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Veröffentlicht am 20.02.2025

Starkes Debüt!

Coast Road
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In Irland mahlen die Mühlen langsamer als in anderen Ländern, zumindest was die eheliche Scheidung angeht. "Erst am 25. November 1995 stimmte das irische Volk mittels Referendum über die Abschaffung des ...

In Irland mahlen die Mühlen langsamer als in anderen Ländern, zumindest was die eheliche Scheidung angeht. "Erst am 25. November 1995 stimmte das irische Volk mittels Referendum über die Abschaffung des Ehescheidungsverbots in der Verfassung ab", kann man am Ende des Romans von Alan Murrin lesen. Die Mehrheit denkbar knapp: Weniger als einen Prozenpunkt soll diese betragen haben.

Was für Auswirkungen solch ein Ehescheidungsverbot auf Paare und Familien hatte, schildert der Autor packend in deinem Debütroman "Coast Road".
Da ist zum einen Colette Crowley, Dichterin und Mutter dreier Söhne, die ihre Familie für einen anderen Mann verließ und nun nicht mehr zu diesen zurück kann. Sie mietet sich in einem kleinen Cottage an der Coast Road ein und bietet Schreibkurse für Interessierte an, um sich finanziell über Wasser zu halten. Colette ist attraktiv und schon bald beginnen die ersten Männer des Ortes um ihr Haus herumzuschleichen.

Eine andere Frau aus dem Ort, Izzy Keaveney, ist mit einem Lokalpolitiker verheiratet, der sich für die Legalisierung der Scheidung einsetzt. Izzy ist die meiste Zeit unglücklich in ihrer Ehe und besucht den Schreibkurs von Colette. Ihr Sohn war einst mit Colettes Jüngstem befreundet und so versucht Colette über Izzy Kontakt zu diesem aufzunehmen. Denn ihr Mann hat ihr jeglichen Umgang mit den Kindern untersagt.

Und dann ist da noch Dolores Mullen, die ihr viertes Kind erwartet und mit einem Mann verheiratet ist, der es mit der ehelichen Treue nicht so genau nimmt...

Ich fand die Geschichte sehr spannend zu lesen und da ich selbst die ersten 15 Jahre in einer Kleinstadt groß geworden bin, kam mir einiges bekannt vor. In Deutschland galt bis zum Inkrafttreten der Reform von 1976 im Ehescheidungsverfahren noch das Schuldprinzip und Frauen durften davor nicht ohne Erlaubnis ihres Mannes arbeiten gehen.

Das alles kann man sich heute gar nicht mehr richtig vorstellen, war aber für die betroffenen Frauen damals ausgesprochen einschränkend und schmerzhaft.

Ich bin daher froh, dass sich ein irischer Autor, der inzwischen in Berlin lebt, dieses Themas angenommen hat. Denn man sollte nie vergessen, wie unfrei Frauen vor gar nicht einmal so langer Zeit noch waren, damit man alles dafür tut, dass es nie-nie-mals wieder so wird!

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Veröffentlicht am 20.02.2025

Wie gut kennt man jemanden eigentlich?

Drei Wochen im August
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Zwei Frauen, Elena, eine Mutter zweier Kinder und Eve, ihre Babysitterin, verbringen drei Wochen in einem Ferienhaus am Meer.

Das Buch erzählt abwechselnd aus der Sicht der beiden Frauen, schildert ihre ...

Zwei Frauen, Elena, eine Mutter zweier Kinder und Eve, ihre Babysitterin, verbringen drei Wochen in einem Ferienhaus am Meer.

Das Buch erzählt abwechselnd aus der Sicht der beiden Frauen, schildert ihre Beobachtungen und Einschätzungen verschiedener Situationen und beleuchtet ihre Beziehung. Während Elena sich ein freundschftliches Verhältnis zu Eve wünscht, sieht diese in Elena hauptsächlich ihre Arbeitgeberin und lässt sich den Aufenthalt vergüten.

Während Elenas Ehemann aus beruflichen Gründen zu Hause geblieben ist, durfte ihre Tochter Linn ihre Freundin Noémi mitnehmen.

Während die 5 Personen mit einander interagieren, werden sie von Elena und Eve taxiert, analysiert und interpretiert, ohne dass sie sich ihre Gefühle und Gedanken direkt mitteilen würden. Als Leser(in) weiß man eigentlich nie, was wirklich Sache ist, weil Situationen von den beiden Frauen mitunter unterschiedlich bewertet werden.

Etwas Bedrohliches klingt unterschwellig mit, was durch die sommerlichen Waldbrände in der Ferne noch untermalt wird. Schließlich tauchen noch zwei Fremde auf, was zu neuen Dynamiken in der Gruppe führt.

Die Geschichte liest sich fast atemlos, obwohl nichts Weltbewegendes passiert. Man bekommt nur ständig das Gefühl vermittelt, dass überall Gefahr lauert, was einen beim Lesen bei der Stange hält. Leider ist die Geschichte meiner Meinung nach einen Tick zu lang geraten, so dass sich zum Ende hin Ermüdung einstellt.

Ich vermute, es ging der Autorin darum, aufzuzeigen, wie wenig man sein Gegenüber - und seien es auch die eigenen Kinder - eigentlich kennt, wie nah Freundschaft und Rivalität bei einander liegen und wie unterschiedlich Wahrnehmungen ein und der selben Situation sein können.

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Veröffentlicht am 07.09.2024

Not my cup of tea

Du kennst sie
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Ich muss leider sagen, dass ich mit dem Thriller "Du kennst sie" von Meagan Jennett überhaupt nicht warm geworden bin, obwohl ich die ursprüngliche Idee dahinter eigentlich interessant fand:

Eine junge ...

Ich muss leider sagen, dass ich mit dem Thriller "Du kennst sie" von Meagan Jennett überhaupt nicht warm geworden bin, obwohl ich die ursprüngliche Idee dahinter eigentlich interessant fand:

Eine junge Frau, die als Barfrau arbeitet und tagein tagaus von betrunkenen Männern angemacht, begrabscht oder beschimpft wird, hat mit einem Male die Nase voll, als ein Stammkunde und Freund des Hauses ihr nach einem anstrengenden Silvesterabend den letzten Rest eines teuren Rotweins einfach wegtrinkt und sie danach auch noch belästigt. Sie bringt ihn um und mordet von da an fleißig weiter.

Daneben lernt man als Leser(in) eine farbige Polizistin kennen, die es in der Männerwelt schwer hat, sich zu behaupten und die sich mit der Barkeeperin anfreundet, ohne zunächst zu ahnen, mit wem sie es zu tun hat.

Ich weiß einen Thriller durchaus zu schätzen, wenn er intelligent gemacht ist und sich das "Gemetzel" in Grenzen hält. Hier aber wurde mir detailliert erklärt, wie man einen Mann am besten tötet, auch wenn man nicht die körperliche Stärke und Größe dafür mitbringt.

Auch dass sich irgendwelche imaginierten "Milben" unter der Haut der Protagonistin regen und sie zum Morden drängen, fand ich höchst seltsam. Ticken Frauen so? Ich kann es mir ehrlich gesagt nicht vorstellen.

Last but not least fand ich die Geschichte langatmig und wenig fesselnd.
Am besten hat mir eigentlich das Cover gefallen. Dass man die Rillen vom Cocktail-Glas ertasten kann und dahinter das Gesicht der Barkeeperin verschwommen aufleuchtet, fand ich raffiniert und echt gut gemacht!

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Veröffentlicht am 01.09.2024

Ein Evolutionsbiologe, der ein faszinierendes Buch nach dem anderen schreibt

Darwyne
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Colin Niel ist mir spätestens seit seinem - damals noch als Roman gekennzeichneten - Buch "Nur die Tiere" ein Begriff und es scheint, als würde der französische Autor einen Knaller nach dem anderen raushauen. ...

Colin Niel ist mir spätestens seit seinem - damals noch als Roman gekennzeichneten - Buch "Nur die Tiere" ein Begriff und es scheint, als würde der französische Autor einen Knaller nach dem anderen raushauen. Nach "Unter Raubtieren", das ebenfalls eine großartige Geschichte erzählt, folgt nun "Darwyne", dessen Schauplatz das Amazonasgebiet Französisch-Guayanas ist.

Dass ein Evolutionsbiologe seinem - inzwischen als Thriller bezeichneten - Buch den Titel "Darwyne" gibt, kann man auch als Hommage an den großen Naturforscher Charles Darwin verstehen, der von seinen Zeitgenossen in diversen Karikaturen seinerzeit als Schimpanse verhöhnt wurde.

Colin Niels' Darwyne ist ein kleiner Junge, körperlich beeinträchtigt, verschlossen, schulisch wenig interessiert, dafür aber mit einem natürlichen und tiefgehenden Verständnis für die Natur des Amazonas gesegnet, an dessen Schwelle er mit seiner Mutter Yolanda in einer baufälligen Hütte lebt. Darwyne liebt seine schöne, religiös geprägte Mutter, aber er hasst die diversen Stiefväter, die sie in regelmäßigen Abständen anschleppt.

In einem zweiten Handlungsstrang lernt man die Sozialarbeiterin Mathurine kennen, die den Fall Darwynes wieder aufnehmen soll, da es einen anonymen Hinweis auf Kindeswohlgefährdung gab und die frühere Sachbearbeiterin inzwischen aus dem Dienst ausgeschieden ist.

Ich fand das Buch wie schon seine Vorgänger einfach großartig! Es beinhaltet so viele Themen, ohne dadurch überfrachtet zu wirken. Da geht es beispielsweise um eine Mutter, die ihr Kind nicht lieben kann, eine andere Frau, die sich verzweifelt ein Kind wünscht, ein Kind, das nicht 'reinpasst', prekäre Lebensverhältnisse in den Slums von Bois Sec, am Rande des Amazonas, die Rodung des Waldes und natürlich um die unermesslichen Schätze und Wunder des Amazonasgebietes selbst.

Gefreut hat mich, dass es eine Fortsetzung der Geschichte um die Sozialarbeiterin Mathurine geben wird. Der Titel der französischen Ausgabe lautet "Wallace" und wer kann damit schon anderes gemeint sein als Darwins Gegenspieler Alfred Russel Wallace!? Ich kann es kaum erwarten, dass ich das Buch in Händen halte!

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Veröffentlicht am 01.09.2024

Wie gut kennt man sein eigenes Kind?

Kleine Monster
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Pia und Jakob werden von der Lehrerin ihres Sohnes Luca in die Schule gebeten, da es einen Vorfall mit einem Mädchen gegeben habe.

Diese Aussage weckt in Pia Zweifel, inwieweit sie ihrem Sohn vertrauen ...

Pia und Jakob werden von der Lehrerin ihres Sohnes Luca in die Schule gebeten, da es einen Vorfall mit einem Mädchen gegeben habe.

Diese Aussage weckt in Pia Zweifel, inwieweit sie ihrem Sohn vertrauen kann. Auf der einen Seite möchte sie Luca glauben, auf der anderen Seite weiß sie um Dinge aus ihrer Vergangenheit, auf die sie bis heute keine eindeutigen Antworten gefunden hat. Damals ist ihre jüngste Schwester Linda im See ertrunken. Nur ihre Adoptivschwester Romie war dabei. Ein Unfall oder steckte vielleicht doch noch mehr dahinter?

In Pia beginnt es zu arbeiten. Sie beobachtet ihren Sohn mit Argusaugen, kontrolliert ihn, interpretiert Dinge in sein Verhalten und setzt ihn unter Druck, damit er ihr die ganze Wahrheit erzählt. Gleichzeitig erinnert sie sich an ihre eigene Kindheit. Das verdrängte und in der Familie nie aufgearbeitete Trauma drängt mit aller Macht an die Oberfläche. Kontakt zu Romie hat sie nicht mehr, folgt dieser aber auf Instagram, sucht nach Ähnlichkeiten zwischen ihr und Luca.

Das Buch hat eine unglaubliche Sogkraft, die von der Autorin bis zum Ende aufrecht erhalten wird. Auch als Leser(in) fragt man sich ständig "Was ist passiert? Wem kann man glauben? Gibt es sowas wie Kleine Monster?"

Ich fand den Roman von Jessica Lind spannender als so manchen Krimi und hoffe, sie schreibt auch weiterhin so kluge Romane.