Eine gelungene Diskursanalogie!
Medusa in Paradise"Medusa in Paradise" handelt von einem Flugzeugabsturz, durch den 20 Frauen auf einer verlassenen Insel stranden. Hier müssten sie eigentlich ums Überleben kämpfen, doch stattdessen führen sie feministische ...
"Medusa in Paradise" handelt von einem Flugzeugabsturz, durch den 20 Frauen auf einer verlassenen Insel stranden. Hier müssten sie eigentlich ums Überleben kämpfen, doch stattdessen führen sie feministische Grundsatzdiskussionen. Wer ist eine Frau? Gendern wir? Jede politische Ideologie und Generation aus dem aktuellen feministischen Diskurs ist vertreten! Die Geschichte wird aus der Sicht von Cara erzählt, der eine feministische Göttin erscheint. Da Cara ihr Gedächtnis verloren hat, ist sie angesichts der Streitereien sehr verwirrt, hat keine Meinung und versucht verzweifelt, nirgendwo anzuecken und nichts "Falsches" zu sagen oder zu machen.
Zwar steht vorne im Buch drin, dass "jede Ähnlichkeit mit real existierenden Personen nicht beabsichtigt und rein zufällig ist", aber ich habe doch ein paar Personen erkannt. Else hat mich ein bisschen an Alice Schwarzer erinnert und Nykki ist eine Version von Ikkimel. Ansonsten haben wir noch eine Kommunistin, eine Trad Wife (die von den anderen nur "Nazibraut" genannt wird), eine Girlboss-Feministin mit eigenem Unternehmen, mehrere Queers und PoCs, die auf Mehrfachdiskriminierungen aufmerksam machen, eine esoterische Feministin, die von "weiblicher Energie" spricht und viele mehr... Da ist wirklich alles dabei! Ein großes Highlight war für mich auch die feministische Gottheit, die verschiedenen Mythologien entlehnt ist!
Diese Figuren sind sehr überzeichnet und häufig anstrengend. Mit manchen von ihnen konnte ich mehr relaten als mir anderen. Außerdem habe ich beim Lesen genau gemerkt, wo meine blinden Flecken in der Thematik sind und wo ich mich weiterbilden kann, um in Zukunft sensibler zu sein. Dafür bin ich sehr dankbar. Besonders hilfreich ist, dass ganz hinten im Buch ein Sachbuchverzeichnis ist, das weiterführende Literatur aufführt, auf die sich in den Diskussionen von "Medusa in Paradise" bezogen wird. Trotz der Anstrengung fand ich vieles auch sehr unterhaltsam, eben weil es so überzeichnet ist.
Dieses Buch ist eine wunderbare Analogie für aktuelle feministische Diskurse! Es gibt sooo viele Ansätze, die diskutiert werden. Beim Lesen dachte ich mir oft: "Leute ihr habt doch eigentlich Wichtigeres zu tun, als euch gegenseitig zu zerfleischen!". Und genau das ist an diesem Buch so gelungen. Es zeigt Konfliktlinien auf und das wir uns, anstatt das Patriarchat zu bekämpfen, eher gegenseitig zerfleischen, weil wir unterschiedliche Vorstellungen vom Feminismus haben. Es ist ein Plädoyer, sich zusammenzuraufen, sich auf sachliche, respektvolle Diskurse einzulassen und selbstreflektiert offen für andere Ansichten zu sein. Denn letztendlich sind wir alle aufeinander angewiesen und können voneinander lernen!