Ein seeeeehr langes Buch
KatabasisHallo ihr Lieben
Hallo ihr Lieben<3,
lang ersehnt und jetzt endlich gelesen. Zugegeben: das lag aber wohl eher an unserem Buchclub. Nachdem wir „Yellowface“ von der Autorin gelesen haben, wollten wir unbedingt auch „Katabasis“ lesen. Angezogen von dem so ganz anderen Genre und der speziellen Thematik. Was dabei rausgekommen ist, lest ihr jetzt:
Schreibstil:
Rebecca F. Kuang schreibt ein wenig wie eine Akademikern, die Prosa verfasst. Vermutlich, weil genau das der Fall ist. Ich muss immer noch schmunzeln, wenn ich an mein Studium und das Feedback der Dozent:innen denke, die zu mir genau das Gegenteil gesagt haben. Hier jedenfalls ist es so, dass der Text voller Fachwörter und belegender Beispiele ist. Dadurch kommt man in einen Leseflow, der einen ziemlich fordert und teilweise auch etwas ermüdend sein kann. Ich fand es ganz spannend so zu lesen, zumal ich eben auch viel akademische Literatur an der Uni gelesen habe. Ich kann mir aber vorstellen, dass es nicht für alle etwas ist. Zumal die Belege die Story auch ziemlich in die Länge ziehen und man vielleicht nicht allem folgen kann, weil man selbst noch nie von den vielen Namen, Wissenschaftler:innen und Theorien gehört hat. Das war selbst bei mir so und ich war eigentlich froh, dass mein Gehirn endlich mal wieder gefordert wurde:) Ganz ganz ganz vielleicht fühlte es sich an solchen Stellen so an, als wolle die Autorin unbedingt diese ganzen Infos in das Buch einbringen, um zu zeigen, was sie kann, wie viel sie recherchiert hat und wie alles irgendwie zusammenkommt – für mich persönlich hätte sie da aber einfach ein paar Seiten zugunsten der Storyline und des Spannungsbogens streichen können.
Zur Geschichte allgemein:
Der Einstieg ins Buch erfolgt sehr flott – es gibt praktisch keine Einleitung, stattdessen geht’s direkt rein in die Hölle und los mit der Handlung. Welche Motive hinter den Handlungen stecken, wie die Beziehungen zwischen den Protagonist:innen sind, das ist alles erstmal nur angedeutet und sorgte bei gleich dafür, zahlreiche Vermutungen anzustellen.
Vorrangig wird aus der Perspektive von Alice erzählt, die zugegebenermaßen nicht ganz sympathisch wirkt. Sie hat nichts, womit man sich selbst identifizieren kann. Stattdessen ist sie versessen auf ihre Forschung und darauf, die Beste in ihrem Fachbereich zu sein. Sie hat keine freundschaftlichen Beziehungen zu anderen, keine Hobbys – es gibt nur sie und die Magie, die hier im Buch aber wohl eher eine Wissenschaft ist. Der Einzige, den sie etwas näher zu kennen und der sie zu interessieren scheint, ist Peter. Den mag sie aber zu Anfang des Buches so gar nicht mehr. Wieso erfährt man erst später.
Im Handlungsverlauf ist Alice vor allem deshalb schwer, weil sie sich sehr treu bleibt. Sie bleibt engstirnig und lässt sich keine neuen Perspektiven zeigen, stattdessen verteidigt sie ihren Doktorvater und baut ihre ganze Welt um ihn herum auf. Das war einige Passagen lang sehr schwer nachzuvollziehen, weil die anderen Figuren im Buch es auch nicht konnten und man immer mehr über Alice erfährt, was eigentlich für eine Lossprechung sprechen würde. Dazu kommt, dass Alice alles andere als feministisch eingestellt ist. Bei einigen Aussagen ihrerseits musste ich schwer schlucken, allerdings muss man diese auch einzuordnen wissen. Das Buch spielt nämlich in den 80er Jahren wie ich vermute und Frauen an Universitäten und überhaupt in Positionen, die prestigeträchtig sind, müssen sich gerade erst einmal etablieren. Und hart dafür kämpfen. An Alice merkt man sehr gut, wie kämpfen in ihrem Umfeld aussieht und so kann man einiges dann auch besser verstehen, wenn man weiß, wie hart sie es dort wirklich hat. Das war etwas, was ich wirklich gut gemacht fand von der Autorin: diese tiefe Verwurzelung in Alice, möglichst mannesgleich zu sein, um mithalten zu dürfen und dann zu versuchen, noch weiter zu kommen. Historisch gesehen also mehr als nachvollziehbar.
Peter zeigt genau die Gegenseite: er ist ein Mann, dazu noch sehr intelligent, alles scheint ihm nur so in den Schoß zu fallen. Seine Eltern fördern ihn, seine Dozent:innen sowieso und besonders viel Mühe muss er sich für die meisten Sachen nicht geben. So könnte man denken, er sei eingebildet und würde Alice ähnlich behandeln wie die anderen Männer in diesem Buch. Tatsächlich aber, geht es ihm wirklich nur um die Leistung bzw. die Denkanstöße und Theorien. Er schätzt Alice für ihre andere Art zu denken und gibt damit ganz unwissentlich zu, dass andere Perspektiven eben genau die Denkanstöße geben, die es braucht, um voran zu kommen. Gerade in der Forschung.
Peter ist somit sehr viel sympathischer. Er wirkt nicht so erfolgsversessen, sondern eher verliebt in das, was er tut. UND er gesteht und Leser:innen und Alice auch seine verletzliche Seite. Die Seite, die er den meisten Menschen vorenthält und die ihn umso vielschichtiger macht.
Ich fand ihn somit als Partner für Alice absolut passend. Die beiden sind immer wieder aneinander geraten, haben sich aber auch gegenseitig unterstützt und ergaben zusammen ein Team, das unbesiegbar schien. Nur brauchten sie ein wenig, um das zu verstehen. Am Anfang ist es nämlich so, dass Ungesagtes zwischen ihnen steht, dann werden sie zu ehrlich und dann… kommt der Handlungsverlauf mit etwas völlig Unerwartetem daher. Ich kann dazu nur sagen: wer hier neben allem anderen eine Lovestory zum Schwärmen erwartet, der wird enttäuscht sein. Hier geht es mehr um die ungesagten Worte und die gemeinsame Liebe zur Magie, die die beiden einfach so sehr zusammenschweißt, dass sie den größeren Platz einnimmt. Mehr darf ich leider nicht sagen, sonst spoilere ich.
Die Story an sich spielt komplett in der Hölle. Es ist quasi ein Reiseroman, denn das Ziel wird gleich zu Anfang abgesteckt, der Weg dorthin nimmt aber die komplette Handlung der sechshundert Seiten ein. Auf der Suche nach Professor Grimes müssen die beiden durch acht Höfe der Sünden. Einer schwieriger als der andere zu bewältigen. Was anfangs noch sehr detailliert beginnt, wird zum Ende hin immer gröber beschrieben. Stattdessen werden die Einschübe aus der Vergangenheit und Erklärungen zu Theorien und wissenschaftlichen Erkenntnissen, die Alice kennt und nutzt immer mehr. Denn noch etwas muss man zu diesem Buch wissen: Magie ist hier nicht als das zu verstehen, wie es Merlin oder Bonnie aus Vampire Dairies praktizieren. Stattdessen geht es um Logik und Paradoxa. Quasi um das Austricksen der gegebenen Welt. Und das erklärt Alice gerne mit Beispielen und Belegen. Die ersten Male habe ich diese noch sehr gewissenhaft gelesen und mich bemüht, alles zu verstehen. Nach und nach merkt man aber einfach, dass diese Erklärungen nicht wirklich handlungstragend sind, weshalb ich dazu geneigt war, sie einfach zu überfliegen. Denn sie machen einen großen Teil der Erzählung aus. Und genau das ist glaube ich mein größter Kritikpunkt an diesem Buch: zu viel sehr wissenschaftlich formuliertes Fachwissen zur unter anderem der Höllenmythologie, das bestimmt nicht jeder Leser oder jede Leserin beim ersten Lesen versteht. Weil man mit den Namen nichts anfangen, die Verweise teilweise nicht nachvollziehen und die Notwendigkeit für die Geschichte nicht erkennen kann. Da hätte ich mir einfach gewünscht, dass die acht Höfe mehr als Challenge aufgebaut worden wären oder es (da es ja eigentlich kein Buch ist, dass solche Spannung aufbauen soll) zumindest eine andere direkte Anwendung dieser Theorien und Magiebeispiele gegeben hätte.
Gut war aber auf jeden Fall, dass die Beschreibungen der Hölle trotz dieser vielen „Insiderinfos“ so offen blieb, dass man zwar Orientierung hatte, sich vieles aber noch selbst hinzudenken konnte. Das fand ich gerade deshalb so gut, weil die Hölle eben genau das ist: kein festgelegt beschriebener Ort. Und genau das zeigt auch diese Story, weil sie die Hölle so sehr auf Alice und Peter zuschneidet, dass sie persönlich hier so gefordert werden. Bei mir zum Beispiel würde die Hölle wohl mit anderen Herausforderungen daherkommen.
Ansonsten arbeitet die Autorin in diesem Buch mit einem wilden Mix aus Figuren, die alle eine bestimmte Funktion haben und Peter und Alice, genau wie die Gegebenheiten der Hölle an sich, dazu zwingen, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Man könnte die Story als auch anders beschreiben meiner Meinung nach: nicht als Reise durch die Hölle, sondern als Reise zu sich selbst. Und im Prinzip ist das auch das, was die Autorin durch die anderen Figuren und die Höfe an sich sowie durch die von ihr ausgewählte Darstellung von Himmel und Hölle vermittelt: es geht darum, ehrlich zu sich selbst zu sein. Und genau darauf baut dann auch das Ende auf. Was ist wichtig? Was will ich vom Leben? Welche Opfer bin ich bereit, zu geben? Was macht mich glücklich? Das Ende fand ich so nochmal wieder ganz gut. Ich konnte bis zuletzt nicht erahnen, wie es zu enden würde und war so auf den letzten Seiten endlich mal wieder gespannt darauf, was kommen würde.
Fazit:
Katabasis ist ein Buch, das Personen, die sich mit Theoriewissen zur Höllenmythologie, Philosophie und Logik, wahrscheinlich sehr erquicken wird. Für uns andere ist es aber teilweise einfach echt schwierig, alles nachzuvollziehen. Das ist einfach ein wenig zu viel Fachwissen Teil der Erzählung geworden. Besonders im Mittelteil war das Buch ziemlich zäh und ich hätte mir oft gewünscht, es wäre kürzer. Alice und Peter sind interessante Charaktere, die einem aber auch einiges abverlangen. Gerade Alice, die ich nicht so recht sympathisch finden konnte. Das Ende hat nochmal einiges wieder gut gemacht, aber am Ende bleibt die Frage: Wäre es vielleicht besser gewesen, die ganze Story ein wenig leser:innenfreundlich zu gestalten?
2,5 von 5 Sterne gibt es von mir.