Profilbild von MarieOn

MarieOn

Lesejury Star
online

MarieOn ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit MarieOn über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 12.12.2025

Identitätsfindung in Zeiten von AIDS

Zwei Männer in einem Raum
0

Vorbeben (Vorwort) von Christoph Geiser (Zeitzeuge)

Christoph hat eine verlogene Liebe in Bern zurückgelassen und macht sich auf den Weg nach Berlin. Untergebracht in einer Bruchbude, blickt er aus dem ...

Vorbeben (Vorwort) von Christoph Geiser (Zeitzeuge)

Christoph hat eine verlogene Liebe in Bern zurückgelassen und macht sich auf den Weg nach Berlin. Untergebracht in einer Bruchbude, blickt er aus dem vorhanglosen Fenster auf einen trostlosen Kinderspielplatz und entdeckt rechts davon die Blue-Boy-Bar. Seine Verabredung hat ihn ins Bel Ami eingeladen und trifft ihn am Billardtisch zum Vorspiel. Im Abgang zum Keller schaut er auf das gelbe Schild mit den schwarzen Buchstaben: AIDS. Im Jahr 1983 war er Mitte dreißig und besessen von Männerkörpern. Diverse Immunologinnen versuchten die Schwulenszene zu missionieren, zur Abstinenz zu bewegen oder doch zumindest Gummis überzuziehen, aber warum? Sie zeugten ja nicht. In New York husteten sie sich die Lunge aus dem Leib und starben wie die Fliegen. Pneumocystis carnii, hieß es. Bilder vom Kaposi-Sarkom verbreiteten sich. Es komme vom f**** sagten sie. Es treffe nur Schwule.

Walter Vogt

Die beiden hatten ihn in einer verruchten Bar angehauen. Er erfuhr, dass beide ein positives Ergebnis hatten und zeigte sich unfähig, diese gegenwärtige Bedrohung, diese Seuche, wie sie gemeinhin genannt wurde, zu verdauen. Seit etwa zwei Jahren versuchte er mal mehr, mal weniger flapsig dieses Syndrom wegzurationalisieren. Diese Bürde, die von der Liebe kam, mit der mittlerweile etwa dreißig Prozent infiziert waren und die, die das Vollbild aufwiesen, daran starben. Er hatte einen emotionalen Schutzwall um sich aufgebaut und jetzt trafen die beiden jungen Männer ihn mit voller Wucht. Mit seinem pseudowissenschaftlichen Geschwätz versuchte er Ängste zu bannen, verhaspelte sich, hielt inne und schämte sich für seinen negativen Test. Ein Davongekommener. Mehr Glück als Verstand. Keinesfalls wollte er in diesem Gespräch in die Rolle des Arztes verfallen und die beiden zu Patienten machen. Sie waren keine Patienten und es war auch nicht ihr Anliegen, welche werden zu wollen. Sie waren Betroffene, von einem durchaus möglichen, frühen Tod Betroffene. Er hatte sich eingebildet, selbst über den Tod nachgedacht zu haben, aber sicher nicht unter einer potenziellen Bedrohung, sondern eher spielerisch, ja möglicherweise halbherzig.

Fazit: Dieser späte autobiografische Text Walter Vogts (1927-1988) aus dem Jahr 1986 wurde im schweizerischen Literaturarchiv gesichtet und von Guy Krneta jetzt erstmalig herausgegeben. Die „Reihe der Autor
innen ALIT präsentiert die Werke vergessener und verkannter Autor*innen aus deren Nachlass. Die Worte Walter Vogts sind flankiert von einem Vorwort (Vorbeben) von Christoph Geiser und einem Nachwort (Nachbeben) von Kim de l`Horizon (das ich sehr erhellend finde)

Walter Vogt, Psychiater und Autor, machte sich mit seiner Kritik an den „Göttern in Weiß“ Mitte der Sechzigerjahre keine Freunde. In späteren Büchern bekannte er sich zu seiner Bisexualität und schrieb über seine Erfahrungen und Erkenntnisse als Mensch zwischen den Geschlechtern. In diesem Text findet er Worte für seine Zerrissenheit in der Liebe zu einem mit Aids infizierten, deutlich jüngeren Mann. Der Autor spricht leidenschaftlich über seine Gefühle, sein Verlangen und den Wunsch nach Erkenntnis in einer Zeit der Entmenschlichung (Schwulenseuche) und Schuldzuweisung. Ich mag seine klugen Gedankengänge und die Schilderungen seines Erlebens ebenso wie seine Erzählweise. Befremdlich liest sich die scheinromantisierende, diskriminierende Sprache über die kurzen Freuden mit einem „herumstreunenden ägyptischen Jungen“, dem Vogt einen Kuss abkauft. Einen raubkatzenhaften arabischen Jungen. Aus dem übermütigen, bubenhaften siebzehnjährigen Exilkroaten mit den feurigen Augen wird Jahre später der bemitleidenswerte gealterte Luchs mit dem stumpfen Haar und der trockenen Haut, den man in jungen Jahren, in seinen kroatischen Bergen besser erlegt hätte. Vogt verniedlicht, entmenschlicht und diskriminiert seine Sexualpartner, schreibt sich in eine Distanz, die ihn besser, größer, besonders macht, den privilegierten weißen Mediziner. War er ein Kind seiner Zeit, das Rassismus internalisiert hat? Oder war sein Selbstwert so gering, dass er sich über andere (Minderheiten) erheben musste? Wahrscheinlich spielt beides eine Rolle. Etwas, das ich ebenfalls heraushöre und mich unangenehm berührt, das ist die männliche Gier. Sex wird stets mit Liebe gleichgesetzt. Es scheint einerlei mit wem, wie alt und unter welchen Umständen, Hauptsache, es ist funny, das stößt mich ab. Ein interessantes Zeugnis einer unheimlichen Zeit und ein gelungener Einblick in die Schwulenszene, der mir als Außenstehende bisher verschlossen blieb.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.12.2025

Intensive, morbide Erzählungen

Nullsumme
0

Er hatte K. eingeladen, gerade noch so. Sie ist sicher, dass die anderen weit vor ihr eingeladen wurden. Sicher hätte man sie fast vergessen. Nachdem seine Frau ihr die Tür öffnete, stolperte sie aus dem ...

Er hatte K. eingeladen, gerade noch so. Sie ist sicher, dass die anderen weit vor ihr eingeladen wurden. Sicher hätte man sie fast vergessen. Nachdem seine Frau ihr die Tür öffnete, stolperte sie aus dem Licht in das Halbdunkel des Hauses. Sie sah die anderen, ging unsicher in ihre Richtung. Musste zur Toilette, hatte nicht vor, den Professor etwas so Profanes zu fragen, wie nach dem Weg zu den Waschräumen, wollte sich selbst durchschlagen. Auf dem Wohnzimmertisch vor dem Kamin Küchenutensilien, Zeitschriften, Bücher, bestürzt über so viel Privates, so viel Intimität. Neben dem Sofa ein schmutziger Sneaker. Sie hasste diesen Mann. Sie hierher einzuladen und den hämischen Blicken der anderen auszusetzen. Er zollte ihr nicht die Anerkennung, die ihr gebührte.

In einem seiner Seminare schlug der Professor das Nullsummenspiel vor. Seine Verachtung für Bewertungen und Ranglisten verkündend, wolle er jedem seiner Studenten am Ende des Trimesters die Note 1- geben. Der sich regende Widerstand, durch langsames Kopfschütteln signalisiert, veranlasste den Professor, eine demokratische, anonyme Abstimmung vorzunehmen. Er verteilte blanke Zettel, bat alle zu voten und erhielt ein einstimmiges Nein.

Bei K. lag es daran, dass sie anders sein wollte als die anderen, besser. Am Ende jedoch bekam sie für ihre Leistung dann doch eine 1-. Sie war brüskiert, starb tausend Tode und rächte sich an dem Mann, der wohl glaubte, der Größte zu sein.

Fazit: In den Short Storys der Nobelpreisanwärterin Joyce Carol Oates begegnen mir allerlei verstörte Persönlichkeiten. In der titelgebenden Kurzgeschichte „Nullsumme“ treffe ich auf eine ausgeprägt narzisstische Frau, die ihren Professor verehrte, solange er ihr seine kurze Aufmerksamkeit schenkte, ihn dann jedoch zu hassen beginnt, weil sie sich nicht zu Genüge anerkannt fühlt.

In der Geschichte „Mr. Stickum“ lerne ich fünf Mädchen kennen, die Berichte über Sex-Sklavinnen zwischen sechs und sechzehn Jahren gelesen haben und einen perfiden Plan gegen die männlichen Konsumenten junger Mädchen und Kinder schmieden.

In „Liebeskummer“ erzählt die von Stalking Betroffene dem Falschen von den gewaltandrohenden Anrufen.

In „Die Kälte“ erleidet eine Mutter eine Fehlgeburt und entwickelt nicht nur psychosomatische Symptome.

Allen Erzählungen ist gemein, dass die Protagonistinnen psychisch krank sind und versuchen unter dem Radar zu fliegen. Es finden keine Hilfeaufrufe statt. Die Menschen, die sie begleiten, merken nichts von der Tiefe der Ausnahmezustände. Die Autorin zeigt ein untrügliches Gespür für menschliche Abgründe. Jedem Gewinner folgt ein Verlierer. Die Art zu schreiben ist brillant, nicht umsonst unterrichtet sie kreatives Schreiben. Ich muss gestehen, dass mich einige Geschichten in ihrer Intensität erschüttert haben. Das war kein vergnügliches Lesen. Ein Buch für Leserinnen, die sich gern vom Morbiden absorbieren lassen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 08.12.2025

Aufwühlende Geschichte

Jahre ohne Sprache
0

In jener Nacht morgens zwischen drei und fünf Uhr, lagen sie alle auf der Decke, vor sich, die ausgehende Glut des Lagerfeuers. Sie hatten sich liegend Tropi Frutti Wodka weitergereicht, ohne sich anzusehen. ...

In jener Nacht morgens zwischen drei und fünf Uhr, lagen sie alle auf der Decke, vor sich, die ausgehende Glut des Lagerfeuers. Sie hatten sich liegend Tropi Frutti Wodka weitergereicht, ohne sich anzusehen. Nach und nach setzte leises Schnarchen ein. Ihr war zum Kotzen. Die Übelkeit verstärkte sich durch die kalte Hand, die auf ihrem Oberschenkel lag. Die steife Hand, die lauerte und sich bei jedem Ausatmen ein Stück weiter nach oben schlich, immer weiter, den Knopf ihrer Jeans öffnete, nach unten abbog, hinein, u.s.w.

Sie lebt in einer Knopffabrik, auf die niemand mehr Anspruch erhebt. Es gibt kein er kein sie nur wir. Niemandem gehört etwas, sie teilen alles. Sie kann gar nicht so genau sagen, wie viele sie sind, denn oft kommt jemand zum Kaffee und bleibt. Für Bullen, Chauvis und die Vergangenheit ist der Eintritt verboten.

An einem Herbsttag, so nass und dunkel, als würde der Regen ihr ins Gesicht spucken, muss sie noch einmal nach Glanitz, nur für eine Stunde. Die Bahnfahrt ist öde, der Ort unverändert, seitdem sie weggegangen ist. Sie legt ihrem Vater den Brief hin, den er unterzeichnen muss, damit sie Geld vom Amt bekommt. Warum sie nicht arbeiten geht, fragt er. Eine sachliche Frage, gegen die es nichts zu wettern gibt, denkt sie und gibt die Frage zurück, warum er nicht arbeitet. Eine Tatsache, die irgendwo in seinem schweren Leib detoniert, er stöhnt. Sie schleicht zur Hintertür hinaus, will niemandem begegnen und macht sich auf den Weg zu ihrer Wahlfamilie.

Fazit: Ann Esswein hat in ihrem zweiten Roman die Eindrücke einer jungen Frau verarbeitet, die diversen Übergriffen ausgesetzt war, die sie lange nicht als solches benennen kann. Die Protagonistin ist vierzehn, als die Mutter die Familie verlässt. Die beiden Brüder sind längst ausgezogen und so lebt sie mit dem Vater allein, der so in seine Trauer gerutscht ist, dass er seine Tochter nicht mehr wahrnimmt. Sie hat einen besten Freund, aber innerhalb der Cliquendynamik verändert sich ihr Verhältnis. Zwischen Park, Bushaltestelle und nächtlichen Besäufnissen verliert die Protagonistin sich selbst. In der Schule wird sie von einer der Besten zu einer der Schlechtesten, bricht alles ab und verschwindet. Sie kann lange nicht benennen, was ihr innerhalb der Clique passiert ist, kann es nicht verstehen und will nicht darüber nachdenken. Die Autorin hat eine besondere Sprache für die traumatisierte junge Frau gefunden. Es wird nur angedeutet, was passiert sein könnte und bleibt auch mir als Leserin unklar. Und genau so ergeht es ja vielen jungen Frauen, die ähnliches erlebt haben. Da ist ein Typ, vielleicht älter als der Rest der Freunde, der ständig mitrumlungert und darauf lauert, dass alle betrunken sind, um dann seine Hände irgendwo unterzubringen, wo sie definitiv nichts zu suchen haben. Es konnte kein klares Nein mehr gesagt werden, was automatisch als Zustimmung zu gelten scheint. Keiner greift ein und damit geben alle dem Schmierlappen recht. Und dann ist das Leben einer jungen Frau rotzeverpfuscht, noch bevor es richtig angefangen hat. Das hat Ann Esswein absolut gekonnt rübergebracht. Ein aufwühlender Roman, der mich nachdenklich gestimmt hat.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.12.2025

Essen als Druckmittel

Halbe Portion
0

Sie muss umziehen und es muss schnell gehen. Ein paar Bekannte helfen ihr, die Kartons in die möblierte Zwei-Zimmer-Wohnung zu schleppen. Was sie alles in diesen vielen Kisten habe, fragen sie. Bücher, ...

Sie muss umziehen und es muss schnell gehen. Ein paar Bekannte helfen ihr, die Kartons in die möblierte Zwei-Zimmer-Wohnung zu schleppen. Was sie alles in diesen vielen Kisten habe, fragen sie. Bücher, hauptsächlich Bücher, sagt sie. Und das stimmt zum Teil! Die vielen Lebensmittel, die sie in Sonderangeboten ergattert und gebunkert hat, verschweigt sie. Sie wuchtet den schweren Schreibtisch mitten in den Raum. Sie wird ihn einnehmen, ihm zeigen, dass sie ab jetzt hier wohnt. Sie könnte etwas essen, nicht weil sie hungrig ist, sondern um den Appetit zu stillen und schaut, was ihr Vormieter dagelassen hat. Buchstabensuppe in der Tüte. Klingt heimelig nach Kindheit. Vier Portionen sollen es sein. Nun gut, dann wird sie vier Portionen essen. Kurz danach verspürt sie immer noch ein kleines Loch. Sie füllt es mit Lindor Schokokugeln, die längst abgelaufen sind. Sie hatte sie bei Amazon entdeckt und konnte bei 29,79 statt 38,99 für ein Kilo nicht widerstehen. Eine Kugel hat 74 Kalorien. Sie packt eine aus und schiebt sie zwischen die Lippen. Schmeckt gut. Die freche Kugel hinterlässt Lust auf noch eine, 148 Kalorien. Nun fühlt sie sich schuldig, deshalb nimmt sie noch eine und spürt das Dopamin durch ihr Hirn fluten. Jetzt ist es auch egal, die müssen eh weg. Sie packt noch eine aus, lässt sie auf der Zunge zergehen, 222 Kalorien. Sie denkt, dass das zügellose Essen sie glücklich machen wird, dass das Essen und spätere Übergeben besser ist, als die Schoki wegzuwerfen. Nach 14 Kugeln ist ihr ein bisschen übel. Sie geht vor der Kloschüssel auf die Knie, kotzt Schokolade, Buchstabensuppe und sogar die Karotten, die sie mittags sorgsam in Streifen geschnitten und in Humus getunkt hatte. Sie fühlt sich schlecht, zurückgeworfen, willenlos und labil.

Fazit: Die mehrfach ausgezeichnete Dramatikerin Elisabeth Pape hat in ihrem autofiktionalen Romandebüt Magersucht beleuchtet. In abwechselnden Kapiteln, die früher und heute genannt werden, erfahre ich, dass sie mit ihrer Mutter von der Ukraine nach Berlin kam. Die alleinerziehende Mutter lebte vom Bürgergeld, vom Vater kam keine finanzielle Unterstützung. Die lieblose, zwanghafte Mutter ist auf ihr Gewicht und das ihrer Tochter fixiert. Sie kontrolliert, was ihr Kind sich zuführt und teilt überstreng zu wenig Nahrung ein. Essen wird zum Druckmittel, das (durch verhasstes Klavierspielen oder gute Noten) verdient werden muss. Essen wird zum Liebesersatz für die fehlende Zuneigung. Ein Teufelskreis, der frühe Prägung erfährt und durch Erniedrigung und Bestrafung befeuert wird. Meine psychiatrischen Erfahrungen, in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, sagen mir, dass die Ess-Brech-Sucht und Magersucht ganz schwer zu therapieren ist. Und genau das zeigt die Autorin so gekonnt. Die Hauptdarstellerin zählt jede Kalorie, jeden Cent und vergleicht jedes Supermarktangebot. Sie gönnt sich nichts außer der Reihe, isst, was notwendig ist, um sich „normal“ zu fühlen. Sie findet eine Therapeutin, weil sie wirklich wirklich aus dieser tiefen Lebenskrise hinausfinden will. Doch sie scheitert am Alltag. Jede Entscheidung, die ihre Verantwortung fordert, macht ihr Angst, die sie zum Überessen zwingt. Jede ungewollte Entgleisung schürt ihren Selbsthass und zwingt sie in die Vorratskammer. Jedes Missfallen und das Gefühl, ungeliebt zu sein, befeuert das Bedürfnis, die innere Leere zu füllen. Jeder Stressmoment drängt sie zum Kühlschrank. Die Gedanken kreisen um nichts anderes als Essen und ob sie es sich leisten kann. Verarmungswahn trifft auf eine nicht reale Körperwahrnehmung. Was für ein enormer Stress, der alles an Energie kostet. Diese Geschichte zu lesen ist anstrengend und nervenzehrend. Die Ambivalenz der Betroffenen überträgt sich auf mich, ich liebe und hasse dieses Buch. Ich träume nachts vom Essen. Unglaublich, was die Autorin da geschafft hat, denn deutlicher kann man einem Außenstehenden nicht vor Augen führen, wie beschissen diese Erkrankung ist.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.12.2025

Außergewöhnliche Erzählung über Männlichkeit

Was nicht gesagt werden kann
0

István ist mit seiner Mutter in eine andere Stadt gezogen. In der Schule ist der schüchterne Fünfzehnjährige mit dem Verhaltenskodex der Jugendlichen unvertraut. Ein anderer Außenseiter schließt sich ihm ...

István ist mit seiner Mutter in eine andere Stadt gezogen. In der Schule ist der schüchterne Fünfzehnjährige mit dem Verhaltenskodex der Jugendlichen unvertraut. Ein anderer Außenseiter schließt sich ihm an. Sie reden viel über Sex. Der unfreiwillige Freund hat ein Mädchen gefunden, mit dem er es macht. Er überredet sie, es auch mit István zu machen. Sie besuchen sie. István ist mit ihr allein in ihrem Zimmer, kriegt kaum ein Wort heraus. Er muss unverrichteter Dinge wieder gehen. Sie findet ihn nicht sexy, erfährt er. Er sei noch nicht so weit. Sein Freund hängt jetzt lieber mit anderen ab.

Die Nachbarin braucht Hilfe beim Einkauf. Seine Mutter sagt zu. István geht mit ihr zum Supermarkt, sie sprechen kein Wort. Er trägt ihr die Sachen hoch und folgt ihr in die Küche. Sie bietet ihm etwas Süßes an und obwohl er sich unwohl fühlt, setzt er sich an ihren Tisch und isst. Er spürt, dass sie Zuneigung für ihn empfindet. Er fühlt nichts für die alte Frau, die älter ist als seine Mutter. Sie fragt, ob sie ihn küssen darf. Er weiß nicht, was er sagen soll. Ihre Lippen berühren seine ganz sanft. Dann bittet sie ihn zu gehen. István stellt sich vor, wie sie nackt aussieht. Die Vorstellung erregt ihn. Er kann kaum erwarten, dass sie wieder einkaufen gehen. Wieder bietet sie ihm eine Süßigkeit an, wieder küsst sie ihn, diesmal mit Zunge. Beim nächsten mal darf er in ihrem Wohnzimmer auf der Couch sitzen. István hilft ihrem Mann in seinem Schrebergarten, um neben der Schule ein bisschen Geld zu verdienen. Nach einigen Monaten beendet die Nachbarin die Liebschaft. István ist ihr zu nahe gekommen, behauptete, dass er sie liebe. Er steigert sich in ihre Ablehnung hinein, lauert ihr im Hausflur auf. Sie geht ihm aus dem Weg und dann hält er es nicht mehr aus. Er klingelt am späten Abend bei ihr. Ihr Mann öffnet. István sagt, dass er sie sprechen will. Der Mann sagt, dass er verschwinden soll. Es kommt zu einem Handgemenge, der Mann stürzt die Treppe herunter und stirbt.

Fazit: David Szalay, der diesjährige Booker Prize Gewinner, hat das Leben eines Mannes gezeichnet. Der Ungar István wächst vaterlos bei seiner Mutter auf. Der tragische Unfall des Nachbarn führt ihn in die Jugendstrafanstalt. Danach ist er auf dem Arbeitsmarkt chancenlos und geht zur Armee. Der Irakeinsatz beschert ihm eine posttraumatische Belastungsstörung. István geht von Ungarn nach London und erarbeitet sich ein komfortables Leben. Die Geschichte ist ganz einfach geschrieben, der Klang ist lakonisch und ruhig. Die Lebensumstände sind prekär. Ich habe bisher nie einem Autor zugehört, der seinem Charakter so konsequent treu bleibt. István trifft selbst keine Entscheidungen, das machen immer andere für ihn. Er selbst treibt augenscheinlich willenlos durch sein Leben. Frauen sind für ihn beliebig, sie stoßen ihm zu und umgarnen oder überreden ihn. Zwei bis dreimal in seinem Leben zeigt er aggressives Verhalten, sonst ist er erstaunlich kontrolliert. Die Dialoge sind ermüdend wortkarg und emotionslos. Das Wort okay ist sein treuster Begleiter. Dennoch ist er empathisch, kann mit seinem Gegenüber mitfühlen. Er macht freiwillig Sport, rettet zweimal aus eigener Überzeugung einem Menschen das Leben, aber ansonsten bleibt er von sich selbst entfremdet. Und obwohl dieser Mensch so bewegungsunfähig ist, hat mich die Geschichte gefesselt. Ich wollte nach jeder Seite wissen, wie es weitergeht. Mir ist nicht wirklich klar, was die übergeordnete Botschaft ist oder ob es die überhaupt gibt. Am ehesten verstehe ich, dass István keine männlichen Vorbilder hatte und ganz ungünstig durch Frauen geprägt wurde. Dadurch fehlt ihm die Fähigkeit, seinen eigenen Mann zu stehen. Er scheint ein Bild verkörpern zu wollen, an dem er sich festhalten kann, wie an einer Krücke, das aber leer, körperlos bleibt und das ist gar keine Seltenheit. Eine außerordentliche Erzählung über Männlichkeit, die mich bewegt hat.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere