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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.03.2023

Präziser Blick hinter die Fassaden der privilegierten Gesellschaft

Die spürst du nicht
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"Die spürst du nicht" von Daniel Glattauer ist ein dicht komponierter und fesselnd geschriebener Roman, der einen präzisen und humorvollen Blick hinter die Fassade der privilegierten Gesellschaft wirft, ...

"Die spürst du nicht" von Daniel Glattauer ist ein dicht komponierter und fesselnd geschriebener Roman, der einen präzisen und humorvollen Blick hinter die Fassade der privilegierten Gesellschaft wirft, vor allem in Bezug auf aktuelle Themen wie Flüchtlingspolitik, Rassismus sowie Medien- und (Online-)Debattenkultur.

Zwei privilegierte Familien verbringen gemeinsam ihren Urlaub in der Toskana. Dabei ist Ayana, Flüchtlingskind aus Somalia und Schulfreundin der 14-jährigen Tochter Sophie-Luise. Was ein paar entspannende und sonnige Tage in Italien werden sollten, endet jedoch abrupt in einer Katastrophe, als Ayana plötzlich verschwunden ist.

Anfangs noch etwas gemächlich und distanziert, beginnt die Handlung sich nach und nach vor den Augen der Leser und Leserinnen in all seiner Sprengkraft zu entfalten und zieht einen besonders nach dem Verschwinden von Ayana und den Folgen dieser tödlichen Katastrophe in ihren Bann.
Über weite Strecken liest sich der Roman wie ein dichtes und teils beklemmendes Kammerspiel, das aber auch vor allem in den Beschreibungen der Treffen mit dem Anwalt und in den Szenen vor Gericht einen absurden Charakter bekommt, ohne dabei ins Lächerliche abzudriften.
Der Autor schafft es hierbei geschickt hinter die Masken sowohl der einzelnen Personen als Mensch als auch als Vertreter bestimmter Gesellschafts- oder Berufsgruppen zu blicken und so der Gesellschaft als Ganzes schonungslos den Spiegel vorzuhalten besonders in Bezug auf deren gelebte Doppelmoral. Glattauer nimmt dabei die Position eines teilnehmenden Beobachters ein, der klug und präzise das Geschehene schildert und analysiert, kommt dabei jedoch ohne Anklagen und ohne einen oberlehrerhaften Ton anzuschlagen aus.
Trotz der Schwere des Themas wirkt der Roman zudem zu keinem Zeitpunkt überladen, was auch an den starken Dialogen mit Wortwitz liegt.
Pressemitteilungen, die mit Kommentaren von Online-Usern versehen sind, geben der Handlung darüber hinaus noch einen authentischen Charakter.

Umfassend, glaubwürdig und vielschichtig gezeichnete Charaktere zusammen mit einer fesselnd erzählten und aktuellen tragisch Handlung machen "Die spürst du nicht" von Daniel Glattauer zu einem lesenswerten Roman, der einen noch nach Beenden der letzten Seite nicht so schnell loslässt.

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Veröffentlicht am 05.03.2023

Stark beginnender Roman, der an seinen eigenen Ambitionen scheitert

Morgen, morgen und wieder morgen
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"Morgen, morgen und wieder morgen" fängt vielversprechend an, lässt dann aber im weiteren Verlauf stark nach. Besonders die Zunahme von Klischees, Oberflächlichkeiten und überflüssigen Passagen in der ...

"Morgen, morgen und wieder morgen" fängt vielversprechend an, lässt dann aber im weiteren Verlauf stark nach. Besonders die Zunahme von Klischees, Oberflächlichkeiten und überflüssigen Passagen in der zweiten Hälfte trübten den ersten positiven Eindruck für mich.

Nach einem Unfall, bei dem sich Sam als Jugendlicher schwer verletzt, muss er längere Zeit im Krankenhaus verbringen. Dort freunden er und Sadie sich, indem sie gemeinsam Videospiele spielen. Später treffen sie sich zufällig als Juniors in Harvard (Sam) und am MIT (Sadie) wieder. Sie verbringen den Sommer damit, gemeinsam das Videospiel "Ichigo" zu entwickeln, das ihnen einen großen Erfolg in der Gaming-Branche beschert, während sie sich eine Wohnung mit dem wohlhabenden Schauspielstudenten Marx teilen.
Über die Jahre hinweg haben Sam und Sadie eine dauerhafte freundschsatliche Verbindung.

Keine Frage, der Roman ist unterhaltsam und gut geschrieben. Der lockere und leichte Schreibstil sorgt dafür, dass man nur so durch die Seiten fliegt und leicht in die Geschichte eintaucht. Auch muss man kein Gaming-Fan sein und vom Spieldesign und -produktion Ahnung haben um der durchaus interessanten Handlung folgen zu können.

Doch leider hat "Tomorrow, Tomorrow, Tomorrow" nicht so einen bleibenden Eindruck hinterlassen, wie ich es mir nach all den Lobeshymnen erhofft habe.
Zum einen mangelt es der Geschichte mit zunehmender Seitenanzahl an Fokussierung, sodass sich dich Handlung sich vermehrt in Nebensächlichkeiten verliert, wodurch die Tiefe in der Charakterzeichnung und der Handlung verloren geht. Verstärkt wird dies dadurch, dass häufig vom Handlungsstrang in der Gegenwart zu verschiedenen Punkten in der Vergangenheit gesprungen wird.
Zum anderen fängt der Drang der Autorin "woke" zu sein und soziale bzw. gesellschaftliche Kommentare einzufügen mit zunehmenden Romanverlauf an leicht zu nerven (z.B. das Thema Rassismus und kulturelle Aneignung). Ich respektiere und verstehe ihre Absicht, das Bewusstsein für dringende soziale Probleme zu schärfen und für Diversität zu sorgen, aber teils wirkte es arg konstruiert und aufgesetzt sowie teils belehrend, wodurch ihre Botschaft an Glaubwürdigkeit bzw. Authentizität verlor. Ich finde es faszinierend, wenn Autoren und Autorinnen es schaffen, die Erkundung gesellschaftlicher Belange geschickt in ihre Erzählungen einweben. Leider gelang dies Zenin nur bedingt.
Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Freundschaft von Sam und Sadie. Ich fand die Freundschaft zwischen den beiden nicht ausreichend entwickelt, um all die Konflikte und Turbulenzen zu rechtfertigen, die sie durchleben. So konnte ich Sams Idealisierung von Sadie nicht wirklich nachvollziehen, da Sadie und Sam im Laufe des Buches sich häufig gegenseitig schlecht behandeln und sich streiten und diese Streitigkeiten dann durch Vergessen und Verzeihen lösen, anstatt über den Konflikt zu kommunizieren und zu verarbeiten, was eigentlich passiert ist.

Insgesamt ist "Morgen, morgen und wieder morgen" ein interessanter Roman über Freundschaft sowie Videospiele und die Gaming-Branche mit einem einnehmenden Schreibstil, aber ab der zweiten Hälfte bricht der Roman unter dem Gewicht seiner eigenen Ambitionen zusammen.

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Veröffentlicht am 05.03.2023

Spannende Vermissten- und Mördersuche im Weinort

Mörderfinder – Mit den Augen des Opfers
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Arno Strobel weiß einfach, wie man spannende und wendungsreiche Krimis bzw. Thrillers schreibt, die von der ersten Seite an einen in ihren Bann ziehen.
Der 3. Fall für den Fallanalytiker Max Bischoff stellt ...

Arno Strobel weiß einfach, wie man spannende und wendungsreiche Krimis bzw. Thrillers schreibt, die von der ersten Seite an einen in ihren Bann ziehen.
Der 3. Fall für den Fallanalytiker Max Bischoff stellt da keine Ausnahme dar.

Max Bischoff erhält von unerwarteter Seite die Bitte in einem ungeklärten 20 Jahre alten Vermisstenfall zu ermitteln. Niemand anderes als Polizeirätin Eslem Keskin bittet ihn im Weinörtchen Klotten an der Mosel zu reisen um dort inoffiziell nach Auftauchen neuer Hinweise in Form eines privaten Tagebuchs nachzugehen. Schnell wird jedoch klar, dass nicht alle Dorfbewohner von der Anwesenheit des Fallanalytikers erfreut sind. Zudem wird Max das Gefühl nicht los, dass ihm die Clique des Verschwundenen einige Geheimnisse zu haben scheinen und ihm nicht die ganze Wahrheit erzählen. Unterstützung erhält er von einem Psychologen und seinen Freund Böhmer. Als eine Frauenleiche auftaucht, versucht der für den Fall zuständige Kriminalkommissar ihm das ermitteln so schwer wie möglich zu machen bzw. es Max komplett zu verbieten. Doch Max lässt sich davon nicht einschüchtern, doch seine Nachforschungen bringen ihn schon bald in Lebensgefahr.

Dank des klaren und schnörkellosen Schreibstils Strobels taucht man schnell in das Handlungsgeschehen ein und wird Teil der Ermittlungen. Geschickt platziert Strobel mögliche Hinweise, was hinter dem Vermisstenfall stecken und was die Tote damit zu tun haben könnte, die zum Schluss alle zusammengefügt werden.
Kurze Kapitel, mysteriöse und teils verschreckende Kapitel aus Sicht einer zunächst unbekannten Person sowie ein geheimnisvoller und gut konstruierter Fall sorgen dafür, dass man den Krimi/Thriller kaum aus der Hand legen kann.
Das spannungsgeladene Ende weiß zu überraschen, auch wenn mir die Auflösung etwas zu schnell ging und ich mir mehr Tiefe diesbezüglich gewünscht hätte. Ebenso kam mir der ermittlungstechnische Aspekt etwas zu kurz, ich habe mir mehr Einblick in die Arbeit und Vorgehensweise eines Fallanalytikers erhofft.

Insgesamt ist der 3. Band der "Mörderfinder"-Reihe von Arno Strobel ein solider, kurzweiliger und fesselnder Krimi/Thriller, dem zwar etwas die Tiefe fehlt, aber dem Lesegenuss keinen Abbruch tut.
Nicht nur für Strobel-Fans lesenswert.

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Veröffentlicht am 05.03.2023

Mungos Leben im Glasgow der 1980er-Jahre - schmerzhaft und berührend erzählt

Young Mungo
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"Young Mungo" ist ein herzzerreißender Roman über das Erwachsenwerden in Glasgow der 1980er-Jahre in einer machohaften und homophoben Umgebung, die von Gewalt und Schmerz geprägt ist.

Die Hauptfigur des ...

"Young Mungo" ist ein herzzerreißender Roman über das Erwachsenwerden in Glasgow der 1980er-Jahre in einer machohaften und homophoben Umgebung, die von Gewalt und Schmerz geprägt ist.

Die Hauptfigur des Romans ist der 15-jährige Mungo Hamilton, der im Gegensatz zu seinem zwei Jahre älteren Bruder Hamish, der ein gefürchteter Bandenführer ist, ein eher sensibler, ängstlicher und künstlerisch veranlagter Junge. Großgezogen wird Mungo von seiner älteren Schwester Jodie, da seine alleinerziehende Mutter weitgehend abwesend und alkoholabhängig ist. Er ist anders als die anderen Jungs in der Glasgower Wohnsiedlung, in der er wohnt und fühlt sich fremd, bis er James kennenlernt, ein etwas ältere katholischer Junge. James lebt die meiste Zeit allein, da sein Vater auf einer Bohrinsel arbeitet und seine Mutter schon verstorben ist. James besitzt einen Taubenschlag, wo beide sich kennenlernen und sich ineinander verlieben, obwohl sie beide wissen, dass ihr Umfeld von Homophobie geprägt ist und dass insbesondere Mungos Bruder und Jamies Vater mit Ablehnung und Unverständnis reagieren werden.
Die fesselnde Handlung ist in zwei Teile gegliedert. Der eine Teil erstreckt sich über mehrere Monate und zeigt Mungos Leben in der Zeit vor, während und nach seiner Beziehung mit James und der andere Teil, mit dem auch der Roman beginnt, handelt von einem Angel- und Campingausflug zu einem abgelegen schottischen See, auf dem Mungo mit zwei anderen Männern von seiner Mutter geschickt wird, um aus Mungo einen "echten" Mann zu machen.

Stuart wechselt zwischen beiden Handlungssträngen gekonnt hin und her und führt beide in einem tollen Ende zusammen, das einerseits schmerzhaft, aber auch hoffnungsvoll ist.
Von Beginn an schafft es der Autor mit seinem klaren, lebendigen und stimmungsvollen Schreibstil einen in seinen Bann zu ziehen. Man fühlt und leidet mit Mungo und hofft das Beste für ihn und sein Leben in dem von Gewalt und Tristesse geprägten Umfeld, in dem er aufwächst. Die Gewalt und Brutalität, denen Mungo ausgesetzt ist stellenweise nur schwer zu ertragen und am liebsten möchte man Mungo in die Arme nehmen und ganz fest umarmen. Die wenig liebevollen und glücklichen Momente wirken dadurch umso stärker auf einen, sind sie doch seltene Lichtblicke in einer sonst traurigen und düsteren Geschichte.
Die realistische Zeichnung der Charaktere und der poetischen Beschreibung der Umgebung sowie die Dialoge sprühen außerdem von Authentizität, und man fühlt sich regelrecht in das Glasgow der 1980er-Jahre versetzt.

"Young Mungo" von Douglas Stewart ist ein Roman, der zutiefst bewegt und einem beim Lesen das Herz mehr als einmal bricht. Authentisch und realistisch beschreibt der Autor, was es heißt, in einem von Gewalt, Homophobie und Hoffnungslosigkeit geprägten Umfeld aufzuwachsen. Mit Mungo hat Stuart einen interessanten und vielschichtigen Charakter geschaffen, den man rasch in sein Herz schließt. Auch wenn in dem Roman eine berührende Liebesgeschichte vorkommt, ist "Young Mungo" vor allem ein schmerzhafter und niederschmetternder Roman, der teilweise nur schwer zu ertragen ist.
Wem die ganze Gewalt und das erlebte Leid nicht abschreckt, kommt in dem Genuss einer toll erzählten Geschichte voller Schönheit und Hässlichkeit zugleich.

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Veröffentlicht am 19.02.2023

Spannender Auftakt einer neuen Fantasyreihe um den schlagfertigen Alwyn

Der Paria
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"Der Paria" von Anthony Ryan ist der erste Band in einer Trilogie und spielt in einer mittelalterlichen fiktiven Welt, die sich wie historische Fiktion liest und ist ein spannender, gut erzählter und bildlich ...

"Der Paria" von Anthony Ryan ist der erste Band in einer Trilogie und spielt in einer mittelalterlichen fiktiven Welt, die sich wie historische Fiktion liest und ist ein spannender, gut erzählter und bildlich lebhaft beschriebener Mix aus Politik, Religion, Kampfszenen, Weltuntergangsstimmung, Gesetzlose sowie einer interessanten Hauptfigur.

Die Geschichte in "Der Paria" wird ausschließlich aus der Perspektive von Alwyn Scribe erzählt. Alwyn, ein junger Geächteter, der zu einer Bande von Geächteten und Gesetzlosen gehört. Er und seine Gefährten ziehen plündernd und mordend durch die Lande, bis ein Verrat schließlich zu ihrer Auslöschung führt. Mit viel Glück kämpft Alwyn ums Überleben, er landet als in einem unentrinnbaren Gefangenenlager und lernt dort das Lesen und Schreiben, er macht eine religiöse Konversion durch und schließt sich später einem religiösen, militarisierten Orden an und wird so in einen Krieg gezogen. Während der ganzen Zeit sinnt er nach Rache für diejenigen, die den Menschen, die ihm am nächsten stehen, geschadet haben.

Anfangs habe ich zwar ein paar Seiten gebraucht, bis ich voll und ganz in die Handlung hineingefunden habe, da der Anfang ziemlich dicht mit einer ganzen Reihe von Charakteren, die eingeführt werden, sowie einer Menge an politischer Intrigen, die ich anfangs etwas verwirrend sein können, ist. Von Seite zu Seite zieht jedoch das fesselnde Geschehen rund um Alwyn einen in seinem Bann.

Ob man "Der Paria" mag oder nicht, hängt meiner Meinung nach stark davon ab, ob man sich mit Alwyns Erzählweise (der Roman wird in Form eines von ihm geschriebenen Tagebuchs erzählt) anfreunden kann oder nicht.
Alwyn Scribe ist eine interessante Persönlichkeit. Zu Beginn eher ein Feigling, verändert er sich im Laufe des Buches. Er ist schlagfertig und kann mit einer Waffe umgehen, aber nicht unfehlbar. Seine Erfahrung als Geächteter kommt ihm in vielen anderen Situationen zugute.

Aber auch die weiteren Charaktere können durch eine vielschichtige Charakterisierung überzeugen.

Alles in allem ist "Der Paria" eine fesselnd dicht erzählte und gut konstruierte Fantasygeschichte, die durch ihren Protagonisten Alwyn besticht und neugierig macht auf die beiden weiteren Bände.

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