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Veröffentlicht am 14.10.2019

Diktaturen, die von innen bröckeln

Die Zeuginnen
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„Ist unsere Mutter die Frau, die uns zur Welt bringt, oder ist es die, die uns am meisten von allen liebt?“

Inhalt

Tante Lydia schreibt als Hologramm vom Hause Ardua an den geneigten Leser und lässt ...

„Ist unsere Mutter die Frau, die uns zur Welt bringt, oder ist es die, die uns am meisten von allen liebt?“

Inhalt

Tante Lydia schreibt als Hologramm vom Hause Ardua an den geneigten Leser und lässt ihn teilhaben an den inneren Verstrickungen des Staates Gilead, den sie selbst als eine der Gründerinnen mit aufgebaut hat. Doch die Gegenwart macht deutlich, dass es in Gilead mächtig brodelt, dass immer mehr Menschen, diesen totalitären Staat boykottieren oder daraus flüchten, kaum jemand glaubt wirklich noch an das was gepredigt wird. Und Tante Lydia ist sich dessen bewusst, das sie nicht nur als eine mächtige Frau in die Geschichte Gileads eingehen möchte, sondern auch in dessen Untergang – das soll ihre ganz persönliche Rache werden und die muss gut geplant werden. Mittel zum Zweck sind dabei die beiden jungen Frauen Nicole und Agnes. Erstere ist als Baby aus Gilead entführt worden und lebte seitdem in Kanada unter dem Schutz einer Geheimorganisation, zweitere ist in Gilead aufgewachsen und möchte sich nun als eine Anwärterin auf die Rolle einer Tante profilieren. Doch Tante Lydia kennt das Geheimnis dieser beiden Frauen und nutzt ihr Wissen und alle Verbindungen, um zum entscheidenden Dolchstoß gegen das Terrorregime auszuholen …

Meinung

Über 30 Jahren nach dem Erscheinen des Klassikers „Der Report der Magd“ möchte die kanadische Autorin Margaret Atwood die Geschichte des Staates Gilead weitererzählen, doch diesmal wählt sie nicht die enge Perspektive einer direkt Betroffenen, die hilflos dem Terrorregime ausgesetzt ist, sondern sie etabliert mehrere Erzählstimmen, die umso besser das System und seine Funktionsweise beleuchten. Während mir „Der Report der Magd“ sehr düster und beklemmend erschien, dominiert in ihrem neuen Buch eine gewisse Aufbruchstimmung, die sprachlich zwar nicht ganz so literarisch umgesetzt wird, dafür aber viel moderner und spannender geschrieben wurde.

Ein besonderes Augenmerk wird auf die Gestaltung der Erzählung gelegt, so richtet sich die einzige Mitverantwortliche Lydia als eine starke aber ambivalente Protagonistin direkt an den Leser, indem sie bis ins kleinste Detail ausführt, wer welche Machtposition erfüllt und wie sie geschützt wird. Ganz deutlich wird außerdem, welche inneren Gefahren dem Reich drohen und das Gilead ein Pulverfass ist, welches eines Tages mit einem großen Knall zerfallen wird. Und ihre Intrigen, Geheimnisse und Ränkespiele werden diesen Ort mit all seinen Fesseln sprengen. Die beiden jungen Frauen Nicole und Agnes die wechselseitig in Zeugenaussagen ihre persönlichen Erlebnisse schildern, runden das Gesamtbild ab und führen den Leser durch den Verlauf der Geschichte.

Besonders imponiert hat mir dieser etwas andere Blick auf Gilead, weil sich vieles aus einer anderen Sicht darstellt als bisher gekannt. Gerade die Geschichte des Staates, ihre Machenschaften, ihr verkorkstes Weltbild und die nicht vorhandene Rechtsstaatlichkeit kommen in diesem Buch voll zur Geltung. Was aber noch viel unterhaltsamer war, sind die Ränkespiele, die Lügengeschichten, die Bosheit verborgen hinter einem gut gemeinten Ratschlag und nicht zu vergessen das hohe Erzähltempo, dem man nur allzu gerne folgt.

Ganz sicher ist es von Vorteil, wenn man die Leidensgeschichte der Magd Desfred aus dem vorherigen Band „Der Report der Magd“ bereits kennt und sich dann an die wirklich zahlreichen Verstrickungen zwischen damals und heute erinnern kann. Erst dadurch bekommt die Geschichte die entsprechende Tiefe und man fühlt sich schneller als ein Teil jenes Systems, ohne es tatsächlich zu kennen. Auch die Rolle der Frauen wird differenziert betrachtet, je nachdem welche Position sie in ihrem Gesellschaftssystem einnehmen, können sie ganz unterschiedlich wirken. Doch eins ist klar erkennbar: Egal wer man ist, egal was man tut, Gilead wird dich bestrafen, zermürben oder töten!

Fazit

Das war ein absoluter Lesegenuss, der von mir glatte 5 Sterne bekommt und sich als ein weiteres Jahreshighlight mit den entsprechenden Lorbeeren schmücken darf. Ein Spannungsroman, wirklich gute Unterhaltungsliteratur mit sehr vielen Punkten zum Nachdenken und vielen Einblicken in ein mysteriöses System der Willkürherrschaft. Darüber hinaus gelingt es den Protagonistinnen nicht nur menschlich zu wirken, sondern auch eine gewisse Entwicklung innerhalb dieser Buchdeckel zu durchlaufen. Nicht jeder, der willkürlich herrscht ist von Grund auf Böse und verblendet, nicht jeder der freiwillig dient, erkennt nicht die Schwächen des Systems und nicht jeder, der seine Vergangenheit nicht kennt, ist nicht in der Lage die Zukunft positiv zu verändern. Vieles ist eine Frage der richtigen Zeit und des gemeinsamen Zusammenspiels verschiedener Kräfte. Bleibt nur noch zu sagen: „Lest dieses Buch!“

Veröffentlicht am 03.10.2019

Eine Serie eiskalter Morde

Rachewinter
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„Nach dieser Nacht werden wir uns vermutlich nie wieder sehen. Aber Sie hatten ihr Abenteuer, das Sie noch lange in Erinnerung behalten werden. Und ich verspreche Ihnen, auch ich werde es genießen.“

Inhalt

Während ...

„Nach dieser Nacht werden wir uns vermutlich nie wieder sehen. Aber Sie hatten ihr Abenteuer, das Sie noch lange in Erinnerung behalten werden. Und ich verspreche Ihnen, auch ich werde es genießen.“

Inhalt

Während Walter Pulaski in Leipzig ein aktuelles Verbrechen aufklären muss, bei dem der Vater einer Mitschülerin seiner Tochter ums Leben kam, sieht sich die Anwältin Evelyn Meyers in Wien mit einem Mandanten konfrontiert, der kurzzeitig behauptet hat, nicht für den Mord an seinem Geliebten verantwortlich zu sein, wenig später aber ein Geständnis ablegt. Beide Ermittler ahnen lange nichts davon, dass sie an zwei verschiedenen Strängen ein und desselben Verbrechens ziehen und das es eigentlich weit mehr als nur einen Toten gibt. Evelyn kommt der Sache zwar schneller auf die Spur, weil ihr Mandant der Sohn eines wohlhabenden Casinobetreibers ist, dem es am Herzen liegt, das wahre Motiv zu verschleiern, damit sein Familienimperium, bestehend aus Schönheitsfarm, psychiatrischen Privatkliniken und den Läden der Glücksspielbranche nicht in Verruf gerät. Doch leider verschleiert Michael von Kotten, der des Mordes Beschuldigte, seine wahre Identität und die Ungereimtheiten, muss Evelyn alle selbst aufdecken. Walter Pulaski hingegen entdeckt den gemeinsamen Nenner in diesem Fall: eine mysteriöse junge Frau im roten Kleid, attraktiv und brünett tritt immer kurz vor dem gewaltsamen Tod der Männer in deren Leben und bleibt doch ein Schatten …

Meinung

Aus der Reihe um das Ermittlerduo Pulaski/ Meyers aus der Feder des österreichischen Autors Andreas Gruber habe ich bereits den ersten Band „Rachesommer“ gelesen, der mich auf ganzer Linie überzeugen konnte und deshalb habe ich mir auch vom dritten Band sehr viel versprochen. Leider konnte mich dieser Thriller aber so gar nicht überzeugen, einmal abgesehen von einem eingängigen Schreibstil und wenigen ansprechenden Spannungsmomenten, plätschert die Handlung hier vor sich hin und der zündende Funke konnte einfach nicht überspringen.

Prinzipiell habe ich zwei große Kritikpunkte, die mir die Lesefreude etwas verdorben haben: Zum ersten ist es die irgendwie konstruierte Handlung, in der es mal um Transgender geht, dann wieder um das große Geld, die geheimen Machenschaften einer Familiendynastie, Bestechung und Betrug und das Ineinandergreifen so vieler, so unrealistischer Dinge, das ich nur den Kopf schütteln konnte. Zum zweiten sind es die Rahmenbedingungen, die mich haben zweifeln lassen: Der Rechtsanwaltsgehilfe, der Privatdetektiv werden will, die Schülerin, die plötzlich zur Ermittlerin avanciert, der Kriminalbeamte, der sich eigenmächtig auf dünnes Eis begibt und dann auch noch andere gefährdet, die Anwältin, die verbissen nach der wahren Identität ihres Mandanten sucht, obwohl der Fall ohnehin verloren ist … all das ist für mich nicht schlüssig und leider auch nicht annähernd so interessant zu lesen.

Tatsächlich haben mir die Episoden aus Sicht von Christine, der Frau im roten Kleid noch am besten gefallen, doch sind sie extrem kurz und enden immer tödlich für einen der Beteiligten …

Fazit

Ich vergebe leicht enttäuschte 3 Lesesterne für diesen Thriller, dem es an einer wirklich spannenden Grundhandlung fehlt, denn auch weit nach der Hälfte des Buches, war ich noch immer nicht in das Geschehen involviert. Zu früh erfährt der Leser zu viel des Hintergrundes, während manches so dermaßen überflüssig erscheint, dass es nur als Lückenfüller zu Tage tritt. Möglicherweise hätte man diesen Fall auf die Hälfte seiner gut 500 Seiten reduzieren können und dadurch mehr Intension erreicht. Lobenswert ist jedoch der Schreibstil, der flüssig und ansprechend gestaltet ist und der mich auch dazu tendieren lässt, ein weiteres Buch des Autors zu lesen. Vielleicht war es hier nur die Geschichte an sich, der ich so wenig abgewinnen konnte.

Veröffentlicht am 17.09.2019

Sehnsucht und Sühne im Schatten des Krieges

Der Wintersoldat
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„Wenn der Tod so nah war, wurde er möglicherweise ja zu etwas, das willkommen war, nicht etwas, vor dem man Angst hatte. Vielleicht wäre es leichter, wenn seine Reise hier endete. Und irgendwie würde es ...

„Wenn der Tod so nah war, wurde er möglicherweise ja zu etwas, das willkommen war, nicht etwas, vor dem man Angst hatte. Vielleicht wäre es leichter, wenn seine Reise hier endete. Und irgendwie würde es auch passen, wieder zurück bei der Kirche zu sein, wo sein neues Leben begonnen hatte. War es das, wohin es ihn gezogen hatte, eine Art von Ende, eine Befreiung?“


Inhalt

Lucius Krzelewski steckt mitten im Studium der Medizin, als der 1. Weltkrieg das Land überrollt und die bisherigen Verpflichtungen aus allen Angeln hebt. Jeder Arzt wird nun gebraucht, selbst wenn er keinerlei praktische Erfahrung besitzt und noch viel lernen müsste. Den 22-Jährigen verschlägt es nach Lemnowice, einer kleinen Ortschaft in den Karpaten, die im Hinterfeld des Kriegsgetümmels liegt. Dort wird er in einem provisorischen Lazarett empfangen, welches sich in der ortsansässigen Kirche befindet.

Allerdings gibt es keinen zweiten Arzt, sondern nur noch die beherzte Krankenschwester Margarete, die sich das Operieren abgeschaut hat und sich derzeit allein durchschlägt. Gemeinsam nehmen sie die Herausforderung an und etablieren eine Art Krankenhausalltag, in dem sogar Genesungen gefeiert werden können. Doch die Soldaten an der Front werden rar, so dass hin und wieder ein Regiment ins entfernte Lemnowice kommt, um die nächsten Männer abzuholen. Lucius wagt es, sich gegen den Abtransport eines Mannes zu stellen, der zwar keine äußerlichen Verletzungen hat, jedoch ein schweres Nervenleiden und Depressionen. Und dafür muss er büßen, wenn auch nicht selbst, denn Ärzte sind rar und unantastbar.

Als wenig später die Kampfhandlungen immer näher kommen, verschwindet Margarete in der Dunkelheit der Nacht und Lucius macht sich auf die Suche nach ihr, nach der starken, unerschrockenen Frau, in die er sich verliebt hat, doch am nächsten Morgen ist er selbst der Front zu nahe gekommen und das Schicksal trennt die beiden …


Meinung

Auf diesen Roman bin ich nicht nur wegen seiner verheißungsvollen Geschichte aufmerksam geworden, sondern auch wegen der begeisterten Pressestimmen und einiger hochlobender Rezensionen. Versprochen wird eine Geschichte vom Krieg und von der Liebe, von verhängnisvollen Irrtümern und immerwährenden Sehnsüchten, von der Zerbrechlichkeit des Glücks und der Widerstandsfähigkeit der Menschen im Angesicht der totalen Zerstörung. Und all das vermag dieses Buch in vollem Umfang zu geben. Es ist eine Geschichte zum Eintauchen in eine andere Zeit, zum Versinken in ein anderes Leben und nah dran an den Protagonisten und ihren Gedankengängen.

Im positivsten Sinne handelt es sich hier um gute, erzählenswerte Unterhaltungsliteratur, die ähnlich wie im Spielfilm viele Eindrücke vermittelt und ständig Bilder vor dem geistigen Auge heraufbeschwört. Dem Autor gelingt es, seinen Leser mitten hinein zu ziehen, in diese Zeit mit ihren entfernten Schrecken, ihren glücklichen und dramatischen Begegnungen, ihren Chancen und Unmöglichkeiten.

Besonders authentisch empfinde ich den Blickwinkel, aus dem erzählt wird. Denn Lucius hat natürlich, wie jeder andere auch ein Leben vor dem Krieg gehabt, er wird gezwungen recht bald ein Höchstmaß an Verantwortung zu übernehmen und er muss mit den Konsequenzen seiner Entscheidungen leben. Dieses schnelle Erwachsenwerden des Mannes, seine Selbstzweifel aber auch die kleinen Freuden des Alltags werden liebevoll und umfassend beschrieben. Darüber hinaus wird der Text niemals rührselig, auch nicht sonderlich emotional, bei so viel Traurigkeit ist es eine Kunst die Objektivität zu wahren, ein gelungener Schachzug, wie ich finde.


Fazit

Für diesen wunderbaren Roman vergebe ich begeisterte 5 Lesesterne und eine Leseempfehlung, für alle, die gerne in Geschichten versinken, die man einfach miterleben muss, an der Seite eines jungen Arztes, der selbst noch auf der Suche nach dem Sinn des Lebens ist. Natürlich ist das Buch irgendwann zu Ende, man kann auch keine weiterreichenden Gedanken dazu entwickeln, denn die Erzählung ist in sich geschlossen, sehr rund und lässt wenig Raum für Spekulationen. Literarisch betrachtet, hätte ich mir etwas mehr Anspruch gewünscht, inhaltlich jedoch belohnt dieser Roman mit einer realistischen, aussagekräftigen, aufwühlenden Geschichte über Menschen jenseits der Front, die in ihrer Zeit Großes geleistet haben und Vieles entbehren mussten.

Veröffentlicht am 11.09.2019

Und willst du das ändern?

Der Sprung
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„Leben heißt zurückbleiben hinter den Dingen, den Erwartungen, den Menschen. Besser du fängst früh genug damit an, gut darin zu werden. Wenn du gut leben willst, musst du ein verdammt guter Verlierer ...

„Leben heißt zurückbleiben hinter den Dingen, den Erwartungen, den Menschen. Besser du fängst früh genug damit an, gut darin zu werden. Wenn du gut leben willst, musst du ein verdammt guter Verlierer sein.“


Inhalt

Manuela Kühne geht eines Tages aufs Dach und alle Umstehenden vermuten einen geplanten Suizidversuch. Plötzlich tauchen Einsatzwagen der Polizei auf, ein Sprungtuch wird positioniert und der Einsatzleiter versucht, die junge Frau dazu zu bewegen, auf normalen Weg das Dach zu verlassen. Aber Manuela bleibt standhaft und deckt in der Zwischenzeit die Dachziegel ab und wirft sie in unregelmäßigen Abständen auf die Gaffer vor dem Haus. Denn auf der Straße ist die Hölle los, so viele Schaulustige versammeln sich, einige motzen, andere schütteln den Kopf und der Laden an der Ecke, der eigentlich kurz vorm Bankrott steht, erblüht zu neuem Leben. Einen Tag und eine Nacht hält die junge Frau die Menschen in Atem, gibt ihnen Zeit darüber nachzudenken, warum man sich vom Dach stürzen möchte oder wieso gerade nicht. Und im gleichen Maße, wie Manuela provoziert, berührt sie die Alltäglichkeit und die eingefahrenen Wege der Nachbarschaft. Denn ein Sprung vom Dach will gut überlegt sein, vielleicht kann man auch im Leben etwas ändern, bevor es sich so dermaßen zuspitzt …


Meinung

Simone Lappert wählt für ihre Geschichte eine Ausnahmesituation, indem sie eine junge Frau auf das Dach eines Hauses steigen lässt, von dem sie nur durch aufgeben oder springen wieder herunterkommt. Dabei weiß man gar nicht so genau, warum sie sich das Leben nehmen möchte, oder ob es ein unglücklicher Umstand ist, der sie in diese Lage gebracht hat. Aber ihre geplante Aktion setzt diverse Denkprozesse in den Menschen ihrer Umgebung frei, die selbst ein Päckchen zu tragen haben und deren Leben längst nicht so glücklich ist, wie sie es sich eigentlich vorstellen. Nur wo ist die Grenze zwischen einer Tat, die dem Leben unwiederbringlich ein Ende setzt und der Möglichkeit, genau diesen Umstand abzuwenden?


Das grandiose an diesem Buch ist die tiefgreifende psychologische Frage nach den Möglichkeiten der Veränderung jenseits der eingefahrenen Wege. Dabei wählt die Autorin eine ungewöhnliche Erzählperspektive, denn sie gliedert das Buch in viele kleine Kapitel, die jeweils von einem anderen Protagonisten gefüllt werden. Auf diese Art und Weise wird ein ganzes Potpourri an Geschichten offenbart, angefangen vom Leben des Bettlers auf der Straße, weiter zur langjährigen Kneipenbesitzerin, deren Lokal für alle offensteht, bis hin zum jungen Polizisten, der sich der momentanen Situation nicht gewachsen fühlt, weil sie ihn zu sehr an seine eigene traumatische Vergangenheit erinnert. All jene und noch viele Menschen mehr, machen sich plötzlich Gedanken und treffen Entscheidungen, die sie andernfalls nicht in Betracht gezogen hätten.


Diese verbundenen Schicksale sind es, die den Großteil des Romans ausmachen, so dass Manuela auf dem Dach eher wie der Tropfen auf dem heißen Stein wirkt, nicht sie ist es, die bedauert werden muss, sondern all jene, denen es nicht gelingt aus eigener Kraft einen Richtungswechsel voranzutreiben. Ein weiteres Plus dieser kurzweiligen, doch intensiven Geschichte ist der unvergängliche Optimismus, der letztlich den ganzen Text durchdringt. In Anbetracht der dramatischen Ausgangslage empfand ich dieses Urvertrauen, die Kraft der positiven Gedanken regelrecht erquickend, denn es hätte sich auch ganz anders anfühlen können, wenn ein Mensch sich ernsthaft damit beschäftigt, einen so öffentlichen Selbstmord zu begehen.


Fazit

Ich vergebe begeisterte 5 Lesesterne und freue mich über ein weiteres Jahreshighlight 2019. Ein intensiver, dramatischer Roman mit einer aufrüttelnden Geschichte und einer klaren Botschaft. Dieses Buch lädt dazu ein, es auch ein zweites oder drittes Mal zu lesen und immer wieder neue Entdeckungen zu machen. Bestens geeignet für alle Leser, die Unterhaltungsliteratur mit Anspruch mögen und sich gerne in Texte hineinversetzen, die andere Schicksale kennenlernen möchten und einen differenzierten Einblick in das Leben bekommen wollen. Für diese Vielschichtigkeit und hohe Präsenz des Textes kann man nur applaudieren und die Lektüre wärmstens weiterempfehlen.

Veröffentlicht am 05.09.2019

Der dunkle Fleck im Leben

Drei
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„Es war während einer Reise. Ich saß in einem Flugzeug und plötzlich hatte ich diese Idee im Kopf … Als wir gelandet sind, wusste ich bereits, wie das Buch aussehen und dass es mein nächster ...

„Es war während einer Reise. Ich saß in einem Flugzeug und plötzlich hatte ich diese Idee im Kopf … Als wir gelandet sind, wusste ich bereits, wie das Buch aussehen und dass es mein nächster Roman sein würde. Am Anfang stand also die Struktur des Romans.“


Inhalt

Orna erlebt eine Findungsphase in ihrem Leben, nachdem ihre Ehe zerbrochen ist und sie mit dem kleinen Sohn allein dasitzt. Durch Zufall begegnet sie Gil, einem Rechtsanwalt, der ebenso wie sie in der Mitte seines Lebens nach etwas sucht, was er noch nicht gefunden hat.

Und auch für Emilia, die zweite Frau in dieser Runde gestaltet sich das Leben schwierig, nachdem der Mann, den sie die letzten Jahre voller Aufopferung gepflegt hat, verstirbt. Auf der Suche nach einem neuen Job und damit einer Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu finanzieren, wendet sie sich an Gil, der ihr die gesetzlichen Möglichkeiten erklärt, die ihr als Lettin in Israel zur Verfügung stehen.

Für Ella hingegen, die dritte im Bunde, spielt das alles keine Rolle. Als verheiratete Mutter mit drei kleinen Kindern, hat sie nur wenig Zeit für sich selbst. In einem Café raucht sie täglich eine Zigarette und schöpft daraus Kraft für ihr Vorhaben. Bis sie eines Tages Gil begegnet, der sich neben sie zum Rauchen gesellt und aus seinem Leben plaudert …


Meinung

Dror Mishani, der aus Tel-Aviv stammende Autor dieses Romans landete in Israel mit diesem Buch einen Bestseller, für den sogar schon eine TV-Serie in Vorbereitung ist. Er erkundet ein eher ungewöhnliches Feld der Literatur angesiedelt zwischen einem Frauen- und einem Kriminalroman, obwohl „Drei“ weder das eine noch das andere Genre direkt bedient. Vielmehr ist es eine Erzählung, die sich mit diversen Lebenswegen beschäftigt und mit der gesellschaftlichen Einbindung der Protagonisten in ein soziales Umfeld.

Nach der Leseprobe war ich mir recht unschlüssig, ob dieser Roman in mein Beuteschema fallen könnte, sie war zwar gut zu lesen aber nicht sehr aussagekräftig. Dennoch hat mich der Klappentext extrem neugierig gemacht, auf diese Geschichte von drei Frauen und einem Mann. Möglicherweise eine Dreiecksbeziehung? Oder ein mysteriöser Familienroman? Auf jeden Fall wollte ich mehr wissen und habe mich mit entsprechenden Erwartungen an die Lektüre gewagt.

Das Buch gliedert sich in drei Teile, die jeweils aus Sicht der beteiligten Frau erzählt wird und schon nach dem ersten Teil hatte ich mit zwei Dingen zu kämpfen: sehr unsympathische Protagonisten, deren gesunden Menschenverstand ich wirklich bezweifeln muss und einer nur mäßig spannenden Handlung, die dann allerdings jäh in eine komplett andere Richtung geht als vermutet. Zwischen beginnender Dramatik und unscheinbaren Aussagen gleitet der Text in den zweiten Abschnitt.

Von da an hält sich das Spannungsniveau und man möchte einfach wissen, wie es weitergeht, ohne jedoch irgendeinen konkreten Anhaltspunkt zu bekommen, worin der Sinn des Ganzen besteht. An dieser Stelle war ich dann wirklich etwas enttäuscht, dass es dem Autor einfach nicht gelingt, mich für die Geschichte einzunehmen, zumal sich die meisten Leser bis dato sehr positiv über den Text äußern. Mag sein, dass sich Dror Mishani bereits vor dem Schreiben ganz sicher war, wohin die Reise gehen soll, für mich fehlte einfach die Basis, das generelle Verständnis für die Handlungen und die wahren Hintergründe.

Ich mag Bücher nicht sonderlich, in denen ich keine konkrete Aussage finde, selbst wenn sie für mich unverständlich ist, dann kann ich zumindest meine Zweifel äußern, doch hier herrscht meines Erachtens mehr die Willkür oder der Zufall über den Plot. Vielleicht möchte der Autor wachrütteln und seinen Lesern zeigen, in welche Richtung sich eine nette Begegnung entwickeln kann. Plädiert er dafür genau zu prüfen, wem man sein Vertrauen schenkt? Oder zeigt er wie leicht und endgültig ein feines Netz aus Lügen und Unterlassungen ein vollkommen anderes Menschenbild entwerfen? Für einen gesellschaftskritischen Roman blieb es mir zu allgemein, denn wie und warum das soziale Umfeld so spärlich besiedelt ist und so unkompliziert zerfallen kann, ist mir ebenso rätselhaft wie die Gedankengänge der Beteiligten.


Fazit

Für diesen Roman möchte ich wirklich nur 3 Lesesterne vergeben (es hätten auch 2 sein können), es war definitiv nicht meine Geschichte. Außerdem wäre das ein Roman für eine Leserunde gewesen, bei dem vielleicht der Austausch mit anderen meine Eindrücke hätte relativieren können, nur weiß man das vorher eben nicht.

Die sprachliche Umsetzung und die hintergründige Idee bewerte ich eher positiv, ebenso die Wendungen und Entwicklungen der Handlung, aber ein nennenswertes Resümee kann ich persönlich nicht finden und deshalb lässt mich „Drei“ eher unzufrieden zurück, vor allem weil es keine meiner Erwartungen erfüllen konnte. Ich glaube, für dieses Buch bin ich entweder zu ehrlich oder zu sachlich oder zu praktisch veranlagt und auf der emotionalen Ebene konnte es mich leider nicht erreichen. Sehr schade.