Eine große Erzählerin und ihr mutiger Blick auf das Ungesagte
Intensiv und nah. Und in seiner Offenheit erschütternd. „Autobiografie meines Körpers“ wagt die Grenzen des Schweigens und der Scham einzureißen und mit klarer, direkter Sprache zum Ausdruck zu bringen, ...
Intensiv und nah. Und in seiner Offenheit erschütternd. „Autobiografie meines Körpers“ wagt die Grenzen des Schweigens und der Scham einzureißen und mit klarer, direkter Sprache zum Ausdruck zu bringen, was für die Ich-Erzählerin Jahrzehnte im Verborgenen war. Verschwiegen wurde vor sich selbst und der Außenwelt.
Als Lize eine E-Mail ihrer Mutter erhält, in welcher diese mit knappen Worten bekannt gibt, schwer an Krebs erkrankt zu sein, setzt diese Nachricht einen Prozess in Gang. Einen Prozess der Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Familie, ihrer Rolle in dieser und ihrem Körper, in welchem all das Erlebte, Erlittene, Ungesagte eingeschrieben wurde. Und sich in Form von Krankheit, Zwängen und einer fehlenden Identifikation mit sich selbst bis in die erzählerische Gegenwart verfestigte. Und manifestiert in zahllosen Stunden des Zweifels, Ablehnung und einer Suche nach Liebe, Zuneigung und einem Angenommenwerden um ihrer selbst willen.
Was nach außen wie eine glückliche Kindheit in einem kleinen Dorf in Belgien erscheinen konnte, war doch von dem schweren Alkoholismus der Mutter, der emotionalen Instabilität und Übergriffigkeit des Vaters und der eigenen Einsamkeit in Mitten einer Großfamilie geprägt. Den nahen Tod der Mutter vor Augen, ergreift die Ich-Erzählerin Wort und Mut, um mit ihrer Mutter doch noch in das Gespräch zu kommen und zu erfahren und aufzuarbeiten, was in der Zeit des Aufwachsens Körper und Seele niederdrückte und nie mehr verließ. Neben all der Traurigkeit und Wut entstehen so auch Helligkeit und Klarheit und eine innere Ruhe und Versöhnung, nach der Lize so lange auf der Suche war.
Lize Spit ist eine der großen Erzählerinnen unserer Gegenwart. Fulminant in Wahl ihres Sujets, in ihrer Sprache, die zielgerichtet beschreibt und trifft und mit einem Mut und Entschlossenheit, hinter das Sichtbare, das vermeintlich Schöne zu schauen. Und auch das Dunkle im Tageslicht zu betrachten.