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Veröffentlicht am 08.02.2026

Trautes Heim, Glück allein?

Tödliches Angebot
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Wer in attraktiven Großstädten mit einem recht hohen betuchten Bevölkerungsanteil in jüngster Zeit auf Wohnungssuche war, weiß - das ist Psychostress pur. Wie die Suche nach einer eigenen Immobilie ist, ...

Wer in attraktiven Großstädten mit einem recht hohen betuchten Bevölkerungsanteil in jüngster Zeit auf Wohnungssuche war, weiß - das ist Psychostress pur. Wie die Suche nach einer eigenen Immobilie ist, kann ich mir da nur vorstellen. In Marisa Kashinos Psychothriller "Tödliches Angebot" hat dieser Stress, wie der Titel bereits verrät, fatale Folgen.

Ich-Erzählerin Margo hat klare Vorstellungen von der Zukunft mit Ehemann Ian: Ein harmonisches Familienleben im Eigenheim in einem der guten Vororte Washingtons, mit Zugang zu guten Schulen. Ein Leben, wie sie es in ihrer eigenen Kindheit nicht hatte. Für diesen Traum ist sie bereit, notfalls über Leichen zu gehen. Und das ist keinesfalls symbolisch gemeint.

Seit 16 Monaten leben Margo und Ian in einer kleinen Mietwohnung, mehr als ein Dutzend mal sind sie im Bieterkrieg um Immobilien gescheitert. Die Enge in der Wohnung, die Enttäuschung nach jedem gescheiterten Gebot, die immer lauter tickende biologische Uhr der fast 38-jährigen Margo - das geht nicht spurlos an dem Paar vorbei. Doch dann erfährt Margo von einem Haus, das wie die Erfüllung all ihrer Träume erscheint. Für sie ist klar - sie muss es haben.

Margo lässt jegliche Skrupel fahren, stalkt die Besitzer, schnüffelt in ihrer Vergangenheit herum, ein bißchen Erpressung muss sein. Kein Wunder, dass bei so viel Ablenkung die Arbeit in einer PR-Agentur leidet. Steht Margo demnächst ohne Job und ohne Traumhaus da, womöglich auch ohne Ehemann, der, wie der Fund eines heimlichen Zweithandies verrät, eine Geliebte hat? Zugegeben, Ian geht Margo gerade gewaltig auf die Nerven, aber sie möchte doch nicht ihre wunderbaren Schwiegereltern verlieren?

Margo ist eine Frau, die von einem normalen Leben in immer tiefere Abgründe abdriftet und kein Nein als Antwort akzeptiert. Ihr Kampf um das Traumhaus schlägt jede erfolgreiche PR-Kampagne und wird mit harten Bandagen geführt. Doch hat sich Margo mit ihren Plänen in eine Sackgasse verrannt, oder wird ihr erträumter Lebensentwurf gelingen? Das soll hier natürlich nicht verraten werden, aber als künftige Immobilienbesitzerin am Rande des totalen Zusammenbruchs ist "Tödliches Angebot" nicht nur eine spannend-unterhaltsame Ablenkung für alle, die gerade auf der Suche nach einer neuen Bleibe sind. Zur Nachahmung nicht empfohlen!

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Veröffentlicht am 08.02.2026

Meinung oder Nachricht?

Erzählen, was ist
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Mit dem Titel ihres Buches "Erzählen, was ist" hat Karin Eigendorf ja ein bißchen das Spiegel-Motto abgekupfert. Sei´s drum - ich war neugierig auf das Buch, bin vielleicht mit einer anderen Erwartungshaltung ...

Mit dem Titel ihres Buches "Erzählen, was ist" hat Karin Eigendorf ja ein bißchen das Spiegel-Motto abgekupfert. Sei´s drum - ich war neugierig auf das Buch, bin vielleicht mit einer anderen Erwartungshaltung rangegangen als andere Leser*innen. Mich hätte etwa interessiert, wie es ist, "nur Krise" zu machen statt die gesamte journalistische Themenvielfalt, die Journalisten etwa als Korrespondenten in einem Land oder einer Region abdecken. Oder - sie hat ja den Vergleich aus dem eigenen Berufsleben - eine Überlegung über die Unterschiede, die sich aus der Arbeit als Auslandskorrespondentin versus "Fallschirmjournalistin" ergeben - also immer dann einfliegen, wenn plötzlich geballtes Interesse an einem Land ist, dort aber nicht den Alltag zu leben.

Statt dessen ist neben Autobiographie auch ein gutes Stück Selbstrechtfertigung ihrer Art der Berichterstattung im Zentrum des Buches. Über ihr jüngeres Ich als Abiturientin schreibt Eigendorf, sie habe als Jugendliche ein gewisses Sendungsbewusstsein gehabt. Mein Eindruck beim Lesen: Das gilt nicht nur für die 18 oder 19 Jahre alte Eigendorf. Entsprechend zwiespältig mein Eindruck am Ende des Buches.

Natürlich ist es interessant, über Eigendorfs Arbeit und Selbstverständnis als Krisen- und Kriegsreporterin zu lesen. Es bedeutet, die eigene Komfortzone zu verlassen und - bei aller Sicherheitsplanung - sich auf Ungewisses und Unabwägbares einzulassen. Es bedeutet Begegnungen mit Menschen in Extremsituationen, deren Sicherheit nach Sendung des Materials ebenfalls bedacht werden muss. Das wird gerade in den Artikeln zu Afghanistan eindrücklich gezeigt.

Zwischen Nahost und Afghanistan, Ukraine und Russland gerät die Schilderung der diversen Krisengebiete und -hintergründe naturgemäß oberflächlich. Ausführlich beschreibt Eigendorf, warum sie berichtet, wie sie berichtet - und da kommt dann der Teil, der sowohl Selbstrechtfertigung wie auch ein beißen Selbstgerechtigkeit enthält.

Jeder Journalistenschüler, jeder Volontär lernt gleich zu Beginn, wie wichtig die Trennung von Kommentar und Nachricht ist. Berichten was ist - das bedeutet eben nicht, die eigene Meinung in einem Nachrichtenbeitrag rauszustellen. Dafür ist der Kommentar als Meinungsbeitrag da.

Ihr werde ja regelmäßig Parteinahme, zu emotionale Berichterstattung vorgeworfen, tritt Eigendorf die Verteidigung nach vorn an. Und lässt sich ausführlich darüber aus, warum sie nicht an "neutrale" Berichterstattung glaubt. Die Gegenargumente - Fragen der Glaubwürdigkeit, gerade in einer Zeit daueraufgeregter Selbstdarstellungen in sozialen Medien, in denen es nur um Meinung und wenig um Fakten geht - kommen kaum vor.

Veröffentlicht am 02.02.2026

Intrigen aus der Downing Street

Bad Actors
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So ganz vorbei war der Kalte Krieg für die Geheimdienste ja vermutlich nie. Und spätestens mit dem Aufstieg Putins dürften die einschlägigen Analysten wieder on high alert gewesen sein. Diana Taverner ...

So ganz vorbei war der Kalte Krieg für die Geheimdienste ja vermutlich nie. Und spätestens mit dem Aufstieg Putins dürften die einschlägigen Analysten wieder on high alert gewesen sein. Diana Taverner ist daher alles anderes als amused, als sich vor einem scheinbar harmlosen Fest der russischen Botschaft herausstellt, dass ihr russischer Amtskollege seit mehr als 24 Stunden unerkannt in London unterwegs sind, weil einige der "boys and girls" der MI5-Zentrale beim Monitoring der anreisenden Russen leider gepennt haben.

Doch noch etwas anderes gibt Rätsel aus: Die Schweizer Superforecasterin, die ein Sonderberater des Premierministers angeheuert hat, ist verschwunden. Und Jack Sparrow, besagter Sonderberater, ist nicht nur ein gewaltiger Intrigant, sondern gewissermaßen die graue Eminenz in der Downing Street, der ausgerechnet Taverners Vorgänger, den glücklosen Claude Whelan, damit beauftragt, zum Verbleib seiner Mitarbeiterin zu recherchieren. Ihr letzter Anruf, so stellt sich heraus, ging an die Nummer von Jackson Lamb, den exzentrischen Chef des "Slough House" für abgehalfterte Spione.

Mit "Bad Actors" lässt Mick Herron zum achten Mal die "slow horses" los. Mit Jack Sparrow hat er einen Intriganten geschaffen, der in den Spielchen, die man zwischen Taverner und Lamb kennt, durchaus ebenbürtig ist.

Die zuletzt entstandenen Lücken in Slough House wurden mit der neuen Mitarbeiterin Ashley Singh aufgefüllt, die zugleich für einen gewissen Generationswechsel steht, ist sie doch relativ frisch aus der Ausbildung und ähnelt auch in ihrem Verhalten eher einem spätpubertären Teenager. Shirley Danders wiederum, bekannt für Koks und Krawall, ist gerade in einem Zwangsurlaub in einem "Sanatorium" des Service, um ihre Aggressionsimpulse besser unter Kontrolle zu bekommen. Dass ihre Schlagkräftigkeit dort mal gefragt sein könnte, hätte sie sich vermutlich nicht träumen können.

Auch in "Bad Actors" liefert Herron einmal mehr tiefschwarzen britischen Humor, boshafte Dialoge und das übliche Sparring zwischen Lamb und Taverner. Kalter Krieg und eine neue Generation von Spionen, Machtspiele zwischen Downing Street und Regent Park, das Chaos, das unausweichlich scheint, wenn die "lahmen Gäule" galoppieren - es macht einfach Spaß, den Abenteuern der MI5-Outcasts zu folgen.

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Veröffentlicht am 01.02.2026

Zeitreisende Detektive

Manche Schuld vergeht nie
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Der Titel von Elly Griffiths Kriminalroman "Manche Schuld vergeht nie" könnte auch der Motto der geheimen Ermittlungsarbeit sein, in der Alison Dawson arbeitet. Sie klären nicht nur cold cases auf, sie ...

Der Titel von Elly Griffiths Kriminalroman "Manche Schuld vergeht nie" könnte auch der Motto der geheimen Ermittlungsarbeit sein, in der Alison Dawson arbeitet. Sie klären nicht nur cold cases auf, sie reisen dafür sogar in die Vergangenheit, dank der Erfindung einer exzentrisch-genialen italienischen Wissenschaftlerin. Und auch das Team selbst entspricht nicht so ganz der üblichen Zusammensetzung eines normalen Polizeireviers - Hacker, ein trockener Alkoholiker, und eben Alison, die mit 18 die Schule abbrach, mit 19 schwanger wurde, als Putzfrau arbeitete, schließlich doch studierte und zur Polizei ging.

Sohn Finn arbeitet zum Leidwesen seiner linken Mutter als persönlicher Assistent bei dem Tory-Justizminister Templeton, der die Einheit und speziell Alison gewissermaßen in eigener Sache anfordert: War sein Urgroßvater ein Frauenmörder und der Collectors Club, dem er angehörte, eine höchst sinistre Organisation?

Allison wird, in passender Kleidung und mit historischen Münzen ins Jahr 1850 geschickt. Bei den bisherigen Zeitreisen waren sie und ihre Kollegen stets nur kurz unterwegs und für die Menschen vor Ort nicht sichtbar. Doch dank der Fortentwicklung der Wissenschaftlerin wird sich Alison nun auch körperlich materialisieren und soll einen ganzen Tag lang in der Vergangenheit bleiben.

Tatsächlich trifft Alison gleich nach ihrer Ankunft nicht nur auf Templetons Vorfahren, sondern auch auf eine Leiche. Der Mörder steht allerdings schon fest und ist auf der Flucht. Mit dem praktischen Vorteil für Alison, dass ein Zimmer in dem Haus, das Templeton als Pension an Künstler vermietet, frei ist. Das viktorianische Zeitalter ist für Alison ein Schock: Keine Heizung und kein Bad, dafür aber ein Nachttopf, der morgens in der Latrine im Hof entleert werden muss! Die Mitbewohner exzentrisch, teils auch verdächtig und das Essen stark gewöhnungsbedürftig. Einen Tag ließe sich das ja noch durchhalten, doch als Alison nach 24 Stunden durch die Pforte treten will, wie die Zeitreisen im Team genant werden, ist diese verschlossen.

Alison hängt in der Vergangenheit fest, doch in der Gegenwart ist es nicht weniger dramatisch: Finn steht unter Mordverdacht und braucht nicht nur mütterliche Unterstützung, sondern auch die Ermittlungsfähigkeiten seiner Mutter, da die Polizei nicht nach weiteren Tatverdächtigen zu suchen scheint.

Elly Griffith hat einen Krimi der etwas anderen Art mit exzentrisch-sympathischen Protagonisten und einer guten Portion britischen Humors geschrieben. Alison macht überraschende Entdeckungen, die eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart schaffen und die Frage aufwerfen, ob nicht noch weitere Zeitreise-Ermittlungen folgen könnten.

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Veröffentlicht am 31.01.2026

Schatten der Vergangenheit

Die weiße Nacht
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Dass Anne Stern historische Romane um starke Frauenfiguren und mit einer ordentlichen Würze Spannung kann, hat sie mit ihrer Reihe um die Hebamme Hulda Gold im Berlin der 1920-er Jahre bewiesen. Berlin ...

Dass Anne Stern historische Romane um starke Frauenfiguren und mit einer ordentlichen Würze Spannung kann, hat sie mit ihrer Reihe um die Hebamme Hulda Gold im Berlin der 1920-er Jahre bewiesen. Berlin ist auch die Kulisse einer neuen historischen Krimireihe, deren Auftaktband "Die weiße Nacht" ist. Diesmal führt Stern ihre Leser*innen allerdings in die Berliner Trümmerlandschaft des Jahres 1946.

Lou Faber, eine junge Fotografin, sucht die Ästhetik inmitten der Zerstörung. Wenn sie Glück hat, kann sie auch das eine oder andere Bild an eine Frauenzeitschrift verkaufen, aber wovon die - ursprünglich wohl großbürgerliche - junge Frau eigentlich ihr Einkommen bestreitet, bleibt letztlich unklar. Bei einer ihrer Fotorecherchen findet sie auf einem Trümmergrundstück die Leiche einer jungen Frau.

Die Tote ist ein Fall Kommissar Alfred König der Berliner Polizei, der in seinem beruflichen Umfeld teils mit Dilettanten, die im Schnellkurs zu Polizisten gemacht werden, zu tun hat, oder aber mit Beamten, die auch schon in Nazi-Deutschland bei der Polizei - und nur allzu oft auch in der NSDAP - waren. Auch König hat lange mitgemacht. Doch als er als Mitglied eines Polizeiregiments in Belarus an Massakern teilnehmen sollte, verweigerte er den Befehl und kam in Lagerhaft.

Auch Lou Faber, die einer der Weißen Rose nachempfundenen Widerstandsgruppe angehörte, wurde während des Krieges verfolgt. Doch anders als die meisten ihrer Freunde hat sie überlebt. König traut sie zunächst nicht, doch trotz gegenseitigen Widerwillens diskutieren sie den Fall, tauschen Hinweise aus und ermitteln gewissermaßen gemeinsam. Dabei kommt Lou der Wahrheit schneller näher, als sie ahnt.

Die Autorin hat wie bei ihren anderen Romanen wieder ausgiebig recherchiert - das Buch enthält zahlreiche historische Details und spiegelt die Atmosphäre eines bitterkalten Winters zwischen schnell verdrängter Vergangenheit und ungewisser Zukunft. Beim Lesen ahnt man früher als die Ermittler die Zusammenhänge zwischen Nazi-Verbrechen und einer Rache an damals Verantwortlichen.

Angesichts der vielen Mitläufer, Wegschauenden und Opportunisten im nationalsozialistischen Deutschland scheint es allerdings fast schon unglaubwürdig, dass sich hier gleich zwei Lichtgestalten zusammenfinden, die "Nein" gesagt haben. Die ganz überwiegende Mehrheit der Deutschen im Dritten Reich waren nun einmal keine Scholls oder von Moltkes. Und beim Umgang mit dem Thema Schuld, Verdrängung und Aufklärung hätte es vielleicht nicht geschadet, eine Hauptfigur mit mehr Ambiguität zu haben, auch wenn sie nicht die Sympathiepunkte eines Protagonisten aus dem Widerstand hat.

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