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Veröffentlicht am 31.08.2025

Zwei verschiedene Versionen, aber beide deprimierend

Im Leben nebenan
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Toni wacht eines Tages plötzlich als Antonia auf. „Im Leben nebenan“ ist sie nicht mehr die, die in der Stadt mit Jakob zusammenlebt und sich mit ihm ein Kind wünscht, sondern eine frischgebackene Mama ...

Toni wacht eines Tages plötzlich als Antonia auf. „Im Leben nebenan“ ist sie nicht mehr die, die in der Stadt mit Jakob zusammenlebt und sich mit ihm ein Kind wünscht, sondern eine frischgebackene Mama auf dem Land, eine, die ihren Ursprungsort nie verlassen und sogar ihre Jugendliebe geheiratet hat. Abwechselnd wird nun erzählt, wie sich ihr Leben mit Kinderwunsch beziehungsweise mit Baby entwickelt: ein höchst raffinierter Aufbau, denn so ziemlich jede Frau wird sich die Frage schon gestellt haben: Wie würde mein Leben aussehen, wenn ich (Mutter) keine Kinder hätte? Wenn ich (kinderlos), doch Kinder hätte? Bekommen würde?
Ein Gedankenspiel, dass Anna Sauer in ihrem Debütroman konsequent verfolgt, jedoch in beiden Fällen deprimierende Szenarien ausbreitet. Von dem im Klappentext erwähnten Humor habe ich jedenfalls nichts gespürt, im Gegenteil, sowohl Toni als auch Antonia waten durch ihren trüben Alltag wie durch nebliges Sumpfgebiet. Die Beschreibungen sind definitiv alltagsnah, und ja, Alltag ist halt oft Grau in Grau, doch diese Lektüre hatte für mich einen so negativen Grundton, dass ich mich durch einige Kapitel regelrecht durchkämpfen musste.
Bei der Stange gehalten hat mich Anne Sauers Schreibstil: frisch, modern, eigen, gerade die unfertigen Sätze, deren Ende man sich ersparen kann, weil darum halt, haben mir gut gefallen. Außerdem versprach die Erzählstruktur eine gewisse Spannung mit der im Klappentext erwähnten „entscheidenden Abzweigung“; dumm nur, dass diese Abzweigung, welche wiederum die weiteren Entwicklungen der unterschiedlichen Leben erklärt, nie auftaucht. Die Chance war gegeben, denn Antonia landet in ihrem neuen Leben mit dem Wissen, einmal ein Leben als Toni gehabt zu haben, aber ohne Wissen über ihr Leben als Antonia, so wie auch die Lesenden, und die Autorin hätte Antonia nun Stück für Stück die verpasste Story rekonstruieren lassen können. Tut sie nicht, die Dinge sind einfach, wie sie sind, und Antonia keine Privatdetektivin, sondern im Wochenbett. Das vielversprechende Parallelwelt-Konstrukt ist also wirklich nur dazu da, zwei Lebensversionen zu vergleichen.
Leider hat mich aber auch diese Gegenüberstellung nicht gänzlich überzeugt. Erfreulicherweise ist sie sehr wertungsfrei gestaltet und schreibt niemandem vor, ob ein Leben mit oder ohne Kind erstrebenswerter ist. Leider geht hierbei aber einiges an Tiefenschärfe und Komplexität verloren, was vor allem daran liegt, dass weder Toni noch Antonia ihr Schicksal großartig hinterfragen und reflektieren. Am Ende gibt es zwar in beiden Leben diese Silberstreifen am Horizont, die ich mir schon für die vorhergehenden Kapitel gewünscht hätte, aber kaum eine Charakterentwicklung und nur wenig neue Erkenntnisse.

Fazit: Das Potenzial dieses großartigen Parallelleben-Pitches mit Kinderwunsch- und Wochenbett-Version wurde nicht ausgeschöpft. Der Schreibstil ist ansprechend, kann dem Roman aber nicht über die Mankos in Leichtigkeit, Entwicklung und Reflektion hinweghelfen.

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Veröffentlicht am 17.08.2025

Magische Elefantenumsiedlung, magische Schreibkunst

Das Geschenk
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Wie die 20‘000 Elefanten nach Berlin gekommen sind, bleibt ein Geheimnis des botswanischen Präsidenten („Magic, my dear friend!“ S. 35) – oder der Autorin. Doch aus der fantastisch-magischen Grundlage ...

Wie die 20‘000 Elefanten nach Berlin gekommen sind, bleibt ein Geheimnis des botswanischen Präsidenten („Magic, my dear friend!“ S. 35) – oder der Autorin. Doch aus der fantastisch-magischen Grundlage des Romanes „Das Geschenk“ strickt sie eine Parabel, die sich ganz faktentreu entwickelt und durchwegs authentisch anfühlt.
Der kurze Roman beschränkt sich nicht nur darauf, unserer westlichen „Wir wissen, wie es funktioniert“-Arroganz einen Spiegel vorzuhalten, sondern auch, die Konsequenzen dieses Handelns durchzubuchstabieren. Vielleicht nicht ganz so schockierend brutal, wie es die flämische Autorin in ihrem Debüt „Trophäe“ getan hat, aber immer noch genug eindrücklich, um die vorherrschenden (v.a. politischen) Muster zu hinterfragen.
Ich war skeptisch, wie weit ein gerade mal 120seitiges Büchlein in der Lage ist, dem Thema die nötige Substanz einzuhauchen, aber sie war unbegründet. In der Kürze liegt die Würze: Gaea Schoeters schreibt direkt und schnörkellos, erreicht damit natürlich nicht die atmosphärische Dichte von „Trophäe“, muss aber auch gar nicht, weil hier die Politik im Mittelpunkt steht und nicht die sensorischen Erlebnisse eines Abenteurers.
Auf jeden Fall stecken in dieser Parabel unheimlich viele Themen und Fakten, von Elefantenbiologie über Düngemittelverordnung bis zur Glass-Cliff-Theorie. Trotzdem wirkt der Text keinesfalls überladen, sondern liest sich angenehm flüssig. Diese Schreibkunst wirkt direkt auch etwas „magic“. Magie à la Gaea Schoeters halt.

„Das Geschenk“ ist ein Buch, dem ich möglichst viele diskussionsfreudige Leser und Leserinnen egal welchen Hintergrunds wünsche! Klare Empfehlung!

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