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Lust_auf_literatur

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 30.06.2025

Interessant und besonders

Toward Eternity
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Anton Hur ist ein multinationaler Dolmetscher und Übersetzer, der in Stockholm geboren wurde und heute in Seoul und auf der Science-Fiction-Insel Songdo lebt. “Toward Eternity” wird von der Presse bereits ...

Anton Hur ist ein multinationaler Dolmetscher und Übersetzer, der in Stockholm geboren wurde und heute in Seoul und auf der Science-Fiction-Insel Songdo lebt. “Toward Eternity” wird von der Presse bereits als brillant und spektakulär gepriesen und ich denke, dass das deutsche Feuilleton diese Ansicht teilen wird.

Für mich selbst war der Roman eine dieser nahezu transzendentalen Leseerfahrungen: die Atmosphäre entrückt mich toward eternity und ich atme einen Hauch von Unsterblichkeit.
Es war für mich auch einer dieser Romane, zu dessen Geschichten und Interpretationsebenen ich sicher keinen vollständigen Zugang habe und genau das einen Teil der Faszination ausmacht.

Anton Hur erzählt eine über einen sehr langen Zeitraum angelegte Geschichte und beginnt in der nahen Zukunft. Durch eine neue experimentelle Therapieform ist es möglich, alle Zellen im menschlichen Körper durch Naniten zu ersetzen. Selbst bislang tödlicher Krebs ist dadurch heilbar. Der so behandelte Mensch wird unsterblich.
Aber bleibt der Mensch bzw. sein Bewusstsein dabei unverändert?
In der gleichen nahen Zukunft hat die Entwicklung von KI große Fortschritte gemacht, und dem Literaturwissenschaftler Yonghun ist es erstmals gelungen, eine KI zu erschaffen, die Gedichte verstehen, eigenständig interpretieren und nachempfinden kann. Hat sie dadurch ein Bewusstsein erlangt?

Was sich jetzt in dieser verkürzten Beschreibung der Ausgangssituation wie klassische Science Fiction ausmacht, entwickelt sich im weiteren Verlauf des Romans (und der Jahrhunderte) zu einem spannenden und ziemlich philosophischen Gedankenexperiment. Hur will der Frage auf den Grund gehen, was uns als Menschen ausmacht und einzigartig macht.

Wenn es unsere Sterblichkeit wäre - was verändert sich dann, wenn wir Unsterblichkeit erlangen?

“Das Leben ist giftig; wie alle Gifte ist es in niedrigen Dosen heilsam und in hohen tödlich. Und ich hatte zu viel Leben gehabt.
Ich hatte wissen wollen, was es bedeutete, ein Mensch zu sein. Jetzt wusste ich es.
Es bedeutete, dass ich sterben wollte.”

Mich erinnert der Roman an einige Filme, die ich gesehen habe, von “Matrix” bis “A.I.”. Mich hat “Toward Eternity” ein bißchen a die großartigen Romane von Emily St. John Mandel erinnert, obwohl sie sich stilistisch nicht ähnlich sind und emotional eine andere Sprache sprechen.

Anton Hur hat den Roman so gestaltet, dass es den Eindruck erweckt, ich lese in einem über die Jahrhunderte geführten Notizbuch, in das verschiedene Figuren ihre Geschichte und Erlebnisse geschrieben haben. Das ist auf der einen Seite natürlich erzähltechnisch interessant, auf der anderen Seite unterstreicht es die Metaebene seines Romans.

“Was können wir denn anderes sein als Geschichten über uns, die wir uns selbst erzählen?”

Mochte ich sehr gerne und fand ich schon ziemlich besonders. Definitiv nicht nur was für Sci-Fi Leser*innen!


Interessanter Sidefact: Anton Hur hat die für Booker Prize 2022 gelistete Kurzgeschichtensammlung von Bora Chung, die auf Deutsch als “Der Fluch des Hasen” erschienen ist, ins Englische übersetzt.

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Veröffentlicht am 27.06.2025

Wunderbarer Roman über Mutterschaft, übers Loslassen und über das Freisein.

Sunbirds
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Bei diesem Roman gab eindeutig das wunderschöne Cover den Ausschlag, ihn lesen zu wollen. Ja, ich bin ein oberflächlicher Mensch und Buchcover sind für mich schon entscheidend dafür, ob ich einen zweiten ...

Bei diesem Roman gab eindeutig das wunderschöne Cover den Ausschlag, ihn lesen zu wollen. Ja, ich bin ein oberflächlicher Mensch und Buchcover sind für mich schon entscheidend dafür, ob ich einen zweiten Blick auf ein Buch werfe oder nicht.

Aber auch die Kurzbeschreibung klang einigermaßen ansprechend, wenn auch vielleicht etwas abgenudelt. Die große Selbstfindung im Himalaya und „Eat, Pray, Love“ als Referenz? Ich war nicht wirklich sicher, ob der Roman was für mich ist.

Aber ja doch, der Roman war was für mich. Er hatte ein Wahnsinns Schmöker-Potential und ich bin total gerne darin versunken.

„Sunbirds“ ist das Debüt der Englischlehrin Penelope Slocombe und er ist sehr einfühlsam und emotional erzählt. Ihre Figur Anne ist seit sieben Jahren auf der Suche nach ihrem Sohn Torran, der damals in einem indischen Bergdorf verschwand. Inzwischen lebt sie selbst im Himalaya und hält nach Hinweisen Ausschau. Ihr Mann Robert, der nicht mehr glaubt, dass sein Sohn noch lebt, ist in Schottland geblieben.
Jetzt hat Annes Nichte Esther, eine Journalistin, neue Hinweise zum Verbleib Torrans erhalten und reist zu Anne in die abgelegene Bergregion. Esther, die als Kind eine Zeit bei Anne und Robert lebte, hatte vor einige Jahren einen sehr kritischen Artikel zu Torrans Verschwinden geschrieben, der zum Bruch der beiden Frauen führte.
Können sie sich während der gemeinsamen Suche wieder annähern?

In Slocombes Roman geht es nur vordergründig um das Verschwinden von Torran. Das Verfolgen der neuen Hinweise und die Suche dient vielmehr dazu die Psychologie und die Beziehungen der Figuren zu exponieren. Wenn du also auf Grund des Klappentextes eine Art Krimi mit stringenter Auflösung erwartest, wirst du wahrscheinlich enttäuscht sein.
Ich bin Anne und Esther gerne auf ihrer Reise gefolgt, und es gibt tatsächlich Hinweise, dass Torran noch lebt. Aber was würde das bedeuten?

Mir gefällt es besonders, wie Slocombe diesen Aspekt benutzt um die Erwartungen an Mutterschaft zu hinterfragen. Anne wird von Schuldgefühlen geplagt, dass sie für Torran keine ausreichend gute Mutter war und sein Verschwinden damit zusammenhängt.
Auch Esther glaubt das und sie hat ihre eigenen Gründe, warum sie von Anne enttäuscht ist.
Zwischen den beiden Frauen liegen viele alte Verletzungen, die während ihres erneuten Zusammentreffens aufbrechen.
Ebenfalls arbeitet Slocombe feinfühlig die Ambivalenz zwischen Bindung und Freiheit heraus und ebenso wie ein alternative Leben aussehen könnte.

“Aber dann fängt man an zu begreifen, dass auch eine andere Lebensweise möglich ist. Man kann die Fesseln seiner Bindungen durchtrennen. Man kann frei sein. Man kann ein Sunbird sein.«”

Als kleine Kritikpunkte könnte ich anführen, dass Annes und Esthers Leben und Reisen in einem finanziell luftleeren Raum stattfindet, was ich allerdings so in vielen Romanen lese und vielleicht kein echter Kritikpunkt ist. Weiterhin kann ich eine gewisse vereinfachte Darstellung dieser bergigen Region im Himalaya nicht von der Hand weisen.
Aber wie immer, wenn ich mit einem Roman eine gute Zeit hatte, kann ich die erwähnten potentiellen Kritikpunkten zwar wahrnehmen, aber auch großzügig überlesen.

„Sunbirds“ war für mich ein wunderbarer Roman über Mutterschaft, übers Loslassen, und über das Freisein mit all seinen Konsequenzen.

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Veröffentlicht am 18.06.2025

Nachdenklich machende moralische Fragestellungen

Ungebetene Gäste
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Als ich diesen Roman im Frühjahrsprogramm von entdeckte, habe ich mich sehr gefreut. Ich habe den letzten Roman der renommierten israelischen Autorin „Wo der Wolf lauert“ sehr gerne gelesen.

Auch diesmal ...

Als ich diesen Roman im Frühjahrsprogramm von entdeckte, habe ich mich sehr gefreut. Ich habe den letzten Roman der renommierten israelischen Autorin „Wo der Wolf lauert“ sehr gerne gelesen.

Auch diesmal spielt wieder eine Mutter eine zentrale Rolle in Gundar-Goshens Geschichte.
Seit Naomi vor über einem Jahr ihren Sohn Uri auf die Welt gebracht hat, ist sie kaum aus ihrer Wohnung gekommen. Das Stillen und die Angst um ihr wunderbares Wunschkind hält sie in der kleinen Wohnung gefangen. Mit der Mutterschaft geht für sie auch ein neues Selbstverständnis einher.

„Schließlich ist sie jetzt Mutter, nicht einfach bloß eine Frau, und eine Mutter trägt Verantwortung für ihr Kind.“

Und ausgerechnet in dieser sensiblen Zeit hat jetzt ihr Mann Juval in seiner Abwesenheit ausgerechnet einen arabischen Handwerker ins Haus bestellt.
Im Laufe des Tages kommt es zu einem schrecklichen Unfall, der für einen unbeteiligten Jugendlichen tödlich endet.

Es entsteht ein Missverständnis, wer für diesen Tod verantwortlich ist und der arabische Handwerker wird festgenommen.
Naomi könnte dieses Missverständnis schnell aufklären, aber um welchen Preis? Überfordert entscheidet sie sich zu schweigen und belügt außerdem ihren Mann über den Hergang der Ereignisse. Überraschenderweise löst sich diese erste Lüge recht schnell im Verlauf des Romans auf. Die Konsequenzen verfolgen die junge Familie allerdings sogar noch, als sie von Israel nach Lagos in Nigeria umzieht.

Es sind die Lügen und die Schwierigkeiten, das Richtige zu tun, die in diesem Roman von Ayelet Gundar-Goshen in verschiedenen Variationen im Mittelpunkt stehen.

So hieß der Roman in der Vorschau noch „Weiße Lügen“, während der finale Titel jetzt zu „Ungebetene Gäste“ wurde. Mich regen beide Titel zum Nachdenken an, vor allem, jetzt nachdem ich den Roman fertig gelesen habe.
Überhaupt lässt Gundar-Goshen durch das Verhalten ihrer Figuren viele Fragen nach dem richtigen und dem falschen Handeln aufkommen, die manchmal eindeutig, aber manchmal eben vielleicht nicht so eindeutig für mich zu beantworten sind.
Ebenfalls thematisiert Gundar-Goshen Rassismus und interkulturelle Konflikte, die sowohl in Israel als auch in Nigeria für gesellschaftliche Spannungen sorgen. Und wie auch in „Wo der Wolf lauert“, gibt es wieder einige innerfamiliäre Reibungen sowie versteckte und unausgesprochene Sehnsüchte.

Auf den ersten Blick scheinen Gundar-Goshens Geschichten und Figuren für mich immer ein wenig plakativ und fast flach. Allerdings zeigt sich schon beim zweiten näheren Blick die charakterliche Ambivalenz ihrer Figuren und die Relevanz ihrer moralischen Probleme.
Das hat mir in „Wo der Wolf lauert“ fast noch besser gefallen, da sich Gundar-Goshen hier, wenn ich das richtig erinnere, stärker in der Anzahl der moralischen Dilemmata begrenzt. In „Ungebetene Gäste“ sind mir die Themen fast zu variationsreich und es sind für mich zu viele Figuren und moralische Fragestellungen. Quasi verdoppeln (oder spiegeln?) sich die Handlungsstränge auch noch durch die Verlagerung des Settings von Israel nach Nigeria.

“Ungebetene Gäste” gibt mir einiges zum Nachdenken mit und solche Romane bleiben mir normalerweise auch ein länger im Gedächtnis.

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Veröffentlicht am 18.06.2025

Eine folgenreiche schlaflose Nacht

Der Schlaf der Anderen
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Den Debütroman von Tamar Noort „Die Ewigkeit ist ein guter Ort“ habe ich nicht gelesen. Sowohl das Cover als auch die Kurzbeschreibung, in der es um eine Pastorin und um Glaube geht, hatten mich absolut ...

Den Debütroman von Tamar Noort „Die Ewigkeit ist ein guter Ort“ habe ich nicht gelesen. Sowohl das Cover als auch die Kurzbeschreibung, in der es um eine Pastorin und um Glaube geht, hatten mich absolut nicht angesprochen.
Ganz anders ging es mir jetzt mit Cover und Kurzbeschreibung von „Der Schlaf der Anderen“. Die Leseprobe hat mich dann letztendlich überzeugt, es mit dem zweiten Roman der Autorin und Filmemacherin zu versuchen.

In „Der Schlaf der Anderen“ erzählt Noort von zwei Frauen, deren Begegnung eine ganze Kaskade von Veränderungen auslöst, äußerliche wie innerliche.
Sina und Janis lernen sich in einem Schlaflabor kennen. Sina, die Kunstlehrerin Mitte 40, leidet seit längerer Zeit an massiven Schlafstörungen. In dem Schlaflabor, in dem Janis für die Nachtwache zuständig ist, sollen die Ursachen untersucht werden.
Beide Frauen spüren schnell eine Art Verbundenheit, denn auch bei Janis, ist der Wach-Schlaf-Rhythmus durch die ständige Nachtschichtarbeit aus dem Lot.
Ebenfalls stehen beide Frauen an einem Punkt in ihrem Leben, an dem sie sich schon viel zu lange mit einer ungenügenden Lebenssituation zufrieden gegeben haben.
Vor allem Sina, die eigentlich Künstlerin werden wollte, fühlt sich als Mutter und Ehefrau in ihrer eingeschlafenen Ehe zunehmend alleine und unsichtbar und weit von ihren eigentlichen Lebensträumen entfernt.

Als Sina auch in dieser Nacht keinen Schlaf findet, lassen sich beide Frauen durch die Nacht treiben und erkunden ihre neue, zarte Bekanntschaft.

„Ja, was wäre, wenn Sina und ich Freundinnen wären? Wenn ich Teil von ihrem Leben wäre und sie Teil von meinem? Der Gedanke breitet sich in mir aus, warm und wohlig.“

Ein Verrat beendet diese aufkeimende Freundschaft allerdings ziemlich abrupt, und jede kehrt in ihr Leben zurück.
Aber nichts ist so, wie es vorher war. Sowohl in Sina als auch in Janis hat die Begegnung und die gemeinsame Nacht Spuren hinterlassen und einen subtilen Entwicklungsprozess angestoßen…

„Sie war gleichzeitig die Sina von gestern und die Sina der Gegenwart, und das hatte zur Folge, dass eine Sina der Zukunft plötzlich vorstellbar war. Bis jetzt.“

Ich fand, dass der Roman sprachlich wunderschön geschrieben war und Noort mir die Innenwelt der beiden Frauen mit ihren inneren und äußeren Zwängen super nahe gebracht hat. Es ist eine tolle Geschichte über Freundschaft, Veränderungen, vergessene Träume und zarte Gefühle. Es ist aber nicht unbedingt ein scharfer gesellschaftskritischer Roman. Natürlich kann Sinas ausbleibender Schlaf als eine Form der Verweigerung gesehen werden, als eine Form des zwangsweisen Widerstandes gegen die vielen Rollen, die sie als Frau und Mutter in unsere Gesellschaft erfüllen muss.
Für mich persönlich nehmen diese Aspekte in dem Roman zu wenig Raum ein, denn Noorts Fokus liegt stärker auf den positiven, zwischenmenschlichen Interaktionen. Es gibt viele warmherzige und liebenswerte Nebenfiguren, wie die hilfsbereite, trostspendende ältere Nachbarin, oder den unkonventionellen, freundschaftlichen Lehrerkollegen. Ich fürchte allerdings, ich bin zu zynisch, um solche Figuren wertzuschätzen. Deswegen war der Roman mit seinen interessanten Themen für meinen Geschmack auch zu weichgespült, als dass er mich wirklich begeistern konnte.

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Veröffentlicht am 13.06.2025

Interessant, rätselhaft und philosophisch

Tokyo Sympathy Tower
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Dieser Roman der jungen Schriftstellerin Rie Qudan wurde mit dem Akutagawa Prize, dem renommiertesten Literaturpreis Japans, ausgezeichnet. Richtig Aufsehen erregte Qudan jedoch, als sie auf der den Preis ...

Dieser Roman der jungen Schriftstellerin Rie Qudan wurde mit dem Akutagawa Prize, dem renommiertesten Literaturpreis Japans, ausgezeichnet. Richtig Aufsehen erregte Qudan jedoch, als sie auf der den Preis begleitenden Pressekonferenz bekannte, einen Teil des Romans mit Hilfe von KI verfasst zu haben.
In einem späteren Interview zeigt sich Qudan überrascht vom Ausmaß der Diskussionen und der Kontroversen, die dieses “Bekenntnis” in der Öffentlichkeit ausgelöst haben und rechtfertigt den Einsatz mit der Verbesserung der Qualität ihrer Arbeit und im Dienste von hochwertiger Kunst.
Gleichzeitig mahnt sie eine sorgfältige Abwägung von Vorteilen und Risiken im Einsatz von künstlicher Intelligenz an.

Das hat mich natürlich sofort interessiert und während dem Lesen ihres Romans versuchte ich den Anteil und den Einfluss der KI zu erkennen. Aber wie du dir denken kannst, war mir das nicht möglich.
Übrigens glaube ich, dass viele Autor*innen mittlerweile auf Unterstützung durch KI zurückgreifen, aber die wenigsten sprechen darüber.

Künstliche Intelligenz spielt auch inhaltlich eine große Rolle in dem sehr philosophischen Text, wobei, wie Qudan in dem Interview sagt, es eigentlich um Menschen geht, die sich Einfluss von KI nicht mehr entziehen können.

Eine davon ist die Architektin und Protagonistin Sara Makina, die mit dem Entwurf eines neuen Wolkenkratzers, dem Tokyo Sympathy Tower, beauftragt wird, der das Stadtbild Tokyos nachhaltig verändert soll.
Und nicht nur das Stadtbild. Der Tokyo Sympathy Tower steht als Luxusgefängnis mit allem erdenklichen Komfort gleichzeitig für ein neues Menschenbild. In diesem Gefängnis soll es keine “Kriminellen” mehr geben, sondern “homo miserabilis, also Menschen, die unser Mitgegfühl verdienen.

Rie Qudan macht sich in ihrem Roman viele Gedanken, wie Namen und Wording unsere Wahrnehmung und Realität verändern.

“Namen sind vielleicht nicht materiell, aber sie sind Worte, und Worte prägen die Wirklichkeit. Die Realität beginnt immer mit Worten. Nicht die Menschen, die gut in Mathematik und Physik sind, bewegen die Welt, sondern die, die gut reden können.”

In dem dünnen Roman stecken verdichtet sehr viele Themen. Der Klappentext greift mit seiner Beschreibung zu kurz und erfasst das Abstraktionspotential des Textes nur ungenügend.
Ich finde in „Tokyo Sympathy Tower“ einen sehr interessanten und anregenden Roman, der mir nur manchmal vielleicht etwas zu wenig greifbar war.

“Unablässig fluten Fragen mein Inneres, durchtränken meine Pfeiler und Balken und zwingen mich, Antworten zu finden. Ich muss nachdenken.”

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