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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 27.07.2018

Das Sterben aus der Nähe

Schlussakkord
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betrachtet Henriette Kaiser, indem sie ihre Freundin Katja auf dem letzten Weg begleitet. Katjas Weg steht kurz vor dem Schlussakkord: viel zu früh, mit Mitte dreißig, ist sie an Gebärmutterkrebs erkrankt ...

betrachtet Henriette Kaiser, indem sie ihre Freundin Katja auf dem letzten Weg begleitet. Katjas Weg steht kurz vor dem Schlussakkord: viel zu früh, mit Mitte dreißig, ist sie an Gebärmutterkrebs erkrankt - Operationen und Therapien, sowohl traditionelle als auch alternative - erweisen sich als erfolglos. Sowohl Katja als auch Henriette und weitere Freunde wie auch Katjas Familie kämpfen dagegen an - Katja bis zum Ende. Für das Umfeld ist schon früher klar, dass dies Katjas letzter Weg ist, hier tut man alles, um ihr diesen zu erleichtern.
Ein sehr persönliches Buch, zu persönlich manchmal für mich als Rezipientin. Henriette Kaiser ist für ihre Freundin da, sie richtet ein Spendenkonto ein, unterstützt Familie und Freunde sowohl seelisch und moralisch, als auch real - da ist es klar, dass das Buch aus einer sehr, sehr eigenen Perspektive geschrieben wurde, der zu folgen mir manchmal schwerfällt. Es sind Briefe eingefügt, die Henriette in der Zeit an Freunde geschickt hat und die ihr Denken und ihre Stimmung in der Zeit spiegeln sollen - mir fällt es hier eher schwer, ihr zu folgen, ich empfinde es als verwirrend und unstrukturiert.

Eine Konfrontation mit dem Sterben soll dieses Buch sein, es soll das Sterben - gerade auch den Tod jüngerer Menschen - bekannter, gesellschaftsfähiger machen, denn um die Jahrtausendwende - Katjas Krebstod erfolgt im April 2002 - ist dies noch (fast) ein Tabuthema, so empfindet sie es selbst. Dies ist eine Neuauflage des wichtigen Werkes. Keine leichte, keine glatte Lektüre, aber eine notwendige.

Veröffentlicht am 27.07.2018

Eine fremde, ganz andere Welt

Wüstenblut
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offenbart sich den Lesern von Zoe Ferraris Reihe um den für seinen Kulturkreis durchaus unkonventionellen Ermittler Ibrahim Zahrami von der Mordkommission Dschidda in Saudi-Arabien nun schon im dritten ...

offenbart sich den Lesern von Zoe Ferraris Reihe um den für seinen Kulturkreis durchaus unkonventionellen Ermittler Ibrahim Zahrami von der Mordkommission Dschidda in Saudi-Arabien nun schon im dritten Band. Die beiden Vorgänger "Die letzte Sure" und "Totenverse" habe ich bereits mit Begeisterung verschlungen und "Wüstenblut" steht ihnen in nichts nach. Diesmal geht es um einen Serien-, ja um einen Massenmord: in der Wüste Saudi-Arabiens werden die sterblichen Überreste von insgesamt 19 Frauen aufgefunden - im Islam eine bedeutsame, symbolträchtige Zahl, die sämtliche Akteure aufmerken lässt. Neben der Arbeit hat Ibrahim seine üblichen Probleme mit seiner von ihm ungeliebten, ihn nicht verstehenden Frau und den Kindern, die er sehr liebt, für die er jedoch nicht genug Zeit hat - und nun ist auch noch seine Geliebte Sabria, das Licht seines Lebens, spurlos verschwunden! Ibrahim hat sie während ihrer Zeit als verdeckte Ermittlerin kennengelernt - steht ihr Verschwinden mit dieser Tätigkeit in Zusammenhang?

Zoe Ferraris schreibt einfühlsam und mit großer Regional- und Sachkenntnis und widmet sich wie immer auch ausgiebig dem Rahmen, den das Leben in Saudi-Arabien seinen Bewohnern setzt: dem Verhältnis von Männern und Frauen, dem Leben der Frauen quasi im Verborgenen, ihrem Kampf um Präsenz im (Arbeits)Alltag und vielen, vielen anderen Details des Alltagslebens in Saudi-Arabien, wobei die Spannung, die ein Krimi ja ebenfalls beinhalten sollte, keineswegs zu kurz kommt. Gelegentlich blitzt auch die ein oder andere humorvolle Komponente hervor. Widersprüchliches, Fragwürdiges, für den Westeuropäer schwer nachzuvollziehende Wertvorstellungen - das alles wird hier thematisiert und ist nach den Lektüre ein wenig einsichtiger.

Kurzum: die Lektüre von "Wüstenblut" ist ein Riesengewinn, den ich absolut jedem ans Herz lege, der anspruchsvolle Krimis mag und sich gut unterhalten lassen will. Ich kann Ihnen versichern - auf diese ganz spezielle Art und Weise sind sie noch nie unterhalten worden und sie werden noch lange an diesen ganz besonderen Krimi zurückdenken!

Veröffentlicht am 27.07.2018

Ein Computerexperte auf neuen Wegen

Eine vorläufige Theorie der Liebe
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Nerds sind einsam, haben Probleme mit zwischenmenschlischen Beziehungen - so auch der Mittdreißiger Neill Bassett Jr., der nach seiner Scheidung einen Neuanfang sucht. Beruflich hilfreich, aber nicht gerade ...

Nerds sind einsam, haben Probleme mit zwischenmenschlischen Beziehungen - so auch der Mittdreißiger Neill Bassett Jr., der nach seiner Scheidung einen Neuanfang sucht. Beruflich hilfreich, aber nicht gerade aufbauend - und faszinierend sowohl für ihn als auch für den Leser - ist dabei das 5000 Seiten lange Tage Buch aus dem Nachlass seines Vaters, der früh Selbstmord begangen hat. Eine Selbst- und Partnerfindung mit einem Wechselbad von Gefühlen, die nur teilweise fasziniert, andererseits aber durchaus auch mit Längen aufzuwarten weiß.

Das Buch geht mit dem Thema des einsamen Protagonisten ein bisschen in Richtung des "Rosie-Projekts" von Graeme Simmons, ohne jedoch dessen Klasse zu erreichen, könnte auf der anderen Seite aber auch aufgrund der Nerd-Thematik und der virtuellen Welten in einem Atemzug mit "Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra" von Robin Sloan genannt werden, dem es wiederum aus meiner Sicht weit überlegen ist. Also ähnlich Büchern, die ungefähr zeitgleich erschienen sind, folgt der Autor Scott Hutchins hier einem dem Zeitgeist entsprechenden Trend und reiht sich - so sehe ich es - in eine Moderichtung ein. Eine, deren Zielgruppe eher jüngere, computeraffine Menschen sind und nicht Damen mittleren Alters mit einer Liebe für schöne Worte - die hier aber durchaus vorkommen - wie ich es bin. Deswegen - Daumen hoch in Richtung der coolen Generation, Daumen eher waagerecht, wenn es um Literaturfreunde mittleren oder älteren Semesters geht, auch wenn das Thema - Geschiedener mit mißlungenem Neuanfang, Einsamkeit - sie durchaus anlocken mag.

Veröffentlicht am 27.07.2018

Sturmfest und erdverwachsen

Celeste bedeutet Himmelblau
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sind nicht nur die Niedersachsen, nein, auch die Hessen haben das drauf, zumindest in diesem Krimi! Frank Liebermann ist Ermittler mitten im ländlichen Odenwald und fährt Fahrrad statt BMW, seine Zeugen ...

sind nicht nur die Niedersachsen, nein, auch die Hessen haben das drauf, zumindest in diesem Krimi! Frank Liebermann ist Ermittler mitten im ländlichen Odenwald und fährt Fahrrad statt BMW, seine Zeugen tragen Wanderstiefel statt Pumps, ihre Requisiten sind Wanderstöcke statt Zigarettenspitzen - er ist jung, vor kurzem erst aus Darmstadt gewechselt und muss sich mit den üblichen Problemen auf dem Dorf - Zurückhaltung und Argwohn der Bewohner - herumschlagen.

Zudem entdeckt ausgerechnet er, dass es sich bei dem von Wanderern aufgefundenen toten Bauern keineswegs um ein Unfall-, sondern vielmehr um ein Mordopfer handelt, was das Mißtrauen in Bezug auf seine Person noch verstärkt. Liebermann muss sich bewähren ...

Ein netter, unterhaltsamer Regionalkrimi mit einem aus meiner Sicht ausgesprochen unpassenden Cover - es gemahnt eher an Thriller oder Fantasyliteratur, der thematisch ein wenig überladen und zudem nicht ohne Längen ist, was die Begeisterung ein wenig beeinträchtigte. Ganz nett für zwischendurch, aber ein Buch, das einem nicht unbedingt lange nachgeht.

Veröffentlicht am 27.07.2018

Spannend bis zum Schluss, dabei gewöhnungsbedürftig

Mädchenjäger
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London, an sich schon ein spannendes und dankbares Pflaster für Thriller: hier verschwinden 38 Frauen, ohne die kleinste Spur zu hinterlassen - das ist selbst für eine mehrfache Millionen-Stadt nicht wenig ...

London, an sich schon ein spannendes und dankbares Pflaster für Thriller: hier verschwinden 38 Frauen, ohne die kleinste Spur zu hinterlassen - das ist selbst für eine mehrfache Millionen-Stadt nicht wenig und damit umso erstaunlicher. Detective Mark Heckenburg, genannt Heck, ist der Einzige, der hier einen Zusammenhang sieht - bis er Unterstützung durch Lauren, eine verzweifelte Angehörige eines potentiellen Opfers, erhält.
Ein wirklich vielversprechendes und nicht alltägliches Thema, spannend bis hin zur Brutalität: für Leser, die sowas lieben, also durchaus empfehlenswert. Ich selbst bevorzuge das Subtile, Hintergründige - ja, auch bei Thrillern und bin daher eher nicht auf meine Kosten gekommen, obwohl - oder gerade weil - die Fälle überaus anschaulich geschildert werden.
Kein typischer englischer Thriller, dazu ist er aus meiner Sicht zu gradlinig. Aber was mir wirklich zu schaffen machte, war die aus meiner Sicht umständliche und schwerfällige Sprache, die nichts von literarischer Größe hatte. So etwas nimmt leider auch packendsten Buch viel von seinem Charme und dem kriminellen Geist!