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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 12.09.2025

Immer wieder aufs Neue unfassbar unbegreiflich

Goebbels' Schatten
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Es ist nicht mein erstes Buch über das 3. Reich, seine letzten Tage, über eine Nazi-Größe bzw. einen Verbrecher, über den Untergang oder über die Schuldfrage des einzelnen, des Volkes, der Täter, der Mitläufer ...

Es ist nicht mein erstes Buch über das 3. Reich, seine letzten Tage, über eine Nazi-Größe bzw. einen Verbrecher, über den Untergang oder über die Schuldfrage des einzelnen, des Volkes, der Täter, der Mitläufer und der Wegseher. Aber dennoch ist mir das Gelesene bisweilen geradezu quälend und verstörend unbegreiflich. Wie viel Glück kann ein Mensch haben?
Unversehrt und unbehelligt in den allerletzten Kriegstagen aus dem Führerbunker entkommen, unentdeckt geflohen, unerkannt in die Nähe der Familie gelangt, aufgenommen, mit einem Job versorgt. Dann bald auf einem Karriereposten, Wohlstand, Aufstiegschancen, eine sich erneut anbahnende politische Karriere. Das ist das Leben eines der engen Vertrauten Goebbels, Werner Naumann, der von Goebbels und Hitler mit dem politischen Testament betraut wird, die Anhänger der Bewegung nach dem Untergang des 3. Reiches wieder zu sammeln, und der sich dieser Idee verschrieb bis fast zuletzt. Es ist unfasslich, wie es den ehemaligen Nazi-Größen, die das Ende des 3. Reiches überlebt hatten, in der jungen Bundesrepublik wieder Fuß zu fassen, und nicht nur das, wie sie wieder zu Geld, Einfluss und Ansehen kamen. Sie besetzten wichtige Ämter und Posten und hievten sich gegenseitig die Karriere- und Parteileiter hinauf. Wie standen sie zu dem allen, was die Nürnberger Prozesse zutage förderten von den dunklen Seiten des glorreichen 100jährigen Reiches, das zwar nur 12 Jahre Bestand hatte, aber einen Schaden anrichtete, der locker 100 Jahre währen kann. Alle haben von allem nichts gewusst, nur die Toten, die sich nicht wehren konnten, waren an allem schuld. Manchmal mag man es fast glauben, dass die großen Nazi-Schreibtischtäter, die den Krieg und die Judenvernichtung vom Reißbrett aus planten, keine wirkliche Vorstellungen von dem hatten, was sie da propagierten und anzettelten. Aber Nichtwissen(wollen) schützt vor Strafe nicht. Man könnte irre werden an der Frage nicht der Schuld, denn die ist klar, aber daran, wie jemand sich einer solchen Idee verschreiben kann so mit Haut und Haar, dass ihn nichts von den grauenvollen Kehrseite derselben erreicht. Oder war am Ende doch nur alles weinerliches Lippenbekenntnis von Männern, die zu feige waren, zu ihrer Schuld zu stehen, zu opportun auf ein neues Leben, eine zweite Chance zu bekommen, nur um es demselben Zweck zu widmen wie das erste?
Der Autor schreibt mit großer Sachkenntnis der großen Zusammenhänge und kleinen Details von den letzten Tagen im Führerbunker, über Neumanns Flucht, bis hin zu seinen Neuanfängen, begleitet von den Enthüllungen der Nürnberger Prozesse, und einer beginnenden politischen Karriere sehr nüchtern und sachlich, was der Thematik meines Empfindens nach sehr entgegen kommt. Dabei aber liest man zugleich gebannt und schockiert von den Ereignissen, den Zufällen und den Interessenslagen, die den einen in die Hände spielten, während anderen eine Form der Gerechtigkeit nicht zuteil wurde. Man muss wohl sagen, dass Naumann großes Glück gehabt hat, auf jeder Linie, dass er den amerikanischen Geheimdiensten zugegen kam und von der Lobbyarbeit ehemaliger Parteigenossen profitierte, die auf Generalamnestie drängten und davon profitierten, dass man einen deutschen Staat nicht hätte wieder aufbauen können, hätte man alle, die jemals in Berührung gekommenen sind mit der verheerenden Ideologie des 3. Reiches, zur Rechenschaft ziehen wollen.
Der Roman zeigt die Komplexität der Frage nach der Schuld und letztendlich die Unmöglichkeit absoluter Gerechtigkeit im Rahmen einer Geschichte, die sich ereignet, deren Verlauf aber nicht nach Gut und Böse urteilt, sondern dem Zufall oder dem Glück freien Lauf lässt.

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Veröffentlicht am 12.09.2025

Rauh und zart

Das Geschenk des Meeres
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Schauplatz ist Schottlands Küste im Winter im Jahr 1900. Ein rauher Ort und zugleich von einzigartiger Schönheit. Das Leben dort in dem Dorf am Meer ist beschaulich, aber auch eng und genauso rauh wie ...

Schauplatz ist Schottlands Küste im Winter im Jahr 1900. Ein rauher Ort und zugleich von einzigartiger Schönheit. Das Leben dort in dem Dorf am Meer ist beschaulich, aber auch eng und genauso rauh wie die Natur. Das bekommt die Lehrerin Dorothy zu spüren, als sie einst an diesen Ort kam, um die Dorfschule zu führen. Eine unverheiratete Frau, interessant für die Männer in dem Dorf, misstrauisch beäugt von den weiblichen Konkurrentinnen, seien es Nebenbuhlerinnen oder eifersüchtige Schwestern. Und so gestaltet sich ihre zarte Beziehung zu dem Fischer Joseph als fast unmöglich. Als Dorothy einen anderen heiratet und ein Kind bekommt, könnte das ein wenig Frieden bedeuten, doch es kommt anders. Der Junge ertrinkt, der Mann ist schon vorher weg. Und dann wird viele Jahre wieder ein Junge an den Strand gespült, von Joseph gerettet und von Dorothy gepflegt. Ist das ein Ausgleich für den Verlust von einst? Ist Aussöhnung mit dem Schicksal möglich?
In einer überwiegend leisen, eindringlichen Sprache beschreibt die Autorin eindrucks- und stimmungsvoll das Leben in Skerry und sehr feinsinnig die Beziehungen zwischen den Figuren: zwischen Dorothy und den Dorfbewohnerinnen, Dorothy und Joseph, Dorothy und dem Jungen, der ist, wie ihr Junge. Das Leben ist hart, gerade in Winter in der Enge dieses Dorfes, sowohl physisch als auch psychisch. Aber zugleich ist es auch sehr geerdet, reduziert auf die einfachen Dinge, die das Leben ermöglichen und vielleicht ein wenig behaglicher machen. Das kümmern und sorgen, der Haushalt, das Stricken und die Wege durch die Natur. Wie überlebt man, wenn es das Schicksal so schlecht mit einem meint, wie mit Dorothy? Wie verliert man nicht die Hoffnung oder den Verstand? Das Buch zeigt das Leben von seiner grausamen Seite, von seiner harten, aber auch von den schönen Seiten, die nicht viel Materielles oder viel Abwechslung brauchen. Die Geschichte von Dorothy ist sehr berührend, auch wenn man immer wieder den Kopf schüttelt, wie schwer man sich das sowieso nicht leichte Leben noch selbst machen kann, mit Zögern und Zaudern, aufgrund fehlender Kommunikation und Offenheit, falscher Scham, aber auch der Arglist anderer.
Sehr einfühlsam wird es auch gelesen, mit der angenehmen Stimme von Astrid Kohrs, der man gerne und gut zuhören kann.

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Veröffentlicht am 08.09.2025

Ungesühnte Verbrechen

Lilianas unvergänglicher Sommer
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Die Autorin Cristina Rivera Garza begibt sich 29 Jahre später auf die Suche nach dem Mörder ihrer Schwester, deren damaligen Freund, der ungeschoren davon kam. Aus Ermangelung von Prozessakten rekonstruiert ...

Die Autorin Cristina Rivera Garza begibt sich 29 Jahre später auf die Suche nach dem Mörder ihrer Schwester, deren damaligen Freund, der ungeschoren davon kam. Aus Ermangelung von Prozessakten rekonstruiert sie über Aufzeichnungen und Briefe ihrer Schwester sowie über Aussagen ihrer Freunde und Kommilitonen die Beziehung ihrer Schwester zu ihrem späteren Mörder und sucht nach Hinweisen, die die Tat im Vorfeld angedeutet hätten. Ihr Ziel ist Gerechtigkeit für ihre Schwester in einem Rechtssystem, das gerade im Hinblick auf Gewalt gegenüber Frauen den Tätern zu viele Schlupfwinkel lässt. Dieser Weg ist nicht nur aufgrund der langen Dauer, die das Verbrechen zurückliegt, und der fehlenden Akten ein schwieriges Unterfangen, sondern auch emotional und seelisch.
Mit ihrem Buch thematisiert die Autorin nicht nur das erschütternde Schicksal ihrer Schwester, sondern verleiht allen Opfern eines Femizids, eines Gewaltverbrechens aufgrund der Geschlechtszughörigkeit, eine Stimme. Sind Gewaltverbrechen in Beziehungen auch in Deutschland noch immer ein viel zu sehr totgeschwiegenes Thema, so gilt dies für Mexiko mit seinen machistischen und patriarchalen Strukturen umso mehr. Dort ist das Narrativ vom Opfer, das durch sein Verhalten, seine Kleidung oder was auch immer quasi selbst die Schuld am Verbrechen ihm gegenüber, noch wesentlich gängiger, die Zahl der durch Gewalt „aus Leidenschaft“ getöteten Frauen noch größer und die Strafverfolgung noch nachlässiger. Dies legt die Autorin auf der sachlichen Seite ihrer Darstellung sehr eindrucksvoll nahe.
Ebenso zeichnet sie ein vielstimmiges, beeindruckendes Zeugnis ihrer Schwester als junger Frau, die nicht nur im Hinblick auf ihren Freiheitsdrang und ihr Selbstverständnis als Frau, sondern auch in ihrer Persönlichkeit, ihrem Lebensfrohsinn und ihrer Liebenswürdigkeit exzeptionell erscheint. Auch in diesem Teil ist das Buch sehr beeindruckend.
Schwierig für mich wird die Lektüre in den sehr subjektiven Betrachtungen der Schwester, in ihren häufig metaphorisch umschriebenen Gefühlen sowie auch in den sehr persönlichen Briefen der Schwester, die oft ohne den Kontext nur schwer zu verstehen sind. Bisweilen sind mir die Zusammenhänge mit dem Leben der Familie, der Vater als Doktorand im Ausland, und der Schwester, ihr Feminismus und Kommunenleben, nur sehr locker assoziativ gefügt. Dann entsteht bei mir eine Art der Befremdung und der Lesefluss stockt.
Das allgemeine Thema hinter der subjektiven Geschichte ist aber durchaus bedeutsam, gehört zu werden.

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Veröffentlicht am 20.08.2025

Die beste aller Welten

In meiner Welt
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So hat es schon der Philosoph Leibniz formuliert, wenn er über unsere Welt sprach. Dieses Bilderbuch hat, obwohl schon für die Kleinsten, viel philosophisches Potential! Wie sähe deine Welt aus, wärest ...

So hat es schon der Philosoph Leibniz formuliert, wenn er über unsere Welt sprach. Dieses Bilderbuch hat, obwohl schon für die Kleinsten, viel philosophisches Potential! Wie sähe deine Welt aus, wärest du ein Weltenerfinder? Eine spannende Frage, auf die der kleine Bruno feste Antworten zu haben scheint, bis sein Großvater ihn mit klugen Nachfragen dazu bringt, seine Antwort zu überdenken. Wäre ein Welt, in der keiner mehr stirbt, eine bessere? Oder die, in der die Zeit anhält? Dass Brunos Wunsch einen ernsten Hintergrund hat, wird am Ende des Buches deutlich, das klar macht, warum Bruno möchte, dass keiner mehr stirbt, dass die Zeit still steht und alles bleibt, wie es ist. Aber auch am leisen, traurigen Ende hat Brunos Opa eine wunderbare tröstliche Entgegnung für Bruno, die den Leser mit großer Dankbarkeit für die Welt, wie sie ist, erfüllen kann, auch wenn es manchmal sehr weh tut, dass man nichts und niemanden in ihre festhalten kann.
Ein leistes, zartes, ein trauriges, ein tröstliches, ein mutmachendes Buch, das Leben und die Welt dankbar anzunehmen und sich an ihr zu erfreuen. Mit wunderschönen weichen Illustrationen mit zarten, hellen Farben, die viel zu schade sind, um zwischen zwei Buchdeckeln eingeschlossen zu sein. Also fleißig blättern in diesem schönen Bilderbuch!

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Veröffentlicht am 20.08.2025

Filmreif

Der Duft der fernen Insel
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Die Lehrerin an einer Blindenschule, Eve, reist im Jahr 1854 nach Sansibar, weil der dortige Sultan eine Lehrerin für seine blinde Tochter Nunu sucht. Dabei wird nicht nur die unbändige Nunu, die ihr Schicksal ...

Die Lehrerin an einer Blindenschule, Eve, reist im Jahr 1854 nach Sansibar, weil der dortige Sultan eine Lehrerin für seine blinde Tochter Nunu sucht. Dabei wird nicht nur die unbändige Nunu, die ihr Schicksal nicht so recht akzeptieren, will, zu einer Herausforderung für Eve, sondern die fremden Lebensgewohnheiten auf dieser Insel vor der afrikanischen Küste, in der die Frauen im Harem mächtiger Männer leben oder als Sklavinnen dienen. Mit dem Tod des Sultans setzen sich folgenschwere Entwicklungen in Gang, die nicht nur Eves weiteres Leben beeinflussen, sondern auch Nunus Lebenslauf verändern und den ihrer Dienerin Fanny.
In drei Teilen schildert Sarah Lark, die hier unter dem Pseudonym Chritina Rey schreibt, das Leben von interessanten Frauenfiguren: der ein wenig spröden Blindenlehrerin Eve, die sich in ein exotisches Abenteuer stürzt, ohne genau zu wissen, worauf sie sich einlässt; der rebellischen Nunu, die sich nichts vorschreiben lassen will und mit Hilfe ihres außergewöhnlichen betörende Duftkreationen zu entwickeln lernt, die ihr eine neue Welt eröffnen könnten, und Fanny, ein afrikanisches Mädchen, das auf der Plantage von Weißen groß wurde und zunächst Eve in der für sie fremden Welt eine große Hilfe ist, auch im Umgang mit Nunu, und dann mit ihrem Mann Mose aufbricht, um den afrikanischen Kontinent zu missionieren.
In gewohnter Weise liefert Sarah Lark gute Unterhaltung vor exotischer Kulisse mit Spannung, Abenteuer, viel Gefühl, aber auch einem ironischen Augenzwinkern. Und vor allem wie immer historisch solide recherchiert mit spannenden Einblick in Epochen der Geschichte und Winkel der Welt, die nicht immer so weitläufig bekannt sind. Sie erzählt dabei über das Leben in der Haremswelt und den politischen Wirren Sansibars, über die Missionsstationen in Afrika und den Parfümhochburgen in Frankreich so anschaulich, als liefe vor dem inneren Auge des Lesers ein Film ab. Für mich eine klare Empfehlung für unterhaltsame Lesestunden in einer anderen Welt. Allein das Cover ist Urlaub für Auge und Seele.

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