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Veröffentlicht am 24.10.2019

Und wenn sie nicht gestorben sind

Todesmärchen
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„Ich bilde mir sicher nicht zu viel ein, wenn ich behaupte, mich in jedes noch so kranke Gehirn hineinversetzen zu können. Mit der Methode, die ich entwickelt habe, war ich bisher jedem noch so genialen ...

„Ich bilde mir sicher nicht zu viel ein, wenn ich behaupte, mich in jedes noch so kranke Gehirn hineinversetzen zu können. Mit der Methode, die ich entwickelt habe, war ich bisher jedem noch so genialen Mörder überlegen. Bis auf einen.“

Inhalt

Maarten S. Sneijder wird von seinem alten Bekannten und Kollegen Rudolf Horowitz angeheuert, weil dieser zu einem Tatort gerufen wird, der ihn viel zu sehr an eine fünf Jahre vergangene Mordserie erinnert, bei dem er selbst so schwer verletzt wurde, dass er seitdem im Rollstuhl sitzt. Damals haben Horowitz und Sneijder den Serienmörder Piet van Loon zur Strecke gebracht, der nun in einer psychologischen Sicherungshaftanstalt einsitzt und rein logisch betrachtet, nicht wieder der Täter sein kann. Aber wer auch immer, die Mordserie nachahmt, scheint ähnlich genial wie Piet zu agieren oder gar in dessen Auftrag unterwegs zu sein. Doch den Mörder von damals und Maarten S. Sneijder verbindet noch viel mehr als ein Katz-und-Maus-Spiel in der Vergangenheit. Deshalb will der grantige Profiler, die neue Mordserie schnellstmöglich aufklären, zumal die Opfer ihm allesamt persönlich bekannt sind und es sich dabei um Menschen handelt, mit denen er auf Kriegsfuß steht. An seiner Seite ermittelt die junge BKA Angestellte Nemez, die einst Sneijders Studentin war und eine herausragende Größe ihres Jahrgangs. Schon bald entdeckt Sabine Nemez Ungereimtheiten und ahnt, das Sneijder weder die ganze Wahrheit sagt, noch den wahren Hintergrund beleuchtet, in dem er selbst keine unwesentliche Rolle spielt …

Meinung

Der österreichische Bestsellerautor Andreas Gruber thematisiert in seinem 3. Band der Sneijder/ Nemez Reihe die Märchen von Hans Christian Andersen, denn alle Ermordeten fallen einer regelrechten Inszenierung zum Opfer, bei der sich der Bezug zum jeweiligen Märchen problemlos herstellen lässt. Nachdem das Ermittlerduo diesen Knackpunkt gefunden hat, können sie sich bestmöglich auf Mörderjagd begeben, weil sie wissen, nach was sie Ausschau halten müssen. Die grundlegende Idee zu diesem Thriller gefällt mir sehr gut, die Umsetzung jedoch finde ich weniger gelungen. Mein Hauptkritikpunkt an dieser Stelle ist der Gesamtaufbau des Thrillers, denn ich hatte das Gefühl zu Vieles ist nur konstruiert, zu unrelevant sind die einzelnen Verbindungslinien und auch das Spannungsniveau steigt erst nach gut der Hälfte des Buches etwas an, während sich die Ereignisse am Ende regelrecht überschlagen und nicht minder gewollt erscheinen.

Es missfällt mir zum Beispiel, dass die Vergangenheitsgeschichte immer wieder eingeflochten wird, ohne dass man die direkte Verbindung erkennt. Ebenso fragwürdig empfand ich die inhaltlichen Ausflüge in den Hochsicherheitstrakt der psychiatrischen Einrichtung für Schwerverbrecher, denn nur ein Bruchteil der Ereignisse dort spielen für die Geschichte eine wichtige Rolle.

Und auch das Ermittlerduo Sneijder/ Nemez erfüllt nicht wirklich meine Ansprüche, denn die Hauptprotagonisten sind nicht nur eigenwillige Charaktere, die man nur schwer mögen kann, ihre Zusammenarbeit ist auch aufgezwungen und nicht frei von Lügen und Halbwahrheiten. Doch das Geflecht insgesamt hat mich stellenweise ziemlich gelangweilt und es ist müßig, nicht nur die Delikte zu hinterfragen, sondern auch noch die Menschen, die eine zentrale Rolle spielen.

Fazit

Ich vergebe gut gemeinte 3 Lesesterne, die inhaltlich eher abzurunden sind, während mir der Schreibstil doch ganz gut gefällt. Da ich dieses Jahr bereits einige Bücher aus der Feder des Autors gelesen habe, möchte ich behaupten, dies ist eines seiner schlechteren Werke, denn es fehlt mir der Bezug zum Hauptgeschehen. Trotz der Tatsache, dass es sich hier um einen äußerst persönlichen Fall handelt, der noch dazu extreme Konsequenzen nach sich zieht, bin ich am überlegen, ob ich diese Reihe weiterverfolge oder eher nicht. Für einen Spannungsroman bleibt er definitiv hinter meinen Erwartungen zurück, ein Pluspunkt ist vielleicht noch die psychologische Komponente im Mittelteil, bei dem der Leser einige Einblicke in den Kopf eines Serienmörders bekommt. Für echte Fans sicherlich lesenswert, andernfalls kann man darauf verzichten.

Veröffentlicht am 14.10.2019

Mädchen sind so

Der Sommer meiner Mutter
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„Natürlich wollte ich, dass sich die Wünsche meiner Mutter erfüllten, aber nicht, dass sich etwas an meinem Leben änderte. Und ich ahnte, dass beides zusammen vielleicht nicht möglich sein würde.“

Inhalt

Tobias ...

„Natürlich wollte ich, dass sich die Wünsche meiner Mutter erfüllten, aber nicht, dass sich etwas an meinem Leben änderte. Und ich ahnte, dass beides zusammen vielleicht nicht möglich sein würde.“

Inhalt

Tobias Ahrens ist im Sommer 1969 fast 12 Jahre alt und ein großer Fan der bemannten Raumfahrt. Für ihn gibt es nichts Schöneres als gebannt die Fernsehbilder zu verfolgen, die sich rund um den Start der Raumfähre Apollo 10 drehen. Die neuen Nachbarn, Familie Leinhardt, haben eine Tochter die nur ein Jahr älter als Tobias ist und nach und nach freunden sich die Heranwachsenden an. Ebenso wie ihre Eltern, die sich nun öfters zu Grillabenden treffen. Während Uschi und Wolf Leinhardt bekennende Kommunisten sind und großes politisches Interesse zeigen, geht es bei Familie Ahrens eher gutbürgerlich zu. Egal ob es das Essen, die Kleidung oder der Musikgeschmack sind, die Leinhards sind eben ein bisschen verrückt und definitiv ganz anders. Für Tobias eine aufregende Zeit, denn er entdeckt nicht nur sein Interesse fürs weibliche Geschlecht, nein, er nimmt plötzlich auch wahr, wie sich sein konservatives Elternhaus öffnet und vor allem seine Mutter immer mehr in den Bann der neuen Nachbarn gerät. Doch der Streit in den eigenen vier Wänden bleibt nicht aus und der Junge muss sich damit auseinandersetzen, dass sich seine Eltern immer öfter streiten und mehr aus dem Weg gehen. Er ahnt, dass sein harmonisches Familienidyll immer weiter ins Hintertreffen gerät und viele Neuerungen anstehen, doch damit möchte Tobi eigentlich gar nichts zu tun haben …

Meinung

Der freie Schriftsteller Ulrich Woelk wurde mit diesem Roman für die Longlist des deutschen Buchpreises 2019 nominiert und widmet sich dem Thema Erwachsenwerden, in Hinblick auf vielerlei emotionale Veränderungen, nicht nur im Bereich der Identitätsfindung sondern auch im Zusammenspiel und dem Funktionieren einer Familieneinheit, deren Weltbild durch äußere Einflüsse dramatisch verändert wird.

Tobias, der Ich-Erzähler ist wunderbar getroffen, ein Junge, der sich auf der Schwelle zum Mann-Sein befindet und der normalerweise in einer intakten Welt lebt und dort gerne noch ein bisschen geblieben wäre. Doch die „Mädchen“ machen es ihm unmöglich, so isoliert weiterzuleben, wie bisher. Nicht nur die ersten kleinen Liebeserlebnisse zwischen ihm und Rosa, der Tochter der Nachbarsfamilie bringen sein Gefühlsleben durcheinander, sondern auch das Zerbrechen der Elternbilder, die er bisher kannte. Plötzlich kauft seine Mutter Jeans und besucht Demonstrationen, während sein Vater gezwungen ist, das Abendessen zuzubereiten. Auch die politischen Impressionen, die er zwar nicht versteht, aber doch sehr genau wahrnimmt, lassen ihn zweifeln. Doch noch bevor er alles in eine gewisse Ordnung bringen kann, schlägt das Schicksal zu und er muss damit leben, dass seine Kindheit nun endgültig vorbei ist und seine Erfahrungen ganz andere Dimensionen erreichen.

Sprachlich fällt dieser Roman eher in die Kategorie leichte Lektüre, wobei die kindliche Erzählperspektive sehr gut getroffen wurde. Der Geschichte fehlt es nicht an Unterhaltungswert und sie entwirft ein stimmiges Bild ihrer Zeit und ebenso das der Adoleszenz, doch mangelt es ihr an etwas Besonderem, etwas was sich nachhaltig einprägt und zum Nachdenken anregt. Emotional trifft sie nicht ganz meinen Nerv, vor allem der letzte Teil der Erzählung, hätte gerne eine höhere Gefühlsdichte haben dürfen. Denn wenn Tobias als Erwachsener immer noch so sachlich und einfach gestrickt ist, wie als Teenager, dann muss seine Entwicklung irgendwo stagniert haben und leider, kann man das nur bedingt auf den Schicksalsschlag zurückführen, den er erlebt hat.

Fazit

Ich vergebe gute 4 Lesesterne für einen entspannten Wohlfühlroman, der einfach ein stimmiges Bild in der Gesamtheit bietet. Wenn man nicht zu anspruchsvolle Lektüre erwartet, sondern einfach eine interessante Story sucht, passt dieser Roman wunderbar. Sein großes Plus: Wie denkt ein Jugendlicher, der fast noch ein Kind ist, wenn sich sein Umfeld grundlegend verändert. Und welchen Einfluss die Eltern mit ihren Handlungen tatsächlich auf ihr Kind haben, bzw. welchen nicht. Etwas mehr Tiefgang und Gefühlsdichte hätte ich mir dennoch gewünscht, denn so blieb gerade das Schicksal von Tobias Mutter, die dem Roman seinen Titel gab, etwas unbedeutend und fragwürdig.

Veröffentlicht am 14.10.2019

Alle Straßen gehörten ihm, doch er ging nirgendwo hin

Das Haus aus Stein
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„Ich war in ein endloses, einziges Jetzt gepfercht, sein Stundenzeiger war abgefallen und sein Minutenzeiger drehte sich sinnlos im Kreis. Die Stunden waren blutig gepeitscht worden und vermochten ihre ...

„Ich war in ein endloses, einziges Jetzt gepfercht, sein Stundenzeiger war abgefallen und sein Minutenzeiger drehte sich sinnlos im Kreis. Die Stunden waren blutig gepeitscht worden und vermochten ihre schwere Last nicht mehr zu tragen, keinen Schritt mehr vor und zurück zu tun, die Zeit nicht mehr von der Stelle zu bewegen.“

Inhalt

Wen es einmal in das Haus aus Stein verschlägt, der kommt nicht mehr zurück in die Welt der Unbedarften, der Optimisten, der Menschen, die nach jedem schlechten Tag einen neuen, besseren erwarten. Denn sämtliche Vorstellungen von einer Sinnhaftigkeit und einer tieferen Bedeutung des eigenen Lebens werden nach und nach ausgelöscht. Bei jedem, der die Mauern des Gefängnisses von innen gesehen hat und irgendwann die Mauern desselben Gebäudes von außen, gibt es keine Hoffnung mehr. Der Körper, die Hülle ist noch da, der Inhalt aber unwiederbringlich zerstört. Alles wird seltsam unbedeutend, Neuanfänge scheinen sinnlos und auch die Hoffnung wieder so zu werden, wie man einmal war, ist zwischen den grauen Mauern versickert …

Meinung

So klein und unscheinbar dieser Roman aus der Feder der türkischen Autorin Asli Erdoğan auch ist, so zentnerschwer und bedrückend wirkt sein Inhalt. Es ist ein tiefsinniger, umwälzender Roman, der weder gefallen möchte, noch restloses Verständnis erzwingt, vielmehr initiiert er weitreichende Gedankengänge des Lesers, der hier einen wunderbar anspruchsvollen, literarischen Text in den Händen hält, dem man sich aus diversen Perspektiven nähern kann.

Die Bewältigung eines Gefängnisaufenthalts ist einerseits sehr generalistisch und nachvollziehbar beschrieben und greift doch, sobald man die Vorgeschichte der Autorin kennt und das Nachwort gelesen hat, ganz persönlich in das Leben der Beteiligten ein. Interessant auch der Aspekt der Schuld bzw. Nichtschuld der Gefangenen. Denn seltsamerweise kommt diese Erzählung ganz ohne die Begriffe des Rechts oder Unrechts aus.

Es geht auch nicht darum, etwas zu erklären und es schönzureden, nein vielmehr konzentriert sich der Inhalt auf die Zersetzung des menschlichen Glaubens an irgendetwas, an einen Gott, an einen Menschen oder auch an das System – nur durch die Schilderung einer unbestimmten Abfolge der stets gleichen Sinnlosigkeit und Lethargie – begrenzt durch Mauern aus Stein.

Dennoch wird deutlich, wie die Gefangenen behandelt werden, das Folter als eine der vielen grausamen menschlichen Methoden angewandt wird, um die Insassen zu brechen. Und letztlich zielt der Inhalt vor allem auf den Schaden ab, den die Seele erleidet, ganz egal, was der Körper aushalten kann oder nicht.

Für diesen Roman muss man sich Zeit nehmen, er zwingt dazu aufmerksam zu lesen, gerade weil er kein klassischer Unterhaltungsroman ist, sondern eher eine philosophische Auseinandersetzung mit der Thematik und außerdem entwirft er so zahlreiche sprachliche Bilder, dass man geradezu aufgefordert wird, den Text reflektierend zu betrachten. Auch ein mündlicher Austausch über das Gelesene bietet sich hier an und ich könnte mir gut vorstellen, eine derartige Lektüre in einem Lesekreis aufzugreifen und sie in der Gruppe zu besprechen.

Fazit

Ich vergebe hochachtungsvolle 4 Lesesterne, für diesen weder leichten noch herkömmlichen Text, der intensiv und reflektierend das Unausgesprochene benennt und die Emotionen des Lesers wachrüttelt. Der ungewöhnliche Aufbau und die Fähigkeit sowohl distanziert als auch betroffen zu wirken und dem Text durch Wiederholungen, Metaphern und Leerstellen eine derartige erzählerische Dichte zukommen zu lassen, hat mir ausgesprochen gut gefallen. Sicherlich kein Buch für jedermann und irgendwie auch sehr speziell. Doch wenn man etwas sucht, was so direkt nicht zu beschreiben ist, wenn man auf die Grundsätze des menschlichen Daseins zurückgeführt werden möchte, dann sollte man unbedingt zu diesem Buch greifen. Ein Roman, der nachhallt und das Prädikat „besonders“ verdient.

Veröffentlicht am 14.10.2019

Diktaturen, die von innen bröckeln

Die Zeuginnen
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„Ist unsere Mutter die Frau, die uns zur Welt bringt, oder ist es die, die uns am meisten von allen liebt?“

Inhalt

Tante Lydia schreibt als Hologramm vom Hause Ardua an den geneigten Leser und lässt ...

„Ist unsere Mutter die Frau, die uns zur Welt bringt, oder ist es die, die uns am meisten von allen liebt?“

Inhalt

Tante Lydia schreibt als Hologramm vom Hause Ardua an den geneigten Leser und lässt ihn teilhaben an den inneren Verstrickungen des Staates Gilead, den sie selbst als eine der Gründerinnen mit aufgebaut hat. Doch die Gegenwart macht deutlich, dass es in Gilead mächtig brodelt, dass immer mehr Menschen, diesen totalitären Staat boykottieren oder daraus flüchten, kaum jemand glaubt wirklich noch an das was gepredigt wird. Und Tante Lydia ist sich dessen bewusst, das sie nicht nur als eine mächtige Frau in die Geschichte Gileads eingehen möchte, sondern auch in dessen Untergang – das soll ihre ganz persönliche Rache werden und die muss gut geplant werden. Mittel zum Zweck sind dabei die beiden jungen Frauen Nicole und Agnes. Erstere ist als Baby aus Gilead entführt worden und lebte seitdem in Kanada unter dem Schutz einer Geheimorganisation, zweitere ist in Gilead aufgewachsen und möchte sich nun als eine Anwärterin auf die Rolle einer Tante profilieren. Doch Tante Lydia kennt das Geheimnis dieser beiden Frauen und nutzt ihr Wissen und alle Verbindungen, um zum entscheidenden Dolchstoß gegen das Terrorregime auszuholen …

Meinung

Über 30 Jahren nach dem Erscheinen des Klassikers „Der Report der Magd“ möchte die kanadische Autorin Margaret Atwood die Geschichte des Staates Gilead weitererzählen, doch diesmal wählt sie nicht die enge Perspektive einer direkt Betroffenen, die hilflos dem Terrorregime ausgesetzt ist, sondern sie etabliert mehrere Erzählstimmen, die umso besser das System und seine Funktionsweise beleuchten. Während mir „Der Report der Magd“ sehr düster und beklemmend erschien, dominiert in ihrem neuen Buch eine gewisse Aufbruchstimmung, die sprachlich zwar nicht ganz so literarisch umgesetzt wird, dafür aber viel moderner und spannender geschrieben wurde.

Ein besonderes Augenmerk wird auf die Gestaltung der Erzählung gelegt, so richtet sich die einzige Mitverantwortliche Lydia als eine starke aber ambivalente Protagonistin direkt an den Leser, indem sie bis ins kleinste Detail ausführt, wer welche Machtposition erfüllt und wie sie geschützt wird. Ganz deutlich wird außerdem, welche inneren Gefahren dem Reich drohen und das Gilead ein Pulverfass ist, welches eines Tages mit einem großen Knall zerfallen wird. Und ihre Intrigen, Geheimnisse und Ränkespiele werden diesen Ort mit all seinen Fesseln sprengen. Die beiden jungen Frauen Nicole und Agnes die wechselseitig in Zeugenaussagen ihre persönlichen Erlebnisse schildern, runden das Gesamtbild ab und führen den Leser durch den Verlauf der Geschichte.

Besonders imponiert hat mir dieser etwas andere Blick auf Gilead, weil sich vieles aus einer anderen Sicht darstellt als bisher gekannt. Gerade die Geschichte des Staates, ihre Machenschaften, ihr verkorkstes Weltbild und die nicht vorhandene Rechtsstaatlichkeit kommen in diesem Buch voll zur Geltung. Was aber noch viel unterhaltsamer war, sind die Ränkespiele, die Lügengeschichten, die Bosheit verborgen hinter einem gut gemeinten Ratschlag und nicht zu vergessen das hohe Erzähltempo, dem man nur allzu gerne folgt.

Ganz sicher ist es von Vorteil, wenn man die Leidensgeschichte der Magd Desfred aus dem vorherigen Band „Der Report der Magd“ bereits kennt und sich dann an die wirklich zahlreichen Verstrickungen zwischen damals und heute erinnern kann. Erst dadurch bekommt die Geschichte die entsprechende Tiefe und man fühlt sich schneller als ein Teil jenes Systems, ohne es tatsächlich zu kennen. Auch die Rolle der Frauen wird differenziert betrachtet, je nachdem welche Position sie in ihrem Gesellschaftssystem einnehmen, können sie ganz unterschiedlich wirken. Doch eins ist klar erkennbar: Egal wer man ist, egal was man tut, Gilead wird dich bestrafen, zermürben oder töten!

Fazit

Das war ein absoluter Lesegenuss, der von mir glatte 5 Sterne bekommt und sich als ein weiteres Jahreshighlight mit den entsprechenden Lorbeeren schmücken darf. Ein Spannungsroman, wirklich gute Unterhaltungsliteratur mit sehr vielen Punkten zum Nachdenken und vielen Einblicken in ein mysteriöses System der Willkürherrschaft. Darüber hinaus gelingt es den Protagonistinnen nicht nur menschlich zu wirken, sondern auch eine gewisse Entwicklung innerhalb dieser Buchdeckel zu durchlaufen. Nicht jeder, der willkürlich herrscht ist von Grund auf Böse und verblendet, nicht jeder der freiwillig dient, erkennt nicht die Schwächen des Systems und nicht jeder, der seine Vergangenheit nicht kennt, ist nicht in der Lage die Zukunft positiv zu verändern. Vieles ist eine Frage der richtigen Zeit und des gemeinsamen Zusammenspiels verschiedener Kräfte. Bleibt nur noch zu sagen: „Lest dieses Buch!“

Veröffentlicht am 03.10.2019

Eine Serie eiskalter Morde

Rachewinter
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„Nach dieser Nacht werden wir uns vermutlich nie wieder sehen. Aber Sie hatten ihr Abenteuer, das Sie noch lange in Erinnerung behalten werden. Und ich verspreche Ihnen, auch ich werde es genießen.“

Inhalt

Während ...

„Nach dieser Nacht werden wir uns vermutlich nie wieder sehen. Aber Sie hatten ihr Abenteuer, das Sie noch lange in Erinnerung behalten werden. Und ich verspreche Ihnen, auch ich werde es genießen.“

Inhalt

Während Walter Pulaski in Leipzig ein aktuelles Verbrechen aufklären muss, bei dem der Vater einer Mitschülerin seiner Tochter ums Leben kam, sieht sich die Anwältin Evelyn Meyers in Wien mit einem Mandanten konfrontiert, der kurzzeitig behauptet hat, nicht für den Mord an seinem Geliebten verantwortlich zu sein, wenig später aber ein Geständnis ablegt. Beide Ermittler ahnen lange nichts davon, dass sie an zwei verschiedenen Strängen ein und desselben Verbrechens ziehen und das es eigentlich weit mehr als nur einen Toten gibt. Evelyn kommt der Sache zwar schneller auf die Spur, weil ihr Mandant der Sohn eines wohlhabenden Casinobetreibers ist, dem es am Herzen liegt, das wahre Motiv zu verschleiern, damit sein Familienimperium, bestehend aus Schönheitsfarm, psychiatrischen Privatkliniken und den Läden der Glücksspielbranche nicht in Verruf gerät. Doch leider verschleiert Michael von Kotten, der des Mordes Beschuldigte, seine wahre Identität und die Ungereimtheiten, muss Evelyn alle selbst aufdecken. Walter Pulaski hingegen entdeckt den gemeinsamen Nenner in diesem Fall: eine mysteriöse junge Frau im roten Kleid, attraktiv und brünett tritt immer kurz vor dem gewaltsamen Tod der Männer in deren Leben und bleibt doch ein Schatten …

Meinung

Aus der Reihe um das Ermittlerduo Pulaski/ Meyers aus der Feder des österreichischen Autors Andreas Gruber habe ich bereits den ersten Band „Rachesommer“ gelesen, der mich auf ganzer Linie überzeugen konnte und deshalb habe ich mir auch vom dritten Band sehr viel versprochen. Leider konnte mich dieser Thriller aber so gar nicht überzeugen, einmal abgesehen von einem eingängigen Schreibstil und wenigen ansprechenden Spannungsmomenten, plätschert die Handlung hier vor sich hin und der zündende Funke konnte einfach nicht überspringen.

Prinzipiell habe ich zwei große Kritikpunkte, die mir die Lesefreude etwas verdorben haben: Zum ersten ist es die irgendwie konstruierte Handlung, in der es mal um Transgender geht, dann wieder um das große Geld, die geheimen Machenschaften einer Familiendynastie, Bestechung und Betrug und das Ineinandergreifen so vieler, so unrealistischer Dinge, das ich nur den Kopf schütteln konnte. Zum zweiten sind es die Rahmenbedingungen, die mich haben zweifeln lassen: Der Rechtsanwaltsgehilfe, der Privatdetektiv werden will, die Schülerin, die plötzlich zur Ermittlerin avanciert, der Kriminalbeamte, der sich eigenmächtig auf dünnes Eis begibt und dann auch noch andere gefährdet, die Anwältin, die verbissen nach der wahren Identität ihres Mandanten sucht, obwohl der Fall ohnehin verloren ist … all das ist für mich nicht schlüssig und leider auch nicht annähernd so interessant zu lesen.

Tatsächlich haben mir die Episoden aus Sicht von Christine, der Frau im roten Kleid noch am besten gefallen, doch sind sie extrem kurz und enden immer tödlich für einen der Beteiligten …

Fazit

Ich vergebe leicht enttäuschte 3 Lesesterne für diesen Thriller, dem es an einer wirklich spannenden Grundhandlung fehlt, denn auch weit nach der Hälfte des Buches, war ich noch immer nicht in das Geschehen involviert. Zu früh erfährt der Leser zu viel des Hintergrundes, während manches so dermaßen überflüssig erscheint, dass es nur als Lückenfüller zu Tage tritt. Möglicherweise hätte man diesen Fall auf die Hälfte seiner gut 500 Seiten reduzieren können und dadurch mehr Intension erreicht. Lobenswert ist jedoch der Schreibstil, der flüssig und ansprechend gestaltet ist und der mich auch dazu tendieren lässt, ein weiteres Buch des Autors zu lesen. Vielleicht war es hier nur die Geschichte an sich, der ich so wenig abgewinnen konnte.