Profilbild von TheUjulala

TheUjulala

Lesejury Profi
offline

TheUjulala ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit TheUjulala über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.06.2017

Herrlich ironisch aber gefühlvoll, zwischen Emotionen und Vergangenheitsbewältigung

Wer weiß schon, wie man Liebe schreibt
3

Dank der Bücherplattform Lesejury.de durfte ich mit diesem Buch an einer Leserunde teilnehmen. Der LYX-Verlag hat mir ebenfalls über Netgalley.de ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Ich möchte ...

Dank der Bücherplattform Lesejury.de durfte ich mit diesem Buch an einer Leserunde teilnehmen. Der LYX-Verlag hat mir ebenfalls über Netgalley.de ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Ich möchte mich hiermit beim Verlag LYX - Bastei Lübbe noch mal herzlichst dafür bedanken. Die Leserunde auf Lesejury.de hat es mir allerdings schwer getan, da ich durch die langen Leseabschnitte gezwungen war, das Buch 2 mal für mehrere Tage zur Seite zu legen. Ich kann deswegen nur empfehlen das Buch in einem Rutsch zu lesen und sich von Beas Gefühlschaos mitreissen zu lassen.

Cover:
Ein schönes und lustiges Cover. Die schöne handgeschriebene Schrift ziert in der Mitte das Cover, drumherum Kringel, die Telefonkritzeleien sein könnten, oder wenn ein Autor gedankenverloren an seinem Plot arbeitet. Bei den gelben Tupfen bin ich mir nicht sicher, was sie darstellen sollen, goldene Konfetti? Ich finde es verspielt, aber trotzdem schlicht und schön.

Handlung:
Um den kleinen Verlag zu retten, muss Bea mit dem rüpelhaften Starautor Tim Bergmann auf Lesereise gehen. Nur wenn er einen wichtigen Leserpreis gewinnt, für den sie während der Reise viel Werbung machen müssen, kann der Verlag weiter existieren. Aber Tim schreibt Dystopien und passt so gar nicht in das Konzept eines Verlages für Liebesromane. Er ist launisch und expulsiv. Aber Bea muss die 4 Wochen kreuz und quer durch Deutschland mit diesem Mann überstehen, vor allem weil er doch immer wieder ungewohnte Gefühle in ihr hervorruft, die sie ziemlich aus dem Konzept bringen.

Buchlayout/Haptik:
Die 37 Kapitel sind recht kurz, was ich als ganz angenehm empfunden habe, zumindest hat es mich im Lesefluss nicht gestört. Zu jeder Kapitelnummer gibt es auch noch einen kurzen, aber prägnanten Titel.

Idee/Plot:
Beide Protagonisten haben eine sehr ähnliche Vergangenheit. Wobei Tim damit offener umgeht und diese Vergangenheit auch in seinem Buch verarbeitet. Bea hingegen flüchtet in akribische Kontrolle. Diese beiden Menschen prallen nun aufeinander und müssen unter erhärteten Bedingungen miteinander auskommen. Sie werden durch die Anwesenheit des anderen mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, was natürlich dann auch zu einigen Konfliktmomenten führt.

Handlungsaufbau/Spannungsaufbau:
Die Handlung wird sanft aber stetig aufgebaut. Wir bekommen zunächst nur häppchenweise was von Beas und Tims Vergangenheit mit, erhalten aber im Laufe des Buches immer mehr Einblick. Die Spannung und das Prickeln werden auch sehr schön über das Buch aufgeteilt und steigt von Abschnitt zu Abschnitt, bis es in einen tollen Gänsehautmoment gipfelt.

Szenerie/Setting:
Kristina Günak versteht die Umgebung knackig aber prägnant zu umschreiben. Sie hält sich nicht mit ausladenden Beschreibungen auf und setzt den Fokus vielmehr auf die Gefühls- und Gedankenwelt. Da wir uns auch in Deutschland befinden ist es für den Leser leicht, sich die Szenerien vorzustellen. Es passt auch gut zusammen: die Welt rund um Bücher, der Alltag in einem ums Überleben kämpfenden Verlag, der dystopische Schreiberling Tim und die selbstbeherrschte Bea. Eine gute Mischung, nicht zu viele Nebenschauplätze aber geschickte Nebenhandlungen.

Sprache/Schreibstil:
Das Buch lässt sich wunderbar locker und leicht lesen. Die Sprache ist absolut flüssig und herrlich spritzig und frech. Die Geschichte wird uns ausschließlich in der Ich-Perspektive von Bea präsentiert und gibt uns einen tiefen Einblick in ihre Gedanken und Gefühle. Witzige und ironische Sprüche wechseln sich ab mit immer wieder recht reflektierenden Gedankenblitzen.

„Sein Blick wird stechender, und ich halte mich unauffällig mit einer Hand an der Tischkante fest. Diana weiß, wo ich bin, Wenn ich nicht zurückkomme, wird irgendwann sicherlich jemand nach mir suchen. Spätestens wenn die Besprechungskekse alle sind, wird ihnen auffallen, dass der böse Autor mich erlegt hat.“


S. 53 (Kristina Günak: „Wer weiß schon, wie man Liebe schreibt“, Taschenbuch © 2017 LYX by Bastei Lübbe AG, Köln)

Emotionen/Protagonisten:
Bea hat es in ihrer Kindheit nicht leicht gehabt. Es wird schnell klar, dass sie ein Pflegekind war und durch Glück an ihre Pflegeeltern gekommen ist, die sie aus dem „Ursumpf“ gezogen haben. Ihre bittere Erfahrungen von ihren leiblichen Eltern verbirgt sie hinter einer steinernen Maske aus Kontrollzwang und strengen To-Do-Listen. Ihr Schicksal ist ihr großes Geheimnis. Zusätzlich hat sie das enorme Problem, dass sie niemals „nein" sagen kann, und so an den Rand ihrer Kräfte gelangt.
Sie ist ihrer Pflegefamilie extrem zu Dank verpflichtet und hat ihren Geschwistern gegenüber ein sehr weiches Herz. Trotzdem kann sie ganz schön gepfefferte Sprüche loslassen und steht Tim in Sachen Ironie kaum nach. Aber, sie ist auch unheimlich reflektiert, denkt viel über die Geschehnisse nach und beginnt sich aus ihrer Kontroll-Isolation zu befreien.

Tim ist zunächst der undurchschaubare Typ à la Bad-Boy. Tätowiert, schwarze Klamotten und ein absoluter Stinkstiefel. So wie man sich auch einen typischen Schriftsteller vorstellt, der nur dystopische Handlungen im Kopf hat. Und dazu ist er auch noch der begehrteste und heißeste Junggeselle auf dem Planeten. Aber sein Buch ist ganz klar die Verarbeitung seiner Vergangenheit, mit der er Bea gegenüber immer offener umgeht. Er ist oft unbeherrscht und aufbrausend, damit macht er Bea zusätzlich des öfteren auch Angst. Diese Angst spürt er, und beginnt zu verstehen, dass etwas mit Bea nicht stimmt.

Aber Tim kann hinter Beas Fassade gucken und hält ihr auch ziemlich oft den Spiegel vor:

„Tim Bergmann berührt mein Herz. Auf eine sonderbare, nicht fassbare Art und Weise. Dabei tut er gar nichts, um seine Gunst auch nur im Ansatz zu verdienen.“


S. 102 (Kristina Günak: „Wer weiß schon, wie man Liebe schreibt“, Taschenbuch © 2017 LYX by Bastei Lübbe AG, Köln)

Durch die vielen inneren Dialoge, ihre Gedanken und Reflektionen konnte ich mit Bea unheimlich gut mitfühlen. Sie ist für mich absolut authentisch. Ihre Handlungen kann man zwar manchmal als etwas übertrieben sehen, aber sind dennoch nachvollziehbar. Und auch Tim ist für mich kein typischer Buchheld. Er ist oft ein Kotzbrocken, lebt in seiner eigenen Welt, und trotzdem blitzen immer wieder sanftmütige Momente durch, die einem das Herz zum Prickeln bringen.

Meine Meinung:
Es ist toll mit zu erleben, wie reflektiert Bea Tims Verhalten aufnimmt. Anfangs noch sehr verunsichert erkennt sie die Gleichheit zwischen ihnen. Beide, Tim und Bea, vollziehen während der Geschichte eine wunderbare Wandlung, die ich ganz wichtig finde. So baut sich das Buch auch wirklich gut auf und nimmt uns immer weiter in das Gefühlschaos der beiden. Wir selber lernen immer mehr die Protagonisten zu verstehen, so wie sie sich selber auch.

Der trockene Humor hat mir sehr gut gefallen. Es ist nicht nur ein Klamauk oder ein triefend rührendes Buch. Nein, ironisch komische Situationen und gefühlvolle Momente geben sich wirklich gekonnt die Hand. Ganz großartig geschrieben und wirklich sehr erheiternd!

Vor allem möchte ich die Messages, die Kristina Günak uns mit diesem Roman mitgibt, hervorheben. Eine wahre und ehrliche Beziehung beruht auf Vertrauen und Wahrheit. Es geht darum, den wahren Kern des Menschen zu erkennen und ihn so anzunehmen, egal welche Vergangenheit er durchlebt hat. Die wahre Liebe ist Sicherheit geben aber auch Hilfe einfordern. Und für sich selber auch Grenzen setzen und die Grenzen des anderen zu akzeptieren.

Eine tolle Idee einer Liebesgeschichte, die erst durch die gemeinsame Reise der Beiden in sehr emotionalen Szenen zu entstehen beginnt. Ab dem letzten Drittel des Buches hat es mich dann noch mal sehr bewegt und mitgenommen, es war ein stetiger Wechsel zwischen Weinen und Lachen.

Fazit:
Ich hatte rundum ein tolles Leseerlebnis und habe mich mit diesem Buch auf niveauvolle Art und Weise unterhalten gefühlt. Von mir gibt es dazu eine klare Leseempfehlung

Veröffentlicht am 16.01.2017

Wortgewandte Zeitreise in die 80er Jahre mit vielen glückseligen aber auch denkwürdigen Erinnerungen

Wir Kassettenkinder
2

Ganz nach dem Stile der 80er ist das Cover grell und bunt und spiegelt das Zeitalter gekonnt wieder. Es quietscht förmlich beim Betrachten, so grell war auch das Zeitalter. Das Cover passt zum ganzen Thema ...

Ganz nach dem Stile der 80er ist das Cover grell und bunt und spiegelt das Zeitalter gekonnt wieder. Es quietscht förmlich beim Betrachten, so grell war auch das Zeitalter. Das Cover passt zum ganzen Thema und natürlich zum Titel. Denn Kassetten waren damals das non plus ultra Medium. Die einzelnen Kapitel werden durch exakt treffende Illustrationen begleitet.

Schon in der Einleitung wird im Nähmaschinen-Stakkato das gesamte Jahrzehnt mit geballter Ladung schon fast atemlos umrissen. Hier tauchen schon viele Ereignisse auf, die das Leben uns in den 80ern sehr geprägt haben und mir ein bisschen nostalgische Tränen in die Augen getrieben haben.

Köstlich amüsiert habe ich mich über die Beschreibungen der Geschmacksrichtung, Punker, Popper oder Rapper? So bunt wie wir damals waren, so bunt war auch die Musik und rasant hat sich die Technik entwickelt. Und mir wird bewusst, dass wir die Kinder waren, die diese Entwicklung mitgemacht haben und aufgesaugt haben wie ein trockener Schwamm. Jedes Kapitel bietet viele tolle Erinnerungen und auch einige a-ha! Momente. Wir werden mitgenommen auf unsere Zeitreise zurück in unsere Schule, in unsere verqualmten Wohnzimmer, aber auch wieder zurück an unseren ersten Fernseher mit der ersten VHS-Kassette, an unseren ersten Walkman, an unsere Ausflüge mit dem Fahrrad ins Freibad, die Erinnerung an das Auspacken unserer ersten Schallplatte und an unseren ersten PC-Monitor, der damals noch schwarz mit weißer, gelber oder grüner Schrift leuchtete.

Auch wenn die meisten Alltagsbeschreibungen sich denen von heute gleichen, so wird einem trotzdem bewußt, dass das, was in den 80ern angefangen hat, heute um ein vielfaches schlimmer oder anders ist. Seien es die Mama-Taxis, die heute zu Helikoptern mutiert sind, oder das damals erwachende Umwelt- und Gesundheitsbewußtsein, dass heute zu ekstasischem Ausmaß angewachsen ist. Und natürlich nicht zu vergessen der Beginn der (mobilen) Technik in Form einer Kassette im Walkman.

Es ist klar, dass nicht alle Kassettenkinder exakt das Gleiche erlebt haben, und das kann auch das Buch nicht liefern. Die Autoren haben aber in ihrer sehr ausgefeilten und pointierten Sprache versucht, alle regionalen und gesellschaftlichen Unterschiede aufzugreifen und wieder zu spiegeln. Und ich denke, man kann schon sagen, dass wir im Groben und Ganzen doch alle gemeinsam das Gleiche erlebt haben, und uns heute noch zusammen schweißt. Weil es damals auch noch nicht so eine Reizüberflutung mit den vielen verschiedenen Möglichkeiten gegeben hat. Und das wird in diesem Buch - finde ich - recht anschaulich erzählt. Ich finde es auch gut, dass nicht nur die positiven oder lustigen Erinnerungen aufgeführt wurden, sondern auch das, was nicht so toll war und uns auch bis heute noch geprägt hat, wie zum Beispiel Tschernobyl und der Krankheit AIDS. Es war nicht alles gold, was glänzte damals. Auch wenn wir alle so nostalgisch an die 80er zurückdenken. Ja, es war auch eine Zeit mit neuen Ängsten und Katastrophen, deren Ausmaß wir jetzt erst vielleicht besser begreifen können.

Es war ein schöner, nostalgischer aber auch ein bisschen nachdenklicher Ausflug zurück in meine Kindheit und Jugend. Es war genau die Zeit, in der ich vom Kind zum jungen Mädchen wurde, zwischen 6 und 16 Jahre. Die wildesten und aufregendsten Jahre meines Lebens, in dem noch alles möglich und offen war. Danke für diese gelungene Zeitreise, ich habe mich in so gut wie allen Kapiteln und Erzählungen wieder gefunden! Und wenn Eure Kinder fragen, wie es denn damals so war als Kind, dann drückt ihnen das Buch in die Hand!

Auch wenn ich das heutige Zeitalter, Smartphones und Vernetzung nicht verzichten möchte. Manchmal wünschte ich mir schon ein "back to the roots“. Und ich werde auch gleich mit meinen Kindern „Zurück in die Zukunft“ anschauen!

Veröffentlicht am 01.05.2019

40 Jahre Die Unendliche Geschichte

Die unendliche Geschichte
1

Erst einmal möchte ich mich ganz herzlich beim Team des Thienemann Verlages bedanken, das mir ein Rezensionsexemplar der Unendlichen Geschichte in der neuesten Ausgabe zum 40. Jahrestag überlassen hat.

Warum ...

Erst einmal möchte ich mich ganz herzlich beim Team des Thienemann Verlages bedanken, das mir ein Rezensionsexemplar der Unendlichen Geschichte in der neuesten Ausgabe zum 40. Jahrestag überlassen hat.

Warum das Re-Read?
Gelesen habe ich die Unendliche Geschichte komplett nur einmal als Kind, ziemlich bald nachdem die erste Ausgabe veröffentlicht wurde, bzw. wurde sie mir vorgelesen. Als das dreiteilige Hörspiel Anfang der 80er dann auf dem Markt kam, haben wir als Kinder dieses inhaliert. Seitdem ist es ein ständiger Begleiter und ich kann so gut wie alle Szenen schon synchron mitsprechen.

Als meine Kinder langsam in das richtige Alter für einen Ausflug nach Phantásien kamen, war es das erste Mal, dass ich das Buch von 1979 wieder in den Händen gehalten hatte. Die Geschichte habe ich aber nur lückenhaft mitbekommen, da ich durch den Wechsel mit meinem Mann immer nur Bruchstücke vorgelesen habe. Und der Wunsch, das Buch mal wieder ganz alleine und in einem Rutsch zu lesen hatte sich ab dem Zeitpunkt unterschwellig in meinem Bauch eingenistet.

Rezension der anderen Art
Ich denke, es gibt genügend Rezensionen und vor allem detaillierte Buchbesprechungen zu “Die Unendliche Geschichte”. Ich werde deswegen hier keine standardmäßige Rezension schreiben, sondern eher auf meine Gefühle beim Lesen eingehen. Ich gehe davon aus, dass der Inhalt und der Verlauf der Unendlichen Geschichte meinen Lesern hier bekannt ist. Trotzdem möchte ich darauf hinweisen, dass meine Ausführungen hier bestimmt Spoiler enthalten werden.

Mir ist klar, dass ich nicht auf Alles eingehen kann, aber ich hoffe, Euch ein Stückchen meiner Leseerfahrung näher zu bringen zu können.

Solltet Ihr die Unendliche Geschichte nicht kennen, dann empfehle ich Euch ganz dringend dies nachzuholen, und vielleicht erst dann meine Meinung hier zu lesen.

Die Ausgabe 2019
Die neue Ausgabe ist wunderschön gestaltet. Für die gesamten Illustrationen zeichnet sich Eva Schöffman-Davidov verantwortlich.

Klassischerweise hat das Buch, wie auch schon die erste Ausgabe 1979, einen roten Leineneinband, das den Kupfereinband des Buches in der Geschichte nachahmen soll. Der Vorsatz ist abwechselnd verziert mit einer roten und dunkeltürkisen Ornament-Zeichnung. Jedes Kapitel beginnt mit einer zweifarbigen Zeichnung der Initiale.

Besonders schön ist der Schutzumschlag. Er ist durchgehend schwarz mit filigranen weißen und goldenen Zeichnungen. In der Mitte ist das Amulett AURYN zu sehen, in deren Mitte “Michael Ende” und “Die Unendliche Geschichte” in Versalien gesetzt wurde. Die zwei Schlangen des Amuletts sind sehr detailreich gezeichnet. Jede Ecke zieren geometrische Formen und Ornamente, die über die gesamte Fläche weiter auslaufen. Das Cover haut mich wirklich um und ich bin richtig begeistert!

Erst bei dieser Ausgabe ist mir tatsächlich aufgefallen, dass das Buch genau 26 Kapitel besitzt und jedes Kapitel mit dem Buchstaben entsprechend der alphabetischen Reihenfolge beginnt. Und auch in dieser Ausgabe wird die Schriftfarbe zweifarbig gedruckt, je nachdem aus welcher Perspektive der Abschnitt erzählt wird.

Was mir leider fehlt sind die ganzseitigen Zeichnungen an jedem Kapitelanfang. In der Ausgabe 1979 wurden die Zeichnungen der Initialen über eine ganze Seite ausgestreckt.

Trotzdem sieht man, dass diese neue Auflage, 40 Jahre nach der Erstausgabe dieses wunderbaren Buches mit sehr viel Herzblut und Hingabe gestaltet und produziert wurde und ein würdiges Geburtstagsgeschenk an Michael Endes Gedenken ist.

Die Charaktere
Ich kann natürlich nicht alle Charaktere auflisten. Deswegen möchte ich nur über die Figuren schreiben, die wichtig sind und mich besonders berührt haben.

Bastian Balthasar Bux
Ich mochte Bastian noch nie. Weder beim Hörspiel noch beim Lesen damals. Das hat sich beim Re-Read auch nicht geändert. Er ist egoistisch, eigensinnig und bockig. Schon alleine, wie er sich ständig am Anfang selber herunter macht, er sei dick und unbeliebt. Das hat mich immer schon enorm gestört. Jetzt verstehe ich aber, warum Michael Ende den Jungen so stark unsympathisch zeichnen musste. Auch seine Entwicklung geht erst mal in die negative Richtung. Er wird immer dreister und unverschämter, bis er Atréju tatsächlich den Kampf ansagt und ihn verletzt. Aber mir gefällt besonders gut, dass Bastian einsichtig wird, dass er durch das Vergessen seiner Erinnerungen an die Menschenwelt am Ende gezwungen ist über sich und den wahren Wunsch nachzudenken und tatsächlich selber darauf kommt, dass er dem Vater das Wasser des Lebens mitbringen möchte, also seine Erkenntnis über seinen wahren Wunsch, endlich selber lieben zu können.

Atréju
Im Gegensatz zu Bastian war ich schon als Kind verliebt in Atréju. Ein selbständiger kleiner Junge, der sein Leben und Lenken nicht auf sich bezogen hat, sondern immer das große Ganze im Blick hatte. Er ist uneigennützig und legt sein Leben in die Hände von Bastian. Und er bleibt sich seiner Linie treu, auch bis zum Schluß als er für Bastian einsteht und seine angefangenen Geschichten in Phantásien zu beenden. Er ist also genau das Gegenteil von dem, was ich über Bastian empfinde. Aber das ist von Michael Ende auch bewusst so eingesetzt worden, denn Atréju ist in Wahrheit Bastian, bzw. Atréju ist das, was sich Bastian immer gewünscht hat zu sein.

Fuchur
Manchmal ist mir Fuchur mit seinem “Glück haben”-Gefasel richtig auf den Keks gegangen. Aber ich glaube, Fuchur ist dazu da dem Leser zu vermitteln, Situationen einfach anzunehmen und weiterzumachen, ohne groß darüber nach zu denken. Das Schicksal wird deinen Weg schon lenken.

Gmork
Die Begegnung zwischen Atréju und Gmork bereitet mir immer Gänsehaut. Gmork ist böse und gefährlich. Aber ich empfand ihn schon immer für was Besonderes, denn er ist weder Phantásier noch Mensch. Die Unterhaltung zwischen den Beiden hat so viel geballte Kritik und ist für mich eine Schlüsselszene. Sie zeigt, dass die beiden Welten, Phantásien und die Menschenwelt zusammengehören und voneinander abhängig sind.

Uyujála
Wie ihr alleine schon am Namen meines Blogs “TheUjulala” erkennen könnt, ist die Unendliche Geschichte ein sehr wichtiger Bestandteil in meinem literarischen Leben, damals wie heute. Michael Ende hat die Figur des Südlichen Orakels zwar anders geschrieben, aber die Begegnung mit der Uyulála ist für mich eines der schönsten und poetischsten Zwiegespräche im gesamten Roman. Nur eine Stimme allein schon ist ihr Körper. Dieser Aspekt hat mich auch schon als Kind so sehr begeistert, dass ich ihn nur mehr als passend als Namen für meinen Bücherblog empfand.

Zeitlos und trotzdem immer noch aktuell
Die Geschichte um Atréju und Bastian ist nicht nur einfach ein Abenteuer, es ist zeitlos und noch viel mehr. Es ist die Suche nach dem wirklich wahren Wunsch, aber nicht nach oberflächlichen Wünschen die uns augenscheinlich Freude machen sollen wie schöner, stärker und mächtiger zu werden. Sondern der Wunsch lieben und lieben zu können.

“Es gab in der Welt tausend und tausend Formen der Freude, aber im Grunde waren sie alle eine einzige, die Freude lieben zu können. Beides war ein und dasselbe.”

Michael Ende “Die Unendliche Geschichte”, S. 463 (Gebundene Ausgabe © 2019 Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart)

Es ist von Michael Ende ein Appell an die Menschheit gegen Egoismus und für mehr Liebe und Aufmerksamkeit zueinander. Der Weg dahin, um dieses Glück und diesen Wunsch zu erreichen, ist unerheblich, denn

“[..] jeder Weg, der dorthin führt, war am Ende der richtige.”

Michael Ende “Die Unendliche Geschichte”, S. 436 (Gebundene Ausgabe © 2019 Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart)

Diesen Weg können wir aber nur beschreiten, wenn wir unsere Phantasie bewahren und ihr Glauben schenken, denn ohne Phantasie wird die Menschheit sterben und nicht mehr in der Lage sein können zu Lieben und Liebe zu schenken. Ohne Phantasie werden wir alle zu Lügen, denn dann belügen wir uns selbst.

“Deshalb hassen und fürchten die Menschen Phantásien und alles, was von hier kommt. Sie wollen es vernichten. Und sie wissen nicht, dass sie gerade damit die Flut von Lügen vermehren, die sich ununterbrochen in die Menschenwelt ergießt - diesen Strom aus unkenntlich gewordenen Wesen Phantásiens, die dort das Scheindasein lebender Leichname führen müssen und die Seelen der Menschen mit ihrem Modergeruch vergiften. [..].”

Michael Ende “Die Unendliche Geschichte”, S. 158 (Gebundene Ausgabe © 2019 Thienemann-Esslinger Verlag GmbH, Stuttgart)

In diesem Gespräch mit Gmork, dem Werwolf, schleudert uns Ende seine Kritik an die Gesellschaft, an die machtbesessene und verlogene Menschenwelt entgegen. Trotzdem die Geschichte vor 40 Jahren entstanden ist, hat sie heute nichts an Aktualität verloren. Nein, ich behaupte sogar, sie ist inzwischen noch brandaktueller geworden!

Welche ist Deine Kernbotschaft?
Gerade weil Michael Ende sich geweigert hat über die Kernbotschaft der unendlichen Geschichten eine Aussage zu machen, zeigt mir das, dass jeder für sich seine Kernbotschaft aus diesem Roman ziehen muss. Denn darum geht es ja, mit seiner eigenen Phantasie seine Ziele und Wünsche zu verwirklichen. Jeder soll sich seine eigene Phantasie bewahren und jeder muss seinen eigenen Weg finden. Aber es besteht auch die Gefahr, sich in der Phantasie zu verlieren. Nein, die richtige Balance zwischen Phantasie und Realität ist wichtig.

Diese Geschichte strotzt nur so vor Botschaften, such Dir die Botschaft aus, die Du im Moment brauchst und es ist Dir frei, diese für dich zu interpretieren!

Immer unendlich
Ach, es gibt noch so viel über dieses Buch zu erzählen. Natürlich habe ich bei Artaxs Abschied in den Sümpfen der Traurigkeit Rotz und Wasser geheult. Genauso wie in dem Moment, als Bastian zurückkehrt zu seinem Vater, und dieser weint, als Bastian ihm seine ganze Geschichte erzählt. Aber das alles würde nur noch den Rahmen hier sprengen.

Ich kann Euch nur sehr innig ans Herz legen, die Unendliche Geschichte zu lesen, wenn ihr sie noch nicht kennen solltet. Und wenn ihr sie doch schon kennt, dann lest sie noch mal, denn jeder Ausflug nach Phantásien ist ein Ausflug in ein Reich voller Zauber, Magie und zu deinem wahren inneren Ich.

DER Klassiker und Ursprung der deutschen Fantasy-Literatur. Voll geballt mit Fantasy, Kritik - berührend und zeitlos seit 40 Jahren.

Veröffentlicht am 25.06.2019

Geballte Emotionen in erschütternden Schicksalen

Wind in deinen Segeln
0

Jessica Winter gehört inzwischen zu meinen absoluten Lieblingsautorinnen. Ihre Bücher sind immer sehr bewegend mit echten und authentischen Schicksalen. Da war es schnell klar, dass ich mein Glück auf ...

Jessica Winter gehört inzwischen zu meinen absoluten Lieblingsautorinnen. Ihre Bücher sind immer sehr bewegend mit echten und authentischen Schicksalen. Da war es schnell klar, dass ich mein Glück auf Vorablesen.de versuchen wollte um Jessicas neuesten Titel schon vor der Veröffentlichung lesen zu können. Ich danke der Vorablesen-Losfee für die Möglichkeit und freue mich richtig über dieses Buch!


Coverbild

Bei dem Coverbild bin ich ein bisschen hin- und hergerissen. Ein umschlungenes Pärchen in zarten rosa bis himmelblauen Tönen gegen die Sonne fotografiert. So lieblich und versonnen… nein, dieses Cover kann nicht wirklich das zeigen was dieser Roman ist. Denn es ist keine “klassische” Liebesschmonzette mit weichgespülten Charakteren in sonnigem Setting. Es ist wesentlich mehr! Schön finde ich die Zeichnung des kleinen Papierbootes, welches sich auch im Buch als visuellen Absatztrenner wiederfindet.


Handlung

Emerald West hat ihren jüngeren Geschwistern das Versprechen gegeben an ihrem 18. Geburtstag wieder zurück zu kommen, zu ihnen nach Hause. Doch irgendwo mitten im Niemandsland, auf irgendeiner Interstate zwischen Illinois und Iowa, bleibt Em mit ihrem alten Ford stecken. Sie versucht alles, um ihr Auto wieder fit zu bekommen. Doch ausgerechnet Gabriel Brooks, der einzige in dem Kaff Ceasar City, der einen Abschleppwagen und die dazugehörige Autowerkstatt besitzt, ist Em gegenüber total abweisend und schrecklich schroff. Zu allem Überfluss verhindert ein Unglück nach dem anderen Ems Weiterreise und Gabe und Em müssen sich immer weiter zusammenraufen.

Gabe steht mit einem Fuß immer noch im Knast, er ist nur auf Bewährung draußen. Und ausgerechnet jetzt kommt ihm Em über den Weg gelaufen. Ihm ist klar, dass er sich keinen Ausrutscher erlauben darf. Aber Em macht es ihm schwer, seine Mauern ihr gegenüber aufrecht zu erhalten.


Buchlayout / eBook

Die 372 Seiten werden in 29 Kapitel eingeteilt. Jedes Kapitel wird mit der ausgeschriebenen Kapitelnummer eingeführt und den Namen, aus dessen Perspektive das Kapitel geschrieben ist. Außerdem sind die ersten Wörter mit Kapitälchen abgesetzt. Insgesamt ist die Gestaltung des eBooks einfach aber hübsch, vor allem mit dem kleinen Papierboot.


Idee / Plot

Wie viel lassen sich Kinder von ihren Eltern gefallen und wie viel Verantwortung darf auf den Schultern älterer Geschwister liegen? Hier zeigt Jessica Winter ganz gnadenlos den sozialen Mißstand in den weniger gut aufgestellten Gesellschaftsschichten, gerade in der USA. Das, was hier in Deutschland Usus ist, eine gesetzliche Krankenversicherung und Schulpflicht, das können sich viele Menschen in der USA nicht leisten. Da gibt es Bundesstaaten, in denen es gestattet ist, die Kinder zu Hause im Heimunterricht zu schulen. Aber wenn die Eltern selber am untersten sozialen Limit kratzen, wie soll das funktionieren? Welche Chance haben diese Kinder? Man ist abgestempelt. Genauso wie ein vermeintlicher Verbrecher, der zu unrecht verurteilt wurde. Auch wenn dann das Unrecht anerkannt wurde, bleibt man in der Gesellschaft mit einem Stempelaufdruck auf der Stirn zurück. Wie soll man in so einem Umfeld wieder Fuß fassen können?

Bei Jessica Winter gibt es keine seichte Lovestory, sondern immer Schicksale in ihrer ganzen Ehrlichkeit und Wucht. Das Schlimmste dabei ist, dass es diese Schicksale wirklich so gibt und die Gesellschaft davor die Augen verschließt.


Emotionen / Protagonisten

Die nach außen quirlige Emerald ist schlagfertig, frech, und um keinen Spruch verlegen. Mit 14 von zu Hause ausgerissen versuchte sie in New York über die Runden zu kommen. Sie musste sich auf der Straße eine harte Schale aneignen um ihr Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. In vielen Situationen kann ich Em sehr gut nachfühlen, ich finde sie großartig. Ja, sie ist fast 18, aber hat schon sehr viel in Ihrem Leben erleben und ertragen müssen. Wenn ich bedenke, dass meine Tochter gerade 14 Jahre alt ist, bleibt mir ein fetter Kloß im Hals stecken. Das einzige was Em hat, und an dem sie sich fest hält, ist ihr Versprechen.

„Wenn sie lächelt oder lacht, ist es einfach, diese Traurigkeit und Schwere zu ignorieren, die in ihrem Gesicht liegt. Die sie hinter frechen Sprüchen und viel Make-up versteckt, die aber trotzdem immer wie eine Gewitterwolke über ihr hängt, auf den richtigen Moment wartet einzuschlagen”

Jessica Winter, „Wind in deinen Segeln“, Pos. 1205 (© Jessica Winter, kindle Edition 2019)


Was Gabe alles als junger Erwachsener - oder eigentlich fast noch ein Kind - im Knast erlebt haben muss, möchte man nicht wissen, aber man kann es sich denken. Auch wenn er doch auf Bewährung raus gekommen ist, die Narben am Körper und in der Seele verschwinden trotzdem nicht mehr. Er ist genauso verwundbar und misstrauisch wie Em, hat sich aber eine harte Mauer aufgebaut durch Ablehnung und Ignoranz. Und jeder Fehler wird ihm doppelt angekreidet. Manchmal wollte ich ihn schütteln, und dann blitzten so unglaublich liebevolle und herzerwärmende Momente auf.

Mir gefällt vor allem sehr gut, dass beide selbstreflektierend sind und sich über ihre Grenzen, Wünsche und Macken sehr wohl bewußt sind, und wir als Leser das Aufweichen der Mauern miterleben dürfen.


Handlungsaufbau / Spannungsbogen

Jessica Winter hat geschickt die einzelnen Puzzleteile über das Buch verteilt. Man kann sich zwar schon einiges von der Vorgeschichte denken oder erahnen, aber dann plötzlich mit der Wahrheit konfrontiert zu werden hat mich sehr stark berührt. Die Handlung an sich ist erst mal nicht spektakulär. Em bleibt einige Zeit in Ceasar City und wir begleiten Em und Gabe, wie sie sich kennenlernen und beginnen Vertrauen zueinander zu empfinden. Das finde ich toll. Doch dann ab dem 2. Drittel wird es unglaublich ergreifend. Am Ende werden wir mit einem Cliffhanger zurückgelassen, der mich aufschluchzen lies! Um Himmels Willen, ich will unbedingt wissen, wie es weitergeht!


Szenerie / Setting

Die sozialen Mißstände sind gerade in der USA so deutlich, da hätte diese Geschichte hier in Deutschland nicht funktioniert. Jessica hält sich nicht groß mit Beschreibungen der Umgebung auf. Aber das ist hier auch nicht wichtig und würde diesen emotionalen Roman nur stören.


Sprache / Schreibstil

Zur Sprache kann ich nur sagen, genial! Keine Kapriolen oder aufwendigen Satzkonstruktionen, sondern zum Roman passend sprechen die Protagonisten wie sie denken, authentisch und ehrlich. Kurze Sätze, gern auch Zweiwortsätze oder auch nur ein Wort, unterstreichen die direkten Gedankengänge und die Selbstreflektionen. Die Autorin hat den Präsens als Erzählzeit gewählt, was ich für diese Geschichte richtig finde. Die Kapitel wechseln sich mehr oder weniger regelmäßig als Multiperspektive zwischen Em und Gabe ab. So erhält man immer direkt die Eindrücke der Szenerie aus der jeweiligen Person und kann sich in beide genauso gut hineinversetzen.


FAZIT

Selten hat mich mal wieder ein Buch so berührt und Rotz und Wasser heulen lassen. Was für ein Roman! Das hat nur Marah Woolf mit “Timing is everything” geschafft. Trotz anfänglich sanftem Handlungsaufbau kommt es zum Schluß mit geballter Kraft und Emotion. Keine weichgespülte Liebesschmonzette.

Veröffentlicht am 12.05.2019

Stimmige und spannende Fortführung mit kriminalistischen Zügen

Das Zeitenmedaillon – Die Seherin
0

Den ersten Teil der Zeitenmedaillon-Trilogie “Die Auserwählte” habe ich im Zuge meiner Häppchenlesung-Challenge erst vor kurzem gelesen und es hatte mir sehr gut gefallen. Als nun die Autorin verkündete, ...

Den ersten Teil der Zeitenmedaillon-Trilogie “Die Auserwählte” habe ich im Zuge meiner Häppchenlesung-Challenge erst vor kurzem gelesen und es hatte mir sehr gut gefallen. Als nun die Autorin verkündete, dass der 2. Teil “Die Seherin” auf Netgalley schon verfügbar wäre, habe ich sofort mein Glück versucht. Ich danke Netgalley und dem Verlag 47North Verlag für die Möglichkeit, das Buch schon vor dem offiziellen Veröffentlichungstermin lesen zu dürfen.

Coverbild

Analog zum Cover des ersten Bandes ist auch dieses gestaltet. In der Mitte sieht man das Zeitenmedaillon, das von zierlichen Blütenranken umrahmt wird. Die grafischen Zeichnungen glänzen golden auf nachtblauem Hintergrund. So simpel, so schön.

Handlung

Als dritte Tochter einer Medaillonträgerin übernimmt Amélie die Bürde ihres Erbes und beginnt ihr Abenteuer der Zeitreise. Nach einem kurzen Sprung in die Zukunft landet sie aber im Jahr 1473. Ein gefährliches Zeitalter, gerade für Frauen, denn die Hexenverfolgung ist allgegenwärtig. Prompt wird Amélie auch gefangen genommen und verschleppt. Zufällig lernt sie dort Holmger kennen, der sie kurzerhand befreit und mit nach Dänemark nimmt. Aber dort werden die Beiden durch eine Intrige am Königshof auf eine harte Probe gestellt und Amélie bleibt nichts anderes übrig als mit ihrem Medaillon in eine andere Zeit zu fliehen.

Buchlayout / eBook

Wie im ersten Band schon ist das eBook eher schlicht gehalten. Die gut 302 Seiten werden in 24 angenehme Kapitel eingeteilt, die jeweils mit der Nummer und nur dem Wort “Kapitel” eingeleitet werden.

Idee / Plot

Die Thematik der Frauenrechte, bzw. nicht vorhandenen Frauenrechte in der Vergangenheit, auch im Vergleich zur Gegenwart, ist auch hier - wie im ersten Band - gut präsent, bleibt aber dezent im Hintergrund und ist mehr auf das Thema Hexenverfolgung verschoben. Amélie bekommt Hilfe, indem sie Zeitsprünge macht und dabei wesentliche Informationen erhält. Aber dieses Wissen kann der Zeitreisenden gerade in der Vergangenheit, wie dem Mittelalter, zum Verhängnis werden. Denn Menschen mit heilenden und zukunftsvoraussehendem Wissen wurden ganz schnell als Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Es ist wohl nicht nötig zu sagen, dass Frauen einen Großteil der Opfer der Hexenverfolgung ausmachten.

Emotionen / Protagonisten

Verständlicherweise ist Amélie Laurent zunächst sehr unsicher auf ihrer Reise, wird aber von Tag zu Tag tougher und mutiger. Bis sie sogar auch moralische Grenzen überschreitet. Mir gefällt sehr gut, dass die Protagonistin nicht den Romantasy typischen, unterschwellig erwarteteten Handlungskonventionen entspricht, sondern auch mal über die Stränge schlägt. Ja, das ist gut so, denn es muss nicht immer moralisch korrekt sein! Und das Mittelalter war auch grausam! Trotzdem bleibt sie reflektiert und setzt sich mit ihrem Gewissen auseinander. Nicht nur die Zeitreisen, sondern auch Träume, die ihr einen kurzen Einblick in zukünftige Ereigne sehen lassen, lässt sie ständig in Gefahr leben.

Sie verliebt sich schnell in ihren Holmger, der sie mit einer List an sich gebunden hat. Holmger von Aalborg ist ein sympathischer, dänischer Abgesandter des Königs. Er verkörpert das nordische, rauhe Temperament mit einem weichen Kern. Er hat sich schnell in Amélie verliebt und ist ihr total ergeben.

Die Beziehung der beiden gefällt mir gut, obwohl ich mir da etwas mehr Tiefe gewünscht hätte. Besonders Holmger ist mir nicht so greifbar. Aber ich kann ihre und seine Handlungen gut nachvollziehen.

Handlungsaufbau / Spannungsbogen

Nach einem Einblick in Amélies Familienleben und ihrer Beziehung zur ihrer Schwester Brigit geht Amélis Abenteuer auch schon gleich los. Das Medaillon führt sie in das 15. Jahrhundert. Die Spannung wird kontinuierlich aufgebaut und weitergetrieben bis es zu einem recht krassen Höheapunkt kommt. Hossa! Tanja Neise hat diesmal auch mehrere verschiedene Zeiten eingebaut und der Wechsel bringt noch mal viel Spannung mit.

Leider tauchen Amélis Träume recht kurzfristig vor dem Ereignis auf, bei dem Amélie das Wissen aus dem Traum benutzen kann. Hier hätte man das vielleicht besser übe das Buchaufteilen können, denn die nächsten Ereignisse wird dadurch nach dem zweiten oder dritten Traum schon fast vorhersehbar.

Trotzdem geht mir vieles zu schnell und ich hätte mir tatsächlich mehr Details gewünscht, auch wenn es dann mehr Seiten bedeutet hätte. Aber die Geschichte hätte definitiv das Potenzial dazu gehabt!

Schön ist aber, wie Tanja Neise mit dem Zeitparadoxon umgeht. In ihrer Zeitreisegeschichte kann und wird zwar die Zukunft durch die Handlungen die Madaillonträgerinnen verändert, das Schicksal der Personen bleibt aber das Gleiche, egal durch welchen Einfluss. Ein sehr spannender Ansatz.


Szenerie / Setting

Die Autorin kann mir alle Zeiten und Orte bildhaft vor Augen führen. Sie baut auch immer wieder geschichtliche Ereignisse oder Persönlichkeiten ein, was mir besonders gut gefällt.

Auch die Protagonistin kann sich in den verschiedenen Zeiten gut zurecht finden, wurde sie ja von ihrer Mutter auf vieles vorbereitet. Besonders lustig sind aber ihre Gedanken, als sie sich in einer jüngeren Zeit, den 80ern befindet. Wie erklärt man einem Menschen aus dem 18. Jahrhundert, wie eine Toilettenspülung funktioniert?

“Im nächsten Moment rauschte frisches klares Wasser wie durch Zauberhand in die Schüssel. Ich zuckte erschrocken zurück und bekreuzigte mich. Das war wie von Hexenhand herbeigeführt. Wie hatte sie das gemacht?”

Tanja Neise “Das Zeitenmedaillon - Die Seherin”, Pos. 3315 (kindle Edition © Tanja Neise, 47North Verlag)

Der technische Fortschritt der Neuzeit wirkt genauso beängstigend auf sie wie sie selber mit ihrem Wissen auf ihre Mitmenschen im 15. Jahrhundert. Hier stellt Tanja eine sehr nette Analogie auf köstlich humorvoller Art her!

Sprache / Schreibstil

Sprachlich hat mich Tanja Neise wieder voll überzeugt. Sie passt die Ausdrucksweise der Zeit angemessen an. Die Sprache ist verschnörkelter und gestelzter, was aber mit dem Setting absolut gut harmoniert. Dennoch lässt es sich sehr gut und flüssig lesen.

FAZIT

Eine wirklich schöne und stimmige Fortsetzung der Zeitreisegeschichte mit teilweise kriminalistischen Zügen. Ich hätte mir mehr Details und manchmal auch mehr Tiefe gewünscht, was aber das Leseerlebnis nur ein wenig beeinflusst. Vor allem die Messages gefallen mir sehr die Tanja durch viele manchmal unauffälligen Kleinigkeiten einfließen lässt.