, dem Schweigen und den Verletzungen aus ihrer Kindheit auf den Grund zu gehen, sie für sich aufzulösen, vielleicht einen Grund zu finden.
Dabei hadert die erwachsene Lize selbst mit ihrem Alkoholkonsum und ihren Erinnerungen.



„Ich wollte dir verzeihen, dir nahe kommen, auf jede erdenkliche Weise, und so warf ich die kostbarste Regel über Bord, ich versuchte, über meinen Körper zu schreiben und über deinen und trank gelegentlich etwas während des Schreibens. Und ich tat es noch mal und noch mal. Alkohol wirkt wie ein Teilchenbeschleuniger. Wie leicht er mich zu Erinnerungen durchdringen ließ.“

Was Lize Spit in „Autobiografie meines Körpers“ schildert ist eine emotionale, schmerzhafte und tiefgehende Untersuchungen einer belasteten Mutter-Tochter Beziehung. Mehr möchte ich dazu gar nicht schreiben, weil meine Gedanken dazu fast zu persönlich und intim sind, als das ich sie hier teilen möchte.

Was aber ich teilen kann und möchte, ist meine große Begeisterung über Spits großes schriftstellerisches Können. Wie nur wenige andere Schriftstellerinnen erreicht sie mich auch mit diesem Roman wieder auf der vollen emotionalen Breitseite.

„Das Schreiben ist meine heimliche Stadt, die ich in deinem blinden Winkel errichtet habe, eine prächtige, sichere Stadt, die wichtiger ist als mein ganzer Körper und alle ihm innewohnenden Schwächen, eine Stadt mit Türmen, Vergnügungsparks, Seilbahnen, Bahnhöfen, Parks, Schulen, kleinen Häusern, Hüpfburgen, Bauernhöfen, Bergen und Meer, alles erbaut, um nicht zu enden wie du.“

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Veröffentlicht am 07.10.2025

Maximal emotional

Der Absturz
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Ich finde ja, dass Édouard Louis ein super starker autofiktionaler Erzähler ist. Es ist sicher auch kein Geheimnis, dass die Romane von Louis nicht nur autofiktional, sondern sogar autobiografisch gefärbt ...

Ich finde ja, dass Édouard Louis ein super starker autofiktionaler Erzähler ist. Es ist sicher auch kein Geheimnis, dass die Romane von Louis nicht nur autofiktional, sondern sogar autobiografisch gefärbt sind.
In seinem neuesten Roman steht das Leben des älteren Bruders des Erzählers Édouard im Fokus. Oder besser: Sein Leben und sein früher Tod, mit dem der Roman dramatisch beginnt.
Der Bruder wird mit nur 38 Jahren bewusstlos in seiner Wohnung gefunden. Der Alkohol hatte seine Leber und seine Nieren zerstört und durch den Herzstillstand letztendlich sein Gehirn abgetötet. Die Mutter musste die Entscheidung treffen, die lebenserhaltenden Maschinen abzuschalten.
Der Ich-Erzähler, der von seiner Mutter telefonisch benachrichtigt wird, hatte seinen Bruder seit Jahren nicht mehr gesehen, und die Beziehung der beiden war schon lange abgebrochen.
In „Der Absturz“ blickt Louis auf ein Leben, das anders als das Leben seines Erzählers nicht vom Weg nach oben gekennzeichnet war, sondern von dem nach unten.
Auf einen Menschen, der ständig an seinen zu großen Träumen scheitert, bis er es gar nicht mehr versucht. Der seine eigene Machtlosigkeit viele Jahre in Gewalt ausdrückte, bis ihm letztendlich der Hass als Einziges blieb.

In 16 Fakten denkt der Erzähler Édouard an seinen Bruder zurück, a die gemeinsame erlebte Zeit und wie die Familie und die Klassenzugehörigkeit sie beide prägte. Édouard liebte seinen Bruder nicht, dessen Gewalt, Rücksichtslosigkeit und Queerfeindlichkeit ihn abstießen. Dennoch gibt es in seinen Erinnerungen auch Momente voller Verständnis und Verbundenheit mit dem Schicksal des Bruders.
Hätte es auch sein eigenes werden können?

Es ist nicht mein erster Roman von Louis und wie immer bin ich sehr beeindruckt von seiner großen Fähigkeit, eine Geschichte zu erzählen. Er kann die Ereignisse so weit zu verdichten und zu dramatisieren, dass ihr Kern deutlich zu Tage tritt. Dabei geht es Louis durchaus nicht um Eindeutigkeit, sondern um die Unmöglichkeit, eine finale Wahrheit oder alle Fakten zu kennen. Es ist nur möglich, sich einem Menschen und seinem Leben anzunähern. Die letztendlichen Antworten auf das Warum sind nie vollständig von außen zu ergründen.

Literarisch bewegt sich Louis gewohnt selbstsicher. Da gibt es kein Entkommen vor der emotionalen Sogkraft seines Textes. Ich bin mir während des Lesens bewusst, dass ich mit voyeuristischem Genuss einem weiteren Teil von Louis Familienverwertung beiwohne und möchte es doch nicht lassen.
Mir ist auch bewusst, dass Louis sein großes schriftstellerisches Können durchaus auch in gewisser Weise maximal manipulativ einsetzt, um bei den Lesenden die maximale emotionale Wirkung zu erzeugen. Ich finde das gut.

Für mich war „Der Absturz“ der schönste, vielschichtigste und emotionalste Roman, den ich bis jetzt von Louis gelesen habe, und ich hoffe auf mehr.

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Veröffentlicht am 06.10.2025

Inhaltlich und sprachlich sehr gelungen und lesenswert

Muttermale
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„„Muttermale“ ist der Roman einer Annäherung“ steht in der Kurzbeschreibung. Aha, wieder eine Spurensuche nach der Mutter, denke ich. Und denke an „Mutternichts“ von Christine Vescoli, an „Perlen“ von ...

„„Muttermale“ ist der Roman einer Annäherung“ steht in der Kurzbeschreibung. Aha, wieder eine Spurensuche nach der Mutter, denke ich. Und denke an „Mutternichts“ von Christine Vescoli, an „Perlen“ von Siân Hughes und an die vielen anderen Roman, die ich von Autor*innen gelesen habe, die sich autofiktional oder nicht, auf die Spuren einer oder ihrer Mutter gemacht haben.

Aber Dagmar Leupolds neuester Roman, der jetzt für den Bayrischen Buchpreis nominiert ist, ist mehr als die persönliche Frage nach der Identität der Mutter. Es ist auch die Annäherung an eine Generation, die den Krieg erlebt hat, die Täter und Opfer zugleich war. Eine Generation, die in Trauer und Grauen wie erstarrt ist und gelernt hat mit falscher Fröhlichkeit und/oder mit protestantischer Disziplin die Schmerzen zu übertünchen.

„Der Generationsgraben voller unbestatteter Toter und unbesprochener Verstrickungen, der Weg zu einer erlösenden Trauer damit verwehrt.“


Die Mutter von Leupolds Erzählerin wurde 1924 geboren und stammte aus Ostpreußen und erlebt als Jugendliche und junge Frau den zweiten Weltkrieg.

Der jüngere Bruder stirbt 1944 im Krieg

„Er hieß Klaus. Und starb mit achtzehn, Granatsplitter im rechten Knie und im Becken.“

Genauso wie bereits der ältere Bruder 1941, Granatsplitter im Rücken.

Die Erzählerin stellt sich mehrfach die Frage, wie die Mutter den Krieg, die Verluste und die spätere Vertreibung erlebt hat.

„Unvorstellbar, dass ihr über die Welt am Abgrund gesprochen habt. Unvorstellbar, dass ihr nicht über die Welt am Abgrund gesprochen habt.“

Später, lange nach dem Krieg, bewundert und rezitiert die Mutter immer noch die Dichterin Agnes Miegel, die Hitler und dem NS-Regime affirmativ gegenüberstand und insbesondere unter Heimatvertriebenen noch lange geschätzt wurde.

Überraschenderweise konzentriert sich Leupold besonders auf die jungen und späteren Jahre der Mutter. Die Jahre der Kindheit der Erzählerin, also die gemeinsam verbrachten Jahre, nehmen relative wenig Raum des Romans ein, so als wäre dies Zeit zu schmerzhaft für ein genaueres Hinsehen. So als bräuchte es die Distanz, um die Mutter deutlicher zu erkennen oder über sie schreiben zu können.
Hinweise auf die Beziehung zwischen Mutter und Tochter gibt es.

„Das Einzige, was gewollt werden durfte, war Prügel - protestantischer, verinnerlichter Sadismus, den du für Disziplin hieltest.“

Der Roman ist in chronologisch geordnete Episoden gegliedert, die nicht in eine durchgehende Erzählung münden. Vielmehr nutzt Leupold einzelne Erinnerungsschlaglichter und Fotografiebeschreibungen, um das Leben der Mutter zu beleuchten.
Leupold ist die Generation meiner Mutter und viele ihrer Beschreibungen wecken auch bei mir Erinnerungen an meine Mutter und Großmutter. Bilder wie die bestickten Stofftaschentücher oder „wie bei Hempels unterm Sofa“ erzeugen bei mir eine beklemmende Mischung aus Nähe und Distanz.

Leupold schreibt messerscharf, viele Sätze sind schneidend. Ihr reichen wenig Worte, kurze Kapitel, um ganze Lebenswelten zu skizzieren, wie beispielsweise den gutbürgerlichen Mittelschichtswohlstand der älteren Mutter als Beamtenwitwe.

„Deine Emanzipation ruhte und beruhte auf einem soliden finanziellen Fundament. Du warst eine wohlhabende Witwe.“

Eine Witwe, die sich und ihrer Tochter gerne Restaurantbesuche in der Pizzeria San Marco gönnt und die ganze Produktpalette von Chanel No. 5 verwendet.
Ein Duft, den die Erzählerin immer mit der alternden Mutter verbinden wird.

Ich fand „Muttermale“ in vielerlei Hinsicht besonders und lesenswert. V.a. literarisch und sprachlich ist der Roman in meinen Augen sehr gelungen und großartig. Und auch als Versuch, der Gefühlskälte einer ganzen Generation an Eltern näher zu kommen und zu begreifen, aber nicht zu entschuldigen.

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Veröffentlicht am 06.10.2025

Ganz unspektakulär einfach toll

Neben Fremden
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Mist, mein Wunschzettel wächst einfach ins Unendliche, aber nachdem ich „Neben Fremden“ von Eva Schmidt gelesen habe, möchte ich unbedingt noch mehr von der österreichischen Schriftstellerin lesen.

Und ...

Mist, mein Wunschzettel wächst einfach ins Unendliche, aber nachdem ich „Neben Fremden“ von Eva Schmidt gelesen habe, möchte ich unbedingt noch mehr von der österreichischen Schriftstellerin lesen.

Und zwar nicht, weil „Neben Fremden“ so unvorstellbar aufregend oder spannend war, sondern weil Schmidt in ihrem Roman so grandios und so treffsicher von einem ganz banalen Leben erzählt. Von so einem Leben, wie du und ich es vielleicht auch haben.
Die Ich-Erzählerin Rosa ist eine ältere, mittlerweile verrentet Frau, die zusammen mit ihrem Hund in einer kleinen Wohnung wohnt. Gerade erst ist ihr Freund Fred gestorben, mit dem sie eine längere Beziehung hatte, obwohl er noch mit einer anderen Frau verheiratet war.
Von Fred hat sie auch erst vor kurzem cheinen Campingbus geschenkt bekommen, eigentlich für gemeinsame Touren und Ausflüge.
Rosa hat außer einer Freundin und ihrer Mutter ansonsten nicht viele Sozialkontakte, sie hält Distanz zu Nachbarn und sucht auch nicht aktiv nach Anschluss. Nur dass sie zu ihrem Sohn schon lange keinen Kontakt mehr hat, schmerzt sie manchmal.
Freds Tod hat sie nachdenklich gemacht, und sie beschließt, mit dem Camping Bus ein paar Tag wegzufahren.
Was bei anderen Autor*innen vielleicht der Anfang zu einem aufregenden Selbst-Findungs-Roadtrip inklusive Neustart und YOLO-Vibes wäre, ist es bei Schmidt all das nicht.
Die Gewohnheiten, der Alltag und die inneren und äußeren Zwänge und Verstrickungen sind eng für die Erzählerin und binden sie an ihr Leben.

„Ich wusste nicht, wie es weitergehen sollte.
Andere hatten einen Plan. Ich hatte keinen, hatte nie einen gehabt. Sehnsüchte ja, Wünsche, aber keine Ziele.
Eigentlich habe ich immer nur reagiert, dachte ich.“


Und dann wird ihre Mutter krank, zu der Rosa ebenfalls ein merkwürdig distanziertes Verhältnis hat. Schmidt beschreibt eine Mutter-Tochter Beziehung, die vielleicht typisch ist für die Generation meiner Eltern, zu der auch die Autorin gehört.

„Ich hatte sie gekränkt, hatte sie nicht ernst genommen, hatte versucht, sie aufzumuntern, anstatt zu trösten. Ich hatte kein Verständnis für sie, obwohl sie meine Mutter war und alles für mich getan hatte.“

Es ist diese Sprach- und Wortlosigkeit, die in so vielen Familien herrscht, die auch Rosas Aufwachsen geprägt hat und die in Schmidts Roman so deutlich hervorsticht.

„Neben Fremden“ ist auch ein Roman über Abschiede, über ungelebtes Leben, über „hätte, hätte, Fahrradkette“, über verpasste und verstrichene Möglichkeiten. Über die Enge des Lebens und die Unfähigkeit und Unmöglichkeit diese zu überwinden.

„Meinem Vater fehlte es an Ehrgeiz, mehr aus sich zu machen. Er wollte leben, wusste nur nicht, wie. Genau wie ich.“

Und immer wieder das große Überthema, das auch schon im Titel steckt: “Neben Fremden” ist ein Roman über den Wunsch nach einer Verbindung zu anderen Menschen und über die Sehnsucht, anderen wirklich nahe zu sein.
Großartig finde ich dabei, wie leise und realistisch Schmidt diese großen und universellen Themen heraus arbeitet. Ich finde leise Erzähltöne oft, naja, langweilig, aber hier finde ich es berührend. Gerade auch, dass Schmidt mir keine Wertung vorgibt, gefällt mir und rührt mich.
„Neben Fremden“ ist damit so ein bisschen der Gegenentwurf von Romanen wie „Eat, Pray, Love“ (die natürlich ebenfalls toll seien können und ihre Berechtigung haben).

Ich find „Neben Fremden“ ganz unspektakulär einfach toll.

Kritik habe ich allerdings für die Kurzbeschreibung auf der Umschlagsseite, die meiner Meinung nicht gut gelungen ist, zuviel und das Falsche vorweg nimmt und dem Roman nicht gerecht wird.

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Veröffentlicht am 05.10.2025

Relevant und lesenswert

Mit Männern leben
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In diesem Buch kannst du die Überlegungen von Manon Garcia zum Pelicot-Prozess lesen. Ich gehe davon aus, dass du, wenn auch vielleicht nicht im Detail, so aber doch in Grundzügen von dem Fall Gisèle Pelicot ...

In diesem Buch kannst du die Überlegungen von Manon Garcia zum Pelicot-Prozess lesen. Ich gehe davon aus, dass du, wenn auch vielleicht nicht im Detail, so aber doch in Grundzügen von dem Fall Gisèle Pelicot und den Vergewaltigungsprozessen in der Presse gelesen oder gehört hast.

Manon Garcia ist Professorin für Praktische Philosophie an der Freien Universität Berlin und zählt in Frankreich zu den einflussreichsten und meistgelesenen Philosophinnen ihrer Generation.
Auch ihre hier vorliegenden Überlegungen würde ich grundsätzlich als philosophisch bezeichnen. Aber das Buch ist weitaus mehr als eine rein philosophische Betrachtung. Garcia verfolgte selbst den monatelangen Prozess im Gerichtssaal von Avignon und dokumentierte ihre Beobachtungen, die die Ausgangsbasis ihrer Überlegungen sind.
Sie mischt ihre Prozessbeobachtungen außerdem mit ihren eigenen persönlichen Erfahrungen mit Männern. Mit den Schrecken des Prozesses direkt vor Augen, mit dem, was Männern (ihren) Frauen antun, und mit Blick auf die Rolle der Frau in der patriarchalen Gesellschaft, stellt sie die Frage, die mich auch schon sehr lange beschäftigt: Können wir mit Männern leben?

“Es gibt ein Kontinuum der Gewalt, insbesondere der sexuellen Gewalt, und es gibt in der überwiegenden Mehrheit der Fälle ein Geschlecht der sexuellen Gewalt: Sexuelle Gewalt ist eine Gewalt von Männern, um ihre Herrschaft auszuüben.”

Garcia geht in ihren Überlegungen nicht nur auf Dominique Pelicot als Täter und seine gewaltvolle Familiengeschichte ein, sondern auch auf die anderen Männer, die mit ihm angeklagt wurden.

Besonders betroffen macht mich das fehlende Verständnis aller Angeklagten für das Prinzip der Zustimmung, das Garcia bei ihrer Prozessbeobachtung beschreibt und analysiert.

“Und das ist im Großen und Ganzen das, was in den meisten Vernehmungen zum Vorschein kommt: Einige glauben, dass der Ehemann für seine Frau zustimmen kann, andere, dass eine schlafende Person als zustimmend angesehen werden kann, und vor allem scheinen die meisten das Vokabular der Zustimmung erst mit ihrer Verhaftung und ihrem Prozess entdeckt zu haben.”

Manon Garcia gilt laut Autorinnenbeschreibung als eine der wichtigesten Feministinnnen der neuen Generation und genau deswegen wollte ich ihre Gedanken zu diesem Fall lesen.
Ich lebe mit Männern, ich arbeite mit Männern und ich liebe Männer. Gleichzeitig fürchte ich Männer und hasse Männer. In diesem Buch habe ich nicht die Lösung gefunden, diese Widersprüche aufzulösen, sondern vielmehr das Gefühl, dass es gesellschaftliche Probleme und Strukturen gibt, die nicht durch einen Prozess aus der Welt geschafft werden können.

“Kein Strafwesen wird umfassend, mächtig und effizient genug sein, damit Männer aufhören zu vergewaltigen.”

Ich finde in „Mit Männern leben“ schreibt Garcia sehr relevante Überlegungen für unser Zusammenleben nieder. Die Frage ist, ob sie gelesen und wahrgenommen werden und ob sie eventuell Veränderungen bewirken können. Ich fürchte, ich bin angesichts des Backlash der letzten Jahre einfach nur traurig und pessimistisch.

Natürlich möchte ich dir die Überlegungen von Manon Garcia weiterempfehlen. Alleine die Tatsache, dass sie niedergeschrieben und veröffentlich wurden, stimmt mich doch auch ein klein wenig optimistisch.

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