Eindrücklich, wichtig und aktuell - eine Geschichte über den Trend der "Trad-Wives"
HeimatJana zieht mit ihrem Mann und den beiden Kindern aus der Großstadt aufs Land, pure Idylle, viel Grün und eine Nachbarschaft mit vielen Kindern. Sie ist erneut schwanger und hat ihren Job im Marketing gekündigt, ...
Jana zieht mit ihrem Mann und den beiden Kindern aus der Großstadt aufs Land, pure Idylle, viel Grün und eine Nachbarschaft mit vielen Kindern. Sie ist erneut schwanger und hat ihren Job im Marketing gekündigt, ohne mit ihrem Mann vorher darüber zu sprechen. Jana ist oft überfordert mit den beiden Kindern und froh, wenn sie sie für ein paar Stunden in der Kita abgeben kann. In der Ehe kriselt es und so ist sie oft alleine mit den Kindern. Schon bald begegnet sie Karolin, die das genaue Gegenteil von Jana ist: ihren Alltag mit fünf Kindern meistert sie scheinbar mühelos und sie geht locker durchs Leben. Jana folgt ihr bei Instagram, wo sich Karolin als sogenannte Trad-Wife präsentiert: sie erzählt, wie gerne sie mit den Kindern zu Hause ist, gibt Tipps zu Erziehung, Haushalt und dem Leben als Mutter und Ehefrau im Allgemeinen und scheint fest im Glauben und christlichen Werten verankert. Jana wird immer weiter eingesogen in dieses ihr neue Lebensmodell und verändert sich immer mehr. Aber auch bei Karolin ist nicht alles so perfekt, wie es scheint.
Schon der Klappentext hat mich direkt angesprochen, einen Roman über den Trend von Trad-Wives habe ich in der Form noch nicht gesehen oder gelesen.
Die Geschichte ist komplett aus Janas Ich-Perspektive geschrieben, was ihre Veränderung und Gedanken sehr gut ins Licht rückt. Schon zu Beginn übt die Handlung einen Sog auf den Leser aus, dem man sich bald nicht mehr entziehen kann. Die Ideologie, die Karolin vertritt, schleicht sich lautlos an: in einem Buchclub, den Karolin leitet, bespricht sie ein Buch, das propagiert, Kinder zu Hause zu erziehen ohne Kita und äußere Einflüsse. Oder das Selbstherstellen von Lebensmitteln, weil die Industrie uns und unsere Kinder vergiften will. Oder die christlichen Werte, die sie ihren Kindern vermitteln will. Es gibt viele große und kleine Beispiele, die mir mehr oder weniger aufgefallen sind, weil sie eben so nebensächlich und selbstverständlich betrachtet werden. Oft war ich auch selbst, wie Jana, hin- und hergerissen, denn eigentlich ist ja z.B. Zeit mit seinen Kindern verbringen zu wollen, per se nichts Schlimmes. Die Autorin schafft es gekonnt, ohne Wertung oder erhobenen Zeigefinder, ohne Pro oder Kontra zu erzählen mit viel Feingefühl und Präzision, der Schreibstil lässt viel Raum für Interpretationen. Gerade dieser leise und elegante Schreibstil holt einen ab und übt einen Sog aus, dem ich mich bald nicht mehr entziehen konnte und das Buch an zwei Nachmittagen gelesen habe.
Die Figuren sind allesamt toll und realistisch gezeichnet. Da wir alles aus Janas Sicht erfahren, ist die Betrachtung zwar subjektiv, aber als Leser kann man sich dennoch ein gutes Bild der Situation und der Figuren machen. Vor allem Karolin hatte ich sofort genau vor Augen, weil sie die Menge an Influencerinnen und Trad-Wives, die einem in den sozialen Medien begegnen, mehr als treffend repräsentiert. Lühmann gelingt es, diese Figuren sowohl sachlich als auch feinfühlig genug zu beschreiben, sodass sich der Leser selbst ein Bild machen muss.
"Heimat" ist ein rundum gelungener Roman, der den oft wenig beachteten, aber umso gefährlicheren Trend der Trad-Wives aufgreift. Außerdem werden viele wichtige Themen aufgegriffen wie das Spiel mit klassischen Rollenbildern, Erziehung, Stadt-Land-Gefälle und Familienprobleme. Es ist ein Buch, das schnell gelesen ist, aber lange nachhallt. Leise wird eine Geschichte erzählt, die sich genauso wahrscheinlich zu Tausenden in Deutschland abspielt. Als Leser ist man gefragt, sich eine Meinung zu bilden, abzuwägen und für sich zu entscheiden, wie man die Handlungen und Situationen bewertet. Es hat mich öfters wütend gemacht, wie Jana in die "Falle" tappt und sich immer weiter in dieses rechte Milieu begibt. Vor allem aber, wie Karolin und ihr Mann dieses Leben, das sie präsentieren, rechtfertigen: mit christlichen Werten und auf die Familie und Rollenbilder fokussiert, denn z.B. ist ein Mann, der im Haushalt hilft, das Schlimmste, Kinder in die Kita "abzuschieben", nur damit die Eltern ihre Ruhe haben, das Schlimmste oder der Mann hat in der Familie natürlich das letzte Wort und als Frau muss man sich eben auch mal unterordnen.
Der Roman wird mich noch lange beschäftigen. Das sehr offene Ende hat mich erstmal ratlos zurück gelassen, aber auch darüber denkt man noch lange nach, denn er lässt viel Interpretationsspielraum. Es hätten auch für mich noch mehr Seiten sein dürfen, denn Einiges bleibt unklar oder wird nicht ausgeleuchtet, aber das macht auch den Reiz der Geschichte aus. Große Leseempfehlung für dieses wichtige Thema!