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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.04.2026

Historische Spurensuche mit erzählerischen Schwächen

Unter dem Strand
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Turid Müllers Roman "Unter dem Strand" versucht Gegenwart und Vergangenheit zu einer komplexen Geschichte über Erinnerung, Schuld und das Schweigen der Gesellschaft zu verbinden . Ausgangspunkt ist die ...

Turid Müllers Roman "Unter dem Strand" versucht Gegenwart und Vergangenheit zu einer komplexen Geschichte über Erinnerung, Schuld und das Schweigen der Gesellschaft zu verbinden . Ausgangspunkt ist die Journalistin Cay, die eigentlich nur einen kurzen Artikel zum 80. Jahrestag des Untergangs der „Cap Arcona“ verfassen soll, dabei aber eine Leiche am Strand findet. Sie beginnt auf eigene Faust zu ermittlen und trifft dabei auf langgehütete Geheimnisse, Verrat und Nachwirkungen der Herrschaft der Nazis.

Die Autorin verwebt den aktuellen Erzählstrang rund um Cay und ihren Ermittlungen mit einer zweiten Erzählebene aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Aus der Perspektive des Häftlings Leon werden die Gräuel des Konzentrationslagers geschildert, wodurch der historische Hintergrund eindringlich dargestellt wird. Das Wechselspiel zwischen den Zeiten ist grundsätzlich packend, doch nicht immer gelingt die Balance. So wirken besonders die Passagen um Cay stellenweise langatmig, hier versucht die Autorin zu viel auf einmal in die Handlung zu packen. Zudem ist die Personenzeichnung von Cay unrund, ihre Handlungen und Motive bleiben unklar und ihr Charakter schwer greifbar.Dadurch verliert der Krimi zeitweise an Tempo, Glaubwürdigkeit und verliert sich in Nebensächlichkeiten.

Vor allem thematisch beeindruckt Müllers Buch. Ihr Anspruch ist es, auf verdrängte Geschichte aufmerksam zu machen. Die Recherche wirkt dementsprechend auch gründlich, und die Verbindung von historischem Stoff mit einer modernen Kriminalgeschichte weist Potenzial für einen spannenden historischen Krimi auf. Allerdings leidet die Umsetzung unter stilistischen Unebenheiten und einer Figurenzeichnung, die manchmal zu oberflächlich und widersprüchlich bleibt. Auch wirken Humor und Sarkasmus, wo sie auftauchen, mitunter deplatziert angesichts der ernsten Thematik.

Insgesamt ist "Unter dem Strand" ein ambitionierter Roman, der wichtige Fragen über Erinnerung und Verantwortung aufwirft. Trotz einiger erzählerischer Schwächen und Längen, regt der Roman zum Nachdenken über die Schatten der Vergangenheit an. Vom Kriminalfall und den Charakteren sollte man sich jedoch nicht zu viel erwarten.

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Veröffentlicht am 09.04.2026

Eindringliches Debüt mit erzählerischen Schwächen

Wassermann
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Lukas Hoffmanns Debütroman Wassermann erzählt die Geschichte von Luk, der vor sich selbst und seinem Leben in Deutschland nach Barcelona flieht, um dort ein Auslandssemester zu verbringen. Doch statt innerer ...

Lukas Hoffmanns Debütroman Wassermann erzählt die Geschichte von Luk, der vor sich selbst und seinem Leben in Deutschland nach Barcelona flieht, um dort ein Auslandssemester zu verbringen. Doch statt innerer Ruhe findet er sich mitten im katalanischen Unabhängigkeitskonflikt wieder, während ihn zugleich die Nachricht von der schwerkranken Mutter und einem psychisch erkrankten Freund aus der Ferne einholen. Zwischen Trauer, Schuld, Zweifel und der Suche nach Unabhängigkeit verknüpft Hoffmann große Themen mit individuellen Schicksalen.

Trotz dieses starken Ausgangspunkts kann der Roman seine inhaltlichen Versprechen nicht vollständig einlösen. Die Vielzahl an Themen – von persönlicher Krise über familiäre Bindungen bis hin zu politischem Engagement – wird nur oberflächlich angerissen, sodass keiner der erzählerischen Fäden die nötige Tiefe entfaltet. Auch der Erzählfluss leidet unter den zahlreichen Sprüngen zwischen Zeiten und Schauplätzen; so entsteht ein eher unruhiges, bisweilen unfokussiertes Gesamtbild. Da Hoffmann zudem auf relativ engem Raum viele Konflikte verarbeitet, bleibt Luk als Figur emotional schwer greifbar. Vor allem seine Vergangenheit, die sein Handeln erklären könnte, bleibt im Unklaren – und damit auch die emotionale Wucht, die der Roman eigentlich anstrebt.

Was jedoch überzeugt, ist Hoffmanns Stil. Seine Sprache ist ruhig, präzise und atmosphärisch dicht. Mit wenigen, sorgfältig gewählten Worten gelingt es ihm, Landschaften und innere Stimmungen eindrucksvoll einzufangen. Gerade in diesen Momenten zeigt sich das Gespür des Autors für Zwischentöne.

"Wassermann" ist ein Roman, der viel zu sagen hat, an seinen eigenen Ambitionen aber teilweise scheitert. Dennoch bleibt Hoffmanns Stimme vielversprechend und lässt auf kommende Werke hoffen.

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Veröffentlicht am 10.03.2026

Ein Italien-Krimi, der nicht so wirklich zündet

Commissario Gaetano und das letzte Abendmahl
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Fabio Nola schickt Commissario Gaetano in "Commissario Gaetano und das letzte Abendmahl" erneut auf Spurensuche.
Als Beppa Bellucci, die junge Kollegin des Commissario, an Karfreitag im Hafen statt des ...

Fabio Nola schickt Commissario Gaetano in "Commissario Gaetano und das letzte Abendmahl" erneut auf Spurensuche.
Als Beppa Bellucci, die junge Kollegin des Commissario, an Karfreitag im Hafen statt des erwarteten Fangs eine Leiche entdeckt, beginnt ein Fall, der sich rasch als komplexer und trügerischer entpuppt, als zunächst gedacht.Mit der Osterruhe ist es für den Commissario schlagartig vorbei. Zwischen falschen Zeugenaussagen, rätselhaften Spuren, Algen und einem immer dichter werdenden Netz aus möglichen Motiven versucht Gaetano, Licht ins Algendickicht zu bringen.

Der Kriminalfall selbst ist von der Idee her clever konstruiert und besitzt durchaus Spannungspotenzial. Nola zeigt Gespür für das Genre, doch der erzählerische Rhythmus kann dieses Potenzial nicht durchgehend tragen. Vor allem im Mittelteil verliert der Roman deutlich an Tempo – die Handlung plätschert dahin, ohne dass die Spannung spürbar wächst. Erst gegen Ende zieht das Erzähltempo wieder leicht an, doch der Effekt bleibt begrenzt.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Autor zu viele Handlungsstränge öffnet. Nach dem ersten Mord werden später weitere Todesfälle eingeführt – unter anderem mehrere Pizzabäcker – was zwar für Abwechslung sorgt, aber letztlich die Glaubwürdigkeit der Geschichte untergräbt. Die Vielzahl an Motiven und Nebenschauplätzen wirkt eher verwirrend als vertiefend.

Auch atmosphärisch kann der Roman nicht ganz überzeugen. Trotz italienischer Schauplätze und des kulinarischen Settings will das typische "Bella Italia"-Gefühl nicht recht aufkommen. Zu stereotype Figurenzeichnungen, vor allem in Bezug auf Frauen, und ein gemächlicher Erzählton nehmen der Geschichte die Lebendigkeit, die man sich von einem Italien-Krimi wünscht.

Insgesamt ist der zweite Band der Reihe solide, aber unausgewogen: interessant in der Idee, jedoch zu zäh im Mittelteil und zu hektisch im Finale. Wer ruhige Ermittlungen mag, wird hier fündig – für Fans spannungsgeladener Neapel-Krimis bleibt hingegen ein fader Nachgeschmack.

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Veröffentlicht am 10.03.2026

Gefährliche Machtspiele, die nicht die erhoffte Wirkung entfalten

Ultramarin
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Ann-Christin Kumms psychologischer Spannungsroman Ultramarin beginnt mit vielversprechender Intensität: Das Setting an der dänischen Küste und das fein beobachtete Innenleben der Protagonistin Lou deuten ...

Ann-Christin Kumms psychologischer Spannungsroman Ultramarin beginnt mit vielversprechender Intensität: Das Setting an der dänischen Küste und das fein beobachtete Innenleben der Protagonistin Lou deuten auf ein fesselndes Spiel zwischen Macht, Abhängigkeit und verborgenen Emotionen hin.
Kumm versteht es, gleich zu Beginn eine dichte, fast beklemmende Atmosphäre zu schaffen, die neugierig macht auf die sich entfaltende Dynamik zwischen Lou und Raf.

Der Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit eröffnet Einblicke in Lous Beziehungsgeschichte – vom anfänglichen Kennenlernen bis zu den ersten alarmierenden Anzeichen von Rafs Kontrolle und Aggression. Diese Rückblenden geben der Handlung psychologische Tiefe, verlieren jedoch im weiteren Verlauf etwas an Klarheit und Stringenz. Gerade dadurch, dass vieles nur angedeutet wird, bleibt zwar Raum für Interpretation, gleichzeitig entsteht aber stellenweise Verwirrung, da zentrale Fragen unbeantwortet bleiben.

Mit der Figur Nora kommt ein weiterer spannender Aspekt ins Spiel: Sie verschiebt die Machtverhältnisse zwischen Lou und Raf und sorgt für neues Spannungspotenzial.
Doch mit der Zeit zerfällt die anfänglich geschickte Balance zwischen psychologischer Spannung und atmosphärischer Dichte zunehmend, sodass das Ende nicht die Schärfe und emotionale Wirkung entfaltet, die der Roman zu Beginn verspricht.

Kumm zeigt in "Ultramarin" ihr erzählerisches Potenzial und Gespür für komplexe Beziehungsdynamiken, doch am Ende bleibt der Eindruck eines Romans, der viele starke Ansätze bietet, diese aber nicht konsequent zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenführt.

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Veröffentlicht am 10.03.2026

Netter Mädels-/Frauenabend in Buchform

Zum ersten Mal
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Locker, ehrlich und mit einer guten Prise Humor erzählen die beiden Autorinnen in „Zum ersten Mal“ von ihrem Weg ins Erwachsen- und Frauwerden. Dabei nehmen sie kein Blatt vor den Mund: Zwischen erster ...

Locker, ehrlich und mit einer guten Prise Humor erzählen die beiden Autorinnen in „Zum ersten Mal“ von ihrem Weg ins Erwachsen- und Frauwerden. Dabei nehmen sie kein Blatt vor den Mund: Zwischen erster Menstruation, unpassenden Kommentaren, Essstörungen, Verliebtheit und Freundschaft beleuchten sie all die schönen, schrägen und auch unangenehmen Seiten des Erwachsenwerdens.

Das Buch fühlt sich an wie ein langer, vertrauter Abend mit guten Freundinnen, bei dem man gemeinsam lacht, inne hält und merkt: „Ja, genau so war das bei mir auch.“ Besonders beeindruckend ist die Offenheit, mit der beide Autorinnen über sehr persönliche Erfahrungen sprechen – ohne Pathos, aber mit viel Wärme und Menschlichkeit.

Durch den Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart bleibt das Lesen abwechslungsreich, man springt förmlich mit den Autorinnen durch verschiedene Lebensphasen. Allerdings ging mir dabei stellenweise etwas der rote Faden verloren; einige Übergänge wirkten ein wenig abrupt. Dennoch überwiegt das Gefühl, diesen ehrlichen, authentischen Stimmen gerne zuzuhören.

„Zum ersten Mal“ ist ein Buch, das man sich als junges Mädchen oder junge Frau gewünscht hätte – tröstlich, witzig und unglaublich echt.

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