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Veröffentlicht am 06.04.2018

Die kleinen Dramen des Erwachsenwerdens

Fliegende Hunde
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„Du bist nicht seltsam“, sagte Mammut. „Du bist selten“ (S. 121)

Vom Erwachsenwerden in einem tristen Vorort von Sankt Petersburg: Sowohl Oksana als auch Lena wollen diesem Leben entfliehen. Während sie ...

„Du bist nicht seltsam“, sagte Mammut. „Du bist selten“ (S. 121)

Vom Erwachsenwerden in einem tristen Vorort von Sankt Petersburg: Sowohl Oksana als auch Lena wollen diesem Leben entfliehen. Während sie zunächst an einen Ort flüchten, den nur sie beide sich teilen, bietet sich Lena bald die Möglichkeit, tatsächlich das Land zu verlassen und in China zu modeln. Daraufhin verschwindet auch Oksana, in die Vergangenheit und ins Internet…

Das Setting dieses Romans über das Erwachsenwerden bietet schon an sich eigentlich genug Inhalt für einen ganzen Roman. Da ist zum einen Lena, die in der Fremde ganz und gar nicht das erlebt, was sie sich vorgestellt hatte; da ist eine eingeschworene Forengemeinschaft, auf deren Feindschaft man gerne verzichten möchte; und schließlich ist da der geschichtliche Anteil, den ich wahnsinnig spannend und, in mindestens derselben Intensität, unheimlich und eklig fand.
Dabei hat es mir besonders gut gefallen, dass jeder einzelne Handlungsstrang gut recherchiert und glaubwürdig war und einem das Gefühl gegeben hat, direkt dabei zu sein. Besonders wenn es um Details zur Belagerung von Leningrad ging, musste ich mehr als nur einmal schlucken: Die Hintergründe sind so unfassbar grausam, der Schrecken ist so real, dass ich Angst hatte, von den Bildern in meinem Kopf Albträume zu bekommen. Gleichzeitig hatte ich den Eindruck, dass das Thema sehr sensibel und respektvoll behandelt wurde, was in meinen Augen an der Stelle auch unbedingt notwendig ist.

Oksana und Lena stehen sich, wie es so schnell passiert im Teenager-Alter, sehr konsequent selbst im Weg. Ihre Umgebung, ihre Prägung und der eigene Schatten, über den man springen müsste, um der anderen etwas einzugestehen, das man nicht wahrhaben möchte – denn durchs Aussprechen würde es ja irgendwie real –, trennen sie in einer Weise voneinander, die gar nicht nötig wäre.
Das verleitete mich zwischendurch ein wenig dazu, die Augen zu verdrehen, doch nach einer kurzen Erinnerung daran, dass das Jugendliche sind, gings dann wieder.

„Ständig sagte man Oksana, dass die Jugend die glücklichste Zeit des Lebens sei. Aber das konnten nur Menschen behaupten, die vor langer Zeit jung gewesen waren und vergessen hatten, wie das war.“ (S. 32)
„Dabei spürte sie es selbst, dieses Kribbeln hinter den Augen, das sie kannte, wenn ihr Kopf nicht weinen wollte, aber ihr Körper doch.“ (S. 134)

„Fliegende Hunde“ bietet eine ganze Menge. Neben den geschichtlichen Hintergründen sind das vor allem zwischenmenschliche Dramen, die sich zwischen Oksana und Lena abspielen, und mit denen ich mich gut identifizieren, mit denen ich gut mitfühlen konnte.
Einzig das letzte Kapitel ließ mich, auch nach mehrmaligem Lesen, verwirrt zurück.

Veröffentlicht am 06.04.2018

Schmerzhaft und packend

Super, und dir?
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„Man sieht nicht, wie das Mädchen ertrinkt, ganz im Gegenteil.“ (S. 17/S. 168)

Marlene lebt am Ort ihrer Träume, sie hat den Job ihrer Träume und den Freund ihrer Träume. Trotzdem – oder deswegen? – rutscht ...

„Man sieht nicht, wie das Mädchen ertrinkt, ganz im Gegenteil.“ (S. 17/S. 168)

Marlene lebt am Ort ihrer Träume, sie hat den Job ihrer Träume und den Freund ihrer Träume. Trotzdem – oder deswegen? – rutscht sie langsam aber sicher ab, immer weiter, und verliert zunehmend den Halt. Wo landet jemand wie sie, wenn alles um sie herum zerbrochen ist?

Alles an diesem Buch ist ziemlich verworren, was das sich durchziehende Thema der Drogenabhängigkeit wirklich fühlbar macht. Das macht es zwischendurch etwas anstrengend zu lesen, sorgte aber zumindest bei mir für ein überwältigendes Gefühl der Beklemmung, während Marlene verzweifelt versucht, sich an irgendetwas festzuhalten. Beinahe hat man selbst das Gefühl, zu fallen und zu ertrinken.

Nicht sicher war ich mir jedoch bis zum Schluss, was ich von Marlene selbst halten sollte. Irgendwie tat sie mir unheimlich leid, aber irgendwie fand ich sie auch furchtbar anstrengend. Ja, meine Güte, das Leben ist halt manchmal ätzend, aber dann sollte man versuchen, etwas daran zu ändern, und nicht auf irgendwelche Substanzen zurück zu greifen, die einen den Mist ertragen lassen.
Und doch: Gerade damit schafft es dieses Buch vielleicht, einem ein kleines Bisschen die Augen zu öffnen.

„Etwas funktioniert nicht mehr, und dieses Etwas bin ich.“ (S. 110)
„Und in das Loch „Niemand liebt mich“ passt „Eine bunte gemischte Tüte für 4 Euro“ nicht rein, egal, wie doll man drückt und schiebt.“ (S. 116)

Ich glaube, dass viele Situationen und Gefühle, die in „Super, und dir?“ geschildert werden, Gefühle dieser Generation sind. Der Leistungsdruck, alles scheint sich der Kontrolle zu entziehen, und dann versucht man das einzige zu kontrollieren, was noch bleibt: Den eigenen Körper. Spannend, wie sehr mich das schon beim Lesen mitgerissen hat – und das trotz der teils wirklich verwirrenden Zeitsprünge.

Veröffentlicht am 28.03.2018

Spannend und doch unverständlich

Hochdeutschland
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Aus der Perspektive des Investmentbankers Victor erleben wir in „Hochdeutschland“ einen zynischen Blick auf das Deutschland unserer Zeit. Seine Ehe ist gescheitert, sein Job scheint ihn nicht auszufüllen ...

Aus der Perspektive des Investmentbankers Victor erleben wir in „Hochdeutschland“ einen zynischen Blick auf das Deutschland unserer Zeit. Seine Ehe ist gescheitert, sein Job scheint ihn nicht auszufüllen und überhaupt scheint ein Leben, das kaum bis keine Herausforderungen mehr bietet, bei genauerer Betrachtung gar nicht so erstrebenswert zu sein.

Tja, aber was genau passiert dabei nun? Irgendwie nicht so richtig viel, aber das, was passiert, verbirgt sich hinter (teils gewollt wirkenden) komplizierten Phrasen und Fachbegriffen. Victor schreibt Pitches, er steigt ziemlich detailreich in die Funktionsweise eines Wasserkraftwerks ein, dessen Eigentumsverhältnisse anscheinend politisch betrachtet Signalwirkung entfalten, aber es passiert einfach nichts.

Dabei ist die Atmosphäre, die geschaffen wird, durchaus reizvoll. Der Blick hinter die Kulissen eines Lebens, in dem rein gar nichts fehlt – jedenfalls finanziell gesehen nicht –, ließ mich mit der Frage zurück, wie nah an der Realität das wohl schon heute sein mag. Ist das noch Dystopie oder ist es schon Lebenswirklichkeit? Das ist ein Spannungsfeld, das mir persönlich sehr zugesagt hat.
Und trotzdem: Mein Problem mit „Hochdeutschland“ war, dass ich das Buch einfach nicht verstanden habe. Ganz besonders trifft das aufs Ende zu: Was um alles in der Welt passiert da? Und warum bitte? Für mich hat dieses Ende ein Buch, das durch seine Atmosphäre vielleicht eigentlich ganz okay war, erheblich nach unten gezogen.

Veröffentlicht am 28.03.2018

Grausame Zeit

Die Farbe von Milch
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„Und dann schloss ich die Augen doch mein Herz schlug schnell vor Aufregung und obwohl mein Körper ganz still im Bett lag tobte mein Geist wild herum und wollte nicht stellstehen, als wäre er eine Biene ...

„Und dann schloss ich die Augen doch mein Herz schlug schnell vor Aufregung und obwohl mein Körper ganz still im Bett lag tobte mein Geist wild herum und wollte nicht stellstehen, als wäre er eine Biene im Sommer.“ (S. 79)

Mary ist jung, als sie zwangsweise ihr Leben hinter sich lassen muss und an einen neuen Ort kommt: Von der elterlichen Farm, auf der das Leben hart aber vorhersehbar ist, in den Haushalt des Pfarrers, um dessen kranke Frau zu pflegen. Die Geschichte der darauf folgenden Geschehnisse erzählt sie selbst aus der Perspektive der ein Jahr älteren Mary – und man wird das Gefühl nicht los, dass zwischendurch etwas Gravierendes geschehen ist.

Es hat wirklich eine ganze Zeit gedauert, bis ich mich an den doch sehr eigenwilligen Stil in „Die Farbe von Milch“ gewöhnt habe, und obwohl dieser sicherlich zur Atmosphäre beiträgt, bin ich mir nicht sicher, ob es meiner Meinung nach nicht auch ein allwissender Erzähler getan hätte. Aber es ist wie es ist, und irgendwann hatte ich mich dann auch an die fehlenden Kommata gewöhnt.
Während also die Aufmachung es mir erst schwer machte, in das Buch einzutauchen, war die Handlung schon deutlich ansprechender: Zunächst scheint das Leben auf dem Bauernhof hart und grausam zu sein, was für mich als unbeteiligte Leserin das Gefühl aufkommen ließ, das Leben im Pfarrhaus sei deutlich erstrebenswerter; langsam tritt jedoch die Erkenntnis ein, dass die Vorhersehbarkeit des Farmlebens im Pfarrhaus völlig fehlt, und ab dem Moment hatte mich das Buch fest im Griff.

Mary ist klug, trotz der widrigen Umstände, und häufig klüger als es gut für sie ist. Diese Idee hat mir sehr gut gefallen, denn ich kann mir gut vorstellen, dass ein Leben wie ihres in der Geschichte unserer Gesellschaft häufiger vorkam als man wahrhaben möchte. Die meisten anderen Charaktere scheinen mehr oder weniger (eher mehr) eindeutig im übermächtigen sozialen Gefüge und den Gepflogenheiten der damaligen Zeit (immerhin spielt sich die ganze Geschichte in einem Bauerndorf des 19. Jahrhunderts ab) zu stecken und zeigen auch keine Ambitionen, diesen Umstand zu ändern oder auch nur darüber nachzudenken.

„Du solltest weniger drauf schauen was andere Leute machen, sagte ich, und lieber selbst mehr machen.“ (S. 9)
„Oh Mary, sagte sie. Ich will kein Morgen und ich will nicht dass die Zeit jemals weiterläuft.“ (S. 67)

„Die Farbe von Milch“ war überraschend grausam, überraschend ehrlich und überraschend schmerzhaft, dabei jedoch ein Buch, bei dem ich froh bin, es gelesen zu haben. Gerade die Betrachtung aus dem Blickwinkel der Frauenrechte zeigt hier, dass ein Buch, das in einem historischen Kontext angesiedelt ist, durchaus auch für unser Leben Erkenntnisse bieten kann.

Veröffentlicht am 27.03.2018

Verwirrung im Kaff-Flair

Das Kaff
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"An Erinnerungen hat mich immer genervt, dass man sie nicht beherrschen kann." (S. 100)

So ganz wird man seine Heimat niemals los – diese Erfahrung macht auch Michael Schürtz, der eigentlich keineswegs ...

"An Erinnerungen hat mich immer genervt, dass man sie nicht beherrschen kann." (S. 100)

So ganz wird man seine Heimat niemals los – diese Erfahrung macht auch Michael Schürtz, der eigentlich keineswegs vorhatte, in das Kaff seiner Heimat zurück zu kehren. Er tut es trotzdem, für einen Job, aber ist das alles, was ihn dort hält?

Obwohl das, was ich als „Kaff“ bezeichnen würde, keine eigene Fußballmannschaft hätte und damit noch um einiges kleiner ist als das Kaff, das in diesem Roman beschrieben wird, konnte ich mich mit dem Titel doch direkt identifizieren. Hier wird genau das eingefangen, was das Gefühl meines Aufwachsens ausmacht und obgleich ich niemals das Bedürfnis hatte, aus der heimeligen Dörflichkeit auszubrechen, konnte ich mich tatsächlich in den Protagonisten Micha, der genau das energisch versucht hat, hineinversetzen.

Als etwas anstrengend habe ich das Geschwisterverhältnis zwischen Micha und seinem Bruder sowie seiner Schwester empfunden. Durch die Perspektive bekommt man nur den Blickwinkel von Micha selbst mit, doch von dort erschien es mir zwischenzeitlich, als ginge das einzige Problem von ihm selbst aus, als provozierte er die Konflikte beinahe vorsätzlich, wenn nicht bewusst, dann doch mindestens unterbewusst. Aber möglicherweise funktionieren alte Beziehungen, in denen eine Menge schiefgelaufen ist, auch einfach so, und am Ende ist keiner alleine verantwortlich.

Vieles an diesem Roman hat mir gut gefallen, auch wenn es mich im Endeffekt nicht auf die Dauer fesseln konnte. Dabei wäre das Potential durchaus da gewesen, da mir sowohl das Setting als auch der Stil und die Atmosphäre gut gefallen haben. Besonders schön fand ich es, das Gefühl zu haben, dass noch viel mehr hinter den alten Geschichten steckt, als wir erfahren. Das gibt dem Ganzen eine Tiefe, die einen nicht unerheblichen Teil des Reizes ausmacht.