Die Hölle sind die anderen
Katabasis Danke an den Eichborn Verlag und NetGalley, die mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben. Meine Meinung ist davon jedoch unabhängig.
Ich bin ein großer Fan von R.F. Kuang und mochte Babel ...
Danke an den Eichborn Verlag und NetGalley, die mir ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben. Meine Meinung ist davon jedoch unabhängig.
Ich bin ein großer Fan von R.F. Kuang und mochte Babel und Yellowface sehr gerne, aber ich hatte etwas Respekt vor Katabasis, da ich viele kritische Stimmen gehört hatte – auch von Leuten, die sonst Fans ihrer Werke sind.
Zum Glück waren all meine Sorgen jedoch unbegründet und ich hatte eine echt gute Zeit mit der Geschichte. Der Plot lässt sich knapp zusammenfassen: Alice und Peter machen sich gemeinsam auf in die Hölle, um ihren Doktorvater zurückzuholen, der bei einem Unfall ums Leben gekommen ist. Es ist ein spannendes Academia Setting kombiniert mit einer Version der Hölle, die auf Vorstellungen aus klassischer Literatur (z.B. Dantes Inferno oder Orpheus) basiert.
Das Buch ist schon sehr komplex. Alice und Peter promovieren in Analytischer Magie und es gibt sehr viel wissenschaftliche Sprachen, logische Probleme etc. Ich bin ehrlich: man muss nicht alles davon verstehen, um Spaß an dem Buch zu haben. Ja, vielleicht hatte ich sogar mehr Spaß am Buch, weil ich versucht habe, nicht alles 100% durchleuchten zu können. Ich habe einfach akzeptiert, dass die Autorin und Protagonisten schlauer sind als ich!
Frei nach dem Motto „die Hölle sind die anderen“ durchleben die beiden Protagonisten alle Ebenen der Hölle und verstehen immer mehr, wie toxisch ihr Verhalten während der Promotion eigentlich war. Das gegenseitige Ausspielen, die hohe Arbeitsbelastung, die Gerüchte und Missgunst (v.a. gegenüber anderen Frauen) – und wofür? Für Anerkennung und Lob über gute akademische Leistungen. Die beiden nähern sich immer mehr an und merken, dass sie eventuell andere Gefühle als Hass für die andere Person empfinden, wenn kein akademischer Wettstreit zwischen ihnen steht. Das Buch zeigt auf, welche Bedeutung das Leben eigentlich hat und das wissenschaftlicher Erfolg nicht das einzig Wahre ist und man sich nicht ausschließlich der Arbeit widmen sollte, sondern auch das Leben leben.
„Voll Erleichterung hatte sie sich schlafen gelegt, voller Enttäuschung war sie aufgewacht. Damals war ihr jede Stunde, die vorüberzog, wie ein kleiner Sieg vorgekommen. Doch warum hatte sie so danach gegiert, dass die Zeit forttickte? Auf welches Ereignis hatte sie gewartet?“
Aber: dieses Buch ist teilweise auch echt explizit. Es geht um Gewalt (physisch und psychisch). Es geht um chronische Krankheit und das Überschreiten von Grenzen bei Personen. Und ja, es gibt auch Szenen mit Tierquälerei (die hätte man ehrlich gesagt auch weglassen können, die hatten in meinen Augen nicht ganz so viel Sinn).
„Wie sollte sie das erklären? Das Vernichtende war nicht die körperliche Berührung – er hatte ja kaum Gewalt angewendet. Nein, in erster Linie schmerzte sie, wie mühelos er sie auf ein Objekt reduzierte. Sie war nicht länger eine Studentin, ein Verstand, ein wissbegieriges Wesen, das unter seiner Aufsicht wuchs und lernte und sich entwickelte – sondern nur noch die simple Identität, vor der sie sich immer gefürchtet hatte, nämlich bloß eine Frau.“
Insgesamt ist Katabasis in meinen Augen das beste Werk der Autorin. Eine Systemkritik, verwoben mit einer Heldenreise in der Hölle, die durch Worldbuilding imponiert. Ja, man versteht nicht immer alles, und ich hätte mir ehrlich gesagt gewünscht, dass ich das Ende eeeetwas besser hätte nachvollziehen können. Aber ansonsten? Ein riesiges Highlight für mich. Definitiv kein einfaches Buch, aber wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen und über die Geschichte nachzudenken, dann kommt man hier eindeutig auf seine Kosten.