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Veröffentlicht am 09.11.2025

Berührender Erinnerungsroman

Meine Mutter
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MEINE MEINUNG
Nach dem vielbeachteten Roman „Meine Schwester“, in dem die Fotografin und Autorin Bettina Flitner einfühlsam die tragische Geschichte des Suizids ihrer Schwester Susanne sowie ihren eigenen ...

MEINE MEINUNG
Nach dem vielbeachteten Roman „Meine Schwester“, in dem die Fotografin und Autorin Bettina Flitner einfühlsam die tragische Geschichte des Suizids ihrer Schwester Susanne sowie ihren eigenen Weg durch die schmerzliche Trauer schilderte, legt sie nun mit „Meine Mutter“ einen weiteren eindrucksvollen Erinnerungsroman vor. Dieser setzt ihre intensive literarische Spurensuche zu den verborgenen Schatten ihrer Familiengeschichte fort und ermöglicht zugleich auch Neu-Lesenden ohne Vorkenntnisse einen unmittelbaren, berührenden Zugang.

Mit großem Feingefühl zeichnet Flitner ein vielschichtiges und eindringliches Familienporträt, das uns tief in die historischen und persönlichen Abgründe des 20. Jahrhunderts eintauchen lässt. Die prägenden Schicksalslinien eines Jahrhunderts spiegeln sich in zahllosen tragischen Ereignissen, familiären Konflikten und stillen Leiden wider, die das Leben ihrer Familie nachhaltig geprägt haben. Besonders beeindruckend gelingt ihr das harmonische Wechselspiel aus erzählerischer Dichte und reflektierenden Einblicken, das sich in feinen Momentaufnahmen und dokumentarischen Einschüben auf verschiedenen Zeitebenen kunstvoll zusammenfügt.
Im Rahmen einer Lesung 2023 in Celle begibt sich Flitner nicht nur zum Grab ihrer Mutter, sondern besucht auch das frühere Wohnhaus ihrer Großeltern – beides Orte, die lebendige Zeugnisse ihrer Herkunft darstellen. Diese Begegnung mit den eigenen Wurzeln entfacht eine Flut längst zurückgedrängter Erinnerungen und bringt quälende Fragen zu den Suiziden von Mutter und Schwester mit ungeahnter Intensität an die Oberfläche.
Getrieben von dem Wunsch, die Hintergründe der familiären Tragödien zu besser verstehen, taucht die Autorin tief in die Vergangenheit ein und folgt den Spuren zu den Ursprüngen ihrer Familiengeschichte. So führt ihre Reise in den malerischen Kurort Wölfelsgrund in Niederschlesien im heutigen Polen, wo ihre Vorfahren einst bis 1949 ein Sanatorium leiteten und ihre Mutter 1936 geboren wurde. Flitners bildgewaltiger und zugleich klarer Erzählstil bringt die Kindheit in der Nazizeit, die Schrecken der Kriegstage sowie das unfassbare Leid von Flucht und Vertreibung eindrucksvoll zum Leben. Diese traumatischen Erfahrungen haben unauslöschliche, unsichtbare Narben hinterlassen und eine allgegenwärtige Atmosphäre von Bedrohung geschaffen, die das Familienleben prägte. Insbesondere die Nachkriegszeit war von innerer Zerrissenheit und dem Gefühl von Entwurzelung geprägt, die die weitere psychologische Entwicklung der Mutter maßgeblich beeinflussten.

Äußerst einfühlsam beleuchtet Flitner die komplexe und schwierige Mutter-Tochter-Beziehung, die von beklemmender Distanz, zahllosen Leerstellen und einem anhaltenden Schweigen überschattet wird, das jedoch immer wieder von Momenten zarter, emotionaler Nähe durchbrochen wird. In behutsam komponierten Episoden fügt die Autorin eigene fragmentarische Erinnerungen zu einem eindringlichen Porträt der gemeinsamen Familiengeschichte zusammen, das eine nuancierte und warmherzige Annäherung an die vielschichtige Persönlichkeit ihrer Mutter ermöglicht. Nach und nach entsteht das Bild einer eigenwilligen, faszinierenden und verletzlichen Frau, die mit ihrer Rätselhaftigkeit, Zerrissenheit und Widersprüchlichkeit bis zuletzt eine zutiefst unverstandene und tragische Figur bleibt.

Vorbelastet durch eine familiäre Veranlagung zu Depressionen, gefangen zwischen zerplatzten Träumen, unausgesprochenen Erwartungen, eingeschränkten Perspektiven und dem Scheitern ihrer Ehe und spätere Beziehungen, zerbrach sie an den inneren Dämonen und wählte letztlich mit 47 Jahren den Freitod.

Flitner verdeutlicht anschaulich, wie die fortwährenden Schatten von Traumata, familiären Geheimnissen sowie den tiefgreifenden kollektiven Erfahrungen von Flucht und Verlust nicht nur ihre Familie, sondern auch nachfolgende Generationen prägen. Offen und ohne Anklage bemüht sie sich mit großer Empathie darum, ihr eigenes Trauma zu verarbeiten, ihre komplexe Beziehungsdynamik auszuloten und durch tiefgründige Einblicke in die komplizierte Biografie ihrer Mutter ein spätes Verstehen und Versöhnen zu ermöglichen. Auf berührende Weise ist es ihr gelungen, aus diesem schmerzhaften Erinnerungsprozess eine befreiende und heilende Kraft zu schöpfen und so inneren Frieden zu finden.

FAZIT
Ein tief berührender, einfühlsam erzählter Erinnerungsroman, der tief in die Abgründe persönlicher und historischer Traumata eintaucht und intime Einblicke in die persönliche Familiengeschichte von Bettina Flitner gewährt.

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  • Handlung
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Veröffentlicht am 09.11.2025

Eine vielschichtige Familiengeschichte voller Geheimnisse

Das Flüstern der Marsch
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MEINE MEINUNG
In ihrem neuen Roman „Das Flüstern der Marsch“ erzählt Katja Keweritsch die vielschichtige und bewegende Familiengeschichte der Hanssens in der norddeutschen Marsch, die sich über mehrere ...

MEINE MEINUNG
In ihrem neuen Roman „Das Flüstern der Marsch“ erzählt Katja Keweritsch die vielschichtige und bewegende Familiengeschichte der Hanssens in der norddeutschen Marsch, die sich über mehrere Generationen erstreckt.
Die kunstvoll auf wechselnden, verschachtelten Zeitebenen angelegte Handlung entfaltet ein spannungsvolles Wechselspiel aus sorgsam gehüteten Geheimnissen und erstaunlichen Enthüllungen. Der lebendige und einfühlsame Schreibstil der Autorin fesselt und lädt zum mühelosen Eintauchen in die fein gesponnene Familiengeschichte ein, die mit wachsender Dynamik und zunehmender Dramatik an Intensität gewinnt.
Eindrucksvoll und lebensnah schildert die Autorin Episoden aus dem Leben der Frauen rund um die Familie Hanssen, deren Schicksale von verborgenen Verletzungen, tiefen Traumata und folgenreichen Entscheidungen nachhaltig geprägt sind. Ob nun Enkelin Mona, Onkel Stefans Frau Janne, Großmutter Annemie oder Freya, deren Rolle in der Geschichte erst allmählich aufgedeckt wird- sie alle sind in den Zwängen familiärer Erwartungen, moralischer Normen, gesellschaftlicher Konventionen und zeitgenössischer Frauenbilder gefangen und kämpfen auf jeweils eigene Weise um ein selbstbestimmtes Leben als Frau und Mutter. Geschickt verwebt die Autorin in Rückblenden und Perspektivwechseln die unterschiedlichen Generationen der Familie und ihre Lebenswege zu einer fesselnden Erzählung, in der Vergangenheit und Gegenwart eindrucksvoll ineinanderfließen und sich miteinander verbinden.
Die Handlung beginnt mit dem rätselhaften Verschwinden von Annemie, der Großmutter der Protagonistin und Ich-Erzählerin Mona, kurz vor dem 80. Geburtstag ihres Großvaters Karl. Während Karl die mehrtägige Abwesenheit seiner Frau gelassen hinnimmt, wächst in Mona die Sorge, und sie beschließt, den Hintergründen für das Verschwinden nachzugehen. Je intensiver Mona sich mit den Schatten der Vergangenheit auseinandersetzt, desto deutlicher wird die Fragilität der scheinbaren Familienidylle. Bei ihrer Spurensuche deckt sie nicht nur zahlreiche verborgene Ereignisse auf, sondern enthüllt schließlich ein jahrzehntelang gehütetes Geheimnis, das Annemie mit aller Macht und fatalen Folgen über die Jahre vor allen verborgen hielt.
Äußerst anschaulich und stimmungsvoll gelingt es Keweritsch, die einzigartige Landschaft der norddeutschen Marsch sowie das vielfältige Flair der verschiedenen Handlungsorte darzustellen. Der Zauber der beeindruckenden Natur und die Härten des Lebens in der Marsch werden nahezu spürbar. Atmosphärisch dicht zeichnet die Autorin das dörfliche Gemeinschaftsleben und soziale Gefüge in der Marsch nach, das sich als ein komplexes Geflecht aus Zusammenhalt und Schweigen erweist. Eindrucksvoll fängt sie einen faszinierenden Mikrokosmos aus engen sozialen Banden, versteckten Spannungen und unausgesprochenen Geheimnissen ein. Die Verknüpfung der unverwechselbaren Atmosphäre der norddeutschen Landschaft mit der spannungsvollen Handlung um das Verschwinden der Großmutter und den vielfältigen Dramen der Familie ist der Autorin hervorragend gelungen.
Die einfühlsame und vielschichtige Figurenzeichnung macht die Protagonistinnen lebendig und glaubhaft. Facettenreich arbeitet Keweritsch deren innere Dämonen, Verletzlichkeiten sowie ihre Stärken und Sehnsüchte heraus, sodass man sich gut in ihre Motive und Handlungen hineinversetzen kann. Besonders eindringlich veranschaulicht sie die Zerrissenheit zwischen Verbundenheit und Distanz, dem Wunsch nach Nähe und dem fatalen Drang zu Schweigen und Vertuschen. Behutsam zeigt sie auf, wie der Druck zur Anpassung in der dörflichen Enge sowie Sprachlosigkeit, Unverständnis und Verbitterung die Figuren verzweifeln lassen und die familiären Bindungen bis in die nächsten Generationen schwer belasten. Besonders gelungen ist das berührende Porträt von Annemies weiblicher Lebensrealität zwischen gesellschaftlichen Zwängen und individuellem Freiheitswillen.
Fesselnd ist es mitzuerleben, wie die Autorin einfühlsam die komplexen Beziehungsgeflechte zwischen den Generationen offenlegt und Schritt für Schritt lange verborgene Familiengeheimnisse enthüllt. Jede neue Erkenntnis fügt sich als kleines, aber entscheidendes Fragment in das vielschichtige Familienmosaik ein und macht die tiefreichenden, oft erschütternden Konsequenzen eindrucksvoll sichtbar. 
Trotz ihrer emotionalen Intensität wirkt die Auflösung leider an einigen Stellen vorhersehbar und verliert dadurch einen Teil des psychologischen Tiefgangs, der den Rest der Geschichte so lebendig und facettenreich erscheinen lässt.

FAZIT
Eine bewegende und fesselnde Familiengeschichte, die durch seinen einfühlsamen Erzählstil, vielschichtige Figuren und ein spannendes Geflecht aus Geheimnissen und Enthüllungen überzeugt.

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  • Handlung
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Veröffentlicht am 08.11.2025

Fesselnde Fortsetzung der tollen historischen Wien-Krimi-Reihe

Aurelia und die Jagd nach dem Glück
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MEINE MEINUNG
Mit „Aurelia und die Jagd nach dem Glück“ setzt Beate Maly ihre unterhaltsame historische Krimireihe um die eigensinnige junge Gräfin und leidenschaftliche Hobbyermittlerin Aurelia von Kolowitz ...

MEINE MEINUNG
Mit „Aurelia und die Jagd nach dem Glück“ setzt Beate Maly ihre unterhaltsame historische Krimireihe um die eigensinnige junge Gräfin und leidenschaftliche Hobbyermittlerin Aurelia von Kolowitz fort. Gekonnt nimmt sie uns mit auf eine fesselnde Zeitreise in die österreichische Donaumonarchie und entführt uns ins Wien des Jahres 1872 - mitten hinein in die prunkvolle Ballsaison und eine Welt voller sozialer Spannungen, dunkler Geheimnisse und hoffnungsvoller Glücksversprechen.
Auch der dritte Band der Reihe überzeugt mit einer abwechslungsreichen Mischung aus vielschichtigem Gesellschaftsporträt, zarter Liebesgeschichte und spannendem Kriminalfall, gewürzt mit authentischem Zeitkolorit.
Als der zwielichtige Freiherr von Sothen, ein skrupelloser Lotteriemagnat und unsympathischer Emporkömmling, erschossen im Hof seines luxuriösen Schlösschen am Cobenzl gefunden wird, übernimmt der charismatische Oberinspektor Janek Pokorny die Ermittlungen.
Obwohl Aurelia neben zahlreichen Widerständen und gesellschaftlichen Zwängen auch noch die hartnäckigen Verheiratungspläne ihres Vaters abzuwehren hat, lässt sie es sich mit ihrem kriminalistischen Spürsinn nicht nehmen, eigene Nachforschungen anzustellen. Als sich weitere erschütternde Verbrechen ereignen, ermitteln Aurelia und Janek gemeinsam in dem verzwickten Fall, der sie hautnah mit ungeahnten gesellschaftlichen Abgründen ihrer Zeit konfrontiert. Die Geschichte wird wechselweise aus den Perspektiven von Aurelia und Janek erzählt und eröffnet neben der eigentlichen Krimihandlung auch kurzweilige Einblicke in Aurelias privates Leben sowie in gesellschaftliche Missstände.
Unerwartete Verwicklungen und spannende Wendungen bieten viel Raum zum aktiven Miträtseln. Gekonnt lässt Maly die Handlung schließlich in einem überraschenden Finale gipfeln und mit einer stimmigen Auflösung ausklingen.
Mit ihrem pointierten, bildreichen Schreibstil und spritzigen, humorvollen Dialogen versteht sie es, uns ins Wien des 19. Jahrhunderts zu entführen.
Hervorragend gelingt es ihr durch lebendige Milieubeschreibungen, detailreiche Einblicke ins Wiener Alltagsleben sowie anschauliche Schilderungen des gesellschaftlichen Klimas, ein facettenreiches und glaubwürdiges Bild dieser faszinierenden Epoche zu entwerfen.
Ob nun festliche Stimmung der lang ersehnten Wiener Ballsaison der Wohlhabenden  oder das harte Leben der einfachen Bevölkerung, die mit Armut, Hunger und sozialen Ungerechtigkeiten ringt–all diese Facetten werden mit sorgfältig recherchierten historischen Details geschickt zu einem stimmigen Portrait jener Zeit verwoben. Mit großem Einfühlungsvermögen beleuchtet die Autorin zudem die begrenzten Rechte und Chancen von Frauen, die Machtstrukturen des Adels und die starren gesellschaftlichen Konventionen, die das Leben ihrer Figuren prägen.
Besonders gelungen sind auch die vielschichtig gestalteten Charaktere, allen voran die junge Protagonistin Aurelia als facettenreiche und inspirierende Heldin, deren persönliche Entwicklung überzeugend und einfühlsam gezeichnet ist.
Sie überzeugt als clevere, selbstsichere junge Frau, die mit bemerkenswerter Widerstandskraft und einer guten Portion Humor unbeirrt gegen gesellschaftliche Zwänge und patriarchale Erwartungen antritt. Ihr Streben nach persönlicher Freiheit, Selbstbestimmung und letztlich nach mehr Gleichberechtigung macht sie sehr sympathisch. Zugleich ist sie sich der Gefahren und möglichen Folgen ihres Handelns stets bewusst. Einfühlsam und glaubwürdig werden sowohl ihre Stärken als auch ihre Verletzlichkeit und ihr innerer Zwiespalt ausgelotet.
Neben ihr überzeugt auch der sympathische Ermittler Oberinspektor Janek Pokorny mit seiner charismatischen, facettenreichen Persönlichkeit und kleinen Schwächen. Die Figuren wirken durchweg liebevoll und authentisch ausgestaltet, die Schilderung ihrer Gedanken- und Gefühlswelt ist nachvollziehbar und glaubwürdig.
Die Zusammenarbeit von Aurelia und Janek bringt eine spannende Dynamik in die Handlung und ihre komplexe Beziehung sorgt immer wieder charmante und humorvolle Momente. Ihre sich langsam entwickelnde Zuneigung wird dabei aber durch gesellschaftliche Barrieren und Klassenunterschiede herausgefordert, sodass sie sich auf einen rein kameradschaftlichen Umgang beschränken müssen. Auch die Nebenfiguren von der habgierigen Witwe von Sothen über zwielichtige Verdächtige bis hin zu Aurelias überkorrektem Vater Otto sowie ihrem treuen Begleiter Nepomuk, sind facettenreich und authentisch gestaltet. Sie sorgen mit ihren Geheimnissen und Eigenheiten für Abwechslung und eine intensive Atmosphäre.
Die anschaulichen Einblicke in das Alltagsleben im Kaiserreich sowie geschickt eingewobene sozialkritische Anmerkungen verleihen dem historischen Krimi eine besondere Note. So überzeugt die hervorragend recherchierte Geschichte nicht nur als spannender Kriminalfall mit historischem Flair, sondern entwickelt sich zugleich zu einem lebendigen und authentischen Porträt jener Epoche und macht Lust auf weitere Abenteuer mit Aurelia und Janek in der schillernden Donaumonarchie.

FAZIT
Eine rundum gelungene, unterhaltsame Fortsetzung der historischen Krimi-Reihe- mit sympathischen Charakteren, fein dosierter Spannung, detailreichem Zeitkolorit und fesselndem Krimiplot.
Ein vielschichtiges Lesevergnügen, das Lust auf weitere Abenteuer macht!

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Veröffentlicht am 08.11.2025

Ein facettenreiches Porträt einer Generation im Umbruch

Adlergestell
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MEINE MEINUNG
Laura Laabs’ Debütroman „Adlergestell“ erschafft mit bemerkenswerter Intensität und sprachlicher Finesse ein lebendiges Panorama der Berliner Nachwendejahre. Die Autorin nimmt uns mit auf ...

MEINE MEINUNG
Laura Laabs’ Debütroman „Adlergestell“ erschafft mit bemerkenswerter Intensität und sprachlicher Finesse ein lebendiges Panorama der Berliner Nachwendejahre. Die Autorin nimmt uns mit auf eine eindrucksvolle Reise in ein Deutschland, dessen historischer Umbruch nach Mauerfall und Wiedervereinigung einen Kosmos zwischen Aufbruchstimmung und Orientierungslosigkeit entstehen lässt.
Die Geschichte folgt drei jungen Protagonistinnen– die Ich-Erzählerin, Lenka und Chaline, die Anfang der 1990er Jahre am südlichen Stadtrand Berlins direkt am berühmten Adlergestell aufwachsen. Die breite Ausfallstraße, die ihre in einer Eigenheimsiedlung säumt, wird dabei zum Symbol für die Unwägbarkeiten und Verheißungen jener bewegten Zeit.
Trotz ihrer unterschiedlichen sozialen Herkunft verbindet die drei Mädchen eine enge und unerschütterliche Freundschaft über ihre Schulzeit hinweg.
Aus ihrer Perspektive tauchen wir allmählich ein in eine Welt des tiefgreifenden Umbruchs und Wandels und erleben hautnah ihren Lebensalltag in einem sich neu formenden Umfeld, in dem sich ein jeder erst zurechtfinden und behaupten lernen muss.
Die Geschichte beginnt in der Gegenwart, von aus der die Erzählerin in aufblitzenden Erinnerungen auf die intensiven Jahre der Freundschaft zurückblickt. Erst allmählich werden die Hintergründe für das Auseinanderdriften ihrer Lebenswege deutlich.
Die Autorin hat bewusst eine nichtlineare, sehr sprunghafte und fragmentarische Erzählweise gewählt, die das zerrissene Lebensgefühl und die Zerklüftungen jener Zeit eindrücklich widerspiegelt. So entstehen eine fesselnde Atmosphäre und zugleich eine gewisse emotionale Distanz, die den Zugang zu den Figuren bisweilen erschwert, aber gerade dadurch zur Authentizität beiträgt.
Bildgewaltig und mit einem untrüglichen Gespür für faszinierende Details beschwört Laabs die besondere Stimmung der Nachwendezeit herauf – eine Ära voller Möglichkeiten, die jedoch für viele unerreichbar bleiben.
Die Autorin versteht es hervorragend, die die Gefühls- und Gedankenwelt ihrer Figuren mit all ihren Widersprüchlichkeiten zu veranschaulichen.
Aus unterschiedlichen Perspektiven werden die Herausforderungen, Unsicherheiten, enttäuschten Hoffnungen und nicht realisierbaren Chancen eindringlich beleuchtet. Während sich die alten Ost-Zwänge in Auflösung befinden, gibt es neue Freiheiten und die verlockenden Möglichkeiten der Demokratie und des kapitalistischen Westens. Doch die Schatten der Vergangenheit und ihre Gespenster lassen sich nicht so leicht abschütteln und hinterlassen auch im neuen verheißungsvollen Leben ihre Spuren.
Gekonnt hat Laabs die persönlichen Geschichten ihrer drei Protagonistinnen mit den ostdeutschen Lebenserfahrungen ihrer Mütter und Familien verknüpft. So entstehen auf eindrucksvolle Weise vielschichtige Lebensgeschichten, die die komplexen historischen Brüche und tiefen gesellschaftlichen Verwerfungen Ostdeutschlands generationenübergreifend erfahrbar machen. Mit Feingespür und feiner Ironie beleuchtet die Autorin dabei die Zerbrechlichkeit familiärer Bindungen und das Aufwachsen in schwierigen Verhältnissen sowie das Ringen um Orientierung und die Suche nach Identität in einer Welt, die radikalen sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen unterworfen ist.
Besonders eindrücklich und facettenreich fängt sie nicht nur die Wucht des Wandels, sondern auch das Scheitern der gesellschaftlichen Verheißungen ein. Was vom einstigen Freiheits- und Aufbruchsversprechen der Wende bleibt, ist oftmals pure Ernüchterung angesichts der schmerzhaften Realität im vereinten Deutschland. Ihr gelingt es hervorragend, die Vielschichtigkeit des Erwachsenwerdens, die subtilen Brüche und die allmähliche Entfremdung nicht nur greifbar, sondern auch berührend erlebbar zu machen.
Höchst überraschend und bewegend ist schließlich, wie ihre Figuren auf ganz individuelle Weise mit ihrer eigenen Geschichte und den Narben der Vergangenheit umgehen – die Enttäuschungen und zerplatzten Lebensentwürfe haben sie dabei in sehr unterschiedliche Richtungen geleitet und geprägt.

FAZIT
Ein beeindruckender, vielschichtiger Roman über Kindheit, Freundschaft und den schmerzhaften Wandel im Berlin der Nachwendezeit. Ein facettenreiches Panorama tiefgreifender gesellschaftlicher und persönlicher Umbrüche, das lange nachwirkt und sehr nachdenklich stimmt!

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Veröffentlicht am 08.11.2025

Dunkle Abgründe und knallharte Ermittlungen – Ein fesselnder Schwedenkrimi

Schwüre, die wir brechen
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MEINE MEINUNG
Mit dem Krimi „Schwüre, die wir brechen“ ist dem Autorenduo Roman Voosen und Kerstin Signe Danielsson eine vielschichtige und äußerst packende Fortsetzung ihrer neuen Schwedenkrimi-Reihe ...

MEINE MEINUNG
Mit dem Krimi „Schwüre, die wir brechen“ ist dem Autorenduo Roman Voosen und Kerstin Signe Danielsson eine vielschichtige und äußerst packende Fortsetzung ihrer neuen Schwedenkrimi-Reihe um das unschlagbare wie ungleiche Ermittlerpaar Jon Nordh und Svea Karhuu gelungen.
Auch im zweiten Band beweisen Roman Voosen und Kerstin Signe Danielsson erneut ihr außergewöhnliches Gespür für fesselnde und psychologisch tiefgründige Geschichten mit großem Page-Turner-Potenzial.
Der Krimi besticht durch einen vielschichtigen, sorgfältig konstruierten Fall, der sowohl mit starken, authentischen Charakteren als auch mit pointierten Dialogen und einer dichten, intensiven Atmosphäre überzeugt, sodass man von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt bleibt.
Auch dieses Mal ist der Fall in Malmö angesiedelt, einem Ort geprägt von sozialen Spannungen und Drogenkonflikten, der nun beklemmender Schauplatz grausamer Serienmorde wird.
Ein bizarrer Leichenfund stellt die Ermittler vor eine große Herausforderung. Die groteske Inszenierung des Opfers mit angenähtem Krokodilkopf als altägyptische Gottheit und kryptischen Botschaften in Form von rätselhaften Hieroglyphen zieht die Ermittler bald immer tiefer in ein Netz aus Brutalität und Geheimnissen. Die polizeilichen Ermittlungen zum brisanten Fall geraten rasch unter enormen öffentlichen und medialen Druck, da eine undurchsichtige True-Crime-Podcasterin mit Insiderwissen Aufmerksamkeit auf sich zieht und zudem ein junges Mädchen auf mysteriöse Weise verschwindet.
Bereits der geheimnisvolle Prolog über einen Brückeneinsturz in den 1980er Jahren, dessen Bedeutung sich erst allmählich offenbart, sorgt dafür, dass die Spannung von der ersten Seite an auf einem konstant hohen Niveau gehalten wird.
Eingestreute, Rückblenden gewähren zudem Einblicke in vergangene Ereignisse und lassen uns über ihre Verbindung zum düsteren aktuellen Fall rätseln. Durch diese zusätzlichen Erzählstränge und historischen Verknüpfungen gewinnt der Krimi an Vielschichtigkeit und Komplexität und liefern zusätzlichen Stoff zum Spekulieren und Miträtseln.-
Der Schreibstil ist fesselnd, atmosphärisch und visuell sehr eindrucksvoll, sodass man sich die oftmals düsteren Szenen sehr lebhaft vorstellen kann. Kurze Kapitel sowie rasche Schauplatz- und Perspektivwechsel sorgen für ein hohes Tempo und eine permanente Steigerung der Spannung.
Die Autoren verweben den brisanten Kriminalfall gekonnt mit intensiven Einblicken in das Privatleben ihrer Ermittler - dem frisch verwitweten Jon Nordh und der zwangsversetzten Svea Karhuu Nordh mit arabischen Wurzeln. Die beiden Hauptfiguren werden mit ihren vielschichtigen Persönlichkeiten und privaten Problemen überzeugend und glaubwürdig gezeichnet. Sie sind keine makellosen Helden, sondern tragen beide schwer an persönlichen Altlasten und traumatischen Erlebnissen in der nahen Vergangenheit. Ihre individuellen Hintergrundgeschichten werden nebenbei weitergeführt, was für zusätzliche Spannungsmomente sorgt und dem Krimi eine weitere fesselnde Dimension verleiht.
Besonders beeindruckend sind ihre Persönlichkeitsentwicklung und die von gegenseitigem Respekt geprägte Zusammenarbeit dargestellt. Trotz wunder Punkte und charakterlichen Gegensätzen ergänzen sie sich hervorragend. Während Nordh viel Erfahrung, Intuition und gesunden Pragmatismus in die Ermittlungen einbringt, sorgt Karhuu mit ihrer Entschlusskraft, unkonventionellen Methoden und besonderen Talenten für wichtige Impulse. Ihre dynamische Beziehung und gelegentliche humorvolle Schlagabtausche verleihen der Geschichte trotz der düsteren Grundstimmung viel Lebendigkeit.
Im Hintergrund agieren weitere facettenreich ausgearbeitete Nebenfiguren, die insgesamt das Figurenensemble mit ihren Eigenheiten und individuellen Lebensgeschichten bereichern. Die psychologisch tiefgründige Charakterzeichnung und detailreiche, gesellschaftskritische Milieuschilderungen sind sehr stimmig und schaffen eine realitätsnahe Atmosphäre.
Sehr gelungen sind auch die umfangreichen Einblicke in die Täterbiografie und die gelungene Einbindung der historischen Bezügen in den rückblickenden Erzählsträngen, die uns nach und nach geschickt die Gedankenwelt und Motive des Täters nahebringen.
Das Autorenduo versteht es hervorragend, falsche Fährten zu legen und mit überraschenden Wendungen die Spannung bis zum nervenaufreibenden Showdown hochzuhalten.
Das packende, hochdramatische Finale verlangt Nordh und Karhuu noch einmal alles ab und lässt einen kaum noch zum Durchatmen kommen. Es rundet den hochkomplexen Kriminalfall mit der glaubhaften Auflösung gelungen ab und hinterlässt Vorfreude auf weitere spannungsgeladene Fälle mit diesem tollen Ermittlerduo.
FAZIT
Ein brillanter Schwedenkrimi mit Tiefgang und eine gelungene Fortsetzung mit tiefgründigen Charakteren, einem düsteren, komplex komponierten Plot und tollen Psychothriller-Elementen..
Für Fans moderner Nordic Noir ist dieser Band ein absolutes Muss!

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