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Veröffentlicht am 19.12.2020

Mystisches Mittelalter

Die siebte Schwester
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Die junge Tryngen lebt im Jahr 1215 als Novizin in einem kleinen Kloster bei Köln. Wie ihre Ziehmutter Maria hat sie sich ganz der Heilkunst verschrieben und sieht ihre Berufung darin, als Nonne Kranke ...

Die junge Tryngen lebt im Jahr 1215 als Novizin in einem kleinen Kloster bei Köln. Wie ihre Ziehmutter Maria hat sie sich ganz der Heilkunst verschrieben und sieht ihre Berufung darin, als Nonne Kranke zu pflegen. Nachdem sie Dompropst Engelbert von Berg das Leben gerettet hat ruft dieser sie an seinen Hof, um ihm als Leibärztin zur Verfügung zu stehen. Dort hat sie nicht nur mit einem mächtigen Konkurrenten zu tun, sondern muss sich auch noch bewähren, da ihr Vater ihr mit der Vermählung mit einem ihr ungeliebten Mann droht. Engelbert ist kurz davor, zum Erzbischof von Köln gewählt zu werden. Plötzlich geht es ihm gesundheitlich immer schlechter und Tryngen versucht alles in ihrer Macht stehende zu tun, um ihn zu retten – und steckt plötzlich mitten in einem Komplott, der auch sie und Maria in Lebensgefahr bringt.

„Die siebte Schwester“ ist der dritte Teil der Rhein-Trilogie der Autorin Marion Johanning. Man kann das Buch auch ohne Kenntnis der Vorbände problemlos eigenständig lesen. An der ein oder anderen Stelle haben mir kleinere Hintergrundinformationen gefehlt (z.B. zu Wilem oder dem Verhältnis von Maria und Alexander), aber das hat die Geschichte und deren Verständnis nicht beeinträchtigt.

Das Cover mit der jungen Nonne vor einem Kloster gefällt mir gut und ist absolut passend zur Geschichte. Weniger stimmig empfinde ich im Nahhinein den Titel, da der Handlungsstrang auf den er referenziert eher nebensächlich war und ich ihn als nicht so wichtig und interessant erachtet habe, als das er dem Buch seinen Titel verleihen könnte.

Der Schreibstil lässt sich anschaulich und flüssig lesen und entführt den Leser gut ins Köln des Mittelalters. Teilweise hatte ich etwas Probleme mit den vielen ungewohnten Namen, v.a. am Hofe und so kam es zu einigen Verwirrungen. Eine Personenübersicht wäre für mich sicherlich hilfreich gewesen.

Tryngens Geschichte fand ich sehr interessant, bereits zu Beginn geht es rasant los und wir befinden uns bereits mitten im Geschehen. Im Folgenden wird gut deutlich, wie es Tryngen mit ihrer neuen Situation ergeht und auch die Beziehung zwischen ihr und Engelbert wird immer interessanter. Gegen Ende hin nimmt die Geschichte sehr an Fahrt auf, es wird immer spannender und zahlreiche Verwicklungen der Personen kommen ans Licht. Die Verschwörung gegen Engelbert war gut nachvollziehbar und ich habe mitgefiebert, fand es nur schade, dass man nicht erfährt was aus Waldever wird. Weniger gut gefallen hat mir der parallele Handlungsstrang im Kloster mit der dubiosen Priorin Katharina und dem Geheimbund, welchen ich nicht wirklich verstanden habe. Mit der mystischen Schwesternschaft konnte ich mich leider gar nicht anfreunden und ich habe sie auch als nicht besonders glaubwürdig empfunden.

Protagonistin Tryngen stehe ich ebenfalls etwas widersprüchlich gegenüber: Einerseits ist sie eine junge, unsichere, ängstliche und teilweise etwas naive Novizin, die sich sehr fremdbestimmen lässt und kindlich reagiert. Andererseits ist sie hinsichtlich ihrer Heilkunst wieder eher selbstbewusst, wagt zu widersprechen und wirkt sehr verantwortungsbewusst, wissbegierig, klug und kompetent. Diese beiden Seiten haben für mich nicht wirklich zusammen gepasst und somit konnte ich sie – trotz großer Sympathie – eher schlecht greifen. Andere Figuren wie Engelbert oder Maria hingegen waren authentisch dargestellt und haben mir gut gefallen.

Beim Lesen wird sehr deutlich, wie intensiv sich die Autorin mit der damaligen Zeit befasst hat: Das Buch ist wirklich sehr gut recherchiert und lässt das Köln des 13. Jahrhunderts aufleben. Der Einbezug wirklicher historischer Ereignisse und Vorbilder der Figuren wie z.B. Engelbert war sehr gelungen und hat zusätzliche Authentizität verliehen. Auch sehr interessant waren die Informationen über das damalige medizinische Wissen.

Fazit: Ein gut recherchiertes Buch, das interessant zu lesen war, inhaltlich aber nicht zu hundert Prozent überzeugen konnte.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.12.2020

Spannender Thriller mit Gänsehautgarantie – aber enttäuschendem Ende

Hexenjäger
4

Die junge Polizistin Jessica Niemi hat es mit einem außergewöhnlichen Fall zu tun: Maria Koponen, die Frau eines berühmten Bestsellerautors wird in ihrem Haus ermordet und auf sehr spezielle Weise aufgebahrt. ...

Die junge Polizistin Jessica Niemi hat es mit einem außergewöhnlichen Fall zu tun: Maria Koponen, die Frau eines berühmten Bestsellerautors wird in ihrem Haus ermordet und auf sehr spezielle Weise aufgebahrt. Der Mord ähnelt sehr einem Ritual zur Hexenvernichtung, das Marias Mann in einem seiner Bücher beschreibt. Kurz darauf kommt es zur nächsten Tötung, die ebenfalls Parallelen zu Koponens Hexen-Trilogie aufweist. Ist ein Fan der Bücher durchgedreht und stellt die Morde nach? Oder handelt es sich um okkulte Ritualmorde? Jessica und ihr Team arbeiten unter Hochdruck, doch der Mörder scheint ihnen immer voraus zu sein. Doch spätestens nach dem nächsten Opfer fällt den Ermittlern eine weitere Parallele auf: Das fast identische Aussehen der ermordeten Frauen – ein Schema, in das auch Jessica Niemi perfekt hineinpasst…

Das Buch „Hexenjäger“ des finnischen Autors Max Seek besticht zunächst einmal durch seine Optik: Das Cover erscheint sehr durchdacht, da es zunächst schlicht aussieht, aber sich auf den zweiten Blick weitere Details wie der düstere Wald im Nebel abzeichnen. Auch das Spiel mit den Farben gefällt mir sehr gut, das große rote „X“ unterstreicht den Titel des Buches und der ebenfalls rote Buchschnitt ist sehr aufsehenerregend. Insgesamt vermittelt das Cover bereits eine bedrohliche Stimmung und passt somit perfekt zu einem skandinavischen Thriller.

Max Seeks Schreibstil ist sehr angenehm und flüssig zu lesen, was auch den eher kurzen Kapiteln geschuldet ist. Ihm gelingt es sehr gut, Bilder und Szenen im Kopf des Lesers zu erschaffen und untermalt diese mit gelegentlichen Metaphern. So steigert sich die Spannung permanent und fesselt den Leser regelrecht an die Seiten, das Grauen wird langsam aufgebaut und immer weiter gesteigert. Auch einige überraschende Wendungen waren sehr clever eingebaut und haben mir Gänsehaut verschafft. Durch wechselnde Sichtweisen ist man beim Lesen zum Mitdenken angeregt und muss aufmerksam bei der Geschichte bleiben, was aufgrund des hohen Tempos teilweise etwas schwerfällt. Auch hatte ich etwas Probleme mit den zahlreichen Personen und den finnischen Namen.

Sehr irritiert war ich vom zweiten, parallel verlaufenden Handlungsstrang, welcher ohne weitere Einführung immer wieder während der Ermittlungen eingeschoben wurde. Es hat jedes Mal etwas gedauert, aus der spannenden Gegenwart in diese vergangenen Szenen an einen anderen Ort zu wechseln und da lange nicht klar war, auf was diese Parallelhandlung hinauslaufen wird haben sie mich sehr in meinem Lesefluss gestört. Besonders ernüchtert war ich am Ende davon, wohin diese Szenen geführt haben – nämlich zu einer meiner Meinung nach eher unwichtigen Begebenheit, für die die hohe Anzahl an gefüllten Seiten keineswegs gerechtfertigt war. Ärgerlich! Sowieso ist sehr viel Privates neben den Morden erzählt worden, wo ich mir mehr Einblick in die Ermittlungen und Hintergründe zur Hexenthematik erhofft hatte. Am meisten hat mich jedoch das Ende und die Auflösung des Falles enttäuscht. Nach der permanenten Hochspannung mit Gruselfaktor und aufwendig aufgebauter Story hatte ich etwas Aufregendes, Fulminantes zum Schluss erwartet. Letztendlich kam das Ende sehr abrupt und war einfach nur verwirrend, ich hatte das Gefühl, dass einige Kapitel zum Verständnis fehlten. Das letzte „Ein-Satz-Kapitel“ hat die Verwirrung dann endgültig besiegelt und ich habe das Buch mit einigen Fragezeichen zugeklappt.


Fazit:
„Hexenjäger“ war für mich zum großen Teil ein absoluter Page-Turner, der mich gefesselt hat. Die permanent hohe Spannung und gruselige Atmosphäre haben mich wirklich begeistert. Die Grundidee mit dem Hexenhammer und einer Buchtrilogie nachgestellten Morden fand ich sehr kreativ und bietet in meinen Augen den perfekten Stoff für einen Thriller. Umso enttäuschender war das abrupte Ende, das mich dann doch sehr ernüchtert zurückgelassen hat.

  • Cover
  • Spannung
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 09.10.2020

Unterhaltsamer Hausfrauenroman statt Psychothriller

Das Gift deiner Lügen
2

Im noblen englischen Villenviertel Severn Oaks scheint die Welt noch in Ordnung zu sein: Abgeschirmt durch hohe Mauern führen gut betuchte Familien ein beschauliches und vollkommen normales Leben. Die ...

Im noblen englischen Villenviertel Severn Oaks scheint die Welt noch in Ordnung zu sein: Abgeschirmt durch hohe Mauern führen gut betuchte Familien ein beschauliches und vollkommen normales Leben. Die einzige Ausnahme dieser Idylle bildet der tragische Tod der Nachbarin Erica Spencer, die im vergangenen Jahr auf der Halloweenparty eines befreundeten Paares aus deren Baumhaus stürzte. Ein knappes Jahr später haben sich Ericas Freundinnen einigermaßen von dem Schock erholt, als ein geheimnisvoller Podcast auftaucht: „Der Mord an Erica Spencer“. Der unbekannte Podcaster verspricht, die Wahrheit hinter Ericas Tod ans Licht zu bringen – und plötzlich kommen unzählige Geheimnisse und Motive ans Licht, die bisher hinter Severn Oaks scheinbar sicherer Fassade verborgen waren.

„Das Gift deiner Lügen“ von Jenny Blackhurst spielt im beschaulichen Villenvillen Severn Oaks, das gut beschrieben wird und dessen elitäre Kleinstadtatmosphäre schnell für den Leser greifbar wird. Da sehr viele relevante Personen im Buch vorkommen widmet sich fast das gesamte erste Drittel des Buches der (leider trotzdem unvollständigen und nach wie vor leicht verwirrenden) Vorstellung dieser Personen und ihrer Konstellationen zueinander. Schnell wird deutlich, dass hier jeder etwas zu verbergen hat, viele Geheimnisse voreinander herrschen und das idyllische Vorzeigeleben im Villenviertel reine Fassade ist. Alles erinnert etwas an eine Mischung der Serien „Desperate Housewives“ und „Pretty little liars“.

Das Cover wirkt geheimnisvoll, die Abbildung der eigentlich positiv kontierten Liebes- und Glückssymbole Herz, Rosenblätter und Schmetterling in düsterer Farbgebung sorgt für ein beklemmendes Gefühl und verspricht einen spannenden Fall.

Das Buch startet mit einem bissigen Kommentar eines allwissenden Erzählers, der sich als die tote Erica herausstellt, die den Leser direkt anspricht. Die folgenden Kapitel sind auch den unterschiedlichen Perspektiven der handelnden Personen geschrieben und teilweise aus der Gegenwart, teilweise aus der Vergangenheit erzählt. Meist sind die Kapitel kurz gehalten, um das Tempo zu steigern. Der Schreibstil insgesamt ist erzählend und enthält auch humorvolle Stellen zum Schmunzeln. Informationen werden häppchenweise gegeben, die Autorin spielt mit Annahmen der Leser und lässt ihn somit eigene Theorien aufstellen. Leider wurden manche Informationen absichtlich nicht gegeben, so dass der Leser sich gar kein umfassendes Bild machen konnte und keine Chance hatte, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Das hat mich etwas verärgert und ich habe mich teilweise ein bisschen veräppelt gefühlt. Auch wurde so die ganz große Spannung nicht wirklich erzeugt, viele Handlungen und Wendungen wirkten erzwungen und konstruiert. Der Einbezug von Stilmitteln wie den Podcasts oder Zeitungsartikeln hingegen fand ich toll und kreativ.

In Seven Oaks vereinen sich die unterschiedlichsten Charaktere, die alle ausführlich beschrieben wurden, aber dennoch lange geheimnisvoll bleiben und deren Gedanken und Handlungen ich als Leser teilweise auch nicht nachvollziehen konnte. Wirklich sympathisch war mir keine Figur, viele sind so überzeichnet, dass sie klischeehaft wirken. Gemein ist allen, dass sie sehr oberflächlich und auf ihre Außenwirkung bedacht sind. Hochinteressant hingegen fand ich die sozialen Beziehungen der einzelnen Charaktere untereinander.

„Das Gift deiner Lügen“ hat mich gut unterhalten und war angenehm zu lesen, allerdings habe ich es nicht als Psychothriller wahrgenommen, da es mir zum einen nicht spannend genug war und zum andern psychologisch zu wenig in die Tiefe ging. Ich würde ihn eher als gemütlichen Hausfrauenroman bezeichnen, der sich angenehm zwischendurch lesen lässt, aufgrund des Klappentextes aber falsche Erwartungen schürt.

  • Cover
  • Spannung
  • Handlung
  • Erzählstil
  • Charaktere
Veröffentlicht am 12.09.2020

Melancholischer Roman über das Auseinanderleben

Bis dann, ich lieb´ dich.
0

Lara und Ben sind seit zehn Jahren verheiratet, doch von einer glücklichen Ehe kann keine Rede mehr sein. Alles ist inzwischen selbstverständlich und alltäglich geworden, die Kommunikation oberflächlich, ...

Lara und Ben sind seit zehn Jahren verheiratet, doch von einer glücklichen Ehe kann keine Rede mehr sein. Alles ist inzwischen selbstverständlich und alltäglich geworden, die Kommunikation oberflächlich, jeder lebt vor sich hin. Des Weiteren hat der Konkurs von Bens Firma die beiden in Schulden gestürzt, die ihre optimistischen Zukunftspläne zunächst auf Eis legen. Als Lara ihren Mann bei einer verletzenden Lüge erwischt, beschließt sie, dass es so nicht weitergehen kann und schlägt eine halbjährige Ehepause vor, in der beide Partner Gelegenheit bekommen sollen, sich selbst und die eigenen Gefühle wiederzufinden. Während Lara die Pause gut tut und sie zum Schreiben kommt ergeht es Ben eher gegenteilig – er leidet sehr. Hat die Ehe der beiden nach sechs Monaten Trennung noch eine Chance?

Das Cover zu „Bis dann, ich lieb dich!“ wirkt einerseits romantisch-verspielt, durch den dunklen Hintergrund aber auch etwas traurig. Im Buch selbst finden sich zwischen den Absätzen und Kapiteln sehr kunstvoll gezeichnete, hübsche Illustrationen, welche mir gut gefallen haben.

Insgesamt ist das Buch von einer eher melancholischen Grundstimmung durchdrungen. Der schonungslose, ehrliche Blick auf die Ehe der beiden Protagonisten macht traurig und nachdenklich. Der Schreibstil der Autorin ist passend hierzu schnörkelloser und unkompliziert, teilweise eher einfach. Emotionen werden gut und nachvollziehbar transportiert. Als Leser hat man das Gefühl, autobiographische Züge zu finden: Die Autorin hat sich offenbar sehr intensiv mit der Technik und dem kreativen Prozess des Schreibens befasst und dieses Thema in ihrem Buch verarbeitet. Ich habe mich häufiger gefragt, ob sie auch selbst an einem Schreibworkshop und -coaching teilgenommen hat und diese – wohl sehr inspirierenden Ereignisse – in ihrem Buch verarbeitet hat.

Das Buch ist aus beiden Perspektiven der Protagonisten verfasst, so dass der Leser beide gut kennenlernt. Ben war für mich schwer zu greifen, er war mir insbesondere am Anfang wenig sympathisch, da er oberflächlich und egoistisch wirkte. Sein Job geht ihm über alles und er ist immer wieder bereit, sich deshalb über Lara hinwegzusetzen, welche er als selbstverständlich behandelt. Auch ist er grundlos eifersüchtig auf Laras Freund Tom, er stellt sich mit ihm in Konkurrenz und stellt kindische Vergleiche an. Gleichzeitig wird deutlich, dass er sie liebt, es ihr aber nur nicht angemessen zeigen kann und an sich ein gutes Herz besitzt. Mit Lara hingegen konnte ich mich gut identifizieren und mit ihr mitfühlen. Obwohl Ben sie verletzt ist sie gütig, selbstlos und liebevoll. Ihre Idee und Konsequenz, mit der sie die Trennung durchzieht, finde ich bewundernswert, mutig und sehr vorausschauend. Insgesamt ist sie aber zu nachgiebig und hat wenig Selbstbewusstsein, insbesondere hinsichtlich ihrer Leidenschaft, dem Schreiben.

Mir hat die Entwicklung sehr gut gefallen, die beide Protagonisten innerhalb des Buches getrennt voneinander durchlaufen. Es ist nachvollziehbar und spürbar geschildert, wie beide gewachsen sind und somit am Ende erwachsener mit ihrer Ehe umgehen können. Etwas anstrengend fand ich hingegen die vielfachen Eifersuchtsszenen, von deinen einige unnötig für den Verlauf der Geschichte gewesen wären. Und auch wenn das Buch insgesamt sehr realitätsnah war, fand ich den Schluss doch etwas zu perfekt: Ein Opa, von dem vorher nie die Rede war, taucht auf und löst alle Probleme. Auch fand ich etwas seltsam, dass so viele Menschen Lara so selbstlos begegnen, ohne sie wirklich zu kennen, etwa dass Betty sie nicht nur kostenlos coacht (obwohl das ihr Job ist) , sondern sie auch noch bei sich wohnen lässt. Das erschien mir sehr unrealistisch.

Mein Fazit: „Bis dann, ich lieb´ dich“ ist ein einfacher Roman für zwischendurch und eine Anregung für alle, die sich auf das wirklich Wichtige in einer Ehe besinnen möchten.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.08.2020

Psychodrama um das Haus auf den Klippen

Ich will dein Leben
1

1986: Die 16jährige Tamsyn lebt in der hintersten Ecke Cornwalls. Arbeitslosigkeit, Trostlosigkeit und Mutlosigkeit prägt ihr Umfeld und seit ihr geliebter Vater bei einer Seenotrettung ums Leben gekommen ...

1986: Die 16jährige Tamsyn lebt in der hintersten Ecke Cornwalls. Arbeitslosigkeit, Trostlosigkeit und Mutlosigkeit prägt ihr Umfeld und seit ihr geliebter Vater bei einer Seenotrettung ums Leben gekommen ist gibt es für Tamsyn nur eine Sache, an der sie noch Freude findet: Hoch auf einer Klippe über dem Meer steht ein wunderschönes weißes Herrenhaus, in dessen Pool sie verbotenerweise mit ihrem Vater schwimmen war und an das sie die besten Erinnerungen ihres Lebens hat. Das junge Mädchen ist fasziniert von dem Haus und beobachtet alles akribisch, was dort abläuft. Sie entwickelt eine regelrechte Obsession hinsichtlich der Bewohner des Hauses, der Familie Davenport aus London. Als diese eines Sommers ihre Tochter Edie mitbringen freundet sich diese mit Tamsyn an, nichtsahnend, dass diese eigentlich nur eines möchte: Ein Leben, wie Edie es lebt.

Das Cover des Buches ist absolut passend und fasst gut seine Quintessenz zusammen: Ein rothaariges Mädchen, das auf die weiße Villa auf den Klippen schaut. Insofern passt der Originaltitel des Buches „The Cliff House“ auch ideal und hätte meiner Meinung nach auch für die deutsche Ausgabe verwendet werden können, da „Ich will dein Leben“ etwas falsche Erwartungen bei mir als Leser geweckt hat – denn es ist tatsächlich das Haus, das Dreh- und Angelpunkt und Ziel von Tamsyns Streben ist und nicht Edies Leben als Ganzes. Sie ist von der Haus und der Vorstellung dort zu leben besessen, nicht von Edie als Person.

Die beiden Mädchen im Mittelpunkt des Geschehens sind auf den ersten Blick extrem unterschiedlich: Tamsyn hat früh ihren Vater verloren und kommt aus ärmlichen, aber liebevollen Verhältnissen. Sie ist sehr introvertiert und wirkt teilweise noch sehr kindlich-naiv. Edie hingegen ist die rebellische Tochter reicher Eltern, die krampfhaft um deren Aufmerksamkeit buhlt und insgesamt sehr selbstbewusst auftritt. Doch beide Elternteile sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie der Tochter die Liebe und Aufmerksamkeit geben könnten, die sie braucht und geben ihr lediglich finanzielle Sicherheit. Tamsyn jedoch glaubt in den Davenports die personalisierte Perfektion vorzufinden, sie ist absolut verblendet und besessen von dem Wunsch, Edies Leben zu führen. Sie ist besessen davon, in dem geliebten Haus auf den Klippen zu blieben und tut alles, um Zugang zur Familie zu haben. Dabei gerät sie immer mehr in eine Opferrolle und lässt sich von der abgebrühten Edie sowie ihrer Mutter respektlos und demütigend behandeln. Die beiden Frauen der Familie Davenport haben mich in ihrer mangelnden Empathie und ihrem Egoismus teilweise richtig angeekelt. Beide Mädchen verbindet die Einsamkeit, die jede auf ihre eigene Art und Weise verspürt; die unterschiedlichen, aber dennoch schwierigen Familienverhältnisse und die erschreckenden psychischen Abgründe, die sich bei beiden auftun. Letztlich teilen beide ein ähnliches Schicksal in verschiedenen sozialen Schichten.
Sämtliche Personen sowie deren Konstellation hätten großes Potenzial für ein spannendes Buch, das sogar als psychologische Charakterstudie hätte durchgehen können, geboten. Leider blieb jedoch die Charakterentwicklung der einzelnen Figuren etwas auf der Strecke, die Personen haben nach meinem Geschmack etwas zu wenig Tiefe und sind blass geblieben. Auch waren sie in ihren Handlungen teilweise inkonsistent und unberechenbar und somit wenig authentisch. Auch das Spiel mit typischen Klischees wurde etwas übertrieben.

Gut gefallen hat mir hingegen der langsame Spannungsaufbau, welcher der Autorin ganz wunderbar geglückt ist. Über dem gesamten Buch schwebt eine düstere, bedrohliche Atmosphäre, als Leser spürt man das Unheil regelrecht langsam unterschwellig näherkommen. Der Schreibstil ist flüssig und unaufgeregt, eine permanente undefinierbare Bedrohung schwingt jedoch bereits sehr früh mit den Zeilen mit. Amanda Jennings ist es ganz großartig gelungen, die Emotionen ihrer Protagonisten zu beschreiben, so dass diese direkt auf mich als Leser übergesprungen sind. Auch gut gefallen haben mir die zahlreichen Perspektivwechsel – so gut wie jede Figur kommt hier einmal in den Fokus. Warum lediglich Jagos Sicht aus der „Ich“-Perspektive in Gegenwart geschildert wurde hat sich mir aber leider nicht erschlossen. Die geheimnisvollen mit „Heute“ überschriebenen Kapitel haben Spielraum für Fantasie und Spekulation gelassen, sie waren bis zum Schluss sehr vage und haben keinerlei Hinweis auf das Ende des Buches gegeben. Dieser Mix aus Vergangenheit und Gegenwart hat noch zusätzlich die Spannung erhöht und auf das Ende hinfiebern lassen.
Dieses spielt sich eigentlich komplett im letzten Drittel des Buches ab, was vorher langsam vor sich hingebrodelt hat entlädt sich alles auf einmal. Sehr viele Entscheidendes und Dramatisches passiert in wenigen Kapiteln, so dass das eigentliche Ende sogar etwas unspektakulär wirkt. Für mich war die Auflösung der „Heute“-Kapitel allerdings überraschend und nicht vorhersehbar, leider aber auch ein wenig unglaubwürdig. Die Geschichte als Ganzes war aber schlüssig, da ein Happy End wäre hier sehr konstruiert gewesen wäre.

Ganz nebenher wird Cornwall mit all seiner Schönheit, aber auch Problemen sehr gut beschrieben. Sehr anschaulich zeigt die Autorin, wie der wirtschaftliche Niedergang eine ehemals florierende Provinzstadt getroffen hat und welche sozialen und gesellschaftlichen Probleme (Drogen, Arbeitslosigkeit, Mutlosigkeit) dadurch entstehen.

Alles in Allem hatte ich eine gute Lesezeit und der langsame Verlauf der Geschichte mit der düsteren, unterschwelligen Bedrohung hat mir gut gefallen. Psychologisch hätte ich mir allerdings mehr erhofft und auch die Handlung hätte besser verteilt werden können. Alles in allem ein nettes Buch, das mich aber nicht hundert prozentig überzeugt hat.

  • Cover
  • Handlung
  • Spannung
  • Erzählstil
  • Charaktere