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Veröffentlicht am 28.06.2026

Der Flüsterwald und der Fluss der Sterne

Das geheime Buch der Flora Lea
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„Vor nicht allzu langer Zeit und nicht allzu weit entfernt gab und gibt es immer noch einen unsichtbaren Ort gleich hier bei uns.“ (S. 24) Mit diesen Worten beginnt eine fortlaufende, magische Geschichte, ...

„Vor nicht allzu langer Zeit und nicht allzu weit entfernt gab und gibt es immer noch einen unsichtbaren Ort gleich hier bei uns.“ (S. 24) Mit diesen Worten beginnt eine fortlaufende, magische Geschichte, die Hazel ihrer kleinen Schwester Flora Lea erzählt. Während des Zweiten Weltkriegs soll sie dem fünfjährigen Mädchen die Angst nehmen und wird für beide zu einem Zufluchtsort, in dem sie selbst die Hauptrollen spielen. Flora Lea ist erst fünf Jahre alt, Hazel bereits vierzehn und fühlt sich seit jeher für ihre Schwester verantwortlich. Als die beiden im September 1939 im Rahmen der Operation Rattenfänger aus London aufs vermeintlich sichere Land evakuiert werden, wird die Geschichte zu Floras Anker.
Die Schwestern kommen bei Bridie Aberdeen und ihrem Sohn Harry unter, die in einem idyllischen Cottage voller Bücher leben. Tag für Tag spinnt Hazel die Geschichte weiter, erfindet neue Abenteuer und lässt die Umgebung des Cottages darin lebendig werden. Deshalb warnt sie Flora immer wieder eindringlich davor, dem Fluss zu nahe zu kommen. Doch eines Tages verschwindet Flora ausgerechnet dort beim Spielen – und Hazel gibt sich die Schuld.

„Selbst wenn sie sich dessen nicht bewusst war, suchte ihr Herz ständig ihre Umgebung ab auf der Suche nach etwas, das ihr den Weg zu Flora zeigen würde.“ (S. 38) 20 Jahre später arbeitet Hazel in einem Buchladen und entdeckt unter den Neuerscheinungen „Der Flüsterwald und der Fluss der Sterne“. Es ist genau die Geschichte, die sie Flora damals erzählt hat und die sonst niemand kennen dürfte. Hazel ist wie elektrisiert. Hat sie all die Jahre recht gehabt und Flora ist gar nicht ertrunken? Könnte die Autorin Peggy Andrews sogar ihre Schwester sein? Hazel setzt alles auf eine Karte, riskiert ihren Job und ihre Beziehung zu ihrem Freund und begibt sich auf die Suche nach der Wahrheit. Dabei muss sie sich ihrer Vergangenheit stellen und ihre eigenen Erinnerungen hinterfragen.

„Das geheime Buch der Flora Lea“ ist eine poetische Geschichte voller Magie über Geschwisterliebe und Familie, Zusammenhalt und Verantwortung, Verlust und Trauer – vor dem Hintergrund der Evakuierung der Londoner Kinder aufs Land. Hazel hat sich immer für ihre kleine Schwester verantwortlich gefühlt und nach dem Tod ihres Vaters ihre Mutter bei deren Betreuung unterstützt. Nur ein einziges Mal gönnt sie sich einen Moment der Unachtsamkeit, und ausgerechnet da verschwindet Flora spurlos. Hazel macht sich nicht nur dafür verantwortlich, sondern hört auch nie auf, nach ihrer Schwester zu suchen, obwohl niemand ihren Hoffnungen Glauben schenkt. Dafür opfert sie ihre erste Liebe und hört auf, sich Geschichten auszudenken, als wäre mit Flora auch ihre Fantasie verschwunden. Unbewusst bestraft sie sich selbst für deren Verschwinden.

Patti Callahan Henry erzählt die Geschichte fast ausschließlich aus Hazels perspektive und verknüpft dabei zwei Zeitebenen miteinander. Das Auftauchen des Buches gibt Hazel endlich den Mut und den Anstoß, noch einmal nach Flora zu suchen. Gleichzeitig muss sie aufpassen, sich nicht in der Vergangenheit und ihren Sehnsüchten zu verlieren.

Besonders gefallen hat mir die „Buch-im-Buch“-Idee. Gemeinsam mit Hazel und Flora konnte ich in die magische Welt des Flüsterwalds fliehen und für eine Weile den bedrückenden Alltag hinter mir lassen.

Die Autorin beschreibt sowohl den Flüsterwald und den Fluss der Sterne als auch die realen Schauplätze sehr bildhaft. Liebenswerte Figuren, eine sehnsuchtsvolle Geschichte und ein berührendes Thema über Selbsterkenntnis, Schuld und Vergebung machen diesen Roman zu einer emotionalen Lektüre.

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Veröffentlicht am 25.06.2026

Einer liebt immer mehr

People in Love
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„Ihr seid meine beiden Lieblingsmenschen. Aber seit du wieder da bist, habe ich das Gefühl, du erwartest von mir, dass ich mich… zwischen euch entscheide.“ (S. 216)
Nora und Robin sind seit 9 Jahren ein ...

„Ihr seid meine beiden Lieblingsmenschen. Aber seit du wieder da bist, habe ich das Gefühl, du erwartest von mir, dass ich mich… zwischen euch entscheide.“ (S. 216)
Nora und Robin sind seit 9 Jahren ein Paar. Obwohl Nora stets betont hat, niemals heiraten zu wollen, sagt sie Ja, als Robin plötzlich mit einem Ring vor ihr steht. Eigentlich wünschen sich die beiden nur eine kleine Hochzeit, doch Robin verliert sich zunehmend in der Planung, sodass das Fest immer größere Dimensionen annimmt.
Zu ihrer Verlobungsparty lädt Nora auch ihren besten Freund Bren ein, der seit 12 Jahren nicht mehr zu Hause war und seitdem als Work-and-Travel-Reisender um die Welt zieht. Sie rechnet nicht einmal damit, dass er ihre E-Mail liest. Eine Antwort bleibt tatsächlich aus – bis Bren plötzlich vor ihrer Tür steht.

Nora und Robin sind mit ihrem Leben zufrieden. Gemeinsam mit einer Freundin führt Nora erfolgreich ein Kunstcafé, während Robin als freier Fotograf viel unterwegs ist. Ihre Beziehung ist eingespielt und harmonisch; beide kennen die Vorlieben, Bedürfnisse und Eigenheiten des anderen und nehmen Rücksicht darauf. Es ist keine lodernde, alles verzehrende Leidenschaft, sondern eine ruhige und verlässliche Partnerschaft – bis Brens Rückkehr dieses Gleichgewicht ins Wanken bringt.
Denn Bren ist das genaue Gegenteil von ihnen. Rastlos zieht er von Ort zu Ort, immer auf der Suche nach neuen Abenteuern, Bekanntschaften und Gelegenheitsjobs. Er geht keine festen Bindungen ein, hält selbst zu seiner Mutter nur sporadischen Kontakt. Lediglich mit Nora hat er über die Jahre hinweg gelegentlich E-Mails ausgetauscht, ohne jedoch Einblicke in sein tatsächliches Leben zu gewähren. Noch immer scheint er in der Vergangenheit festzustecken. Er war stets in Nora verliebt, obwohl zwischen ihnen nie mehr als Freundschaft bestand – nicht einmal ein Kuss. Auch jetzt ist er überzeugt, dass Nora sich letztlich für ihn entscheiden und mit ihm auf Reisen gehen wird.
Nora gerät zunehmend zwischen die Fronten. Sie liebt ihr Leben und Robin, doch Bren verkörpert das Ungebundene und Aufregende, das sie gleichzeitig fasziniert und verunsichert.

Nach Claire Daverleys letztem Buch „Vom Ende der Nacht“ waren meine Erwartungen an „People in Love“ entsprechend hoch. Leider konnte der Roman diese nicht vollständig erfüllen. Die Handlung war für mich über weite Strecken zu vorhersehbar, auch wenn einige überraschende Wendungen und eine nur sehr behutsam angedeutete Dreiecksgeschichte für Spannung sorgten. Zudem empfand ich das Drama stellenweise als überzogen, und viele Gedanken und Gefühle wurden mehrfach wiederholt. Im Mittelpunkt stehen die Aufarbeitung der Vergangenheit, Missverständnisse sowie unterschiedliche Vorstellungen und Erwartungen an Liebe und gemeinsame Zukunft – Themen, die durchaus interessant sind, deren Umsetzung mich jedoch nicht durchgehend überzeugen konnte.

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Veröffentlicht am 18.06.2026

Der Puzzle-Killer

Der Tod hat einen langen Atem
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„Hoffentlich erkennt uns niemand.“ (S. 6) denken die Kommissare Peer Pedes und seine Kollegin Stephanie Kramer, als sie die Berliner Pride Parade mit einem grünen Elektro-Golfcart anführen müssen. Doch ...

„Hoffentlich erkennt uns niemand.“ (S. 6) denken die Kommissare Peer Pedes und seine Kollegin Stephanie Kramer, als sie die Berliner Pride Parade mit einem grünen Elektro-Golfcart anführen müssen. Doch schon im nächsten Moment ist das peinliche Auto ihr kleinstes Problem: Auf einer Verkehrsinsel steht ein einsamer Laufschuh, in dem noch ein sauber abgetrennter Fuß steckt.
Während die Ermittlungen anlaufen, findet ausgerechnet die jungen Ukrainerin Uli, die Peer bereits zweimal als V-Frau eingesetzt hat, einen Unterarm in der Nähe des Görlitzer Parks. Und das bleibt nicht das letzte Körperteil. Nach und nach wird klar, dass der Täter die Leichenteile entlang des bald stattfindenden Mauerweglaufs auslegt, eines Ultramarathons über 100 Meilen bzw. 161 Kilometern entlang der ehemaligen Berliner Mauer. Der Mauerweglauf ist dabei nicht nur eine sportliche Herausforderung: Er verläuft entlang des ehemaligen Grenzstreifens und erinnert an die Opfer der Berliner Mauer, was den Verbrechen des Täters eine besonders beklemmende und politisch aufgeladene Dimension verleiht.
Schnell gerät ein Journalist ins Visier der Ermittler, weil er „zufälligerweise“ immer wieder an den Fundorten auftaucht. Oder bekommt der seine Informationen von einem Maulwurf aus ihrem Team? Peers Kollege Koslowski verdächtigt stattdessen einen der Ultramarathonläufer, den Sohn eines Maueropfers. Zwischen beiden Ermittlern entwickelt sich ein ehrgeiziger Wettstreit. Aber sind sie wirklich auf der richtigen Spur? Plötzlich fordert der Täter Peer persönlich heraus: Schafft er den Mauerweglauf nicht innerhalb einer bestimmten Zeit, wird erneut jemand sterben.

Auch der dritte Teil der Reihe hat mir wieder ausgesprochen gut gefallen. Ich mag das hohe Tempo der Fälle und die Tatsache, dass Peer immer wieder an seine physischen und psychischen Grenzen gehen muss. Diesmal muss er völlig unvorbereitet einen Ultramarathon absolvieren – zum Glück ist seine Mutter auf nahezu jeden sportlichen Notfall vorbereitet. „… wahnsinnig viel Lauferei für wenig Ruhm und Geld. Das muss man wirklich mögen.“ (S. 85)
Peers Intimfeind und Konkurrent Koslowski sorgt für eine echte Überraschung und unterstützt ihn auf eine Art und Weise, vor der man nur den Hut ziehen kann. Auch Uli bringt Peer zum Staunen. Sie möchte nicht länger nur Peers inoffizielle V-Frau sein, sondern Polizistin werden, und stellt wiedermal eigene Ermittlungen an. Stefanie hält Peer wie gewohnt den Rücken frei, übernimmt Recherchen – inzwischen mithilfe ihres besten Freundes Chat-GPT – und hilft ihm auch dabei, den Mauerweglauf durchzuhalten.

Peers unbedingter Wille, nicht aufzugeben, habt mich erneut beeindruckt. Ich liebe die gelungene Mischung aus Krimi, Humor und Trainingsanleitung und bin schon jetzt gespannt, welcher sportlichen Herausforderung sich Peer im nächsten Fall stellen muss.

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Veröffentlicht am 15.06.2026

Sommererinnerungen auf Amrum

Der Geschmack von Sommer und Karamell
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„Ich habe gelernt, dass Schweigen oft einfacher ist. Aber mit der Zeit wiegt es doch schwerer als Reden …“ (S. 261) Ella arbeitet als freiberufliche Illustratorin für Kinderbücher, doch ausgerechnet jetzt ...

„Ich habe gelernt, dass Schweigen oft einfacher ist. Aber mit der Zeit wiegt es doch schwerer als Reden …“ (S. 261) Ella arbeitet als freiberufliche Illustratorin für Kinderbücher, doch ausgerechnet jetzt sind ihr die Ideen ausgegangen. Für ihren neuesten Auftrag fehlt der zündende Einfall. Deshalb sagt sie sofort zu, als ihre Oma Henny sie bittet, sie für zwei Wochen nach Amrum zu begleiten. Dort feiert ein alter Freund Geburtstag und hat sie als Überraschungsgast für seine Frau eingeladen. Bereits auf der Überfahrt erfährt Ella, dass ihre Oma als Kind mehrere Sommer zur Kur auf Amrum verbracht und sich dort mit den beiden angefreundet hat. Später verbrachte sie ihre Ferien auf der Insel. Was damals alles passiert ist, erzählt sie Ella nach und nach während ihres Aufenthaltes.

Anne Barns hat mich erneut nach Amrum entführt und tief in die bewegende Geschichte der Freundschaft zwischen Henny und Tinne eintauchen lassen. Gemeinsam erleben die beiden unbeschwerte Sommertage in den Dünen inkl. Waffelbacken über offenem Feuer, ersten Schwärmereien, Liebeskummer und Zukunftsträumen – bis der Kontakt schließlich abbricht.
Als Henny jetzt auf die Insel zurückkehrt, werden die Erinnerungen wieder lebendig. Ella trägt ihren eigenen Schmerz mit sich herum. Nach der Schule wanderte ihre damalige beste Freundin nach Schottland aus, und jetzt hat die nächste sie plötzlich aus ihrem Leben ausgeschlossen. Das wirkt sich auch auf ihre Kreativität auf.
Auf Amrum findet Ella endlich die Ruhe, die ihr lange gefehlt hat, Sie sammelt neue Eindrücke, kocht Scottish Tablet Karamell nach einem alten Rezept und lässt sich von der Natur zu neuen Bildern inspirieren.
Sie lernt Julia, Maren und deren Tochter Leni kennen, die einst wie sie für einen Urlaub nach Amrum gekommen und der Liebe wegen geblieben sind. Darüber hinaus verbindet die drei eine Vorliebe für Süßes: Maren und Leni verkaufen in ihrem kleinen Café köstliche Windbeutel, während Julia, wenn sie nicht gerade in der Buchhandlung arbeitet, Nougat herstellt. Leserinnen von Anne Barns werden sich wie ich über das Wiederlesen mit den Protagonistinnen aus „Der Duft von Kuchen und Meer“ und „Der Klang von Wind und Wellen“ freuen.
Und wer weiß, vielleicht verlieben sich Henny und Ella nicht nur in die Insel, sondern finden dort auch ihr persönliches Glück?

In den Büchern von Anne Barns erlebe ich die Nordsee und insbesondere Amrum immer wieder aufs Neue. Ich mag ihren atmosphärischen, leicht nachdenklichen Schreibstil und schätze es, dass sie selbst ernste oder traurige Themen stets mit Hoffnung und Zuversicht verbindet.
Besonders gern lese ich die Familiengeschichten und Geheimnisse, die sich in einer zweiten Zeitebene entfalten und den Romanen zusätzliche Tiefe verleihen.

Für mich ist „Der Geschmack von Sommer und Karamell“ das perfekte Buch für eine kleine Auszeit im Strandkorb, auf dem Balkon oder gemütlich auf der heimischen Couch. Ein Roman, der ans Meer träumen lässt und garantiert Lust macht, Karamell zu kochen und das Waffeleisen wieder aus dem Schrank zu holen.

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Veröffentlicht am 15.06.2026

Für Fans von Sophies Welt

Die Mitternachtsreise
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„Der Mitternachtszug bietet dir die Gelegenheit, dein eigenes Leben im Rückblick so wahrheitsgemäß wie möglich zu beurteilen. Sodass du dich, wenn du in die Ewigkeit eingehst, selbst ganz und gar verstehst.“ ...

„Der Mitternachtszug bietet dir die Gelegenheit, dein eigenes Leben im Rückblick so wahrheitsgemäß wie möglich zu beurteilen. Sodass du dich, wenn du in die Ewigkeit eingehst, selbst ganz und gar verstehst.“ (S. 73)
Wilbur ist 81 Jahre alt, als er stirbt, und sein Leben ganz anders verlaufen, als er es sich einst vorgestellt hatte. E wurde zwar viel erfolgreicher, als er je zu träumen gewagt hätte, doch der berufliche Erfolg hatte seinen Preis: Er stellte seine Arbeit über seine große Liebe Maggie und wurde mit den Jahren immer einsamer.
Zu seinem Erstaunen endet mit dem Tod jedoch nicht alles. Stattdessen findet er sich auf einem verlassenen Bahnsteig im Nirgendwo wieder, mit einer Fahrkarte für den Mitternachtszug. Außerdem ist er plötzlich wieder jung und fühlt sich lebendiger als seit Jahrzehnten. Eine weitere Überraschung ist seine Zugbegleiterin: Agnes Bagdale, in deren Buchhandlung er als Kind sehr viel Zeit verbracht hat. Gemeinsam reisen sie noch einmal durch die wichtigsten Stationen seines Lebens, die besonders schönen, aber auch besonders traurigen. Dabei wird Wilbur zunehmend klar, welche Entscheidungen ihn auf seinen Lebensweg geführt haben und welche Fehler er gemacht hat. Eigentlich darf er sein jüngeres Ich nur beobachten, doch gegen Agnes’ ausdrücklichen Rat versucht er, Einfluss auf die Vergangenheit zu nehmen. Aber was geschieht, wenn er tatsächlich etwas verändert? Welche Auswirkungen hätte das auf seine Gegenwart und auf die Menschen, die sein Leben geteilt haben?

„Welche Ironie, dass man nur einen Augenblick braucht, um zu sterben, aber ein ganzes Leben, um zu lernen, wie man lebt.“ (S. 210) „Die Mitternachtsreise“ hat mich sehr an „Sophies Welt“ erinnert. Matt Haig beschäftigt sich mit philosophischen Fragen wie: Was ist Realität? Was ist Zeit? Wie sollte man sein Leben führen? Welche Entscheidungen bereut man, und welche Konsequenzen muss man tragen? Dabei regt er immer wieder dazu an, über das eigene Leben und die eigenen Prioritäten nachzudenken.

Die Handlung verläuft bewusst ruhig. Während der Zugfahrt zieht Wilburs Leben außen an den Fenstern vorbei; an den entscheidenden Wegmarken steigen er und Agnes aus, um die Ereignisse nochmal mitzuerleben. Dabei gelten klare Regeln: Wilbur darf nicht eingreifen, keinen Kontakt aufnehmen und nicht anwesend sein, wenn sein jüngeres Ich schläft. Doch je deutlicher ihm seine Versäumnisse und Fehlentscheidungen vor Augen geführt werden, desto stärker wird sein Wunsch, die Vergangenheit zu korrigieren.

Das Buch ist melancholisch, aber zugleich warmherzig und hoffnungsvoll. Es lädt dazu ein, über verpasste und zweite Chancen, über Liebe und Familie, Freundschaft und Zusammenhalt nachzudenken. „Vielleicht will jeder von uns einfach irgendwo dazugehören. Und ich glaube, … das Traurige an den Menschen ist, dass man, um dazuzugehören, immer irgendwo jemanden ausschließen muss.“ (S. 180)

Besonders gefallen hat mir die Entwicklung, die Wilbur im Laufe der Geschichte durchmacht. Obwohl ihm schon zu Lebzeiten bewusst war, welche Fehler er begangen hatte, versteht er erst im Rückblick wirklich, an welchen Weggabelungen er falsch abgebogen ist und welche Entscheidungen sein Leben nachhaltig geprägt haben. Seine Erkenntnisse wirken glaubwürdig und berührend.

Wer philosophische Gedankenspiele, eine Prise Magie und Geschichten über die großen Fragen des Lebens mag, wird sich auf diese Reise gerne einlassen. Für mich ist „Die Mitternachtsreise“ eine nachdenkliche und emotionale Lektüre, die noch lange nach dem Zuklappen des Buches nachwirkt.

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