Gewaltig, wichtig und eindrücklich - ein Roman, der nachhallt und durch sprachliche Eleganz besticht
ëJehona Kicaj ist 1991 im Kosovo geboren und in Göttingen aufgewachsen. Sie hat Germanistik, Philosophie und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft studiert. Als Kind kosovarischer Geflüchteter erzählt sie ...
Jehona Kicaj ist 1991 im Kosovo geboren und in Göttingen aufgewachsen. Sie hat Germanistik, Philosophie und Neuere Deutsche Literaturwissenschaft studiert. Als Kind kosovarischer Geflüchteter erzählt sie ihre Geschichte und die des Krieges im Kosovo Ende der 90er Jahre, den sie aus sicherer Entfernung in Deutschland miterlebt. Sie erzählt von ihrer eigenen Familie, aber auch von Exil, Flucht, Migration und Völkermord. Der Titel "ë" steht dabei für einen Buchstaben, der essentiell für die albanische Sprache ist, aber kaum hörbar ist beim Sprechen.
Mit 176 Seiten ist das Buch nicht allzu dick, hat es dafür aber in sich. Sprachgewaltig und feinfühlig beschreibt die Autorin hier ein wichtiges Thema, das in Vergessenheit gerät und für viele von uns nicht präsent ist oder war. Sie verpackt sensible Themen wie Krieg, Flucht und Sprachlosigkeit gekonnt in eine Geschichte, die sowohl ihr selbst als auch allen Opfern und Überlebenden des Krieges gerecht wird.
Der Roman beginnt mit der Sprachlosigkeit im weitesten Sinne - bei einem Zahnarztbesuch. Die Autorin benötigt eine Beißschiene, denn sie presst die Kiefer wohl so fest aufeinander, dass Zähne und Knochen Schaden nehmen. Bereits hier zeigt sie eindrucksvoll, wie sie die Sprachlosigkeit und -suche erlebt, stets zwischen zwei Sprachen zu sein, die Sprache nicht finden und greifen zu können. Sie widmet sich einer Fülle an Themen, auch ihre Erfahrungen als Kind Geflüchteter in Deutschland sind Thema: Rassismus und Ausgrenzung in Schule und Universität, aber auch im Alltag. Ebenso die kollektiven Erinnerungen, beispielsweise ihrer Eltern oder anderer Familienmitglieder und die Angst, die Sprache zu verlieren, beschreibt sie treffend und stets wird ihre Zerrissenheit deutlich, an der sie uns als Leser teilhaben lässt. Der Erzählstil ist dabei sachlich, aber eindringlich und nie belehrend und das entfaltet einen Sog beim Lesen, dem man sich als Leser kaum entziehen kann. Einen kleinen Abzug gibt es für mich für die vielen Wechsel der Zeit- und Personenebenen, weil das Buch keine Kapitel oder Überschriften hat. Oft musste man sich erst wieder in die Geschichte einfinden, wenn in einem neuen Absatz ein neuer Gedanke aufgegriffen wird. Aber es fordert beim Lesen und passt zur Handlung und der Geschichte.
Das Buch hat mich sehr bewegt und zum Nachdenken gebracht, es hallt nach und greift das Thema und die Aufarbeitung des Kosovokrieges auf, das oft ignoriert wird und in Vergessenheit gerät.
Jehona Kicaj jat mit "ë" einen gewaltigen, wichtigen und fordernden Roman geschrieben, der nicht nur unterhält sondern auch die Grausamkeiten und Komplexitäten von Krieg, Migration und Sprachlosigkeit aufgreift. Für mich völlig zurecht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2025, ich würde mich freuen, wenn sie damit ausgezeichnet wird. Unbedingte Leseempfehlung!