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Veröffentlicht am 28.01.2025

John Cardinal persönlichster Fall

Kanadische Nächte
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Es ist Herbst in Algonquin Bay, die vermutlich schönste Jahreszeit im kanadischen Osten mit der spektakulären Laubfärbung der Wälder. Doch John Cardinal, Polizist in der Kleinstadt am See, hat keinen Blick ...

Es ist Herbst in Algonquin Bay, die vermutlich schönste Jahreszeit im kanadischen Osten mit der spektakulären Laubfärbung der Wälder. Doch John Cardinal, Polizist in der Kleinstadt am See, hat keinen Blick für die Schönheiten der Natur. Er muss in "Kanadische Nächte" von Giles Blunt einen schweren Schicksalsschlag verarbeiten. Seine manisch-depressive Frau, schön, talentiert und unglücklich, hat jahrelang gegen ihre Dämonen gekämpft. Nun ist sie tot - und Cardinal fällt es schwer, an Selbstmord zu glauben. Doch die Beweislage ist klar, einschließlich eines Abschiedsbriefes. Und in einer so persönlichen Angelegenheit darf Cardinal ohnehin nicht offiziell ermitteln - dass ihm die nötige professionelle Distanz fehlt, ist unstrittig.

Doch hält sich Cardinal an diese Regeln? In seinem persönlichsten Fall braucht er die Wahrheit mehr denn je. Er riskiert im Zweifelsfall lieber seine Karriere, als die Suche einzustellen.

Viel darf hier nicht verraten werden, um nicht zu spoilern, doch ausgehend von psychischen Erkrankungen, Therapie, der besonderen Beziehung zwischen Patient und Therapeut, von Vertrauen und Manipulation hat Blunt einen faszinierenden Plot konstruiert. Als Leser*in bekommt man schon deutlich früher als der Ermittler eine Ahnung über die Zusammenhänge, was der Auflösung des Falls aber in keiner Weise schadet.

Einmal mehr ist mit Carpenter einmal mehr ein glaubwürdiger Ermittler in Aktion, der auf die Unterstützung von Kollegen setzen kann, denen im Zweifelsfall Loyalität zu einem Kollegen in einer Lebenskrise über dienstliche Anweisungen geht.

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Veröffentlicht am 28.01.2025

Familienfeier am Gletscherfeld

Verlassen
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Eva Björg Aegisdottir hat bisher drei Romane um die Ermittlerin Elma in Akranes geschrieben, die einen Hang hat, sich mit wenig durchdachten Alleingängen in Gefahr zu bringen. Auch ihr Buch "Verlassen" ...

Eva Björg Aegisdottir hat bisher drei Romane um die Ermittlerin Elma in Akranes geschrieben, die einen Hang hat, sich mit wenig durchdachten Alleingängen in Gefahr zu bringen. Auch ihr Buch "Verlassen" führt in die westisländische Region. Doch das Ermittlerteam von Akranes ist in diesem Fall eher eine Randnotiz. Man kann das Buch auch als Prequel zur Reihe verstehen.

Stattdessen zeichnet Aegisdottir das Bild eines schwerreichen Familienclans, der sich in einem chicen Hotel am Gletscherfeld versammelt, um den Urahn und Gründer des Familienunternehmens zu feiern. Schnell zeigt sich: Geld allein macht nicht glücklich. Und es ist einiges dran an dem Spruch über Gründergenerationen und ihre Erben: Die ersten bauen auf, die zweiten mehren den Reichtum, aber die dritte Generation genießt den Luxus deutlich mehr als die Aussicht aufs Arbeiten. Das ist auch in dieser Familie teilweise der Fall.

Alte Konflikte und Eifersüchteleien brechen auf, zusätzlich befeuert von reichlich Alkoholkonsum. Die Fassade bröckelt, während in der düsteren Spätherbstlandschaft ein Sturm heraufzieht. Als dann auch noch eine Leiche am Fuß einer Klippe gefunden wird, ist die Feierstimmung vorbei. Eine Hotelangestellte, die die Feiernden genau beobachtet und sowohl fasziniert als auch abgestoßen von dem Clan, der für sie bisher stets mit Glamour verbunden war, bildet den Kontrapunkt.

Einmal mehr sind es vor allem die Naturbeschreibungen und die grandiose Kulisse, die eine ganz besondere Stimmung dieses Island-Krimis schaffen. Aegisdottir deutet vieles an, lässt die Leser*innen aber lange Zeit im Ungewissen - selbst über die Identität der Leiche muss lange gerätselt werden, da es gleich mehrere Optionen gibt.

Insgesamt fand ich "Verlassen" weniger vorhersehbar als die ersten drei Bände der Autorin. Die Protagonisten sind teilweise ein wenig überzeichnet, trotzdem habe ich das Buch gerne gelesen.

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Veröffentlicht am 27.01.2025

Marmor und Vendetta

Ein Schimmern am Berg
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Es ist Sommer in Südtirol und Commissario Grauner würde sich eigentlich am liebsten seinem Hof und seinen geliebten Kühen widmen. Doch sei Plan, sich in den vorgezogenen Ruhestand zurückzuziehen, ist nach ...

Es ist Sommer in Südtirol und Commissario Grauner würde sich eigentlich am liebsten seinem Hof und seinen geliebten Kühen widmen. Doch sei Plan, sich in den vorgezogenen Ruhestand zurückzuziehen, ist nach einem Missverständnis mit dem Staatsanwalt gründlich danebengegangen. Vielleicht auch ganz gut - denn seine Ehefrau, die er sogar noch mehr liebt als seine Kühe, ist offenbar missgestimmt. Was ist schiefgegangen nach so vielen Jahren glücklicher Ehe?

Viel Zeit zum Nachdenken bleibt dem Commissario nicht in Lenz Koppelstätters "Das Schimmern am Berg", dem nunmehr zehnten Buch um Grauner und sein Team in der Bergwelt Südtirols. In einem Marmorsteinbruch wurde die zerstümmelte Leiche einer Künstlerin gefunden. Ein Verdächtiger ist schnell gefunden - aber ist er auch der Täter? Daran kommen Grauner zunehmend Zweifel. Mehr denn je fehlt ihm sein gewohntes Ermittlerteam, denn der neapolitanische Import Saltapepe und die gletscheräugige Silvia Tappeiner, auch privat ein Team, sind zu einem Urlaub in die USA aufgebrochen.

Grauner muss sich alleine mit dem Mord und nebenher den Kontroversen zwischen dem Chef des Marmor-Steinbruchs und dem Marillenkönig, einem Großbauern befassen. Welche Abgründe außerhalb des Bergs reißt die Gier nach dem weißen Stein auf? Und wie passt das Mordopfer in die Gleichung?

In den USA wiederum haben Saltapepe und Tappeiner ganz andere Probleme. Denn es kommt zu dramatischen Ereignissen, die auch mit Saltapepes Vergangenheit als Angehöriger einer Antimafia-Sondereinheit zu tun haben könnten.

Zwischen grantelndem Commissario und Dramatik zwischen Little Italy und Brighton Beach wird es auch im zehnten Grauner Band nicht langweilig. Bleibt die Frage - gibt es einen Grauner Nummer elf, oder verabschiedet sich der Commissario endgültig in den Kuhstall?

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Veröffentlicht am 15.01.2025

Ein Toter zuviel

Kohle, Stahl und Mord: Das 13. Opfer
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Seit mehr als sechs Jahren ist der Steinkohlebergbau in Deutschland Geschichte. Doch die Tradition der Bergleute, ihr Zusammenhalt und die raue aber herzliche Mentalität der Ruhrpott-Bewohner lebt einmal ...

Seit mehr als sechs Jahren ist der Steinkohlebergbau in Deutschland Geschichte. Doch die Tradition der Bergleute, ihr Zusammenhalt und die raue aber herzliche Mentalität der Ruhrpott-Bewohner lebt einmal mehr auf in dem Regionalkrimi "Kohle, Stahl und Mord" von Martin Conrath. Wobei es irgendwie passt in die neue Welt des Potts nach dem Strukturwandel, dass bei den Arbeiten für ein Besucherbergwerk auf der fiktiven Essener Zeche Ludwig nach einem Zwischenfall unter Tage Knochen gefunden werden.

Eigentlich sollte die Sache klar sein - endlich ist das "wandernde Dutzend" aufgetaucht, die zwölf Bergleute, die nach einer Explosion nie gefunden wurden. Andere Kumpel, die damals verschüttet wurden und geborgen wurden, tragen seit Jahrzehnten das Trauma mit sich herum. Also endlich Schlussstrich unter ein Unglück, das die Region erschütterte? Keinesfalls, denn es werden die Überreste einer 13. Person gefunden - mit einer Kugel im Schädel.

Hauptkommissarin Elin Akay findet sich in einem Routinefall plötzlich als Chefin einer SoKo wieder. Mit dabei: Ihre beste Freundin Jana Fäller, forensische Psychiaterin und selbst Tochter eines Bergmanns, der damals bei dem Unglück überlebte. Der Cold Case - wenn man denn bei der Hitze unter Tage überhaupt davon sprechen kann - erhält zusätzliche Brisanz dadurch, dass einer der damaligen Bergleute mittlerweile Oberbürgermeister ist.

Als sich herausstellt, dass das Mordopfer ein windiger Geschäftsmann war, der zahlreiche Bergleute mit unseriösen Anlagemodellen das Ersparte abgenommen hatte, steigt die Zahl der Menschen mit Tatmotiv rapide. Verflechtungen, die Jahrzehnte zurückreichen, müssen aufgedröselt werden. Und Konflikte innerhalb des Soko-Tea,s machen die Arbeit an dem Fall nicht leichter.

"Kohle Stahl und Mord" ist solide Regionalkrimi-Kost, die aber mancherlei Klischee nicht vermeiden kann. Der Zickenkrieg in der SoKo und das amateurhafte private Ermitteln Janas sind nicht besonders glaubwürdig. So viel Naivität, wie die Protagonistinnen mitunter an den Tag legen, ist mit Erfahrung und Expertentum einfach nicht vereinbar.

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Veröffentlicht am 14.01.2025

Doppelmörderin oder Justizopfer?

Schuld
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Eigentlich ist Harinder Singh von der norwegischen Polizei noch krankgeschrieben, um eine Schussverletzung auszukurieren. Und er hat auch gar keine Lust, wieder einmal bei seinem Vorgesetzten anzuecken, ...

Eigentlich ist Harinder Singh von der norwegischen Polizei noch krankgeschrieben, um eine Schussverletzung auszukurieren. Und er hat auch gar keine Lust, wieder einmal bei seinem Vorgesetzten anzuecken, indem er sich einen 20 Jahre alten Fall vornimmt, in dem dieser einst ermittelt hat. Der Mann ist schließlich für seine Gründlichkeit bekannt, und die Strafverteidigerin, die Singh bittet, sich die alten Akten noch einmal anzusehen, steht schließlich auf der "anderen Seite". Doch ganz kann Singh in "Schuld" von Sven Peter Naess seine Neugier dann doch nicht bezähmen - und stößt prompt auf eine Auffälligkeit, die ihn an der Schuld der wegen Doppelmordes verurteilten Helene zweifeln lässt.

Helene hat ihr halbes Leben im Gefängnis verbracht, ist nun vorzeitig entlassen worden und in ihren alten Heimatort zurückgekehrt, in dem auch Singh aufgewachsen ist. Beide gingen sogar auf dieselbe Schule, hatten aber nicht viel miteinander zu tun. Helene war schon als Teenager schwierig, hatte Probleme mit Alkohol und Drogen. Als Sängerin einer Metal Band träumte sie von Ruhm, doch auf dem Rückweg von einem Konzert soll sie Mutter und Stiefvater ermordet haben.

Helene wird nicht gerade mit offenen Armen aufgenommen. Sie erhält anonyme Drohungen, der Bruder des Stiefvaters reagiert empört auf die Bemühungen um eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Und dann wird auch noch Helenes Vater tot aufgefunden, kurz nachdem sie öffentlich erklärt hatte, er verdiene den Tod. Auch bei der Polizei ist so mancher überzeugt, man müsse gar nicht nach weiteren Verdächtigen Ausschau halten. Singh allerdings erweist sich einmal mehr als hartnäckig und gründlich, und auch seine Kollegin, die offiziell die Ermittlungen leitet, will zum Verdruss einiger Ermittler sich nicht auf eine Verdächtige festlegen, sondern in alle Richtungen ermitteln.

Parallel zu dieser Haupthandlung erfahren die Leser, dass ein Unbekannter die Schritte Singhs und der Anwältin verfolgt, ihre Wohnungen verwanzt und Mobilgeräte manipuliert. Was es damit auf sich hat und wer hinter der Überwachung steckt, wird erst sehr spät im Buch geklärt und heizt die Spannung noch an - zumal die Leser*innen so über weite Strecken mehr wissen als die Polizei.

Auch wenn es am Ende ziemlich dramatisch wird, erzählt Naess vor allem ruhig und zurückgenommen. Wie in seinem vorangegangenen Buch "Furcht" ist Singh ein gründlicher, aufmerksamer Polizist, dessen Privatleben ebenfalls eine Rolle in dem Roman spielt. Dabei streut er zwischendurch immer wieder Hinweise, die eigentlich schon frühzeitig den Ausgang zumindest teilweise ahnen lassen. Eine Überraschung hält Naess dennoch parat.

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