Profilbild von dj79

dj79

Lesejury Star
offline

dj79 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit dj79 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.01.2019

Top Marketing, aber „Ich sah nichts als Blätter“

Hazel Wood
0

Selten war ich bei einem Buch dermaßen hin- und hergerissen wie bei Hazelwood. Begeistert durch Optik und Klappentext hatte ich hohe Erwartungen an das Buch, die zunächst nicht erfüllt wurden. Melissa ...

Selten war ich bei einem Buch dermaßen hin- und hergerissen wie bei Hazelwood. Begeistert durch Optik und Klappentext hatte ich hohe Erwartungen an das Buch, die zunächst nicht erfüllt wurden. Melissa Alberts fantastische, märchenhafte Figuren und Handlungsspielräume für die Charaktere können lange Zeit ihre Wirkung nicht umfänglich genug entfalten. Dafür irrte ich gemeinsam mit den Protagonisten irgendwie kopflos durch New York verließ die Stadt schließlich in nördlicher Richtung. Es hat mich enttäuscht, dass die Autorin über weite Strecken das Potential ihrer brillanten Ideen in meinen Augen verschenkt. Erst mit der Wendung in der Geschichte kam auch meine Begeisterung zurück und blieb dann auch bis zum Schluss. Deshalb muss es auch richtigerweise heißen: „ Ich sah lange Zeit nichts als Blätter“.

Als ich Hazelwood zum ersten Mal online sah, hat es mich mit seinem wunderbaren Cover direkt angesprochen. Da wusste ich allerdings noch nicht, dass man dieses perfekte Look and Feel nur wahrnehmen kann, wenn man Hazelwood in die Hand nehmen darf. Dabei gefällt mir nicht nur der Umschlag, bei dem es so aussieht als wäre der Buchtitel bei Nacht in einen nassen Blätterhaufen gefallen. Der Mond und die Sterne bescheinen die Blätter, was durch den verwendeten Glitzer sehr schön zur Geltung kommt. Nimmt man den Umschlag ab, ist das Buch nicht nackt. Die Blätter bleiben erhalten. Auch das Format finde ich passend. Das Buch lässt sich ganz weit aufschlagen und wirkt dadurch irgendwie breiter als normal, wie ein richtiges Märchenbuch halt.

Ella ist in meinen Augen die kritischste Figur in Hazelwood. Sie bewirkt durch ihrem einzigen, stets gewählten Ausweg der Flucht Alices Unfähigkeit sich mit vorhandenen Problemen auseinanderzusetzen. Dabei hat Ella mit ihrem Tun selbst dafür gesorgt, dass beide vom Unheil verfolgt werden. Obwohl ich Ella anfangs ziemlich cool fand, fing meine Sympathie für sie im Verlauf an zu bröckeln.

Mit Alice, Enkeltochter der sagenumwobenen Märchenerzählerin Althea Proserpine, wurde ich lange Zeit nicht warm. Sie kam trotzig, gleichzeitig schüchtern, vorlaut jedoch ohne eigene Ideen und damit hilflos, aber nervig rüber. Insgesamt empfand ich Alice irgendwie undankbar. Das änderte sich erst, als sie auf dem Weg nach Hazelwood auf sich allein gestellt war. Alice musste aus ihrer Komfortzone heraustreten, ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Das hat ihrem Charakter unheimlich gut getan. Nach anfänglichen Schwierigkeiten kam sie nun Schritt für Schritt voran. Endlich kam ich ihr näher, konnte Sympathie für Alice aufbauen.

Mein heimlicher Favorit in Hazelwood ist Finch, auch wenn oder auch gerade weil sein nerdiger Charakter etwas klischeehaft angelegt ist. Er ist von Beginn an aktiv, weiß scheinbar intuitiv in jeder noch so misslichen Lage, was zu tun ist. Er ist bereit, Annehmlichkeiten hinter sich zu lassen, um seine eigenen Wünsche und Träume Wirklichkeit werden zu lassen. Mit Finch habe ich am meisten mitgefiebert. Es wäre mir eine Freude, wenn er bei einer Fortsetzung von Hazelwood auch wieder mit von der Partie wäre.

Neben der grandiosen Aufmachung des Buches haben mir die phantasievollen Figuren und auch die mystisch anmutende, etwas dunklere Märchenwelt sehr gut gefallen. Weniger erbaut war ich von dem für mein Gefühl zu langgezogenen Start ins Geschehen. Gerade auch zu Beginn hätte ich mir eine tiefere Beschreibung der Charaktere gewünscht. So ist mache von ihnen ausgehende Wirkung bei mir eher lautlos verpufft. Zum Ende hin wurde aber auch ich abgeholt und von Hazelwood in den Bann gezogen. Sollte es weitere Bände geben, würde ich ihnen gern eine Chance geben.

Veröffentlicht am 25.01.2019

Lügen haben kurze Beine

Wie ich fälschte, log und Gutes tat
0

Thomas Klupp begleitet mit seinem temporeichen, humorvollen Roman den Zehntklässler und Tennisspieler, Benedikt Jäger, vier Monate lang. Dessen Leben in der Oberpfälzer Kleinstadt Weiden als Sohn eines ...

Thomas Klupp begleitet mit seinem temporeichen, humorvollen Roman den Zehntklässler und Tennisspieler, Benedikt Jäger, vier Monate lang. Dessen Leben in der Oberpfälzer Kleinstadt Weiden als Sohn eines Chirurgen und einer angesehenen „Event-Managerin“ der Lady-Lions könnte so schön sein, wäre da nicht der alltägliche Stress, den Tennismatches, Mädchen, Butterhof-Partys und vor Allem der Leistungsdruck am Kepler-Gymnasium auslösen.

Von seiner Mutter hat Benedikt gelernt, dass kleine Schummeleien, einen einfach besser aussehen lassen. Nach diesem Schema lässt es sich prima heimlich kiffen und Schulnoten frisieren. Wie im Rausch perfektioniert Benedikt seine Fälschungen bis er im Adrenalin-Strudel hängenbleibt. Als Benedikt versucht, dem Wahn zu entkommen, beginnt ein amüsantes Abenteuer voller Irrungen und Wirrungen. Die Gefahr, erwischt zu werden, steigt exponentiell an.

Sprachlich richtet sich der Roman (hoffentlich überspitzt) an der Jugend aus. Durchgehend im WhatsApp-Style kommunizieren Benedikt und seine Kumpels Vince und Prechtl miteinander. Sie ziehen über ihre Lehrer her, planen ihre Partybesuche und werten ihre Trefferquote an der Mädelsfront aus. Der Roman thematisiert aus Erwachsenensicht nur belangloses Zeug, welches allerdings während jeder Pubertät wichtig erscheint. Auch wenn die Story weniger durch Tiefgang, sondern mehr durch Witz und Situationskomik getragen wird, hat sich aus meiner Sicht das Lesen gelohnt.

Fazit: Dauerhaftes exzessives Lügen und Schummeln lohnt sich nicht, weil es einen letztendlich wahnsinnig macht. Es ist ein Riesen-Aufwand, der nicht mal nachhaltig ist, sprich langfristig kommt nichts dabei raus.

Veröffentlicht am 25.01.2019

Schonungslos ehrlich

Mit der Faust in die Welt schlagen
0

Schonungslos ehrlich wird in diesem Roman die Gefühlswelt der Nachwendejugend anhand der beiden ostsächsischen Brüder, Philipp und Tobias, herausgearbeitet.

Mit der Wende eröffneten sich für die Erwachsenen, ...

Schonungslos ehrlich wird in diesem Roman die Gefühlswelt der Nachwendejugend anhand der beiden ostsächsischen Brüder, Philipp und Tobias, herausgearbeitet.

Mit der Wende eröffneten sich für die Erwachsenen, Jugendlichen und die Kinder seinerzeit schier unendliche Möglichkeiten: freie Meinungsäußerung, Reisen in ferne Länder, schicke Autos, coole Klamotten und so Vieles mehr. Der Zugang zu den materiellen Dingen bleibt vielen aus finanziellen Gründen jedoch verwehrt. Gleichzeitig ist die Wahrheit von „gestern“ heute eine Lüge. Massenhaft Leute verlieren ihre Jobs. Die Beständigkeit des Lebens wird aus den Angeln gerissen.

In dieser Zeit erfüllen sich die Zschornacks den Traum vom eigenen Haus. Dabei empfinden sie einerseits Scham gegenüber denjenigen, die sich vermutlich niemals ein Haus leisten werden, andererseits Neid auf den Luxus, den sich andere noch zusätzlich gönnen können. Auch Philipp und Tobias nehmen das Scheitern von Bekannten war, sehen sich selbst in ramponierten Billigklamotten, müssen regelmäßig Verzicht üben, wie auf dem Rummel. Im Heranwachsen verfestigt sich ihr Eindruck, dass es egal ist wie sehr sie sich abstrampeln. Sie werden ohnehin nicht das Leben führen können, das sie sich wünschen.

In dieser Hoffnungslosigkeit ist man gerade als Jugendlicher empfänglich für einfache Ideen, die alle Probleme aus der Welt schaffen, die man selbst nicht zu lösen vermag. Wenn dann gute Redner die jungen Leute im eigenen Umfeld infiziert haben, ist es gar nicht so einfach den „rechten“ Weg nicht mit zu gehen, weil man so schnell allein da steht.

Dieser begrenzte Ausschnitt aus der ostdeutschen Gesellschaft zeichnet gesichtslose Charaktere, die niemand wahrnimmt, deren Ängste, Nöte und Sorgen keiner würdigt. Was gut ist, um die triste Stimmung zu stützen, machte mir das Auseinanderhalten der jugendlichen Charaktere schwer. Beispielsweise habe ich sehr lange gebraucht bis ich sicher wusste, welcher Bruder der Ältere ist und wer von beiden jetzt welche Meinung vertritt.

Insgesamt hat mir die nüchterne, nicht anklagende, lediglich beschreibende Auseinandersetzung mit den Ursachen, die die Empfänglichkeit für rechtes Gedankengut in Neschwitz begünstigt haben, gut gefallen.

Veröffentlicht am 25.01.2019

Schwer und schwermütig

TEXT
0

Der Roman von Dimitry Glukhovsky erzählt nicht nur von Ilja, einem gebrochenen jungen Mann, der zu Unrecht verurteilt, gerade aus dem Straflager entlassen wurde, sondern berichtet darüber hinaus von Korruption, ...

Der Roman von Dimitry Glukhovsky erzählt nicht nur von Ilja, einem gebrochenen jungen Mann, der zu Unrecht verurteilt, gerade aus dem Straflager entlassen wurde, sondern berichtet darüber hinaus von Korruption, Polizeigewalt und Überwachung der Menschen durch den Staatsapparat. Er zeigt auf, wie schnell man in diesem Umfeld Opfer von Willkür werden kann, wie abgestempelt und chancenlos einmal auffällig gewordene Personen sind.

Als Ilja aus der Gefangenschaft heimkehrt, ist er ein Fremder. Moskau hat sich verändert, Nichts scheint mehr so zu sein, wie es war. Einzig die „Hüter von Recht und Ordnung“ sind für Ilja überall erkennbar. Bei seiner Ankunft zu Hause muss er dann auch noch feststellen, dass seine Mutter vor ein paar Tagen verstorben ist. Lediglich ein Topf Kohlsuppe ist ihm von ihr geblieben. Ilja betäubt seinen Schmerz mit Alkohol, zieht schließlich los zu dem Ort, wo sein Unglück begann und trifft auf seinen Peiniger, Petja. Im Affekt ersticht er ihn und nimmt dessen Handy an sich. Doch das ist nur der Anfang einer erschreckenden Odyssee. Petjas Handy, als Tor zu dessen Leben, lässt Ilja nach und nach begreifen, warum er ins Straflager musste.

Der Roman betrachtet hauptsächlich die beiden Charaktere, Ilja und Petja. Dabei entstammt die gesamte, Petja betreffende Handlung der Vergangenheit. Sie entsteht als Interpretation aus Iljas Studien der eMails, WhatsApps, Fotos, Videos und Sprachnachrichten, die in Petjas Handy gespeichert sind. Um Petjas Umfeld hinzuhalten, setzt Ilja dessen Kommunikation fort. Für den Leser verschwimmen nun im Verlauf die beiden Persönlichkeiten immer mehr. Zwischenzeitlich musste ich zurück blättern, inne halten und das Gelesene sacken lassen, damit ich die beiden auseinander halten konnte. Iljas Gedankenwelt ist mit Träumen aus seiner Vergangenheit, mit Wünschen für seine Zukunft und Vorstellungen von Pflichterfüllung durchsetzt. Wenn Ilja schläft, mischt sich seine Welt mit dem Bild, das er von Petjas Leben hat.

Dimitry Glukhovsky setzt uns hier keinen einfachen Roman vor. Dieser „Text“ braucht Aufmerksamkeit und Zeit. Dem Leser wird an Iljas Beispiel die Schwermütigkeit der abgehängten russischen Bevölkerung näher gebracht. Wenn man unterstellt, dass die Aussagen des Romans über die Staatsmacht Russlands nicht frei erfunden sind, erfährt der Leser zudem, wie weit entfernt Russland von unserer Denke von Demokratie ist.

Ich empfehle diesen Roman sehr gern weiter, gebe aber zu bedenken, dass hier das Vergnügen etwas Aufwand kostet.

Veröffentlicht am 25.01.2019

Stark im Ei

Vom Ende der Einsamkeit
0

Ist man stark im Ei, boxt man sich durchs Leben, auch wenn dieses Leben kein Nullsummenspiel ist.

Jules, der Jüngste von drei, nach einem Unfall elternlosen Geschwistern, erzählt uns seine von Höhen ...

Ist man stark im Ei, boxt man sich durchs Leben, auch wenn dieses Leben kein Nullsummenspiel ist.

Jules, der Jüngste von drei, nach einem Unfall elternlosen Geschwistern, erzählt uns seine von Höhen und Untiefen geprägte Lebensgeschichte. Die bis dahin behütet aufgewachsenen Kinder gehen nun auf ein Internat, wo sich ihre doch sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten entwickeln. Liz ist nach dem Tod der Eltern so lebenshungrig, dass sie unbedingt jedes Abenteuer mitnehmen muss. Marty ist der typisch nerdige Streber. Jules hat von den Dreien die größten Schwierigkeiten, sich auf die traurige Situation einzustellen. Er ist gefangen in seinen Tagträumen, lässt in Gedanken immer wieder seine Erinnerungen ablaufen, vermischt sie mit aktuellen Tagesgeschehen.

Benedict Wells vermittelt mit Jules Geschichte eine umfangreichere Lebenserfahrung als ich sie von einem um die dreißig Jährigen erwartet hatte. Er begleitet Jules durch Kindheit und Pubertät, später weiter ins Erwachsenenleben mit Frau und eigenen Kindern. Benedict Wells zeichnet große und kleine Gefühle mit einer schlanken, wenig verschachtelten Sprache. Dennoch ist seine Wortwahl dermaßen treffsicher, dass er mich mehrfach zu Tränen gerührt hat. Beeindruckt haben mich die vielen eingestreuten Lebensweisheiten, die man immer wieder gern als Zitate nutzen möchte. Hier ein längeres und ein kurzes Beispiel:
„Am wichtigsten ist, dass du einen wahren Freund findest, Jules. Dein wahrer Freund ist jemand, der immer da ist, der dein ganzes Leben an deiner Seite geht. Du musst ihn finden, das ist wichtiger als alles, auch als die Liebe. Denn die Liebe kann vergehen.“ S. 33
„Hoffnung ist was für Idioten“ - „Pessimismus auch.“ S. 165

Zunächst irritiert hatte mich die unterbrochene Kontinuität der Kapitel. Zwischen den Abschnitten, die dem Leser präsentiert werden, fehlen immer wieder mehrere Jahre. Dieses bewusste Weglassen hat für mich nach kurzer Gewöhnungsphase letztlich einen schönen Kontrast zu der intensiven Auseinandersetzung mit Jules Gedankenwelt ergeben.

Insgesamt hat mir „Vom Ende der Einsamkeit“ so gut gefallen, dass ich die Geschichte uneingeschränkt weiterempfehlen kann. Sie hat mich beeindruckt, sie hat mich berührt und sie wirkt in mir nach.