Ein Unglück?
Untergang - Jensen und Sander ermittelnAm 28. September 1994 versinkt die Fähre "Estonia" in der tosenden Ostsee. Von 989 Passagieren und Crewmitgliedern überleben nur 137 Menschen die größte Schiffskatastrophe der Nachkriegszeit in Europa. ...
Am 28. September 1994 versinkt die Fähre "Estonia" in der tosenden Ostsee. Von 989 Passagieren und Crewmitgliedern überleben nur 137 Menschen die größte Schiffskatastrophe der Nachkriegszeit in Europa. Laut offizieller Meldungen hat die Konstruktion der "Estonia" der extremen Belastung von See und Wetter nicht mehr standgehalten: ihr Bugvisier reißt aus seiner Verankerung. Anschließend fährt die Fähre über ihr abgebrochenes Teil - die Ursache für die heftigen Erschütterungen an Bord und das Sinken des Schiffes. Da sich die schwedische Regierung gegen eine Bergung ausspricht, ein Sarkophag um das Wrack geplant wurde und Tauchgänge verboten wurden, könnte aber auch ein friendly fire die Ursache für das Eindringen von Wasser gewesen sein. Sowohl für Schweden als auch Russland ist das Bekanntwerden der wahren Ursache nicht gewünscht. Als die Ereignisse sich beginnen zu überschlagen, bittet der russischer Offizier Golonin Michael Jensen um Hilfe in scheinbar aussichtsloser Stellung und Jensen gerät dabei in das Kreuzfeuer aus allen Richtungen .....
Nach sechs Jahren Pause erscheint mit "Untergang" der sechste Fall aus der Jensen und Sander-Reihe des dänischen Autors und Chirurgen Steffen Jacobsen, der in sich abgeschlossen ist und auch ohne Vorkenntnis der vorherigen Bände gut lesen lässt.
Ausgehend von dem realen Schiffsunglück der Estonia 1994 ersinnt Jacobsen eine in sich stimmige Verschwörungstheorie, in die mehrere Staaten und ihre Geheimdienste verwickelt sind. In prägnanter Schreibweise mit kurzen Kapiteln, unterschiedlichen Perspektiven und einer Spannungskurve auf hohem Niveau entwickelt sich der "Untergang" zu einem rasanten und fesselnden Thriller, der stellenweise auch sehr brutal ist.
Ehrlicherweise habe ich mir manches Mal gewünscht, dass die Handlung absolut fiktiv ist, doch die Geschehnisse weltweit lassen mich nicht daran zweifeln, dass die geschilderten Aktionen im Bereich des Möglichen sind. Der gnadenlose Showdown erscheint mir in seiner rohen Gewalttätigkeit und dem schnellen Überlaufen von Geheimdienstlern allerdings doch ein wenig zu überzogen.
Die Figuren sind mehrdimensional angelegt; und gerade die unterschiedlichen Facetten des Russen Golonin zwischen unmenschlicher Härte und einem Ehrenkodex mit moralischen Grundsätzen haben mich beeindruckt.
Michael Sander entwickelte sich tatsächlich zu einer Figur, von der ich gerne mehr lesen mag - die der Reihe mit namensgebende Lene Sander spielt in diesem sechsten Band allerdings nur eine Nebenrolle und ermittelt nicht wirklich.
"Untergang - Jensen und Sander ermitteln" hat mich sehr gut unterhalten und ich empfehle das Buch wirklich gerne weiter an alle Thrillerbegeisterten, die bereit sind, sich auf eine sehr komplexe Handlung einzulassen. Wer sich noch an den Untergang der Estonia erinnern kann, hat sicherlich ein besonderes Interesse an dieser gut untermauerten Verschwörungstheorie, in der der Autor Realtität und Fiktion gekonnt miteinander verwebt.