Die Magie der Falter
Das Jahr der SchmetterlingeDer Titel hat mich gleich angezogen, doch das Cover der deutschen Ausgabe dieses Buches zeigt für meinen Geschmack zu viele ablenkende Details, zu viel grelles Pink zwischen dem der Schmetterling fast ...
Der Titel hat mich gleich angezogen, doch das Cover der deutschen Ausgabe dieses Buches zeigt für meinen Geschmack zu viele ablenkende Details, zu viel grelles Pink zwischen dem der Schmetterling fast untergeht. Das dänische Originalcover gefällt mir weitaus besser. Die Konzentration auf den Falter, darum geht es doch eigentlich.
Der Wunsch, sich näher mit heimischen Schmetterlingen zu beschäftigen, hat die dänische Journalistin Lea Korsgaard schon mehrere Jahre bewegt. Doch im dunklen, kalten Winter 2022 beschließt sie, ihn endlich in die Realität umzusetzen. Binnen eines Jahres möchte Korsgaard alle dänischen Schmetterlingsarten in der Natur sehen. Was sie damals noch nicht ahnt, wie dieses Jahr der Schmetterlinge ihr Leben und ihr Bewusstsein verändern wird.
Zunächst versucht sie, eine Liste sämtlicher tagaktiven Schmetterlinge anzulegen, die (noch) in Dänemark zu finden sind. Die erste Hürde ist bereits die Liste selber, denn Korsgaard geht ziemlich ahnungslos an dieses Unternehmen. Über Schmetterlinge weiß sie eigentlich kaum etwas. Der dänische Biologe und Schmetterlingsexperte Michael Stoltze kann ihr weiterhelfen. Tatsächlich kommen nur noch 65 Tagschmetterlingsarten in Dänemark vor. Es wird klar, dass die Suche nach ihnen kein Kinderspiel sein wird: viele Arten sind nicht leicht zu entdecken, ihr Erscheinen beschränkt sich auf bestimmte Monate. Teilweise haben sie auch nur sehr kurze Lebensspannen (Wochen, Tage). Lea Korsgaard macht sich trotzdem voller Zuversicht und Engagement auf den Weg.
Neben dem aufwändiger werdenden Schmetterlingsprojekt läuft der Alltag der Autorin mit turbulenten Familienleben mit drei Kindern, Ehemann und Job weiter. Korsgaard verwebt die Geschichte ihrer Schmetterlingssuche, die Recherche und Gedanken rund um dieses Thema, mit ihrem persönlichem Leben und den Problemen, alles zusammen zu bewerkstelligen.
Es beginnt mit dem Erwerb des notwendigen (aber fehlenden) Basiswissen: z.B. auf welche Weisen die Schmetterlinge den Winter überstehen, was man unter Metamorphose versteht, die Verbindung und Abhängigkeiten der gesuchten Schmetterlingen zur umgebenden Natur. Das mag auch für die Leserschaft oft nicht in allen Details bekannt zu sein.
Ihre „Jagd“ nach den Sommervögeln („sommerfugl“ = dänisch für Schmetterling) führt sie in Landschaften, von denen sie vorher nicht wusste, dass sie existieren. Sie wird von Leuten, die ihr Hilfe versprochen haben, zu abgelegenen Orten geführt: Wiesen, Wälder Feuchtgebiete, die sie und auch wir vermutlich sonst nie aufgesucht, sondern übersehen hätten. Im Laufe der Zeit wächst die Erfahrung der Autorin und sie vergleicht die Planung ihrer Exkursionen mit der eines militärischen Manövers.
„Ich war eine Jägerin. Ich wusste über Dinge Bescheid. Ich kannte Fachausdrücke wie Fouragieren, Rast und Imago.“ S. 271
Die Herausforderung, sich den Schmetterlingen anzunähern, führt sie auch zu interessanten Exkursionen in die Welt der Literatur, Mythologie, Philosophie und Umweltwissenschaften. Diese sind gut nachvollziehbar, eröffnen neue Perspektiven und wecken Neugierde, könnten aber gern konzentrierter und weniger ausufernd sein.
Der Fortlauf des Jahres strukturiert die Schmetterlingssuche. So geben die Monate des Jahres die Kapitelaufteilung vor. Eingestreut in den Text sind Illustrationen der Schmetterlinge mit Zeitpunkt und Ort der Sichtung durch die Autorin. Das ist sehr schön zur Erläuterung. Leider fehlt mir die Angabe, wer diese Illustrationen angefertigt hat. Denn die Autorin war mit der Kamera und nicht mit Stift oder Pinsel unterwegs. Das Fehlen von Fotos mag manche/r beklagen.
Sehr eindringlich sind die Mahnungen der Autorin bezüglich der Vernichtung von Lebensräumen und dem Aussterben in der Tierwelt, das ein unfassbares Ausmaß und Tempo angenommen hat. „Was unsere Natur angeht, steht sie seit hundert Jahren in Flammen. … Der Artenschwund geht schneller voran als jemals zuvor in der Erdgeschichte.“ S. 228
Korsgaard hat eine ganz persönliche und vermutlich für ein Sachbuch unerwartete Art, über ihre Suche zu schreiben. Ihr Ziel ist es, dass die Leser*innen selber beginnen, die Natur mit neuem Blick anschauen und vielleicht kleine Details, die einem vorher entgangen sind, entdecken.
Ich hätte mir dafür noch einen größeren Schwerpunkt auf die einzelnen Schmetterlinge selber und ihren Lebensraum gewünscht.
„Verantwortung entsteht, wenn wir in der Lage sind, die Schönheit wahrzunehmen, die uns umgibt.“S. 262
Und um diese Schönheit wahrzunehmen, würde ein bisschen mehr Wissen über z.B. den jeweiligen Falter und seine ganz spezifischen Bedürfnisse helfen. Denn diese genauere Betrachtung geht schnell unter zwischen den vielen Exkursen in andere Bereiche. Die zunehmenden Fähigkeiten der Autorin, ganz in die Natur einzutauchen, bewahrt sie davor, dass die Suche am Ende nur zu einer reinen Trophäenjagd wird.
Auf jeden Fall kann das Buch motivieren, selber mehr über Schmetterlinge in Erfahrung zu bringen. Auch als Ermutigung, eigene Herzensprojekte endlich anzugehen, könnte es bei dem/der einen oder anderen dienen.